BACKSPIN unterwegs: bei Frauenarzts „AB 18!-Tour“

 

Frauenarzt Live Mutterficker Ab 18 Tour (22 von 26)

„Zieh dein Shirt aus!“: Performt wurde auf der Bühne ohne Oberteil.

Mit seinen knapp 20 Jahren Erfahrung im Rapgame konnte Frauenarzt bereits das ein oder andere Release aus dem Boden stampfen. Dabei ist von seiner eigentlich sehr umfangreichen Diskographie heute allerdings nicht mehr allzu viel übrig. Sage und schreibe 13 seiner Alben und Tapes sind seit 2002 dem Index zum Opfer gefallen und deshalb nicht mehr für Jugendliche zugänglich. Ein Grund für die Berliner Untergrundlegende, den alteingesessenen Fans pünktlich zum Release seines langerwarteten neuen Solo-Albums „Mutterficker“ eine Live-Show inklusive alter, indizierter Hits anzubieten. Einlass erst ab 18 Jahren, versteht sich. Insgesamt sechs Clubs steuerte der Bus seines neu gegründeten Labels Proletik dabei an. Wir haben das Tourfinale im Kölner Underground besucht. Schon vor dem Konzertbeginn konnte man vor dem Club die Zielgruppe erkennen: Es warteten fast ausschließlich Männer zwischen 25 und 35 auf den Einlass, nur hier und da mischte sich mal ein weiblicher Fan dazwischen.

Frauenarzt Live Mutterficker Ab 18 Tour (1 von 26)Zuerst hieß es für die Fans vor der Bühne aber: Abwarten und Bier trinken. Losgehen sollte es nämlich erst im 21 Uhr. Bevor der Protagonist des Abends seine Show abliefern sollte, war sein erstes Signing bei Proletik, MC Bomber angekündigt. Wer den Ostberliner schon einmal auf der Bühne gesehen hat, weiß, dass man bei der Show als Zuschauer pure Ignoranz geboten bekommt. Alleine, nur mit dem Mikrofon und einem MIDI-Controller betrat er die Bühne, rund eine halbe Stunde heizte er dem Publikum mit Songs von seinen „Pberg Battletapes“ und Parts vom „Nordachse“-Album mit Kumpel Shacke One ein. Natürlich nicht, ohne den ein oder anderen Gast mit einen Augenzwinkern zu battlen oder einzelne Zeilen einfach wegzulassen. Sein Set war dann mit der ersten Single über seine neue Labelheimat abgeschlossen, „Keine Wissenschaft“, das auch als Split-Video mit dem „Mutterficker“-Intro „KKF“ erschienen ist, leitete zur Frauenarzt Show über. Als dann eben dieses Intro durch die Boxen dröhnte, begannen erwartungsgemäß bereits die ersten Grüppchen im Publikum zu pogen, die Ellenbogen flogen schon ab den ersten Textzeilen. Auch ein paar Handys konnte man in der Luft entdecken, im Vergleich zu anderen Rap-Konzerten hielt sich die Foto- und Filmdrang im Publikum aber erfrischend in Grenzen.

Das Showkonzept war altbewährt: „Two Turntables and a Mic. Kein Back-Up, kein Playback. Um einen Aspekt erweiterte er das klassiche Hip-Hop-Konzept auf der Tour jedoch, flankiert wurde das Bassboxxx-Oberhaupt auf der Bühne von zwei (noch) Merchandise tragenden Tänzerinnen. Mit der Tour-DJane YO-C an den Plattentellern war Frauenarzt auf der Bühne damit quasi der Hahn im Korb. Dem folgenden Aufruf „Zieh dein Shirt aus!“ kamen schon nach fünf Show-Minuten erste Frauenarzt Live Mutterficker Ab 18 Tour (16 von 26)Besucher nach. Frauenarzt und seine beiden Tänzerinnen gingen mit gutem Beispiel voran, performt wurden die Songs vom neuen Album oberkörperfrei. Dabei erwiesen sich die Beats, die das Duo Dumme Jungs, das unter anderem für den ein oder anderen Songs aus Atzen-Tagen verantwortlich zeichnen und ex- Aggro Berlin Chef Specter als Hell Yes für das erste Album seit dem 2008 erschienen „Dr. Sex“ gebastelt haben, als äußert Live-tauglich. Zu Titeln wie „Blaulicht“, „Eine Kugel“ oder „666“ fanden sich in der Mitte des Undergrounds erste Moshpits zusammen. Sein Gast auf der Bühne war nur wenig überraschend, zusammen mit MC Bomber wurde die gemeinsamen Songs „Alles Gute“ und „Wir geben keinen Fick“, zu dem das Underground in ein Strobogewitter gehüllt war, dargeboten.

