Iman Magnetic über seine musikalische Pause und „Back to Square One“

Foto von Uli Heckmann

BACKSPIN SPOTLIGHT

Name: Iman Shahidi
Alter: zu alt für den Scheiss!
Wohnort: München
Produziert seit: 1997
Favorite Hip-Hop-Songs: 1. Pete Rock & C.L. Smooth – They Reminisce Over You“ 2. Gang Starr – „Mass Appeal“ 3. Mobb Deep – „Shook Ones“ pt. 2 4. Shurik‘n – „Samurai“5. Big Daddy Kane – „Ain‘t No Half Steppin‘“
Favorite Hip-Hop-Producers: Pete Rock, Diamond D, DJ Premier, The Ummah, Hi-Tek, Bink
Favorite Non-Hip-Hop Production: Claus Ogerman – Gate of Dreams, D‘Angelo -Brown Sugar, Nils Frahm -All Melody
Aktuelle Produktionen: „Back to Square One“

Für viele Kritiker und Fans gehört Square One‘s 2001 erschienenes „Walk Of Life“ bis heute zu den besten Hip-Hop Veröffentlichung, die in Deutschland aufgenommen wurden. Für die Produktion verantwortlich zeichnete sich Iman Magnetic. Nachdem die Crew sich kurz nach der Album Veröffentlichung getrennt hatte, wurde es ruhig um den Münchner mit persischen Wurzeln. Dieser Tage steht die Veröffentlichung seiner ersten Instrumental Scheibe an, Grund genug Iman in einem Producer Spotlight zu beleuchten.

Wie bist Du zum produzieren gekommen?

Als ich das erste Mal „They Reminisce Over You“ von Pete Rock & C.L. Smooth gehört habe, hat sich für mich eine komplett neue Welt geöffnet. Ich hatte mich bis dato nicht sonderlich für das Produzieren interessiert und wollte eigentlich lieber rappen. Aber dieser eine Song hat alles verändert. Ich wollte danach sofort wissen, woher das Saxofon, die Drums und jedes einzelne Segment des Instrumentals stammten. Und als später das Album »Mecca & The Soul Brother« rauskam, wurde das zu meiner Bibel. Jeden einzelnen Song habe ich auseinandergenommen um herauszufinden, mit welchen Geräten Pete Rock produzierte und welche Samples er benutzt hatte. Ich trieb mich fast jeden Tag nach der Schule in irgendwelchen Plattengeschäften auf der Suche nach den Samplequellen herum. In dieser Welt aus Jazz, Soul, Funk, Reggae und Rock konnte ich mich stundenlang verlieren. Daraus ein neues Musikstück zu bauen, war für mich wie ein Wunder. Solche Wunder wollte ich fortan selbst kreieren.

Zwischen dem Square One Album „Walk Of Life“ und Deinem Instrumental Album liegen knapp 20 Jahre. Was war der Grund, dass Du fast zwei Jahrzehnte von der Bildfläche verschwunden warst?

Wenn ich heute zurückblicke, muss ich zugeben, dass das „Square One“ Album damals nicht ganz spurlos an mir vorbeiging. Je mehr Zeit nach dem Split verging, desto größer wurde die Enttäuschung. Enttäuschung gescheitert zu sein, musikalisch, vor allem persönlichen freundschaftlich. Ich machte mir Vorwürfe und suchte die Schuld bei mir und verlor gleichzeitig die Lust am Musik machen, zog mich immer mehr zurück und widmete mich aber gleichzeitig immer mehr meiner normalen Arbeit. 

Was hast Du in der Zeit gemacht? Hat Musik noch eine Rolle in Deinem Leben gespielt?

Musik hat und wird immer eine Rolle in meinem Leben spielen. Manchmal eine Hauptrolle, manchmal eine Nebenrolle. Sie begleitet mich aber täglich. Nach dem Square One Split hatte ich den Spaß am Produzieren verloren, habe aber trotzdem noch Beats gebastelt und irgendwann als etwas Gras über die Sache gewachsen war, kam auch die Lust und der Spaß wieder zurück und ich verbrachte wieder mehr Zeit an der MPC. Über MySpace machte ich einige Connections zu japanischen Labels und hatte paar Veröffentlichungen dort, u.a. ein Remix für C.L. Smooth. Mit dem Label Miclife, das damals das Square One Album in Japan veröffentlichte, hatte ich sogar einen Vertrag über ein Instrumental-Album abgeschlossen. Irgendwann mitten in der Produktion hieß es aber, dass das Label wirtschaftliche Probleme hätte und vorerst keine neuen Veröffentlichungen stemmen kann und somit landeten die Tracks erst einmal in der Schublade.

