Back in the Days: Wreckx-n-Effect (aus BACKSPIN #118)

„New Jack Swing“ von Wrecks-N-Effect ist 1989 die Hymne des gleichnamigen Movements, das R&B und Hip-Hop wie nie zuvor vereint und von Harlem aus die Popwelt erobert. Teddy Riley, der auf dem Song vertretene Mentor der Rap-Gruppe, ist der Pionier des New Jack Swing. Diesen Begriff prägt Barry Michael Cooper. In seiner Village-Voice- Titelstory „Teddy Riley’s New Jack Swing: Harlem Gangsters Raise a Musical Genius“ beschreibt der Journalist 1987 den Aufstieg des damals 20-Jährigen aus den St. Nicholas Projects. Bereits im Kindesalter beherrscht Riley mehrere Instrumente, er wird Kirchenorganist, hat Klub-Auftritte mit R&B-Bands und saugt die junge Hip-Hop-Kultur auf. Gene Grif n, ein berüchtigter Gangster und Musikproduzent, auf dessen Label Sound of New York 1982 der Disco-Hit „Last Night a DJ Saved My Life“ von Indeep erscheint, hält das Wunderkind von der Straße fern, wird sein Manager und Geschäftspartner bei der Produktions rma GR Productions. Nachdem Riley 1985 „The Show“ von Doug E. Fresh und im Jahr darauf „Go See the Doctor“ von Kool Moe Dee produziert, gelingt ihm ab 1987 mit seiner Gruppe Guy sowie den Sängern Johnny Kemp, Keith Sweat und Bobby Brown der große Durchbruch. Deren Hits etablieren einen neuen Sound, der den angestaubten R&B mit Hip-Hop-Beats, Synthesi- zer-Melodien und Go-Go-Percussions verjüngt und bald von Produzenten wie

Jimmy Jam und Terry Lewis sowie Babyface und L.A. Reid aufgegriffen wird.

Gleichzeitig entsteht in Harlem jene Gruppe, die fortan den Rap-As- pekt des New Jack Swing repräsentiert. Wrecks-N-Effect bestehen aus Teddys jüngerem Bruder Markell „Marky Mark“ Riley, seinem Halbbruder Brandon „B- Doggs“ Mitchell und deren Freund Aqil „A-Plus“ Davidson. Zur Unterstützung der Teenager verpflichtet Teddy einen erfahrenen MC: Keith „K.C.“ Hanns war

1980 jüngstes Gründungsmitglied des Masterdon Commit- tee. Die bis 1986 bestehende Gruppe um den legendären DJ Masterdon hat ihren größten Erfolg mit der 1982er-Single „Funkbox Party“, die 15 Jahre später als Vorlage für den Refrain von Master P’s „Make ’Em Say Uhh!“ dient.

1988 erscheint auf Atlantic Records die EP „Wrecks-N-Effect“.

Auf fünf der sechs Songs, darunter die Singles „Go for What U Know“ und „Let’s Do It Again“, ist K.C. als Leadrapper vertreten, während sich Aqil auf „I Need Money“ präsentiert. Markell sorgt für die Scratches, teilt sich mit Gene Grif n die Produzenten-Credits und spielt zusammen mit seinem großen Bru- der die Instrumente ein. Als der erhoffte Erfolg auch aufgrund fehlender Unter- stützung des Major-Labels ausbleibt, sorgt Gene Grif n mit Motown schnell für eine neue Labelheimat. K.C. verlässt Wrecks-N-Effect, um seine alte Gruppe wiederzubeleben. Kurz vor einem Major-Deal über GR Productions verstirbt jedoch Masterdon und K.C. zieht sich aus dem Musikgeschäft zurück.

Unterdessen erscheint 1989 das Debütalbum „Wrecks-N-Ef- fect“, auf dem nun Aqil die Rolle des Leadrappers übernimmt. Dieser zeigt sich als gewachsener MC, dem es vor allem um Spaß geht – sein Hauptthema sind Partys und Frauen. Und das Album liefert durchaus Grund zum Feiern: Die erste Single „New Jack Swing“ erreicht Platz eins der US-Rapcharts. Mit der zweiten Auskopplung „Juicy“, basierend auf demselben Mtume-Sample wie Biggies späterer Klassiker, landet das Trio einen weiteren Hit.

Das Album liefert die Rap-Variante des Sounds von Teddy Riley,

der sich laut Credits aufs Mixing beschränkt. Für die Beats sorgen Markell und Redhead Kingpin. Der New-Jack-Swing-Rapper ist auch auf dem Possetrack „Friends to the End“ zu hören. Mit seiner Gruppe Redhead Kingpin and The F.B.I. veröffentlicht er im selben Jahr das Album „A Shade of Red“, das ebenfalls von ihm und Markell produziert wird und die besonders in England populäre Single „Do the Right Thing“ hervorbringt.

