BACKSPIN Unterwegs: Brainwash Festival in Berlin

brainwashMusikfestivals gibt es ja bekanntlich nicht erst seit gestern. In der letzten Zeit ist ist aber ein neuer Trend in der deutschen Rapszene angelangt: Mini-Festivals, oder wenn man so möchte, Open Air Konzerte einzelner Künstler inklusive Gästen.
Casper legte bereits letztes Jahr mit seinen Castivals gut vor, mittlerweile ziehen einige nach. (Hamburger) Straßenrap-Fanatiker pilgern beispielsweise am 03.09. auf das MS Dockville Gelände in Hamburg, um dort dem Open Air Konzert der 187 Strassenbande beizuwohnen.
Was Hamburg kann, kann Berlin aber auch schon lange. Kool Savas, nach eigener Aussage der King of Rap, rief kurzerhand das Brainwash Festival ins Leben. Knapp zwei Wochen im ersten Durchlauf in München getestet, kam Essah am 26.08. nachhause und gastierte in der Zitadelle Spandau.

Sonne und T-Shirt-taugliche-Temperaturen sind natürlich ganz nice, aber Petrus musste natürlich wieder übertreiben. Mit knapp über 30Grad herrschte wettertechnisch Ausnahmezustand – über die Schlangen an den Getränkeständen müssen wir an dieser Stelle, glaube ich, gar nicht sprechen. Jedenfalls eröffnete Nimo aus dem Frankfurter Azzlack-Camp als erster Künstler das Brainwash-Festival. Schade, da ein Großteil der mehreren tausend Besucher durch verschärfte Sicherheitskontrollen noch gar nicht auf dem Gelände angelangt waren, doch dazu später mehr. Mit Besuch aus Frankfurt ging’s weiter: Freunde von Niemand-Rapper Vega und Bosca enterten die Bühne und legten trotz wahnsinnigen Temperaturen sportliche Höchstleistungen während ihrer Performance ab. Übrigens kam es auch für die meisten Fans nicht in Frage, sich lieber um einen entspannten Platz im Schatten und ein kühles Getränk zu kümmern, aber man hat ja nun schließlich auch Eintritt gezahlt und ist hier, um Künstler zu erleben.

Wir reihten uns dann doch bei vielen Eltern und älteren Fans ein und sicherten uns einen Platz an der Seite des Geländes.

Für die Moderation, beziehungsweise die Überbrückung der Zeit zwischen den Auftritten war Visa Vie zuständig, die nach jedem Künstler auf die Bühne hüpfte und zwischenzeitlich die Fans mit Getränken und kostenlosem Merchandise versorgte. Für letzteres musste allerdings auch was getan werden. So bat sie zwei Freiwillige aus dem Publikum auf die Bühne, damit diese accapella rappen und somit um das versprochene Shirt buhlen konnten. Nun passiert sowas ja nicht zum ersten Mal und die Chance, sich bei dieser Gelegenheit bis auf die Knochen zu blamieren, ist relativ hoch, wie auch Visa Vie wusste. So ausführlich muss man jetzt auch nicht über dieses improvisierte Battle sprechen. Das einzige, was ich loswerden möchte, ist ein riesengroßes Shoutout an die junge Dame, die auf die Bühne kommt und mal eben „Mona Lisa“ von Savas vor ein paar tausend Leuten rappt als wäre es nuffin’.

Kommen wir zurück zum Thema Sicherheitskontrollen. Jeder, der zumindest ein klitzekleines bisschen Rap-affin ist oder wenigstens Boulevard-Medien verfolgt, sollte mitbekommen haben, dass Alles Oder Nix-Kopf Xatar und Banger Musik-Signing KC Rebell nicht unbedingt die besten Freunde sind. Umso mehr wunderte es mich, dass KC Rebell trotz der aktuellen Ereignisse den Mut besaß, in Berlin aufzutreten. Jetzt sei mal dahingestellt, ob die scharfen Sicherheitskontrollen wegen des Rapper-Beefs oder wegen im allgemeinen erhöhter Terrorgefahr stattfanden. Wer sich die Menschen auf dem Gelände allerdings mal etwas genauer anschaute, konnte leicht erkennen, dass es auch eine ungewohnt hohe Dichte an Zivilpolizisten gab. Zusätzlich ertönte nach jedem Auftritt eine Bandsage der Zitadelle, in der auf erhöhtes Gefahrenpotenzial während der Veranstaltung hingewiesen wurde und empfohlen wurde, sich mit den Fluchtwegen des Geländes vertraut zu machen. Was bei mir selbst ein flaues Gefühl im Magen hinterließ, übertrug sich ziemlich offensichtlich auch auf den Rest des Publikums. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Künstlern schien die Stimmung während des Auftritts von KC extrem gedrückt. Natürlich waren obligatorisch ein paar Hände oben und vereinzelt wurde Textsicherheit bewiesen – dennoch wurde er während der gesamten Performance nicht wirklich warm mit dem Publikum.

Logisch, dass sich die Stimmung schlagartig ändert, sobald der Headliner des Abends endlich die Bühne betritt. Savas eröffnet seinen Auftritt mit Material aus seinem aktuellen Album „Märtyrer“ und liefert wie immer eine solide Live-Performance ab. Neue Songs wechseln sich mit alten à la „Mona Lisa“, „Rapfilm“ oder „LMS“ ab und auch für einen Xavas-Hit bleibt noch Zeit, obwohl Xavier Naidoo nicht dabei sein kann. Unabhängig von der musikalischen Darbietung fällt sehr positiv auf, dass Savas offenbar bester Laune war. Zwischendurch erzählt er immer wieder witzige Anekdoten (bitte, wirklich keine Nacktbilder mehr via Snapchat!) oder bittet ein kleines Mädchen im Publikum, sich doch bitte während „LMS“ die Ohren zuzuhalten. Kleinigkeiten, mit denen Künstler abseits ihres musikalischen Schaffens zusätzlich Pluspunkte sammeln.

Das Highlight, auf das sicherlich ein Großteil des Publikums gewartet hat, erfolgt relativ spät. Ungefähr eine halbe Stunde vor Schluss betritt Azad – vom Gastgeber (zurecht)! als „der Erfinder des Straßenrap in Deutschland“ vorgestellt, die Bühne. Gemeinsam performen sie Hits wie „Monstershit“ oder den Ohrwurm-Garant „All 4 One“, bis schließlich noch Sänger Moe Mitchell dazu stößt und das Trio den Klassiker „Immer wenn ich rhyme“ performt. Einerseits war es ein unfassbares Erlebnis, Kool Savas und Azad gemeinsam auf einer Bühne zu sehen. Lange Zeit hätte ich mir nicht vorstellen können, die Kombi noch einmal live erleben zu dürfen. Ein klein wenig mehr Bühnenzeit für Azad, wäre wünschenswert gewesen, aber man kann ja auch nicht alles haben. Beenden tut Essah das Brainwash Festival wieder allein (beziehungsweise mitsamt Back Up Laas Unltd. und DJ Sir Jay) auf der Bühne und hinterlässt ein sichtlich zufriedenes Publikum, das eine Frage sicherlich richtig beantworten würde: Wer ist der Beste? Komm’, wir fragen mal die Crowd.

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