BACKSPIN unterwegs: beim Battle of the Year 2016

Battle of the Year

Die Floorriorz konnten den Pokal noch ein weiteres Jahr mit nach Japan nehmen.

 

Jeder der sich schon Mal halbwegs ernsthaft mit Hip-Hop Geschichte auseinandergesetzt hat, der kam an Begriffen wie „Die vier Elemente“ nicht vorbei. Die Bestandteile, aus denen sich die die Hip-Hop Kultur seit Anbeginn zusammensetzt sind das MCing, das sich rein kommerziell wohl am stärksten von den anderen abhebt und mittlerweile sogar ein Eigenleben, losgelöst von den anderen drei Bestandteilen, entwickelt hat, das DJing, mit dem überhaupt alles anfing, das Writing, wegen dem sich auch heute noch zahlreiche Künstler im Konflikt mit der Staatsgewalt befinden und das B-Boying oder auch Breakdancing, um dass es heute gehen soll. Aber genug aus dem Hip-Hop Lexikon, widmen wir uns einem der wichtigsten Hip-Hop Termine eines jeden Jahres: Das Battle of the Year.

 

Für mich ging es in diesem Jahr zum ersten Mal zum Finale, bei dem sich die besten B-Boys der Welt treffen und das gerade einen großen Umzug hinter sich hatte. Nachdem das 1990 in Hannover gegründete Battle of the Year lange Zeit in Braunschweig ausgetragen wurde und zwischenzeitlich sogar einen Ausflug ins französische Montpellier machte, sollte nun eine neue Ära für das BOTY beginnen – und zwar in Essen.

Entgegen dem Städtenamen erwies es sich für uns allerdings erstaunlich schwer, etwas vernünftiges Essbares zu finden. Ob Zino und ich uns einfach erstaunlich dumm angestellt haben, oder einfach nur Pech hatten, irgendwie war alles zu oder wurde renoviert. Am Ende sind wir in einer Art Hybrid aus Späti und Pizzeria gelandet, bei der wir eine deutlich leckerere Pizza mitnahmen, als das Türschild es vermuten ließ. Aber darum soll es ja nicht gehen, also ging es zur Grugahalle bei der Messe Essen, in der unter anderem auch Haftbefehl und Sido vor knapp einem Jahr einen musikalischen Schaukampf veranstalteten.

Schnell akkreditiert, ging es dann auf zum Ort des Geschehens, in die Halle. Dort hatten sich sowohl im Innenraum als auch auf den Rängen schon ziemlich viele Besucher eingefunden – und das, obwohl draußen noch eine riesige Schlange aus Wartenden zu sehen war. Das erste, was ins Auge stieß: Trotz der großen Halle herrschte irgendwie eine familiäre, Atmosphäre, so eine Art „Jeder kennt hier Jeden“-Feeling. Überall wurde in Kreisen gecyphert, ganz nach demselben Prinzip, wie auch beim Rap: Wer seine Moves zeigen wollte, stieg einfach ein und präsentierte sie den anderen in der Runde aus dem Mittelpunkt, wenn die Musik mal aussetzte, klatschten die Zuschauer den Takt einfach weiter. Parallel dazu wurde sich eine Etage darüber bereits für die Auftritte vorbereitet. Die einzelnen Crews, die aus der gesamten Welt angereist waren, zupften ihre Outfits zurecht, gingen das Programm noch mal durch, während auch neben ihnen einige B-Boys für die es heute nicht mehr auf die Bühne gehen sollte auf einem großen, scheinbar genau für dafür geschaffenen Red Bull Logo cypherten. Dann ging es los. Schwerer Bass setzt ein, D-Stroke aus New York betritt die Bühne, gibt eine Hand voll Songs zum Besten und bittet schließlich auch MC Trix auf die Bühne, für Fans des BOTY keine unbekannten Gesichter, als Hosts des Events konnten Beide bereits Erfahrungen sammeln und sorgten so gleich für ziemlich ausgelassene Stimmung unter den Besuchern – und das, obwohl sie noch nicht eine Crew auf der Bühne zu sehen bekamen. Denn bevor es mit dem eigentlichen Wettbewerb losgehen sollte, gab es noch einige, ich nenne es Mal „Formalia“ zu klären. So mussten sich unter anderem die beiden DJs Fleg aus den USA und Nobunaga vorstellen und gleichzeitig ihr Talent als B-Boys unter Beweis stellen.

Battle of the Year

 

Wirklich anspruchsvoll wurde es dann im direkten Anschluss, schließlich brauchte es für das Battle of the Year auch in diesem Jahr fachkundige, erfahrene Punktrichter. Die insgesamt fünf Stühle wurden belegt von Moy aus Amerika, Bootuz aus Russland, Hong 10 aus Süd-Korea, der Franzose David Colas und B-Girl AT aus Finnland, die in ihrer Vorstelltungsrunde gleich klarmachten, dass sie ihren Platz nicht umsonst besetzen. Nach und nach stellten sich jetzt die Crews vor, insgesamt zwölf Performances bekamen die Punktrichter zu sehen um im Anschluss fleißig Punkte zu verteilen. Bereits an den Reaktionen des Publikums ließ sich offenkundig ablesen, dass besonders die Crews aus Frankreich, Taiwan und Japan für Begeisterung sorgen konnten, auch die Battle Toys aus dem Stuttgarter Raum, die quasi Heimspiel feierten bekamen reichlich Rückhalt aus der Menge. Einen kleinen Einschub im Programm gab es dann, als die Hälfte der Performances gelaufen war. Gegen 20 Uhr betraten die wohl jüngsten Teilnehmer des Abends die Bühne. Die Gewinner des Vorentscheids BOTY Kids kamen aus Belgien und traten außerhalb des Wettbewerbs als Showcase auf, mit ihren Moves hätten sie wahrscheinlich sogar Chancen gehabt, einigen der erwachsenen Kollegen ernsthaft Konkurrenz zu machen.

