UK-Rapper Bakar im Interview: Wen interessieren schon Genres?

Bakar

Würde man an dieser Stelle alle Künstler aufzählen, mit denen irgendwelche Journalisten Bakar schon einmal verglichen haben, wäre ein anschließender Artikel aus Platzgründen überflüssig. Die Liste ist extrem lang. Ebenso lang ist allerdings auch die Liste prominenter Fans, die der junge Mann aus London bereits angesammelt hat. Von Altmeister Elton John bis zum Millennial-Gott Virgil Abloh, der Bakar jüngst auch zum Louis Vuitton-Model gemacht hat, finden sich hier sämtliche Ziel- und Altersgruppen. Auch innerhalb der BACKSPIN-Redaktion gibt es nicht wenige Fans. Daher war ich umso glücklicher, den introvertierten Sänger und Rapper zu einem kurzen Interview im Rahmen seines Support-Slots der Europa-Tour von US-Shooting-Star Dominic Fike zu treffen.

 

Als ich zur vereinbarten Zeit an der Location ankomme, an der später am Abend das Konzert und jetzt gleich zwischen den Soundchecks hoffentlich auch unser Interview stattfinden soll, steht schon die erste kleine Gruppe Fans vor den noch geschlossenen Toren des Mojo. Für all diejenigen, die diese Venue an der Reeperbahn 1 nicht kennen, sei gesagt, dass sich das Mojo eigentlich eine Etage unter der legendären Straße befindet. Die zwei Eingangsportale lassen sich aus dem Boden fahren, sodass man tagsüber nicht viel von dem mitbekommt, was sich nachts dort im Untergrund abspielt. Das führt in diesem Moment zu einer gewissen Situationskomik, da die Schlage vor einem noch geschlossenen Loch im Boden wartet, sprich einfach wie verloren auf einem großen Platz steht. Augenscheinlich verwirrt das auch viele der Touristen, die an uns vorbeistreifen.

„Die EP sollte eigentlich ,Will you be my light‘ heißen. ,Yellow klang dann einfach besser.“

Tourmanager Jasper erzählt mir unterdessen am Telefon, dass sich die Reisegruppe Bakar leider etwas verspätet, weil anscheinend irgendwelche Straßen in Hamburg gesperrt sind. Mit großer Wahrscheinlichkeit liegt das an dem Pokalspiel, was zeitgleich zum Konzert nur wenige hundert Meter entfernt im Millerntorstadion stattfindet. Auf jeden Fall lässt mich das nun erstmal in der Kälte stehen. Wenige Tage nach der Zeitumstellung ist es um 5 Uhr schon dunkel und in der Nacht werden die Temperaturen wohl zum ersten Mal in diesem eigentlich noch gar nicht begonnenen Winter unter null Grad gehen. Ich überbrücke die Wartezeit mit einem weiteren Durchlauf von Bakars aktueller EP „Will you be my yellow“. Später wird der Londoner mir verraten, dass die Platte eigentlich „Will you be my light“ heißen sollte, „Yellow“ aber einfach schöner klang. Wie unpassend für diesen eisigen und vor allem stockdunklen Oktobernachmittag.

Auch musikalisch passt diese Untermalung nicht wirklich gut. Bakar singt und säuselt über entspannt rollende Beats. Viele Gitarren und Bläser, selbst eingespielte Jazz-Samples über Hip-Hop-Drums. Mit den harten Gitarren-Riffen seines Debüt-Albums „Badkid“ hängt das nur noch lose zusammen. An die wenigen ruhigen Tracks des Debüts schließt „Yellow“ an. Man hört den auch Einfluss seiner Heimatstadt London immer noch deutlich aus der Musik heraus, die Bezüge und Inspirationsquellen sind dieses Mal jedoch gänzlich verschieden. „Der Sound ist weniger anarchistisch. ,Yellow‘ hat mehr Freiraum. Die Songs sind minimalistischer,“ beschreibt der Künstler selbst sein jüngstes Werk.

Der perfekte Sound zum digitalen Fussballspiel

Irgendwie scheint Bakars Musik sehr die Geschmäcker von Fifa-Spielern weltweit getroffen zu haben. Unter jedem seiner Videos bei YouTube sammeln sich unzählige Kommentare, die sich die Songs in den neuen Teil der digitalen Fussball-Simulation wünschen. Sein Song „Big Dreams“ hat es auch in die Playlist der letztjährigen Ausgabe geschafft. Eine Erklärung dafür hat Bakar nicht. Wahrscheinlich liegt es einfach an dem starken Drive, den die Musik inne hat. Sie reißt einen förmlich mit und gibt vielen einschienen einen guten Flow zum spielen. Auch einem gewisse Ähnlichkeit zu früheren Fifa-Klassikern lässt sich nicht von der Hand weisen. Es heißt, dass mit Bakar endlich mal jemand die beiden wichtigsten englischen Musikstile der 00er Jahre vermischt. Damit sind der treibende Indie-Rock von BlocParty, den Arctic Monkeys oder Foals und natürlich Grime mit seinen Größen von Skepta bis Wiley gemeint. Die Geschichte wurde medial reichlich ausgeschlachtet.

