Back In The Days: L.A. Posse (aus der BACKSPIN MAG #110)

Die Hip-Hop-Geburtsstätte New York hat ihre Vorreiterrolle eingebüßt. Die großen Stars kommen heute ganz selbstverständlich aus Atlanta, Miami, Chicago, New Orleans oder sogar Toronto. 1986 ist dies anders: New York gibt klar den Ton an und schenkt Künstlern aus anderen Teilen der USA wenig Beachtung. Daher ist es eine kleine Sensation, als Russell Simmons 1986 zwei junge, unbekannte Künstler aus Los Angeles das zweite Album seines großen Stars LL Cool J produzieren lässt. Die beiden heißen DarrylBig DadPierce und DwayneMufflaSimon, zusammen bekannt als die L.A. Posse. In ihrer Heimatstadt freilich sind Darryl und Dwayne keine Unbekannten, sondern fester Bestandteil der frühen Hip-Hop-Szene. Sie sind Mitglieder von Uncle Jamm’s Army, jenem einflussreichen DJ- Kollektiv um Roger Clayton und Egyptian Lover, das bei seinen Auftritten in der L.A. Sports Arena vor bis zu 12.000 Leuten spielt.

Ihre erste eigene Single „Wild Wild West“ veröffentlichen Darryl und Dwayne 1985 unter dem Namen Def and Defiance. Im Folgejahr bringen sie als Double D mit „Autobotic Body Rock“ eine weitere Single heraus. Bei diesen Songs handelt es sich um damals L.A.-typische Electro-Nummern mit Uptempo-Beats und simplen Partyraps. Darryl und Dwaynes große Vorbilder sind jedoch Run- DMC. In L.A. entdecken sie einen hochtalentierten MC namens Breeze, für den sie ein erstes Demo produzieren. Dieses spielen sie Russell Simmons, den sie bereits über Roger Clayton kennen, bei der BRE Music Conference vor. Der Def-Jam-Boss ist begeistert und gibt ihnen kurzerhand einen Deal. Die beiden verlassen daraufhin die Westküste und beziehen eine Wohnung in Fort Greene, Brooklyn. In den Chung King Studios nehmen sie unzählige Songs für ein geplantes Breeze-Album auf, das jedoch nie erscheint. Simmons hat andere Sorgen: Rick Rubin missfällt, dass LL Cool Js plötzlich aufgetauchter Vater versucht, die musikalische Richtung seines Sohns zu beeinflussen. Der bisherige Produzent von LL konzentriert sich daher lieber auf Rockprojekte. So bekommen Darryl und Dwayne, die mittlerweile von Jam Master Jay auf den Namen L.A. Posse getauft wurden, ihre Chance. Als Unterstützung holen sie sich Bobcat, ebenfalls Mitglied bei Uncle Jamm’s Army, hinzu, der an der Produktion von „Bigger And Deffer“ entscheidend mitwirkt und LL’s DJ wird. Schließlich wird auch DJ Pooh, der mit Bobcat und Breeze den erweiterten Kreis der L.A. Posse bildet, in die Produktion eingebunden. Mit dem Album, das im Juli 1987 erscheint, eröffnet sich LL Cool J eine größere Hörerschaft. Auf die Single „I’m Bad“ folgt die erste große Rap-Ballade „I Need Love“, die ein weltweiter Charterfolg wird, aber zugleich Rick Rubin das Herz bricht.

1988 sorgt die L.A. Posse für mehrere Beats des Debütalbums von The Real Roxanne. Dwayne Simon ist zudem an der Entstehung von „Beats To The Rhyme“ von Run-DMC beteiligt und produziert LL Cool Js drittes Werk „Walking With A Panther“. Darryl und Dwayne sind jedoch zunehmend unzufrieden mit ihrer Situation bei Def Jam. Mit Nikki D. bringen sie den ersten weiblichen MC zum Label, werden aber von der Albumproduktion ausgeschlossen. Nachdem ihnen Simmons und Lyor Cohen einen Production-Deal verweigern, suchen sie sich bei Atlantic eine neue Labelheimat. Dort erscheinen 1989 zwei komplett von der L.A. Posse produzierte LPs: „The Young Son Of No One“, das sehr starke Debüt von Breeze mit der populären Single „L.A.

