Deutscher Rap auf der ganz großen Leinwand – BACKSPIN Unterwegs bei der „Unsere Zeit ist jetzt“-Weltpremiere

Unsere Zeit ist jetzt

Gefühlt boomt deutscher Hip-Hop so wie nie. Nach einer von Downloads bestimmten Dürrephase, geht es der hiesigen Raplandschaft besser denn je. Das sieht man unter anderem daran, dass wir so viele Nummer 1- und Gold-Alben haben wie (korrigiert mich wenn ich falsch liege) nie zuvor. So langsam kommen einige unserer geliebten Sprechgesangsartisten im absoluten Mainstream an und der ein oder andere betritt auch die Bretter, die die Welt bedeuten aka. die ganz große Leinwand.

Nachdem früher schon hier und da mal ein Ferris MC, Afrob oder DJ Binichnich aka. dein Lieblingsrapper Harris für einen Tatort über die Fernsehbildschirme des öffentlich rechtlichen huschten, setzte Bushido (wer auch sonst) 2010 den Startschuss für Deutschrap-Kinofilme. Mit Starproduzent Bernd Eichinger, Moritz Bleibtreu als Arafat und Elyas M’Barek als junger Bushido, wurde „Zeiten ändern dich“ zum ersten Hip-Hop-Biopic aus good old Germany. Danach schaffte es MVs Liebling Sido in die Kinos und hatte gleich noch seinen A.i.d.S-Partner B-Tight und das mittlerweile Ex-Sektenmember Alpa Gun dabei. Siggi hat mit „Halbe Brüber“ im letzten Jahr gleich seinen zweiten Streifen abgeliefert und auch Alpa ist nach wie vor hier und da im Fernsehen zu sehen, um seiner schauspielerischen Ambition zu fröhnen.

Ebenfalls regelmäig im Fernsehen zu bewundern ist der deutsche Traum aka. Eko Fresh, der mit „Blockbustaz“ einen regelrechten Serienerfolg landen konnte. An seiner Seite das Oldschool Reimemonster Ferris MC und, allerdings nur mit einmaligem Gastauftritt vertreten, Celo und Abdi. Die beiden Frankfurter hatte Eko bereits in seinem Kinodebüt „3 Türken und ein Baby“ mit einer kleinen Gastrolle platziert.

Ekos ehemaliger Schützling und nunmehr Banger CEO Farid Bang gastierte bis dato in beiden „Fack Ju Göhte“-Filmen neben Elyas M’Barek und war somit Teil des erfolgreichsten Filmes 2015. Celo & Abdis ehemaliger Labelkollege Veysel dreht derzeit mit Kida Ramadan, Frederik Lau und Big M Braveheart Massiv die Blockbuster-Serie „4 Blocks“, deren Trailer zumindest schon mal vielversprechend aussieht und auch Coup haben mit der Visualisierung zum „Holland Job“ einen eigenen Kurzfilm gedreht und jeweils ihr halbes Camp mit vor die Kamera gestellt. Ssio als armenischer Kunsthändler, Hanybal als kopfgefickter Taxifahrer und und und. Wir sehen also: deutscher Rap und Kino bzw. Film und Fernsehen – passt.

Es war also keine große Überraschung, als angekündigt wurde, dass künftig an einem Cro-Kinofilm gearbeitet wird. Dass früher oder später Regisseure und Produzenten  an der Tür des Pandamaskentragenden Senkrechtstarters anklopfen würden, war irgendwo klar. Dass sich aber gleich einer der bekanntesten Schauspieler dessen annimmt, hätte nicht jeder vermutet. Niemand geringeres als Til Schweiger bekam den Zuschlag gemeinsame Sache mit dem Chimperator-Zugpferd zu machen. Soweit – so gut. Jetzt ist es soweit. Der Film „Unsere Zeit ist jetzt“ kommt in die deutschen Kinos.

Es ist Dienstag der 24.09.2016. Ich bin auf dem Weg zum Sony Center am Potsdamer Platz, denn hier wird heute Abend die ganz große Sause starten. Ich habe für BACKSPIN einen Platz am roten Teppich ergattert und staune nicht schlecht, als ich zusammen mit Scharen von pubertierenden Jungs und Mädchen, aber dennoch etwas abseits, zum Kino laufe. Der rote Teppich ist ausgerollt, hinter den Absperrungen warten hauptsächlich Teens mit Cro-Merchandise und gezückten Autogrammbüchern, sowie Selfie-Stäben. Ich geselle mich zu den Kollegen der Presse und stehe zwischen ARD und Taff, wie mir die Zettel an der Absperrung verraten. Während ungefähr jeder Sender der Republik mit Kamerateam und mindestens zu dritt angereist zu sein scheint, bin ich alleine mit meiner Blogging-Cam bewaffnet und frage mich, ob das Mikro wohl stark genug sein wird diese Geräuschkulisse mitzumachen. Naja. Gegen ein bisschen Aufregung und Improvisation ist ja nichts einzuwenden. Bis jetzt hat es schließlich auch immer geklappt. Mit der voranschreitenden Uhrzeit wird auch das Berliner Sony Center immer voller. Schließlich positioniert sich der ehemalige Schlag-den-Raab-Moderator Steven Gätjen auf dem roten Teppich, um das ganze Event zu moderieren. Langsam trudeln die ersten Gäste ein, die mir, als bekennendem Hip-Hop-Polizisten, der außerhalb der Szene kaum ein „bekanntes“ Gesicht erkennt, wenig bis gar nichts sagen. Ich halte mich dezent im Hintergrund und feile an meinen Fragen, die ich der Deutschrap-Prominenz um die Ohren pfeffern will. Hin und wieder verteidige ich meinen Platz gegen aufdringliche Kameramänner diverser Firmen.

