BACKSPIN UNTERWEGS: Nelly „The Fix Tour“

nelly-1-webSelbst wenn du nicht der größte Rap-Nerd aller Zeiten bist, wird dir Nelly mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Begriff sein. Über seine mittlerweile langjährige musikalische Laufbahn konnte der in St. Louis aufgewachsene Musiker eine Vielzahl an Hits verbuchen. „Hot in herre“ oder „Ride with me“ sind nur zwei von ihnen, die noch heute zweifellos in Clubs und auf jeder Party funktionieren. Ende letzten Jahres sollten nun seine deutschen Fans aus Köln, München, Frankfurt und Bremen die Möglichkeit bekommen, diese live zu erleben. Aufgrund der Anschläge Ende des Jahres wurden die Termine zunächst abgesagt bzw. verschoben. Gut ein halbes Jahr länger durften sich seine Fans also gedulden. Grund genug für uns, nach Köln zu fahren und zu schauen, wie es um Nellys Qualitäten als Liverapper so ausschaut. Angekommen an der Location erwartet uns bereits eine lange Schlange vor der Tür, welche recht schleunig ihren Weg durch den Einlass findet. Hier und dort hört man den ein oder anderen Nelly-Hit aus Autoanlagen schallen. Das Publikum: etwa Mitte bis Ende Zwanzig. Nellys Karriere- Höhepunkt: sicher schon mehr als ein paar Jahre her. Wir betreten die Essigfabrik. Während wir einen etwas trostlos wirkenden Merchandise-Stand mit zwei Shirts, einem Hoodie und einer Hotpant im Angebot passieren und uns an den Leuten vorbei in Richtung Bühne bewegen, wird es je näher wir der Bühne kommen nach und nach heißer. Um 20 Uhr soll es also losgehen. Gut, ein Geheimnis ist es wohl kaum, dass ein Künstler mit geringer Wahrscheinlichkeit zur angegebenen Uhrzeit die Bühne betritt. Ein bisschen Spannung muss ja schließlich sein. Als allerdings um 21.30 Uhr noch immer keine Spur von Nelly ist, wird es allmählich unruhig in den vorderen Reihen. Die Hitze in der überschaulichen Halle trägt zur Stimmung sicher ihren Teil bei. Ich werfe einen Blick in die Facebook-Veranstaltung und erblicke schnell die ersten negativen Kommentare. „Eine Frechheit, seine Fans so lange warten zu lassen.“ Als jemand von der Crew die Bühne betritt und das Publikum auffordert mehr Lärm zu machen, da Nelly „sonst den Bus nicht verlasse“, stoßt er bei den Fans nicht gerade auf Begeisterung. Verständlich. Um 21:45 Uhr betritt schließlich jemand die Bühne. Nein, nicht Nelly, sondern ein DJ, der für das Warm Up verantwortlich ist. „Public Service Announcement“ von Jay-Z knallt aus den Boxen. Die Stimmung bleibt zunächst angespannt, aber wenigstens geht los. Es folgen Hits wie DJ Khaleds „All I Do Is Win“ oder „Up in here“ von DMX, gefolgt von Drakes „Hotline Bling“ und schließlich Fat Joes Club-Banger „All nelly-4-webThe Way Up“. Um etwa 22.20 Uhr verlässt der DJ die Bühne. Um kurz nach halb 11 ist es dann soweit. Es wird kurz dunkel und auf einer Leinwand im Hintergrund erscheint eine Sirene. Der Beat von „Shake Ya Tailfeather“ geht los und Nelly steht auf der Bühne. Die angespannte Situation scheint für einen Moment wie weggeblasen. Mit im Gepäck hat er seine St. Lunatics-Homies Big Ali und City Spud. Nachdem Nelly seine Strophe inklusive Refrain performt hat, wechselt der Beat zu „Batter Up“, dann zu „Air Force Ones“. Nach einer kurzen Begrüßung gibt NellyGrillz“ zum Besten. Im Hintergrund laufen Videosequenzen zu den einzelnen Songs ab. Kurz kommt etwas Nostalgie auf, als einem bewusst wird, wie lange das Ganze schon her ist. Dennoch wirkt es das Einblenden der Musikvideos auf Dauer etwas lieblos, wenn ich an andere Konzerte mit extra gedrehten Intros und Zwischenclips denke. Wenig später möchte Nelly wissen, ob unter der Crowd Fans der ersten Stunde sind und aus der Menge ertönen immer wieder vereinzelnte Rufe. Meine Vermutung bestätigt sich und während die bekannten vier Kicks einsetzen, stimmen alle gemeinschaftlich zu einem lauten „Hot Shit“ ein. „Country Grammar“ ist mit Sicherheit ein Highlight der Show, auch wenn ich erst später mit dem Song gerechnet habe. Daraufhin stellt Nelly seinen Kumpel City Spud für alljene vor, die ihn nicht sofort erkannt haben und erzählt, wie er zu seinem Andenken die Pflaster in seinem Gesicht getragen hat, als dieser hinter Gittern saß. Wer 1+1 zusammen gezählt hat, weiß, was jetzt folgt. Als City Spud plötzlich einen Verse zum Besten gibt, drehen die Leute durch. „Hey yo, now that I’m a fly guy and I fly high. Niggas wanna know why, why I fly by…“ Na? Richtig, „Ride with me“ funktioniert halt immer noch. Leider verfliegt die Euphorie bei mir beim Chorus, als lediglich die Playback-Spur läuft und Nelly mit einem wilden „Put ya hands up“-Geschreie nicht die Stimmung anheitzt, sondern für mein Gefühl vollkommen den Refrain zu nichte macht. Schade. „E.I.“ schafft es schließlich meine Stimmung wieder hochzuziehen und mich für wenige Minuten in alte Erinnerungen zu versetzen. Das Ende seiner Show widmet Nelly noch einmal insbesondere seinen weiblichen Fans, als er nacheinander drei von ihnen zu sich auf die Bühne holt. Nach seiner aktuellen Single „The Fix“ darf sich die Erste über eine hautnahe Performance von „One & Only“ freuen, worauf er sich bei der nächsten Auserwählten mit „Over and over“ „stellvertretend für alle Frauen, denen er Unrecht getan hat, entschuldigt“. Das große Finale wird schließlich eingeläutet, als Nelly den letzten weiblichen Fan auf ihre Textsicherheit überprüft und plötzlich das Instrumental von seinem Nr. 1 – Hit „Dilemma“ los geht. Auch wenn Kelly Rowlands Playback unterstützt, die Crowd übertönt ihn lautstark mit und die Stimmung des Abends erreicht ihren Höhepunkt. Nachdem Nelly die Bühne kurzzeitig verlässt, kommt er für eine Zugabe mit „Just a dream“ ein letztes Mal auf die Bühne, bevor er endgültig verschwindet. Ich nehme mir ein Taxi, um noch rechtzeitig meinen Zug zu erwischen. Kurz erinnere ich mich daran, wie der beste Freund meines Bruders uns damals die Maxi-CD von „Country Grammer“ unter die Nase hielt. Der Fahrer, etwa in meinem Alter, fragt, von welcher Veranstaltung ich komme. Nachdem ich ihm seine Frage beantworte, sagt er: „Ach Nelly, seine Zeit ist aber auch schon vorbei oder?“ Irgendwie treffen es seine Worte ganz gut. Sicher, er hat seine Hits und klar ist ein Hauch Nostalgie immer mit dabei. Schade ist es allerdings trotzdem, wenn Mängel der Performance einen immer wieder aus dieser herausreißen.

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".

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