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BACKSPIN unterwegs: Out4Fame Festival

Man stelle sich folgendes Bild vor: Hünxe. Frische Landluft, grüne Wiesen und ruhige Wäldchen. Eine Gemeinde mit rund 13.500 Einwohnern. Auf jeden dieser Einwohner kommen gefühlt mindestens noch zwei Kühe und ein Pony. Und mitten in dieser ländlichen Idylle – Amirap-Größe Busta Rhymes. Dieses exotische Bild bietet sich dem geneigten Hip-Hop-Hörer genau einmal im Jahr beim Out4Fame Festival, das letztes Wochenende seinen zweiten Geburtstag feiern durfte. BACKSPIN war natürlich auch vor Ort und wir wollen euch unsere gesammelten Eindrücke keinesfalls vorenthalten.

Tag 1

Nach 5 Stunden Autofahrt mit mehreren Burger King Pausen, haben wir, die Berlin Redaktion, auch endlich den weiten Weg in den Pott geschafft. Kaum passieren wir das Ortschild „Hünxe“, scheint die Welt wieder in Ordnung zu sein. Da sind die vermissten Kuhweiden vom letzten Jahr, Ponys tollen über ihre Koppeln und generell erinnert die Umgebung doch eher an ein Rosemunde-Pilcher-Set als an den Austragungsort eines Hip-Hop-Festivals.Heute und morgen sollen sich internationale und nationale Ikonen á la Mobb Deep, Wu-Tang Clan, Eko Fresh und Afrob in dieses beschauliche Örtchen verirren. Noch sieht es nicht danach aus, doch schon das letzte Jahr zeigte, dass es Hünxe faustdick hinter den Ohren hat. Am Festivalgelände, dem Flugplatz „Schwarze Heide“, angekommen, begegnen uns schon unverkennbar einige Hip-Hop-Heads. Wu-Tang Shirts, Snapbacks und Sneakers stehen hier auf der Kleiderordnung. Die Sonne scheint und ein Hauch von verrauchten Kräutern, Sonnencreme und, nicht zu vergessen, Kuh liegt in der Luft. Trotz der doch recht drückenden Hitze stehen die Besucher entspannt mit Dosenbier in der Hand in der Reihe des Infostandes, um ihre Tickets gegen Bändchen zu tauschen. Generell scheint die Stimmung, wie auch schon im letzten Jahr, durchweg gelassen zu sein. Wir holen fix unsere Pressebänder und schlendern in Richtung Hauptbühne, auf der bereits DCVDNS sein Können zum Besten gibt. Auf einmal Stille. Wie denn, zieht der bebrillte Saarländer tatsächlich eine seiner gewohnten Nummern ab und verschwindet nach einer Hand voll Songs schon von der Bühne? Im Fotograben angekommen klärt sich die Situation: Ein Tonausfall ist schuld an der unfreiwilligen Pause. Die wird jedoch schneller behoben, als DCV „Das sind keine Doubletimes, du Idiot“ sagen kann.

Okay, erstmal das Gelände checken. Theoretisch könnte man hier 12.000 Gäste unterbringen, trotzdem ist alles sehr übersichtlich. Schnell entdecken wir die im Verhältnis eher winzig wirkende, zweite Bühne, vor der gerade nichts los ist. Die Slots wurden so gelegt, dass die kleine Bühne in den Pausen der Hauptbühne bespielt wird und andersrum. Nice, endlich mal keine Entscheidungsschwierigkeiten auf einem Festival! Auch die Essensstände bieten alles was das Herz begehrt (bis auf Handbrot, das sollte es meiner Meinung nach sowieso immer und überall geben). Hier kann man bar bezahlen, bei Getränken hingegen muss man sein Geld gegen Wertmarken eintauschen. Leider etwas umständlich und erfahrene Festivalgänger wissen, dass man zu Hause meistens noch welche davon in seinen Taschen findet und sich über die verschenkten Euronen ärgert. Auch das System, wie man seine Pfandmarken nach Abgabe von leeren Bechern wieder in Bares umwandeln kann, ist fast allen Besuchern ein Rätsel. Ein kleines Plus für die Veranstalter, allerdings wieder ein geringfügiger Verlust für die Gäste. Neben einigen Merch- und Kleidungsständen hat sich auch ein kleiner Headshop namens „Wild und Frei“ einen Platz auf dem Gelände gesichert. Hier findet man bei zwei unfassbar zuvorkommenden Jungs alles, was das Splifferherz begehrt. Wirklich praktisch auf so einem Hip-Hop Festival, dementsprechend groß ist auch das Interesse der Anwesenden. Gegenüber sind bereits einige Sprayer am Werk, die im Vorfeld von den Veranstaltern eingeladen wurden. Mehrere Crews arbeiten zwei Tage lang an einem großen Gesamtwerk.

