Balbina: „Die Musikindustrie in Deutschland ist ein Synonym für Kitsch“

Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, hat mal gesagt, dass es gut zu wissen sei, wo man herkommt. Auch Balbina, bürgerlich Balbina Jagielska, nimmt sich dieses Credo zu Herzen. Sie hat sich im deutschen Rap sozialisiert und dort die Chance bekommen, Musik zu releasen und sie live zu präsentieren. Dementsprechend reagiert sie, wenn gefragt wird ob sie zu ihrer „Hip-Hop-Vergangenheit“ stehe. Natürlich tut sie das.
Wie viele heutzutage erfolgreiche Musiker, trieb sich die Berlinerin im Royal Bunker herum. Außerdem spielte sie im Vorprogramm von Die Atzen, was heute zugegebenermaßen nicht mehr denkbar ist. Das liegt aber vor allem daran, dass Balbina musikalisch weitergezogen ist. Weit raus in die böse Pop-Welt. Wenn man jedoch genau hinhört, dann weiß man, dass sie noch immer da ist: die Liebe zur Kultur und zum Schreiben. Balbina ist kein formbares Pop-Sternchen, das sich zwischen den Bendzkos und Giesingers dieser Welt tümmelt. Balbina – und hier gibt es wiederum eine Parallele zu Frank Castorf – fordert etwas von ihren Konsumenten und überfordert sie zum Teil auch. Das ließen zumindest die Kritiken auf ihr im Februar erschienenen Album „Fragen über Fragen“ erahnen. Für die einen ist sie die Hoffnung am deutschen Pop-Horizont und für die anderen zu anstrengend und unangepasst. Wir haben unter anderem besprochen, ob sie das genauso sieht, welche Unterschiede es in der Pop- und Rap-Welt gibt und ob Deutschland zu viel Kitsch (v)erträgt.

 

Haben die Zwillinge deiner Freundin Ramona das Album wieder als erstes gehört?

Ja (lacht). Witzig, wie krass (verwundert). Ja, haben sie.

Und wie fanden sie’s?

Sie tanzen dazu. Sie waren auch beim Konzert mit dem Babelsberger Filmorchester dabei und ich habe sie die ganze Zeit abrocken gesehen (lacht).

Ich finde den Fakt, dass sie’s als erstes hören und dir deren Reaktionen wichtig sind, sehr interessant. Du hast auch einmal erwähnt, dass du es beeindruckend findest, dass eine vierjährige Texte von dir hinterfragt und reflektiert hat. Auf der anderen Seite gibt es viele Erwachsene, die deine Musik als sehr fordernd empfinden. Kannst du das nachvollziehen?

Ich denke, dass die Einfachheit und die Banalität als Fremdkörper wahrgenommen werden, weil man in der Popmusik eben recht komplex wirkende Phrasen gewohnt ist. Man hat ja häufig Wiederholungen in der Popmusik, die vermeintlich sehr tiefgründig sind und gewöhnt sich da ein bisschen dran. Wenn man dann eine Anregung von simpleren Sätzen hat, die im Endeffekt doch eher inhaltlich komplex zusammengesetzt sind, ist man vielleicht erst einmal überfordert. Man darf aber nicht vergessen, dass es trotzdem noch die simple rein wörtliche Ebene dessen gibt und die verstehen Kinder auch einfach sofort. Ich glaube, dass es auch ein wenig mit Hörgewohnheiten zu tun hat. Wenn Leute etwas hören, dem sie nicht alltäglich begegnen, sind sie erst einmal total kontra.

Kannst du dir vorstellen, dass die Texte Rap-affinen Konsumenten leichter zugänglich sind? Sie sind ja doch sehr technisch, mit Wie-Vergleichen gespickt und auch die Silben sind sehr bewusst gesetzt.

