BACKSPIN unterwegs: Crack Ignaz & Freunde in Wien

Marmeladé

Mallorca, Jesolo oder Berlin… nichts soll so schön sein wie der Sommer in Wien. Schlechter Zeitpunkt also um im Dezember zum ersten Mal die Hauptstadt von Österreich zu besuchen. Aber das hat auch einen triftigen Grund, denn Crack Ignaz hatte zum großen Abschlusskonzert mit seinen Freunden geladen.

Marmeladé

 

Präludium: Dienstag 

Eine Zugfahrt die ist lustig, oder auch nicht. Will man mit dem ÖBB Railjet nach Wien, kann es schon mal sein, dass die deutsche Bundespolizei Ausweiskontrollen durchführt. Schließlich liegt Wien nicht unweit von Großstädten wie Prag und Budapest. They international.

Und schon im Zug prallen unterschiedliche Gruppen aufeinander. Am auffälligsten erscheint eine Gruppe Jugendlicher, schätzungsweise Vlogger aus dem Stuttgarter Raum, die sich über Beauty-Kram unterhalten: „Eigelb in die Haare, Eiweiß ins Gesicht.“ What a time to be alive.

Irgendwann wird es einer Ungarin zu bunt, sie steht auf, geht zu den Deutschen und teilt ihnen seelenruhig mit: „shut up!“ Gebracht hat es nichts, dafür machen die Ungarn Turn up mit Schaumwein aus Bechern, und man grübelt was wirklich in der Sprite-Flasche vom Sohn ist.

Keno von Moop Mama steigt ebenfalls aus dem Zug. Die Band hat am Abend einen Auftritt in der Arena, jener Location wo am nächsten Tag der König der Alpen residieren wird.

Hauptsatz: Mittwoch 

Ganz Wien ist heut auf Codein, doch bevor es in die Arena geht kann man noch auschecken wo sich Ignaz mit’m Bredl an die Donau setzt und stößt auf eine Hall of Fame. In den frühen Abendstunden U-Bahn fahren bedeutet Stehplatz ist auch ein Platz. Von der Zielstation zur Venue  braucht man einfach den Jugendlichen folgen, warum sollten die sonst im Industriegebiet abhängen. Äußerlich handelt es sich dabei nicht um tumblr-Fashionistas. „In the mix like chemicals“ trifft es eher, um es mal in Rap ausdzurücken.
Das Areal erinnert an St. Pauli, alternative Subkultur mit Hinterhofcharme. Außen Crepes, innen Trap. Step in the arena – Tereza unterhält bestens mit Songs von unter anderem Ces, Yung Hurn und Chief Keef und verabschiedet sich mit ihrem Frauenrapquoten-Skit unter tosendem Applaus.

Warum die Arena ihren Namen trägt merkt man schnell. Der hintere Teil der Halle geht tribünenartig nach oben und führt zu einem seitlichen Balkon mit Bar. Die sitzenden Besucher werden sich im Laufe des Abends nicht mehr erheben und dürften high von dem Lean mit Almdudler sein, Slow down statt Turn up, dieser findet dafür umso ausgelassener in den vordersten Reihen statt. Gegen halb neun betritt Crack Ignaz in Steppjacke die Bühne und eröffnet mit dem „James Dean Remix“ vom neuen „Marmeladé“-Mixtape. Links neben dem DJ-Pult befindet sich ein moosgrünes Sofa, das den Charakter des Abends erahnen lässt. Anstelle seine Gäste ins Vorprogramm zu verfrachten, bindet sie Ignatius ein, um gelegentlich zrucklahnt auf dem Sofa zu pausieren. Es dauert auch nicht allzulange bis mit Däk Intellekt der erste Gast aus der HPF-Crew angekündigt wird, zuvor gibt es mit „Based im Nebel“ noch einen Classic. Neben Däk kommen auch Krank Spenca, Drexor und Aloof Slangin zum Einsatz. Auch Meilner ist anwesend, den meisten bekannt durch den Song „Christus & Blitz“ mit Yung Hurn, dessen Fehlen er auch verkündet. Dafür rappt er seinen Part. Selbiges macht Crack Ignaz mit Young Krillin auf „#DWIBSY“ samt Shoutout. Generell blickt man bei den Beziehungen der Österreicher nicht mehr durch und weiß nicht ob es irgendwo gekracht hat. Einen Beat von Wandl sucht man heute vergebens. Dafür ist Lex Lugner unter den Besuchern auf dem Balkon, der vor „Gödlife“ von unten identifiziert und gepriesen wird. Als Ahzumjot ran darf, spricht er die Bruh-Thematik kurz an und spielt als letzen von drei Tracks „Mein Bruh“. Fans von „I bims das“ kommen leider nicht auf ihre Kosten. Juicy Gay ist wohl vermutlich grad auf Ibiza. Und spätestens als mit LGoony der letzte Gast am Start ist, fragt man sich wo die als very special angekündigten Gäste heute steckten. Das ist dann aber auch halb so schlimm, denn was folgt sind Hits. Angefangen bei „oida wow“ über „NASA“, „Millionen Euro“ und „Gwalla“ bis zu „oida wow“ zurück. Abriss mit „Tokyo Boys“, Scheine fliegen durch die Lobby, LGgoony spricht sich „Heilig“ und beweist dass er wirklich Hitters in Wien hat durch Pistolenhandzeichen im Publikum, das nun selbst von „Wasser“ gehittet wird. Das Entertainment endet damit, dass Crack Ignaz nach zwei Stunden „K1 Zeit“ mehr auf der Bühne hat, dafür aber für den Merchstand.

 

Finale: Donnerstag

Aus der Ferne war man dazu verleitet zu glauben, Wien stelle so etwas wie ein neues Rap-Epizentrum dar. Die Begeisterung für Hip-Hop unterscheidet sich allerdings kaum von deutschen Städten und lag im Konzertpegel auch nicht darüber. Ö-Rap ist eher ein Exportschlager. In der City ist vom urbanen Szenegeist wenig zu spüren, zu sehr überwiegt der Tourismus- und vorweihnachtliche Konsumwahn. Die prunkvollen Gebäude und Skulpturen wirken fast so befremdlich wie die zahlreichen Punschstände der elitären Serviceclubs. Nichts ist so seltsam wie der Winter in Wien.

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