Doch genug umgeguckt und ab zur Hauptbühne, schließlich sollen da gleich Dead Prez auftreten. Vor der Bühne ist es lange noch nicht voll, aber es wird. Und spätestens als danach Eko Fresh die Bühne betritt und ein kleiner Regenschauer die stickig warme Luft etwas abgekühlt hat, kriechen auch die letzten Festivalbesucher aus ihren Zelten. Dass sich diese Bemühung gelohnt hat, zeigt sich spätestens, als DCVDNS nochmals die Bühne betritt und mit Eko den gemeinsamen Featuretrack „#hangster“ performt.

Mittlerweile ist es abends geworden. Nachdem man sich hier und da mit der BACKSPIN Redaktion aus Hamburg getroffen hat, in Interviews hinein geschnuppert und den Backstagebreich inklusive kleiner Shishalounge (!) erkundet hat, begibt man sich zu Talib Kweli. Mehr und mehr Menschen versammeln sich vor der Bühne und selbst als es kurz sehr heftig regnet, tut das der Stimmung keinen Abbruch. Snapbacks werden ausgepackt und die Kapuzen der Hoodies über den Kopf gezogen – kein Grund um jetzt nicht weiter zu feiern. Talib Kweli sehen wir übrigens später auch noch mal. Er kreuzt bei niemand geringerem als Mos Def auf der Bühne auf und lässt die Herzen aller Amifans mit einer kleinen Black Star-Reunion höher schlagen. Höhenpunkt des Abends, oder besser der Nacht, ist dann aber unbestritten der Mann, auf den die meisten Besucher und auch Künstler schon sehnsüchtig gewartet haben. Busta Rhymes. In komplett weißem Outfit (auf seiner weißen Weste sieht man einen Teddybär) und mit Red Cup in der Hand betritt ein sehr korpulenter Herr die Bühne. Ist das… Ja doch, das ist er. Nur etwa doppelt so breit. Nun gut, man legt im Alter anscheinend einiges an Masse zu. Das hindert Busta allerdings nicht daran eine Bühnenshow der Extraklasse abzuliefern. Es wird gerappt, überraschend ästhetisch getanzt und das Publikum angeheizt. Und glaubt mir, wenn Busta Rhymes sagt „Make it clap!“, dann wird auch bis in die letzten Reihen fleißig geklatscht. Von der Reaktion auf den allseits bekannten Part auf „Look at me now“ wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Zusammengefasst: Wer nicht dabei war, hat was richtig Krasses verpasst! Als der Auftritt zu Ende ist, leert sich das Gelände ziemlich schnell und auch wir sind nach diesem aufregenden, aber auch anstrengenden Tag, froh darüber, endlich ins Bett fallen zu können.