Ja, was du da ansprichst, empfinde ich auch so. Im Rap ist das selbstverständlich. Zum einen die Anzahl der Worte: wenn man es ganz einfach sagen würde, sind die Texte auf einem kurzen Musikstück sehr lang. Und zum zweiten wird inhaltlich mehr zugehört. Wenn ich jetzt ein Sido Album höre, höre ich mir das von Satz zu Satz an und freue mich über die Punchlines. Ich glaube, man ist das so vom Rap gewohnt und die Leute, die Rap hören, sind aufmerksamer, was Texte betrifft. Die Menschen, die viel Pop hören, konsumieren nicht vordergründig den Text, sondern die Melodie mit Lauten.

Man macht Rapper bzw. textlastige Künstler viel mehr an Aussagen fest.

Genau. Man macht sie ja eigentlich hauptsächlich an Aussagen fest. Man kritisiert Punchlines, die man schon einmal irgendwo gehört hat oder empfindet etwas als nicht so gut gereimt. Die Leute sind auch viel Reim-affiner. Im Pop werden die Reimstrukturen, die ich verwende, nicht sofort erkannt, weil es halt nicht üblich ist. Wenn im Rapkontext nun aber jemand einen neuen Track oder ein neues Album releast – sagen wir Taktlosss, der auch ganz andere Reimstrukturen benutzt – dann würde das für Aufsehen sorgen.

Würdest du deine Musik selbst als mutig bezeichnen?

Ich persönlich finde, dass meine Musik das widerspiegelt, was mich interessiert, was ich beobachte und aussage. Es ist so etwas wie die Essenz meiner Umwelt aus meiner Wahrnehmungsbrille. Deswegen würde ich das nicht als mutig bezeichnen. Das sind immer wieder Momentaufnahmen von Dingen, die mich interessieren und meine Aufmerksamkeit irgendwie einfangen. Da das sehr beobachtend und nicht wertend ist, ist das für mich nicht mutig. Das ist einfach nur meine Sichtweise.

Ich bin immer so überrascht, wenn jemand sagt, dass das nun etwas Besonderes ist.

Es sticht aber dennoch aus dem deutschen Pop hervor.

Ich bin immer so überrascht, wenn jemand sagt, dass das nun etwas Besonderes ist. Wenn ich schreibe, finde ich meine Texte und Kompositionen total poppig. Jedes Mal, wenn ich einen fertigen Song habe, denke ich: „Boah, das ist ja mal ein Hit hier“ (lacht). Am Feedback merke ich dann aber immer, dass es speziell ist. Ich halte mich gar nicht für so speziell. Am Ende, wenn ich dann mitbekomme, wie Leute meine Kostüme und Inszenierungen wahrnehmen, kann ich’s teilweise nachvollziehen, wenn sie sagen, dass es anders sei und sich heraushebt. Für mich ist es aber einfach das Produkt dessen, was mir selbst gefällt. Ich sehe das als Kanal für das, was ich aussagen möchte. Ja, dann ist es halt so und ich scheine als Künstlerin Balbina eher speziell zu sein, aber für mich ist es die alltägliche Art und Weise mich auszudrücken.

Was zeichnet denn Mut in der Musikindustrie überhaupt noch aus?

Vielleicht ist es Mut, wenn du polarisierst – ich polarisiere anscheinend ja – und dann dazu zu stehen. Ich habe keine Wahl. Ich kann nichts anderes machen, weil ich nichts anderes machen kann. Das, was ich tue, das bin halt ich. Wenn ich etwas anderes machen würde, dann wäre das schon ein Kompromiss und dann wäre es nicht ehrlich. Natürlich gehört da schon ein bisschen Selbstbewusstsein dazu zu sagen: Mir ist egal, dass das die Hälfte der Leute nicht gut findet. Ich finde es trotzdem gut.

Haben deutsche Hörer Angst vor Kitsch?

(pause) Wenn der deutschsprachige Markt Angst vor Kitsch hätte, würde das deutsche Radio nicht so klingen, wie es klingt. Ich glaube nicht, dass hier irgendjemand Angst vor Kitsch hat, da die Musikindustrie von Kitsch überladen ist. Die Musikindustrie in Deutschland ist eigentlich ein Synonym für Kitsch. Wäre ja mal schön, wenn jemand Angst vor Kitsch hätte (lacht).