Das hier heute ist auch mein erster roter Teppich. Bis jetzt lief meine Arbeit entweder auf Festivals oder eben bei vereinbarten Gesprächen ab. Man bekommt die Künstler einfacher zu fassen und kann gegebenenfalls auch mehrfach nachfragen, wann man drehen könnte. Nicht so hier. Jeder der vorbei ist, ist vorbei und kommt auch nicht zurück. Ich kann jeweils kurze O-Töne von Tua, Maeckes und Psaiko Dino ergattern. Tua ist der Meinung ich könnte ihn in einem Tua-Film spielen, Maeckes trägt als einziger Gelb, weil es eigentlich so abgemacht war, dass jeder Gelb trägt und Psaiko ist seiner Meinung nach fast der einzige, der den Film noch nicht gesehen hat und ist sehr gespannt. Außerdem würde Maeckes es interessant finden einen gut ausproduzierten Film über einen Newcomer zu sehen und auch ein Film über Kaas würde er sich wünschen. Während ich mit den drei Chimps rede, ziehen Scharen von A- bis C-Promis über den roten Teppich Richtung Kino hinweg. Zwischen Presserufen a la: „WOTAN! WOTAN! ZEIG MAL DEIN SHIRT!“ oder „LOCHIS! STELLT EUCH MAL NOCH KUMPELHAFTER ZUSAMMEN!“ versuche ich Hip-Hop-Nerdtalk zu führen und scheitere (fast) kläglich.. Ich glaube für den nächsten roten Teppich brauche ich mindestens ein Alibi-Kamerateam, doppelt so viele Ellenbogen und mehr Knowledge über die deutsche Promiszene. Während sich Til Schweiger in das Kino begibt und sich die Türen hinter ihm langsam schließen, lässt mir sein Bodyguard ausrichten, dass er gleich noch mal zu mir kommen würde. Ich glaube ihm kein Wort, denn alle anderen packen bereits ihre Technik ein. Naja. Dann. Halt. Nicht.

Kurzer Zeitsprung. Der Vorhang lüftet sich und gibt den Blick auf die üppige Leinwand frei. Es wird Zeit für die Weltpremiere von Cros Kinofilm amk. Ich will nicht spoilern, aber so viel sei gesagt:

Als ich den ersten Trailer zu „Unsere Zeit ist jetzt“ gesehen habe, konnte ich mir noch nicht so richtig vorstellen, wie ein Film aussehen soll, der darüber handelt, wie drei verschiedene Filme über Cro gedreht werden, beziehungsweise gedreht werden sollen. Das klingt mindestens so kompliziert, wie es sicherlich war. Um es kurz herunter zu brechen  – die Handlung ist folgende. Dank einer Ausschreibung von Chimperator bekommen drei junge Talente die Möglichkeit einen Film über Cro zu drehen. Ludwig, ein junger Mann in Cros Alter, der in seinem verhassten Job Schreibtischarbeit machen muss, aber viel lieber zeichnen würde, entschließt sich für eine Cro-Comic-Verfilmung. Vanessa, eine ambitionierte Studentin mit Asperger Syndrom möchte eine Doku als Abschlussarbeit drehen und dem Frauenheld Dawid, dessen Familie schon lange ein kleines Kino besitzt, schwebt eine Mischung aus Action-Film und Komödie vor. Die drei befinden sich sozusagen in einem Wettstreit darüber, wer den Film am Ende drehen darf. Der Zuschauer sieht abwechselnd Teile aller drei Varianten gemischt mit der Geschichte, die sich zwischen den drei Protagonisten entwickelt. Verstanden? Ich auch nicht so wirklich. Aber trotzdem. Das Ganze funktioniert erstaunlich gut. Natürlich entwickeln sich auch mehrere Dramen zwischen Vanessa, Ludwig und Dawid und den ein oder anderen Plottwist gibt es auch. Ein wahnsinnig aufwendig geschriebenes Drehbuch und eine astreine Produktion sorgen dafür, dass einem keine Minute langweilig wird. Auch das weder Til Schweiger noch Cro dauerhaft im Vordergrund stehen, ist sehr sympathisch und  zeigt, dass wirklich viel Wert auf das Endprodukt gelegt wurde, statt sich nur auf die großen Namen zu stützen. Der einzige Kritikpunkt: hier und da wirkt die Spielweise der jungen Schauspieler eher nach auswendig gelernt und aufgesagt, statt wirklich gespielt.

Den Abspann des Filmes verbringen alle beteiligten auf dem roten Teppich bei der Premiere des Films, im Film. Inception sozusagen. Gerade bei der Premiere kommt sowas natürlich super an. Ein schöner, guter, deutscher Film. Kann man machen.

P.S.: Morgen kommt noch mal eine etwas ausführliche Rezension von Peter. Stay tuned amk.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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