BACKSPIN unterwegs: Lemur live in Berlin

Lemur ist eine Naturgewalt. Ein Künstler hat alles richtig gemacht, wenn das Publikum Arm in Arm Militärlieder trällert, in Pogo-Fronten aufeinander losstürmt und ohne Zögern die Vokabeln „Eselejakulatsentnehmer“ und „Tierkörpersammelstelle“ wiederholt. Ein Talent für ungewöhnliche Konzepte zeigte sich schon, als er mit Kraatz unter dem Pseudonym Herr von Grau musizierte.
Seit 2014 ist Lemur alleine unterwegs – und hat es immer noch drauf.

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Es ist Mittwochabend in Berlin. Das Badehaus an der Revaler Straße füllt sich nur langsam. Es dominiert der Schlabberlook: Trainingsjacken, Hoodies, Basecaps mit politischen Buttons, Baskenmützen, ans Ohr geklemmte Drehzigaretten. Überall Grasdampf. Ich mische mich in ein Gespräch über Drogenkultur in Berlin, am Ende landen wir beim neuen Scooter-Album.

Nach und nach sammeln sich Menschen vor der Bühne. Das Rapduo FairS gibt den Startschuss mit Studentenrap über Geldnöte, Selbstzweifel und Kiffen. „Ich bin dermaßen high, dein Gras ist alle, ich hab mehr Gras dabei.“ Einen Porno-Querverweis lassen sich „die Typen aus dem Wedding“ nicht nehmen: „Wie kann so etwas Gutes so falsch sein? Warum ist so etwas Schönes so schlecht? Wie könnt ihr so etwas Wunderbares nur verbieten? Und warum bin ich gerade nur so fett?“

Die Darbietung macht Spaß. Trotzdem reicht die Menschenmenge nicht einmal zur Hälfte des Raumes. Das ändert sich mit Lemur. Binnen Sekunden heizt er die Leute mit einem Poetry Slam im Doubletime-Tempo ein. Er dekonstruiert mal eben die
deutsche Leitkultur und reduziert ihre Eigenschaften auf eine Volksgemeinschaft, die sich im Kollektiv Doppelkorn hinter die Binde kippt. Dann legt er los mit seinem Lemur-Reportoire, darunter „Mein bester Freund“, „Fata Morgana“ und „SM“.
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Nach einem melancholischen Einstieg greift Lemur in die Herr von-Grau-Kiste und vollführt einen 180-Grad–Stimmungswechsel. Die Chemie stimmt. Die Leute sind entspannt drauf und zerquetschen niemanden beim Kampf um die erste Reihe – und das, obwohl die Meute spätestens mit „ErSieSo“ am Kochen ist. Richtig wild wird es mit dem „Abendlandboogie“. Die Temperatur steigt, das Mädchen neben mir wirft ihren FCKNZS-Hoodie beiseite und drückt sich in die Crowd, die schon vereinzelt ihre Ellenbogen ausfährt.

Ab und zu unterbricht Lemur mit heftigen Acapella-Einlagen, in denen der Sprachakrobat schneller als ein ICE Reimketten und Wortspiele auf Meta-Ebenen kommuniziert. Der Abschluss-Track ist schon im Vorfeld klar. Nichts eignet sich besser als das Satire-Kasernenliedchen „Befehlskette“. Und so kommt es dann auch. Das Tempo legt einen Zahn zu, auf einem Drum & Bass-Rhythmus vernichtet Lemur einen halben Bio-Bauernhof („Ermorde die Gurke und töte die Möhre, erschieße die Zucchini und zermatsche den Apfel.“).Die Crowd dreht total durch. „Ein bisschen Hass und Gewalt – es ist so schön, auf der Welt zu sein“. Der billige Eurodance verwandelt sich zum Ballermann-Schlagertechno, wird immer schneller und schneller, bis Lemur plötzlich Death-Metal-Growls in das Mikrophon grunzt. Kaboom. Am Ende gibt er zu, den vielleicht krassesten Gig seiner Solo-Laufbahn erlebt zu haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das nicht jeden Abend sagt.

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