Kurz darauf habe ich mit Ali Rasul wieder langsam den Kontakt aufgebaut. Er lebte zu der Zeit in Vancouver und arbeitete gerade an einem Album und wollte auch Beats von mir. So fingen wir wieder an zusammenzuarbeiten und planten sogar eine Square One Reunion. Aber dann kam aus dem Nichts die Nachricht über seinen Tod und das hat mir den Boden unter die Füße weggerissen. Vor allem als ich ein Jahr später nach Vancouver reiste und an seinem Grab stand und realisierte was passiert war. Trotzdem war es nicht zu begreifen. Und so kam es, dass ich zwischen 2010 und 2015 nicht einen Ton produziert habe.

Dann hat Dich die Muse aber wieder geküsst. Was war die Motivation die Maschinen wieder anzuwerfen?

Irgendwann zwischen 2010 und 2015 sagte ich zu mir, dass es wahrscheinlich besser wäre mit Musik machen aufzuhören. Es soll einfach nicht sein. Dann kam im Sommer 2015 aber eine Remix-Anfrage: Fabian von VinylDigital kontaktierte mich damals und erzählte, dass sie ein Masta Ace Remix-Album planen und ob ich nicht Lust ein Remix beizusteuern. Das war für mich der Funke der das Feuer wieder entfachte. Ich wollte es mir selbst nochmal beweisen. Also setze ich mich an die MPC und fing an zuschrauben und es fühlte sich vom ersten Augenblick wieder gut an.

Davon können sich Fans und Hörer nun auf deinem Instrumental Album überzeugen.

Das Album trägt den Titel „Back To Square One“ und beinhaltet 22 Instrumental-Tracks, die alle aus der Square One-Ära (1997-2001) stammen. Deswegen auch der Name „Back To Square One“ aber auch weil sich dieses Album, dass ja tatsächlich mein erstes Solo-Album ist, wie ein Neuanfang anfühlt. Ich war ja damals mit Square One einige Jahre im Game dabei und hatte mir auch außerhalb der Gruppe mit Produktionen wie u.a. „Wahre Liebe“ von Curse einen Namen gemacht, aber nach 17 Jahren Abstinenz kannst du nicht da anknöpfen wo du aufgehört hast. Also starte ich das Spiel wieder von Feld 1, nur das ich diesmal anders spielen werde.

Was wirst Du anders spielen?

Allein die Tatsache dass ich solo unterwegs bin, macht schon einen großen Unterschied aus. Ich entscheide zu 100% und muss nicht erst alles ausdiskutieren. Der Release findet auch in einem kleineren Rahmen statt als damals, somit hab ich auch eine größere Freiheit. Der Focus soll ganz klar auf die Freude am Musikmachen liegen und nicht das ganze Drumherum, wie z. B. der ganze Business-Kram.

Das Album erscheint via VinylDigital. Wie kam es dazu?

Nach dem ich den Masta Ace Remix abgegeben hatte, meldete sich Fabian bei mir und fragte ob ich nicht Lust hätte mehr mit ihnen zumachen. Ich sagte, das ich vorhabe ein Instrumentalalbum zumachen, das aber etwas dauern könnte. Wenn ich etwas mehr als die Hälfte des Album zusammen habe, würde ich mich gerne mit ihnen zusammen setzen. Dann 2016, nach dem Rerelease von „Walk of Life“, haben die Jungs mitbekommen, dass ich noch paar alte Schätzchen liegen habe und haben mir darauf das Angebot gemacht, die alten Instrumentals über VinylDigital zu veröffentlichen.  

Wie hat sich aus Deiner Sicht das Game zwischen den Square One Tagen und 2018 verändert? 

17 Jahre sind in der Musikbranche wie eine halbe Ewigkeit, das Game hat sich zwischenzeitlich sehr verändert. Allein die Art und Weise wie wir heute Musik konsumieren. Damals waren CD-Käufe das A und O. Heute sind es Streams und dazwischen hatten wir Downloads und in spätestens fünf bis sieben Jahren wird irgendetwas Neues dazu kommen. Die Zyklen werden kürzer. Auch der Zugang zu Musik ist viel breiter geworden. Jede Person mit einem Smartphone kann heute Musik hören und muss nicht einmal dafür zahlen. Und als Künstler hast du weitaus mehr Möglichkeiten deine Musik der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das führt wiederum zu einer noch nie da gewesenen Quantität, wodurch aber auch die Qualität leiden kann und Musik teilweise zur Ramschware verkommt. Das hat dann zur Folge, dass die qualitativ guten Sachen in diesem Überangebot untergehen.