Ihren Erfolg können Wrecks-N-Ef- fect jedoch nicht lange genießen: Am 8. August 1990 wird Brandon Mitchell bei einem Streit um eine Frau erschossen. Auch wenn der 20-Jährige auf den Platten kaum in Erscheinung trat, war er, wie Aqil später in einem Interview berichtet, als Bindeglied zwischen Markell und Aqil extrem wichtig für den Zusammenhalt der Gruppe. In der Folge ändern die beiden ihren Gruppennamen in Wreckx-N-Effect, wobei das X den Verlust des Mitglieds symbolisiert. Das zweite Guy-Album „The Future“ bein- haltet Ende 1990 den Song „Long Gone“, den Teddy Riley seinem Halbbruder Brandon sowie sei- nem Freund Antho- ny Bee widmet, der

im selben Jahr bei einem Backstage-Streit mit der Entourage von New Edition erschossen wurde. Zeitgleich erreicht der New Jack Swing seinen musikalischen Höhepunkt: Der „King of Pop“ verpflichtet den „King of New Jack Swing“ auf Empfehlung von Quincy Jones für sein neues Album „Dangerous“. Teddy Riley produziert insgesamt sechs Songs, darunter die Singles „Remember the Time“, „Jam“ und „In the Closet“. Wreckx-N-Effect sind bei den Aufnahmen dabei, geben Michael Jackson Rap-Lektionen und landen ein Feature auf „She Drives Me Wild“. Das Duo veröffentlicht 1991 darüber hinaus den von Teddy Riley pro- duzierten Theme-Song zum „House Party II“-Film und fertigt Remixe für Hits wie „D-O-G Me Out“ von Guy und „Is It Good to You“ von Tammy Lucas an.

Nach weiteren Tiefschlägen – der Auflösung von Guy sowie der von einem erbitterten Rechtsstreit und Morddrohungen begleiteten Trennung von Gene Grif n – zieht Teddy Riley zusammen mit Markell nach Virginia Beach, baut dort die Future Recording Studios auf, gründet die Gruppe Blackstreet und signt Wreckx-N-Effect bei seinem neuen MCA-Unterlabel Future Records. Aqil bleibt Harlem treu und kommt nur für Aufnahmen in den Süden.

Die Ankunft des Starproduzenten hat großen Einfluss auf Virginias Musikszene, aus der etwa Missy Elliott, Timbaland und The Neptunes hervorgehen. Letztere sind als Protegés bei den Aufnahmen des nächsten Wreckx-N-Effect-Albums dabei, das von Teddy Riley, Ty Fyffe sowie Aqil und Markell produziert wird. „Hard or Smooth“ erscheint Ende 1992 mit der Leadsingle „Rump Shaker“, auf der Teddy Riley genauso wie auf dem Albumtrack „New Jack Swing II“ zu hören ist. Seine Rap-Parts stammen aus der Feder des jungen Pharrell Williams. „Rump Shaker“ fehlt mit seinem eingängigen Saxofon-Sample und Refrain fortan auf keiner Hip-Hop-Party und klettert – nur geschlagen von Whitney Houston’s „I Will Always Love You“ – auf Platz zwei der US-Charts, während das am Strand gedrehte Video mit leicht bekleideten Frauen für Aufsehen sorgt. Dr. Dre ist davon angeblich so begeistert, dass er 1996 auf dem Blackstreet-Hit „No Diggity“ nur vertreten ist, um in einem Ted- dy-Riley-Video mitzumachen.

Außerdem nehmen Wreckx-N-Effect Einfluss auf das „Hot Sex“- Video von A Tribe Called Quest. Q-Tip trägt darin eine Skimaske, um sein schwer lädiertes Auge zu verbergen, das er davonträgt, als Wreckx-N-Effect vor einem Konzert eine Schlägerei anzetteln. Auslöser war der Tribe-Song „Jazz (We’ve Got)“ mit Phife Dawg’s Textzeile „Strictly hardcore tracks, not a new jack swing“, die die ablehnende Haltung vieler Hip-Hop-Heads gegenüber dem poppigen New Jack Swing widerspiegelt.

Der Beef mit Tribe und damit auch der Zulu Nation droht zu eskalieren und muss schließlich von der Nation of Islam geschlichtet werden. Danach bleiben Wreckx-N-Effect in New York viele Türen versperrt.

„Hard or Smooth“, das mit „Knock-N-Boots“, „Wreckx Shop“ und „My Cutie“ drei weitere Singles hervorbringt, verkauft sich zwei Millionen Mal, aber der Gruppe gelingt es nicht, daran anzuknüpfen. 1993 ist das Duo noch für den Beat von MC Lyte’s „Ruffneck“ verantwortlich und Markell im Folgejahr als Produzent auf mehreren Songs des ersten Blackstreet-Albums vertreten.

Als das dritte Album „Raps New Generation“ 1996 erscheint,

interessiert sich kaum noch jemand für die Gruppe. Den Titel des schwachen Werks beanspruchen längst andere. Aqil und Markell gehen anschließend getrennte Wege, arbeiten aber beide weiter mit Teddy Riley, dessen große Zeit Ende der 1990er endet.

2015 kommt es zu einer Reunion: Wreckx-N-Effect treten wieder gemeinsam auf und planen eine Comeback-LP. Im März 2016 feierte unterdessen mit „New Jack City“ jener Film sein 25-jähriges Jubiläum, der basierend auf Barry Michael Coopers Drehbuch nicht nur die Crack-Epidemie, sondern auch den New Jack Swing auf die Kinoleinwand brachte. Und so werden die großen Wreckx-N-Effect-Hits „Rump Shaker“ und „New Jack Swing“ in diesem Jahr sicher bei der einen oder anderen 40up-Party auf den Plattentellern landen. ¿

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