BACKSPIN unterwegs: Public Enemy Live in Hamburg

Rückblick: 18. November, 1988. Ich stehe am Ende der Schlange an der Alsterdorfer Sporthalle, P.E. Mesh Cap, Baseball Jacke, Airbrush Tee, Superstars an den Füßen. Einige dieser Dinge gab es in Hamburg nicht zu kaufen; in den späten 80ern kam man an diese Dinge nur ran wenn man seinen Freunden, die mit ihren Familien nach Amsterdam oder Paris in den Urlaub reisten, Geld gegeben hat um etwas mitzubringen. Um mich herum hunderte gleichgesinnte. Mir fremde, doch gleichzeitig eng vertraute. Ich bin kurz davor mein erstes Hip-Hop Konzert zu besuchen; Derek B. feat. DJ Scratch, Public Enemy, Run-DMC. Die bis Dato größte Rap Welttournee. Mein Adrenalin Spiegel steigt bis letztendlich DJ Scratch mit seiner Opening Routine die Masse zum durchdrehen bringt und sich meine Glückshormone über die ganze Arena ausschütten. Ich wollte das auch können, so zu Scratchen. Dies war ein Schlüsselmoment in meiner Karriere, zwei Jahre später wurde ich, auch Dank der unvergesslichen Performance des DJ Scratch, Deutschlands DMC DJ Champ. Immer noch wie in Trance kamen sie dann, meine Helden. Intro, wie auf dem Album. Gänsehaut. Public Enemy. Chuck D, Flavor Flav, Terminator X, Professor Griff, die S1W, sie waren es tatsächlich. Genau vor mir. Mit ihren über-produzierten Beats und eindringlichen Texten und (positiv)-furchteinflößenden Bühnenpräsenz haben sie mich mehr beeinflusst als jeder andere Hip-Hop live Act oder jedes andere Hip-Hop Album danach.

Geschichte wiederholt sich, denke ich oft. So sollte es sein, dass ich zufällig vom The Prodigy Konzert in jener Alsterdorfer Sporthalle am 7.11. hörte, Special Guest: Public Enemy. Auf den Monat genau 27 nach meinem ersten Konzert in dieser Halle. An jedem Abend hole ich voller Vorfreude das alte P.E. T-Shirt aus dem Schrank und mache mich mit meinem Kollegen auf den Weg. Gemessen an den Menschen die uns zu Fuß von der Bahn in Richtung Halle begleiteten, hätte man niemals erahnen können ob es zu einem Rap Konzert oder einem Rave, oder zu beidem geht. Viel Ü-40 mit grau melierten Bärten, Baseball Cap, Lederjacke, und genauso viele U-30 mit Tribal Tattoos, Glatzköpfen und Hip-Bags um den Hüften. Ich find’s cool. Wieder an der Schlange, wieder weit hinten (denn pünktlich fangen die eh nicht an, das sind doch Rapper). Unweit von mir ein Typ
meines Alters, der ebenfalls ein P.E. Shirt trägt, wir sehen uns kurz an und geben uns ein anerkennendes Nicken. Hach, Nostalgie eben.
Endlich reingekommen auf dem Weg zum ersten Getränkestand meine ich Public Enemy schon zu hören. Unmöglich, es sollte um 20:00 Uhr beginnen, es ist gerade mal kurz nach 20:00 Uhr. Wir schauen kurz rein und tatsächlich stehen sie auf der Bühne. WummendeBässe zu „Bring the Noize“ bringen mein Herz zum springen. Ich schaue von der Tribüne hinunter auf die Massen und sehe einen vollen Innenraum, aber fast niemanden der sich bewegt. Auf der Tribüne neben uns jedenfalls feiern es die Leute als ob sie (sie wie wir) nur wegen P.E. gekommen sind. Etwas schade war es, dass man die Vorgruppe grundsätzlich mit weit geringeren Dezibel spielt um dem Main Act noch mehr Volumen zu geben. Das ist hier völlig fehl am Platze, es ist schwierig mitzugehen wenn ein eigentlicher Main Act als Warm up genutzt wird, diese Rolle wird ihnen gewiss nicht gerecht. Doch sei’s drum. „Don’t Believe the Hype“ lässt mich in Erinnerungen schwelgen wo ich als 14 jähriger im Innenraum mit tausenden anderen ausgerastet bin. Davon ist heute nichts zu sehen, doch ich verbinde das damals mit dem heute und ich mache es für mich passend. Zu „Fight the Power“, das einige von den nicht-wegen-P.E.-hier-seienden offensichtlich kennen, hört man sogar diejenigen mitsingen, die P.E. wohl auch erst seit diesem Lied kennen, es fühlt sich gut an. Es werden Live Elemente eingebaut die aber nicht bei jedem Lied passen, der Wumms fehlt mir, die Eindringlichkeit der Musik, wie damals. Chuck D ist immer noch Herr seines Fachs, starke Präsenz, klare Botschaften. Allerdings heute für die Crowd, für die es im Grunde nicht bestimmt ist. Man merkt im großen Rund, dass 99% aller Menschen nur darauf warten bis der Warm Up sich verabschiedet und Platz für den Main Act macht. Es kommen noch einige Tracks, „Shut Em Down„, „He Got Game„, „Harder than you Think„, was die Stimmung nicht wieder so hoch wie am Anfang bekommt. Kurz vor Schluss reißt langjähriger P.E. Tour DJ, DJ Lord eine Mash-Up Version von „Smells like Teen Spirit“ in seine Einzelteile, tosender Applaus zum Abschluss. Ob es wegen dem Track an sich ist, den Skills des DJ’s, oder der Tatsache geschuldet, dass gleich The Prodigy beginnt konnte jeder für sich deuten. Zum Schluss verabschiedet sich Flavor Flav mit Anti Rassismus Worten die diese Menge tausender diverser Menschen zu vereinen schienen.

Ob U-30 oder Ü-40. Auf dem Weg zur Bar hörte man Leute im vorbeigehen sagen: „Jetzt wo Public Enemy vorbei ist kann ich auch wieder nach Hause gehen“. So wie wir. Zuhause angekommen musste ich mir allerdings „It takes a nation of millions…“ aber noch mal anhören um meine halb-Enttäuschung wieder aufzufangen. Beim nächsten Mal nur noch als Haupt Act, der ihrem Legenden Status gerecht wird.

Text von: Pasha Kamber

 

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