BACKSPIN Unterwegs: Frauenarzt: „Zieh dein Shirt aus“-Tour

Foto: Maxim Rosenbauer / EASYdoesit

Ein Konzert von Frauenarzt ist das eine, ein Konzert von Frauenarzt in Berlin wiederum eine ganz, ganz andere. Die Aufregung war groß, als der Berliner mit Legendenstatus im Mai diesen Jahres mit „Mutterficker“ nach einer (gefühlten) Ewigkeit ein neues Soloalbum auf den Markt brachte. Selbstredend dass sich die Erwartungen an diese Platte in etwas anderen Sphären bewegen als bei vielen anderen Künstlern. Immerhin gibt es hier einen Ruf, dem man Ehre erweisen muss.
Frauenarzt wäre aber eben auch nicht selbiger, wenn die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern noch übertroffen hätte als wäre es nuffin’.
Die Gewissheit dass ihm die Jahre, die seit Bassboxxx-Zeiten ins Land gezogen sind, absolut nichts anhaben konnten, soll später folgen.

Es ist eine milde Dezember-Nacht in Berlin-Friedrichshain. Frauenarzt lädt heute nach Berlin zum Tourstopp seiner „Zieh dein Shirt aus“-Tour. Mit anderen Worten: Familientreffen.
Bereits kurz nachdem der Einlass etwas verspätet beginnt, zeichnet sich ein deutliches Bild ab, was heute Nacht im Berliner Postbahnhof passieren wird. Nach und nach strömen alteingesessene Atzen in die Location – die meisten gekleidet in Merchandise, das auf eBay mittlerweile schon Sammlerwert erreicht haben dürfte.
Das Bier fließt in Strömen und dem Geruch nach zu urteilen, sind auch Zigaretten nicht das einzige, was heute Abend geraucht wird.
Wo sich die Verteilung von Männern und Frauen auf anderen Rap-Konzerten heutzutage oft die Waage hält, sind die Atzen der Schöpfung heute mehr als deutlich in der Überzahl.

Foto: Maxim Rosenbauer / EASYdoesitPünktlich um 20.30 Uhr betreten Juju und Nura von SXTN die Bühne, um dem Publikum für Frauenarzt einzuheizen. Lässt man den Blick über die Menge schweifen, scheint das aber schon fast gar nicht mehr notwendig: Feierwütige Meute soweit das Auge reicht. Schon zur Mitte des ersten Songs haben SXTN das dankbare Publikum für sich gewonnen und beweisen, dass sie zurecht den Tour-Support auf der „Zieh dein Shirt aus“-Tour spielen. Als die beiden Berlinerinnen die Bühne verlassen, hat die Stimmung ihren vorzeitigen Zenit erreicht.
Nach kurzer Umbaupause betritt endlich der selbsternannte Pimp-Rapper Nummer eins gemeinsam mit seinen vier leicht bekleideten Tänzerinnen die Bühne und steigt mit dem Album-Opener „KKF“ ein. Kleinere Probleme mit der Tontechnik wurden gekonnt überspielt und der Abend richtig eingeläutet.

Foto: Maxim Rosenbauer / EASYdoesitAuf „KKF“ folgt ein Querschnitt aus dem „Mutterficker“-Album, das live noch mehr überzeugt als auf Platte. Als Künstler mit aktuellem Album und vielen Hits besteht ja nun theoretisch die Möglichkeit, auf Tour zu gehen und dort die neue Platte darzubieten und das ganze mit ein paar alten Hits zu garnieren. Ergibt ja auch Sinn. Entweder man verfolgt eben diese Strategie, oder aber man heißt Frauenarzt und gibt den Leuten, was sie hören wollen. Nachdem alle Hits vom „Mutterficker“-Album durch sind, beginnt die zweite Hälfte des Abends, oder besser gesagt: Die Zeitreise. Mit einer Live-Energie und Ausdauer, die man wirklich selten erlebt, rappt Arzt sich querbeet durch sein gesamtes Repertoire. Von „Pornoparty“, über „Feuchte Träume“ und „Tanga Tanga“ bis zu „Lass dich gehen“ bleibt kein Wunsch offen und plötzlich ergibt die Altersbeschränkung der Tour auch wahnsinnig Sinn. Die Fans erweisen sich nicht nur als lückenlos textsicher, sondern nehmen sich auch das Motto des Abends – „Zieh dein Shirt aus“ sehr zu Herzen. So findet man zumindest in den ersten Reihen kaum noch jemanden, der nicht (mindestenFoto: Maxim Rosenbauer / EASYdoesits) oberkörperfrei und ordentlich Pegel anzutreffen ist. Zugegeben: Dass gerade in Berlin einige musikalische Gäste mit am Start sein würden, war irgendwo abzusehen. Eine kleine Einlage liefern Fruchtmax, Hugo Nameless und Kulturerbe Achim, als sie Frauenarzt kurz ablösen und gemeinsam ihren Hit „Wie kann man sich nur so hart gönnen“ performen. Obwohl die Tontechnik auch hier nicht ganz mitspielen will, tut es dem ganzen keinen Abbruch und Publikum gönnt sich reichlich. Trotzdem ist es eine Mini-Cypher, die später stattfindet, das Highlight des Abends dar. Nach Frauenarzt betreten Proletik-Kollege MC Bomber, MC Basstard, MC Bogy, B-Tight und Vokalmatador nacheinander die Bühne und geben ein paar Bars zum besten. Einzig und allein King Orgasmus sorgt durch seine Abwesenheit für einen kleinen Wermutstropfen.

Nach gut anderthalb Stunden Show und unzähligen Litern Bier und Schweiß findet der Abend sein Ende in Form eines letzten Songs, zu dem alle beteiligten Künstler ein letztes Mal auf der Bühne feiern und zusammen abreißen. Beim Verlassen der Halle fallen einem nicht nur wahnsinnig viele Menschen auf, die nun offensichtlich ohne Oberteil nachhause fahren müssen, sondern auch, welch unfassbare Energie diese Live-Show mit sich brachte. Schwer zu sagen, ob es an der Live-Erfahrung, der Mentalität oder dem Kult-Faktor liegt, aber Frauenarzt ist und bleibt einer der ganz, ganz großen.

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Ist mittlerweile seit 3 Jahren bei BACKSPIN und hat die Leitung der Online-Redaktion inne. All ihre Fans sind maskuline Jungs, jaja.

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