Tag 2

Als wir uns gegen Mittag zum Festivalgelände begeben, hat sich das Wetter leider ein wenig zugezogen. Die Hoffnung auf einen ebenso sonnigen Festivaltag wie gestern wird aber nicht aufgegeben. Und siehe da, pünktlich, als die 187 Strassenbande die Hauptbühne betritt, klärt sich das Wetter auf und die Show kann beginnen. Für diese doch eher „frühe“ Uhrzeit stehen schon erstaunlich viele Menschen (größtenteils ins 187-Merch gekleidet) vor der Stage. Der Auftritt bestätigt, was schon länger vermutet wird: Die Strassenbande wird das nächste große Ding! Die Stimmung ist super, die ersten Reihen grölen gut hörbar alle Songtexte mit und nach dem Auftritt wird lautstark nach einer Zugabe verlangt. Die gibt es allerdings nicht, schade. Im Anschluss schauen wir mal bei der kleinen Bühne vorbei. Auch hier ist verhältnismäßig viel los. Der Grund dafür sind Marvin Game, Rapsta und Mauli, die, wie nicht anders zu erwarten, das Kiffen zelebrieren und ab und an mal gegen Olson oder Errdeka schießen. Auf jeden Fall eine gelungene Show.

Oh… Da hat man eine Sekunde lang mal nicht die Hauptbühne im Auge, schon stehen Unmengen von Leuten davor. Es scheint, als hätten sie nur auf die Performance von Celo und Abdi gewartet. Die Crowd geht gut mit und als dann der Part von „Chabos wissen wer der Babo ist“ zum Besten gegeben wird, gibt es kein Halten mehr. Dass diese Darbietung gleich noch übertroffen wird, hat keiner geahnt. Als R.A. The Rugged Man die Bühne betritt, ist zwar etwas weniger los als zuvor, aber was jetzt passieren soll, ist verrückt. Zunächst gibt der bei gefühlten 30 Grad in einen schwarzen Mantel gehüllte Rapper (Xatar wäre stolz) relativ normal ein paar Tracks zum Besten. Bei „Holla-Loo-Yuh!“ holt er sich dann so viele Fans auf die Bühne, bis diese gut gefüllt ist. Die wilde Meute feiert, während R.A. seine unbestreitbaren Skills präsentiert – aber Obacht! Wer ihm dabei zu nahe kommt oder zu lange auf der Bühne bleibt, wird gnadenlos von ihm rumgeschubst. Wobei das wahrscheinlich noch zu nett ausgedrückt ist. Auch Kollege Erich von Hiphop.de bekommt die Wut des energiegeladenen Rapper zu spüren und muss mit diesem kämpfen, als er versucht, ihm seine Kamera zu entreißen und in die Menge zu werfen. Heftiger Typ, dieser Rugged Man. Das wird man so schnell nicht mehr vergessen.

Um das zu verdauen begeben wir uns erstmal Richtung Zeltplatz. Auch hier ist die Stimmung friedlich, an ein, zwei Stellen wird Flunkyball gespielt oder entspannt im Campingstuhl Dosenbier gekippt. Dass sich direkt nebenan eine Kuhweide befindet, lässt sich durch den stark präsenten Dunggeruch kaum ignorieren. Stören tut das hier fast keinen. Auf die Frage, ob man sich irgendwann daran gewöhnt, sind sich allerdings alle einig: Nein. Aber was soll‘s, wem langweilig wird, der geht eben Kühe streicheln, Pony reiten oder macht Klingelstreiche bei der nicht weit entfernten „Wendlers Ranch“ – ja, DER Wendler.

Zurück auf dem Festivalgelände freuen wir uns schon wie so viele auf Amirapperin Foxy Brown. Die Enttäuschung ist groß, als es dann heißt, dass sie wohl ihren Flug verpasst habe und deswegen nicht auftreten könne. Irgendwie ist es ein Fluch mit weiblichen Rapstars aus dem Amiland. Immer lassen sie einen sitzen. Für Ersatz konnte jedoch gesorgt werden. Sylabil Spill aka der Radira hat richtig Bock, die Reaktionen sind allerdings gemischt. Klar, wer Foxy Brown erwartet und dafür einen Radira bekommt, ist wohl erstmal überfordert.