 

Tatsächlich ließt sich dieses Narrativ auch einfach sehr gut: Ein Junge aus dem Norden Londons wächst mit der Grime-Musik der älteren Brüder auf den Straßen auf. Der Vater ist weg, die Mutter überfordert. Als das alles zu viel wird schickt sie den Jungen mit 14 Jahren auf ein Internat. Dort lernt er im Wohnheim über den Bruder seines Mitbewohners Indie Rock kennen. Mit diesen beiden Polen im Kopf landet der Junge Jahre später im Umfeld von Skepta und auch in dessen Studio, während dieser grade an „Konnichiwa“ arbeitet. Inspiriert von Skeptas Arbeitsethos setzt er sich in einsamen Momenten an eigene Musik, samplet Bombay Bicycle Club und die Foals  und lädt das Ganze anonym in die Soundcloud.

Von Skeptas Studio in die eigene musikalische Welt

So schön sich die Geschichte erzählt, ist sie doch zu einfach. Bakar selbst nennt das schlicht „Bullshit“. Seine Intention war auf keinen Fall britischen Indie-Rock zurück zu bringen oder irgendwem Nachzueifern. Zwar hört man hin und wieder mal eine klare Referenz heraus. „Hell n Back“ erinnert in seinem jazzigen Stakkato beispielsweise stark an Amy Winehouse-Instrumentals. Mit dieser teilt Bakar ganz nebenbei bemerkt auch den heimatlichen Stadtteil Camden. Das Gesamtprodukt jedoch steht über all diesen Referenzen, auf die Bakar viele reduzieren. Allein seine Stimme und die Art, wie er diese sowohl in gerappten Strophen als auch in den wunderschön gesungenen Hooks und Bridges einsetzt oder auch einfach mal nur spricht, ist absolut einzigartig. Bakar hat ein sehr gutes Gefühl für Stimmungen und ein noch besseres für Ohrwurm-Melodien.

 

Die im Taxi eintreffende Gruppe um den jungen Engländer, der sein exaktes Alter geheim hält, reißt mich aus meinen Gedanken. Schnell retten wir uns aus der Kälte in den Aufzug nach unten in die warmen Katakomben des Mojo. Der erste Soundcheck von Njomza, ihres Zeichens ebenfalls Support-Act auf der Tour und ehemaliges Singing von Mac Miller, läuft bereits. Bis Bakar dran ist bleibt uns durch die Verspätung nur wenig Zeit für das Interview. Also suchen wir uns schnell einen freien Raum.

Bakar spricht eher in sich herein, als nach draußen

Bakar trägt ein ausgewaschenes Merch-Shirt mit seinem eigenen Namen in bunten Buchstaben drauf. Eine ausgefranste, orangene Mütze verbirgt seine schwarzen Dreads. Nicht nur auf den ersten Blick wirkt er sehr schüchtern und nuschelt ein wenig beim sprechen. Es wirkt als spreche er eher in sich herein als nach draußen. Auch ist ihm offensichtlich sehr wichtig später pünktlich beim seinem Soundcheck zu sein und professionell rüberzukommen, dabei aber auch höflich zu bleiben.

Als wir einen freien Raum gefunden haben, bricht dieses professionelle Bild ganz kurz auf. Denn den Raum schmückt neben der obligatorischen Kühlschrank und Ledercouch Ausstattung auch noch eine Carrerabahn. Bakar nimmt das Spielzeug direkt in Augenschein und stellt während ich mich noch sortiere enttäuscht fest, dass die Fernsteuerungen anscheinend keine Batterien mehr haben. Für ein Rennen hätten wir wohl eh keine Zeit mehr gehabt. Deshalb skippen wir auch einfach den obligatorischen „Hallo, wie geht’s? Wie war die Tour bisher?“-Smalltalk.

Mich interessiert ob Bakar eine synästhetische Ader hat. Er verneint. Die Wahl der Farbe Gelb für sein aktuelles Projekt ist allerdings schon außergewöhnlich. Inhaltlich wird vor allem das Thema Liebe und Beziehung in allen Ausprägungen verhandelt. Meist jedoch endet das für den Protagonisten im Negativen. Häufig bleibt er mit leeren Händen und rückwärtsgewandt in warmen Erinnerungen einer glücklichen Beziehung zurück. Klassische Verbildlichungen von Liebe und allen voran unerwiderter Liebe werden selten mit der Farbe Gelb assoziiert. „Ich hatte den Namen allerdings auch schon lange bevor ich die Musik gemacht habe,“ versucht Bakar sich einer Erklärung.

