BACKSPIN Unterwegs: Loyle Carner in Hamburg

Carner

Der Name des jungen Rappers aus dem Süden Londons kusiert schon zu lange durch unsere Szene als das man ihn als heißen Newcomer betiteln wolle. Aber Loyle Carner gehört zweifelsohen zu den Künstlern, denen man ohne eine Semester Wahrsagen studiert zu haben, eine aussichtsreiche Zukunft prognostizieren kann. Letzten Donnerstag spielte er im fast ausverkauften Molotow ein mehr als gelungenes Hamburg-Debüt.

loylecarner_0053_pdwFotos: Peter de Weerdt

Als ich mich am späten Nachmittag mit Loyle Carner zum Interviewtermin traf, rechnete ich noch gar nicht mit diesem Konzert, das mich am selben Abend zu erwarten hatte. Von dem Ausgangspunkt, dass es sich um die erste eigene Tour durch Deutschland handelte, rechnete ich nicht mit einem großen Ansturm. Der junge MC verkauft in London zwar viele Tickets und seine bisherigen Besucher dokumentierten seine Gigs mit vielen Handyvideos, die einen routinierten Live-MC zeigen. Jedoch ist Hamburg weit weg von seiner Heimat und ein verregneter Donnerstag ist kein spätsommerlicher Samstag. Mit meiner Kamera im Gepäck begebe ich mich kurz vor der angedachten Zeit des Supportacts ans Ende der Reeperbahn ins Molotow. Vor Betreten des Klubs erlebte ich meine erste Überraschung.

Auf meine Frage, mit wie vielen Besuchern er rechnet, antwortete Loyle wenige Stunden vorher lächelnd, aber auch schulterzuckend mit „Twenty?“

Bereits in der Schlange vorm Molotow befanden sich mindestens „Twenty“ Fans, alle hochmotiviert sich von den Live-Fähigkeiten des MCs zu überzeugen. Füffi, der den Abend musikalisch eröffnete, kommentierte den Andrang ebenfalls mehrmals positiv und wärmte die Crowd gut auf. Nach seinem Slot passierte einige Zeit auf der Bühne nichts. Vielleicht lag es an der typischen Hip-Hop-Klub Musik, dem Fakt, dass ich fast nüchtern war oder der stickigen Luft, aber mir kam die Zeit zwischen Füffi und Carner fast genauso lange vor, wie die eigentliche Spielzeit.
Die kurz in mir aufkommende negative Stimmung relativierte Loyle aber mit seinem erstem Lächeln auf der Bühne. Sichtlich begeistert beginnt der Brite mit ein paar langsamem Nummern. Sein bisheriger Katalog an Tracks ist begrenzt. Gut, dass sich darunter fast ausschließlich nur Hits befinden. Manche thematisieren seinen Schmerz über das Vermissen seines Großvaters und Vaters, in anderen Nummern nimmt sich der 21-Jährige selber auf den Arm und entschuldigt sich dafür, dass er als Junge auf die Welt kam und so seiner Mutter den Wunsch einer Tochter verwehrte. Von der Euphorie getrieben ruft er keinen Atemzug später in den Raum, dass seine Eltern ein Mädchen adoptieren werden. Die Menge zeigt sich begeistert.
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Seine Motivation reißt nicht ab und neben ein paar obligatorischen „I should move to Hamburg“-Floskeln, hören wir unveröffentlichte Akkapelas und Kommentare über die Namen anderer Lokalitäten auf einer der berüchtigtsten Straßen Deutschlands. Ohnehin, mit Atempausen scheint Loyle Carner keine Probleme zu haben und ich fühle mich in meinem Sprachverständnis verstärkt, als mehrere Leute neben mir ebenfalls nicht der schnellen Zunge des Rappers folgen können. Diese Lunge ermöglicht es ihm aber auch ohne Backup auf der Bühne zu stehen. Sein Bühnenpartner ist sein Kumpel Rebel Kleff, mit dem er ebenfalls im Studio arbeitete. Von Zeit zu Zeit schnappt sich der Produzent und Discjockey auch selber ein Mic und rappt, im Studio und auf der Bühne. So präsentieren die beiden als letzte Anspielstation ihren neuesten Song „No CD“.
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Letzten Endes beendet der Londoner seine Show nach etwas mehr als einer Dreiviertelstunde. Auch die beste Live-Performance und die beste Stimmung nützt am Ende nichts, wenn die eigenen Diskographie nicht für eine längere Show reicht. Ach wie gut, dass Loyle direkt sein Debütalbum ankündigt. Ein kleines Pflaster für die feierwütige Crowd. Nach der Show begleite ich ihn noch in den Backstage für ein paar Photos. Er wirkt überwältigt, ist aber nicht zu erschöpft um mir von seinem Essen vorzuschwärmen.
Auch hier liegt ihm das Trikot der Manchester United-Legende Eric Cantona um den Hals. Der heutige Schauspieler, spielte von 1992 bis 1997 für den britischen Verein und gewann mit ihm innerhalb von fünf Jahren vier mal die Premier-League. Cantona war der Liebglingsspieler seines Stiefvaters, einer der prägendsten Figuren in Loyles Leben. Nach seinem Tot entschied er das Trikot überall mithin zu nehmen und so seinen Stiefvater teilhaben zu lassen an ihrer gemeinsamen Vision.

Später am Abend wird er noch seine Fans zusammen mit Kumpel Rebel Kleff am Merchstand empfangen und mit ihnen anstoßen.

Das bereits angesprochene Interview, das wir wenige Stunde vor seinem Auftritt führten, wird bald veröffentlicht.

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Moin! Aachener, der irgendwas mit Medien macht, ungern über sich in der Dritten Person schreibt und fest zu BACKSPIN gehört. Kopf ist kaputt, aber Beitrag is nice, wa.

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