1991 erscheint schließlich das L.A.-Posse-Album „They Come In All Colors“. Der ursprüngliche Plan, ein Produzentenalbum mit befreundeten Stars wie LL Cool J, Chuck D. und Whodini aufzunehmen, wird von Atlantic abgelehnt. So übernimmt Darryl Pierce alias Big Dad selbst den Großteil der Rapparts, wobei er teilweise auf unveröffentlichte Texte von LL Cool J zurückgreift. Außerdem dient das Album mehreren noch unbekannten Künstlern als Sprungbrett: Die spätere Death-Row-Rapperin The Lady Of Rage ist an der Seite von Breeze auf „The Winds Too Def To Die“ und zusammen mit Posse“ sowie das solide, aber wenig erfolgreiche Album „eF yoU eN Kay E“ von The W.I.S.E. Guyz, einer vierköpfigen Gruppe aus Brooklyn. Eines der Mit- glieder, Stretch – nicht zu verwechseln mit Stretch von Live Squad (siehe BACKSPIN #106) – hatten sie während der „Bigger And Deffer“- Tour kennengelernt, wo er als Tänzer für Whodini am Start war. Ein anderes Mitglied ist Big Ill The Mack, der 1991 für Aufsehen sorgt, als er bei einer Freestyle-Session Big Daddy Kane auf dessen eigener Geburtstagsparty disst. Später wird er als eine Hälfte des Duos Ill Al Skratch („Where My Homiez?“) bekannt. Big Ill The Mack auf „Total Kaos“ zu hören. Des Weiteren vertreten sind die Sängerin Monifa Carter, die später als Monifah bei Uptown Records eine Solokarriere startet, und eine gewisse Amel Stowell, heute besser bekannt als Amel Larrieux vom R&B-Duo Groove Theory.

 

They Come In All Colors“ ist das letzte große Release der L.A. Posse, die in der Folge ihren Atlantic-Deal verliert. Darryl Simmons arbeitet danach als A&R für das Sony- Unterlabel von Regisseur John Singleton, wo er Soundtracks sowie das Album von Mista Grimm betreut, das trotz der Hitsingle „Indo Smoke“ nie offiziell erscheint. Außerdem unterstützt er Dr. Dre beim Aufbau von Aftermath Entertainment und arbeitet als Manager für einige Schauspieler, darunter Marvin Gayes Tochter Nona. Dwayne Simon gründet die Skate-Rollen-Firma Skubs und betätigt sich als Football-Coach. Breeze war zuletzt 2007 auf dem „West Coast Remix“ von Nas’ Single „Where Are They Now?“ zu hören. Seine frühen Def-Jam-Aufnahmen schlummern weiterhin unveröffentlicht in den Archiven von Universal Music.

VERWECHSELUNGSGEFAHR!

Es gibt eine weitere L.A. Posse, die ebenfalls eine Geschichte mit LL Cool J teilt: Mikey D. & The L.A. Posse, bestehend aus Mikey D., Johnny Quest und Paul C. – jenem legendären, 1989 ermordeten Toningenieur und Produzenten. Das L.A. steht in diesem Fall für Laurelton, eine Nachbarschaft in Queens. Das Trio veröffentlichte zwischen 1987 und 1988 drei Singles, die bei Sammlern hoch im Kurs stehen. Mikey D. warf LL Cool J später vor, seinen Style – Kangols und Sweatsuits – übernommen zu haben. Er wurde darüber hinaus bekannt, als er 1988 das New Music Seminar gewann und ihm anschließend vom Vorjahressieger Melle Mel der Siegergürtel auf der Bühne geklaut wurde. 1994 ersetzte er Large Pro als Rapper bei Main Source und nahm mit der Gruppe das Album „Fuck What You Think“ auf. 2006 erschien das Album „Better Late Than Never – In Memory Of Paul C.“ mit bis dato unveröffentlichten Songs dieser anderen L.A. Posse.

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