„Eigentlich wollte ich nie in Los Angeles Musik machen.“

Auf den Sound passt die Farbe dann schon eher. Man hört vielen Beats die Sonne und das Licht förmlich an. Das mag daran liegen, dass die Platte, die Bakar mit aller Vehemenz nicht als EP, sondern als Kurzgeschichte verstanden haben will, in Los Angeles entstanden ist. In den legendären Shangri-La-Studios von Rick Rubin durfte er sich für einige Tage austoben. Bei diesem Aufenthalt lernte er übrigens auch Dominic Fike über den gemeinsamen Freund und Videografen Aidan Cullen kennen. Meine Idee, dass sich der sonnige Sound von „Yellow“ vor allem in den sommerlichen Begebenheiten des Aufnahmeort begründen ließe, zerschlägt Bakar allerdings auch: „Die meisten Tracks aus LA habe ich wieder verworfen, als ich zurück in London war. Wenn dann war die Verbindung unterbewusst. Aber ich lasse auch gern Freiraum für Interpretationen.“

Bakar führt einen ausgiebigen Kampf gegen zu klare Zuschreibungen, entzaubernde Erklärungen und die gesamte Musikindustrie mit ihren Zwängen und Konventionen. Er stemmt sich mit aller Kraft gegen jedes Image, was ihm und seiner Musik aufgedrückt wird. „Wenn ich dir alles aufzählen würde, was mich an der Industrie stört, säßen wir morgen noch hier. Das umfasst so ziemlich alles, was nicht mit Musik machen oder Live spielen zu tun hat,“ sagt er trocken. „Ich bin sehr dickköpfig, was meine Musik und meine Ideen angeht,“ begründet Bakar seine Abneigung. Und auch ich tappe in eine seiner Fallen. Als ich eigentlich über den Inhalt eines Songs reden möchte, benutze ich das Wort „Content“. Das gefällt ihm überhaupt nicht. Natürlich regt er sich nicht wahnsinnig drüber auf, verweist jedoch höflich, aber deutlich darauf, dass er es hasst, wenn seine Musik als „Content“ abgetan wird. Es geht ihm um Kunst.

„Ich hasse es, wenn Leute meine Musik als Content bezeichnen.“

Ein Handy hat Bakar übrigens auch nicht. „Die Idee, dass sich jemand nur durch das Drücken eines Knopfes wann auch immer er möchte in mein Leben einschalten kann, gefällt mir nicht. Für Social Media und andere Internet Dinge nutzt er einen alten iPod Touch. Der Display ist bereits komplett zerstört und mit Klebeband geflickt. Das findet Bakar allerdings gar nicht so schlimm. So nutzt er das Teil auch nicht zu viel, verrät er mir mit einem Lächeln. So ganz abgeneigt, wie man meinen könnte, ist er den Sozialen Medien auch nicht: „Es kommt immer drauf an, was man draus macht. Die Nähe zu den Fans ist zum Beispiel ein sehr schöner Asperkt des Social-Media-Zeitalters.“

 

Als wir schließlich auf das Thema Politik kommen, das vor allem auf „Badkid“ durchscheint, platzt Jasper herein und holt Bakar zum Soundcheck ab. Politisch sein wollte er eigentlich nie: „Ich glaube nicht, dass ich politische Kunst mache. Ich sage lediglich, was ich denke. Das hat nichts mit irgendwelchen Parteien oder Personen zu tun. Ich hasse die komplette Regierung.“ So geht es augenscheinlich grade sehr vielen jungen Engländern, die ihre Wut über die Politik in Musik verpacken. Fast keine Awardverleihung kommt derzeit ohne politischen Eklat aus. Trotzdem äußert sich das selten in explizitem Schwüngen mit dem Zeigefinder. Bakar hat dafür eine Erklärung parat: „In England ist die Politik viel realer. In den USA zum Beispiel gibt es viel Rauch und Spiegel. Hier ist alles sehr schwarz weiß. Man bekommt jede Änderung sofort zu spüren.

Das hier ist keine politische Musik.

Mit der letzten Frage erhoffe ich mir noch ein Detail zu seinem bereits angekündigten zweiten Album zu erhaschen. Bakar lässt sich allerdings nicht in die Karten gucken. „Es läuft sehr gut. Ich habe die Arbeit an der Platte für ein paar Monate unterbrochen um ,Yellow‘ zu machen und musste jetzt direkt auf Tour gehen. Aber ich freue mich sehr auf die Arbeit. Ich hoffe in vier Monaten fertig zu sein.

Auch später bei seinem Auftritt erklingt noch kein neuer Song. Bakar spielt ein runtergebrochenes Set begleitet von Samples aus dem Computer und einzelnen Gitarren-Klängen. Die Setlist setzt sich aus den ruhigeren Songs von „Badkid“ sowie fast der gesamten „Yellow“-EP zusammen. Der Eindruck des schüchternen Künstlers bestätigt sich auf der Bühne um so mehr. In sich gekehrt sitzt Bakar auf einem Hocker und vergräbt seine Hände dabei zwischen den Oberschenkeln. Seine orangene Mütze hat er so tief ins Gesicht gezogen, dass man nicht mal seine Augen sehen kann. Erst zum letzten Song „Hell n Back“ steht Bakar auf und tanzt mit dem Publikum. 

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Das Wu-Tang-Pizza-Tattoo auf seinem linken Oberschenkel beschreibt ganz gut seinen Charakter.

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