Nach einer kleinen Pause kam es dann zur zweiten, von den meisten Fans sehnlichst erwarteten Hälfte der Show und dem Grund, warum am Einlass ausnahmsweise bei jedem der Ausweis kontrolliert wurde. Die Worte „Lass dich geh‘n“ schallten zwar schon Frauenarzt Live Mutterficker Ab 18 Tour (11 von 26)als Querverweis auf „Zieh dein Shirt aus“ durch die Boxen, dass man das Original vom indizierten 2002er Album „Porno Party“ Live hörte ist allerdings tatsächlich mittlerweile rund zehn Jahre her, auch der Titelsong des Albums schaffte es natürlich in die Setlist. So reihte sich Klassiker an Klassiker, die Kölner bewiesen ihre Textsicherheit bei den vornehmlich von DJ Reckless produzierten Hits wie „Tanga Tanga“. Kaum ein Songtitel beschreibt dabei den Abend besser als „Brenn den Club ab“. Ob aus Kollaborationen mit Blokkmonsta als Blokk und Arzt, Atzen-Kollege Manny Marc oder King Orgasmus One, auch wenn man auf die Partner verzichten musste, gab es den ein oder anderen legendären Part des deutschen Porno-Rap zu hören. Die Stücke aus „Porno Mafia“ und „Geschäft ist Geschäft“ blieben den Besuchern trotz der Altersbegrenzung verwehrt, da das Album auf Liste B des Index steht. Immerhin brachten die Songs darauf Arzt sogar eine Klage samt Verurteilung ein. Die Stimmung drückte das allerdings nicht, bis in die hinteren Reihen sah man das vornehmlich oberkörperfreie Publikum Kreisel bilden. Nach etwas mehr als zwei Stunden näherte sich das Konzert dann allerdings dem Ende. Für die Zugabe wurde noch einmal mit Geld durch das Underground geworfen. Zu „Hunnis im Club“ rief Frauenarzt seine Fans noch einmal zum Moshen auf. Doch auch nachdem die Lichter nach der Zugabe ausgingen, kam DJ YO-C noch ein zweites zurück auf die Bühne. Jedem Frauenarzt-Fan dürfte aufgefallen sein, dass ein Hit das Underground noch nicht zum beben brachte. Mit dem wohl bekanntesten Frauenarzt Solo-Song „T-Shirt und Jeans“ wurde zum Finale angesetzt. Schnell wurde daraus allerdings lediglich „Ich trage Jeans“, zum Hell Yes Remix von „Zieh dein Shirt aus“ durfte ein letztes Mal kollektiv das Oberteil durch die Luft geschwenkt werden.

Ob man sich lange gedulden muss, bis die alten Hits das nächste Mal auf der Bühne zu sehen sein werden, wird sich zeigen, seine Abnehmer findet es, wie die fast restlos ausverkaufte Tour beweist, auf jeden Fall. Auch die Leidenschaft und Freude, die etwas eingestaubteren Stücke aus dem Hut zu zaubern, sah man Frauenarzt an, immerhin lieferte er unter vollem Körpereinsatz eine ausgedehnte Show, die so manch anderes Hallenkonzert problemlos in den Schatten stellen kann. Und das obwohl der Bassboxxx-Gründer mittlerweile auf die 40 zugeht. Um es also kurz zu machen: Ich werde auch das nächste Mal wieder dabei sein, wenn der „Mutterficker“ einlädt.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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