Während des gesamten Festivals fanden, wie auch schon im Jahr davor, immer wieder Freestylebattles auf der kleinen Bühne statt. Nachdem sich die Künstler hier bewiesen haben, gibt es das große Finale auf der Mainstage. Dabei geht es um nichts Geringeres als 2.500€ Preisgeld und den Titel des deutschen Freestyle-Meisters. Crash Bundy hat jetzt seinen Titel zu verteidigen. Herausforderer ist Muro, der schon letztes Jahr das Out4Fame-Battle auf dem Festival für sich gewinnen konnte. Die beiden schenken sich wirklich nichts, es wird viel gelacht und die Crowd feiert ordentlich mit. Am Ende ist es ein knappes Ding, das letztendlich Muro zurecht für sich entscheiden kann.

Nach dem Freestylebattle geht es weiter mit Favorite. Man ist gespannt, schließlich hat man den Herren lange Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Dementsprechend begeistert sind die ersten vier bis fünf Reihen als er endlich losgeht. Der Rest bleibt doch eher skeptisch. Dass Fav ein bisschen außer Form geraten ist, verrät nicht nur sein üppiges Wohlstandsbäuchen. Er ist ebenfalls stark auf seinen Backup und das laufende Playback angewiesen. Hooks werden erst gar nicht mitgesungen. Beständige Favorite-Fans werden ihm das wohl verzeihen und es bleibt wirklich zu hoffen, dass er bald wieder die Form kommt, die er für so energiegeladene Tracks benötigt.

Was nun folgt sind Highlights über Highlights. Bevor ich jetzt komplett ins Schwärmen gerate und um nicht zu lang auszuschweifen, hier die Kurzformen: Bei Snagas Auftritt gibt es eine weitere Reuninon – natürlich mit Pillath. Azad kommt maskiert auf die Bühne, mit ihm mehrere ebenfalls maskierte Typen, die ihm beim Auftritt den Rücken stärken. Afrob und Samy Deluxe liefern in getrenntem Slots wie gewohnt eine grandiose Live-Performance und sorgen für eine weitere Überraschung: Samy kommt zu Afrob auf die Bühne und die beiden geben sich als ASD die Ehre. Wie wir mittlerweile wissen, dürfen wir uns bald auf ein Comeback der Jungs freuen. Es folgt der Wu-Tang Clan. Dass sich hier fast alle der über 8000 Besucher vor der Bühne versammeln, war abzusehen. Schade nur, dass von der Originalbesetzung unter anderem nur Ghostface Killah und Inspectah Deck aufgekreuzt sind und die restlichen Mitglieder durch Leute der Wu-Tang Crew ersetzt wurden. Das Ganze dann als Wu-Tang Clan ins Line-up zu schreiben, ist doch eher fragwürdig. Für einen gelungenen Abschluss sorgen zu später Stunde dann Mobb Deep, die schon letztes Jahr auf dem Out4Fame auftreten durften. Auch Busta Rhymes erscheint noch mal mit den Jungsauf der Bildfläche. Man könnte meinen, dass er sich nach Tag 1 noch nicht von diesem Festival losreißen konnte. Aber wen wundert das schon?

Das Out4Fame ist alles in allem ein einfach so gut wie perfekt gelungenes Festival. Wie schon letztes Jahr gab es 2015 wieder ein hochkarätiges Line-up, unfassbar zuvorkommendes Personal inklusive Securities (leider oft eine Seltenheit) und sowohl friedliche als umgängliche Fans. Der Altersdurchschnitt ist hier auch etwas höher als auf den gängigen Hip-Hop-Festivals und man merkt, dass die Besucher ihre oberste Priorität auf die Musik und vor allem auf die alteingesessenen Acts legen. Auch B-Tight, der selbst keinen Auftritt hatte, kam vorbei um dieses Spektakel mitzuerleben.

Ach Hünxe, was soll ich sagen, ich hab dich lieb gewonnen. Dich und das Out4Fame. Es gibt an euch einfach so gut wie nichts zu meckern! Und ich kann mit Sicherheit sagen, wir sehen uns nächstes Jahr wieder. Dann sogar 3 statt nur 2 Tage lang!

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Sie verknallte sich schon lang vor ihrem Journalistikstudium in die Rapmusik und schreibt gerne mal via BACKSPIN.de den ein oder anderen Liebesbrief.

Erzähl Digger, erzähl

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