Viele behaupten auch, dass Hip-Hop nicht mehr das ist was es mal war und trauern der Golden Era hinterher. Teilweise auch nachvollziehbar, allerdings war für mich Hip-Hop irgendwo immer wie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und die ändert sich natürlich mit den Jahren und momentan leben wir im Social Media Zeitalter und jeder möchte irgendetwas darstellen und auf sich aufmerksam machen. Nur leider schaffst du das heutzutage nicht allein durch Qualität. Die einfachsten Mittel sind da Provokation und zu polarisieren. Damit bekommst du die größte Beachtung, speziell in den sozialen Medien und dabei gerät die Musik bzw. die Qualität der Musik immer mehr in den Hintergrund. Erfreulicherweise gibt es aber immer noch Künstler wie Kendrik Lamar, J. Cole oder auch Anderson. Paak, die Erfolg durch Qualität verbuchen und nicht aufgrund von provokanten Videos auf irgendwelchen Social Media Kanälen. Besser wärs aber wenn es von diesen Künstlern noch ein paar mehr geben würde.

Damals war nicht zu überhören, dass du sehr von DJ Premier und Pete Rock geprägt warst. Was sind heutzutage deine Inspirationen und wie hat sich deine Arbeitsweise über die Jahre verändert?

Inspirationsquellen im Hip-Hop sind sehr wenig geworden. Natürlich gibt es aktuelle Produzenten, die ich gerne höre und ich mich auch mal inspiriert fühle, wie z.B. Nottz, Bink, Rashad, Flying Lotus, Freddie Joachim, Kaytranada, Oddiesse, Onra, Brenk… aber dass sie mich aus den Socken hauen wie damals Premo, Pete Rock oder The Ummah ist sehr selten geworden.

Heute inspiriert mich eine Platte wie „All Melody“ von Nils Frahm viel mehr oder Musik von Alexandre Desplat, Ryuichi Sakamoto oder Jazzgrössen wie Bill Evans.Meine Arbeitsweise hat sich auch nicht sonderlich verändert. Meine Tracks basieren nach wie vor auf Samples und die MPC ist immer noch dabei.

Siehst du dich jetzt fest im Instrumental Hip-Hop positioniert oder würdest du gerne auch wieder mit Rappern zusammenarbeiten?

Ich denke, dass ich mich erst einmal auf Instrumental Hip-Hop konzentrieren werde. Ich habe hier noch einiges in Schubladen und auf Festplatten rumliegen, arbeite aber auch seit einiger Zeit an neuen Sachen, was allerdings etwas dauern wird, da ich ja alles nebenbei mache. Habe jetzt auch keine konkreten Pläne geschmiedet, was nach „Back To Square One“ passieren soll. Ziel ist aber, versuchen konstant dabei zubleiben und wer weiß, vielleicht kommt dabei auch wieder eine Zusammenarbeit mit einem Rapper zustande. Schau ma‘ mal! Namen habe ich keine bestimmten im Kopf, muss nur passen.

Inwieweit unterscheidet sich die Herangehensweise bei der Produktion von Beats bei reinen Instrumentalstücken im Vergleich zu Raptracks? 

Bei mir nicht viel. Bei Raptracks muss man sich lediglich meistens an einem bestimmten Arrangement halten, bei Instrumentals weniger.

Wie darf man sich dein Studio Setup und Deine Arbeitsweise vorstellen?

Im Prinzip ist vieles gleich geblieben, nur das ich alte Modelle gegen Neuere ausgetauscht habe, denn irgendwann hast du einfach keine Zeit mehr um mit Zip-Disketten zu hantieren. Aber ich arbeite immer noch gerne mit der MPC und Logic und ein paar Synthis sind auch noch dazu gekommen. Ich muss aber zugeben, das mich momentan die Maschinen von Ableton und Native Instruments sehr reizen.

Ich arbeite hauptsächlich mit Samples und damit fange ich meistens auch immer an. Sample-Quellen sind meistens alte Jazz und Soulplatten. Ich bediene mich aber auch anderer Genres, vor allem Soundtracks haben es mir in letzter Zeit sehr angetan. Der Sample wird manchmal geloopt oder auch zerschnitten und neu eingespielt. Drum herum entsteht alles andere.

Hörproben aus „Back To Square One“ gibt es hier, das Album ist auch als limitierte Vinyl Version über Vinyl Digital erhältlich.

 

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1 Comment

  1. Gerhard

    14. Juli 2018 at 15:33

    Sehr feines Interview mit einem großartigen Produzenten.

Erzähl Digger, erzähl

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