Battle of the Year

 

 

Als schließlich alle teilnehmenden Crews aus Österreich, Italien, Frankreich, Taiwan, Belgien, Israel, Japan, China, Griechenland, Weißrussland und natürlich Deutschland,d abgeliefert hatten zogen sich die Punktrichter zurück um zu einem Ergebnis der ersten Runde zu kommen. Noch einmal erinnerte MC Trix daran, dass insgesamt drei Crews aus Nigeria, Kamerun und dem Senegal, die sich auch für die Endrunde qualifiziert hatten, nicht teilnehmen konnten, da es für sie Probleme bei der Anreise gab.

Knapp 20 Minuten später – die freie Zeit wurde in der Halle erneut zum cyphern genutzt – gab es dann die Ergebnisse und somit auch gleich die Paarungen für die nächste Runde. Während sich die Crews in der ersten Hälfte nur selbst darstellen mussten, kam es jetzt zum namengebenden Teil des Abends: Den Battles.

Die Gastgeber schafften es dabei leider nicht in die Runde der besten Sechs. Während die Crews auf Platz Eins und Zwei schon fest für die beiden Halbfinals gesetzt waren, ging es jetzt darum, ihre Gegner ausfindig zu machen. Zum einen traten Body Carnival aus Japan und Taoyuan City Top Coalition aus Taiwan im Duell der Nachbarinseln gegeneinander an, die Tänzer aus Japan konnten sich dabei vor der Jury klar behaupten und gewannen souverän und mit einem sicheren Vorsprung. Im zweiten K.O.-Battle trafen die Kienjuce Crew aus Weißrussland gegen STO aus China. Hier konnten sich die Weißrussen durchsetzen, somit standen auch die Paarungen für die anstehenden Halbfinals: Die französische Melting Force trat gegen die Kienjuce Crew an, Body Carnival qualifizierte sich für das Battle gegen die Titelverteidiger, Die Floorriorz, die ebenfalls aus Japan angereist waren.

Bevor es auf der Bühne allerdings mit Breakdance Programm weiterging, wurde erst einmal ein kleiner Ausflug in ein weiteres Hip-Hop Element gemacht. Mit Rhazel hatte das BOTY in diesem Jahr einen wahrlich hochkarätigen Gast auf der Bühne. Als langjähriges Mitglied der Band The Roots und der selbsternannte „Grandmaster of Noise“ war einer der wohl besten Beatboxer der Welt zu Gast. Mitgebracht hatte er den MC Supernatural, der besonders für sein ausgeprägtes Freestyle Talent Ruhm erlangte. Mit dem dröhnenden Bass Rhazels Stimme Rücken gab es das volle Programm seines Könnens geboten. Sowohl Imitationen von großen Rappern wie Busta Rhymes oder Biggie als auch das klassische Konzept, dass das Publikum seinen Freestyle mit auf die Bühne gereichten Gegenständen beeinflussen kann.

Battle of the Year

 

Mittlerweile schon nach 22 Uhr ging es an den wirklich entscheidenden Teil des Abends, die ersten drei Plätze wurden ausgemacht. Im ersten Semifinale kam es zum japanischen Derby, nach knapp 15 Minuten stand mit dem Titelverteidiger, den Floorriorz bereits der erste Finalist fest. Nachdem sie bereits im letzten Jahr ihr Können bewiesen hatten, zogen sie wieder mit einem ansehnlichen Vorsprung ins Finale ein. Etwas knapper wurde es bei der Vergabe des zweiten Finalisten-Platzes. Mit einem Ergebnis von 2:3 konnte sich die Crew Melting Force, die auch im Publikum starken Rückhalt genoss, gegen die weißrussische Kienjuce Crew behaupten.

Damit war es Zeit für das Finale. Bevor das entscheidende Battle startete, wurde es allerdings noch ein letztes Mal ruhiger in der Halle. Trix und D-Stroke erinnerten an alle Größen, die die Hip-Hop Kultur im letzten Jahr verloren hatte, verstorbenen Pionieren wie Phife Dawg von A Tribe called Quest wurde mit einem Meer aus Handy-Flashlights gedacht, bevor MC Trix beinahe in vollkommener Ekstase das Finale gemeinsam mit Publikum eröffnete und über die Bühne hüpfend ein letztes Mal für den Abend „Let the Battle begin!“ ins Mirko brüllte.

 

Am Ende konnten sich erneut die Flooriorz durchsetzen und dürfen nun auch ein weiteres Jahr die Trophäe behalten. Doch schon zuvor wurde schnell klar: Wer hier am Ende gewinnt, steht gar nicht an erster Stelle. Das beinahe familiäre Zusammentreffen eines Kulturzweiges, der sich in den letzten Jahrzehnten neben Elementen wie dem Rappen oder Auflegen zu einem eigenständigen, harmonischen Kosmos entwickelt hat. Die ersten, die die Sieger euphorisch beglückwünschten waren die Tänzer der Melting Force, zweitplatzierte und dennoch war ihnen keine Enttäuschung anzusehen.

 

Fotos: Yannick Wilmsen

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