Wie schmal ist der Grad zwischen gut und schlecht ausgeführtem Kitsch?

Es kommt natürlich auch auf die Definition von Kitsch an. Es gibt Kitsch als rein visuelle Wahrnehmung und wenn man sagt, dass etwas schrill, überspitzt und pop-artig ist, dann kann es die Art von gutem Kitsch sein, den ich toll finde. Es gibt dann meiner Meinung nach aber auch Kitsch im Sinne von Phrasendrescherei und Belanglosigkeit im Superlativ. Das sind zwei verschiedene Kitsch-Arten. Wenn es um die erste Kitsch-Art geht, die befürworte ich und finde sie wahnsinnig toll. Sowieso hat jede Art von Kunst ihre Berechtigung – auch wenn man sie persönlich nicht schön findet. Davor hat Deutschland vielleicht Angst, das kann sein. Das ist vielleicht zu auffällig, zu besonders, das könnte vielleicht zu viele von den Zuschauern, Zuhörern und Lesern fordern und sie überfordern. Die andere Art von Kitsch ist für mich aber eher eine belanglose und das in Perfektion. Dass das hier vorherrschend ist, finde ich schade.

Ahzumjot hat ein neues Album mit dem Titel „Luft & Liebe“ veröffentlicht, was ja auch ein eher kitschiger Titel ist – allerdings gut passt meiner Meinung nach.

Es kommt ja auch immer darauf an. Ich bin zum Beispiel niemand, der aus dem Blauen heraus so einen Satz kritisieren würde. Es kommt ja auf den Protagonisten an. Wenn er das so fühlt, es für ihn so real ist und er es genau so ausdrücken möchte, dann ist es real. Egal ob jetzt jemand sagt, dass es kitschig ist oder nicht. Wenn man dahintersteht und es mit Sätzen füllen kann – warum nicht? Ich habe es persönlich noch nicht gehört, werde es aber noch tun.

Wenn ich etwas anderes machen würde, dann wäre das schon ein Kompromiss und dann wäre es nicht ehrlich.

Ich hatte eine Diskussion darüber ob so ein Titel ein Album auf- oder abwerten kann.

Ich glaube, dass allein die Diskussion darüber sehr müßig ist. Nur die Person, die es geschrieben hat, wird wissen ob es treffend ist und in dem Augenblick hat sie ja schon Recht! Ahzumjot wird sich etwas dabei gedacht haben und damit steht der passende Titel – egal ob jemand findet, dass das das Album auf- oder abwertet. Wir sind hier in einer Meinungsvielfalt, das ist ja auch alles schön und gut so. Ich finde aber, dass die Meinungsvielfalt nichts damit zu tun hat, dass man nun definiert, was ein Künstler aussagen darf oder nicht aussagen darf. Ich denke mir da: „Schuster, bleib’ bei deinen Leisten.“ Du kannst natürlich sagen, was dir gefällt oder nicht, aber nicht ob das nun eine kluge Entscheidung war oder nicht. Das ist eine subjektive Entscheidung. Der Künstler hat das Album geschrieben und damit steht ihm dann auch die Entscheidung zu, wie er es nennen möchte. Es ist immer so wertend in Deutschland. Wer gibt denn jemanden das Recht darüber zu urteilen? Diese Absolution – Ich verstehe das nicht.

Es sollte nun gar nicht allzu sehr im Ahzumjot gehen.

Aber das ist doch ein gutes Beispiel, oder nicht? Das ist ja auch jemand, der aus der Major-Struktur wieder ausgebrochen ist. Ich finde das schon interessant, so etwas zu beleuchten.

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1 Comment

  1. Gay Falko

    8. Oktober 2018 at 13:32

    Taylor Kitsch hat ein sehr schönes, total süßes Bäuchlein. Dieses zuckersüße Bäuchlein möchte ich so gern ganz zärtlich streicheln und küssen, streicheln und küssen, streicheln und küssen …

    Falko

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