Autorencharts 2017: Yannick W.

Als ein Typ, der sich leidenschaftlich gerne dank Musik in Rage redet, bot 2017 eine Menge Pulver. Unzählig viele Versionen des immer selben Afro-Trap-Albums und das Verplatten des Straßenraps, unbedachte und leider oft ehrliche Intoleranz und zu guter Letzt auch noch die vollkommen überflüssige Wiederbelebung Eminems. Sogar die größten, viel gelobten Alben des Jahres verschwanden oft nach ein paar Wochen wieder aus der Playlist. Kurzum hat mich das Rap-Jahr als „Gesamtprodukt“ doch irgendwie enttäuscht. Trotzdem: Ein paar wirklich schöne Momente und Platten bot auch mein musikalischer Heimathafen anno 2017. Und da ja auch gerade erst das Fest der Liebe hinter uns liegt, hier noch ein wenig mehr Harmonie für meinen kleinen Hip-Hop-Jahresrückblick mit Blick über den Tellerrand. Abfahrt!

 

10.
A little Something
(Podcast)

Seit bald zwei Jahren juckt es mich schon in den Fingern, wieder zu podcasten. (Hätte ich mal angefangen, scheint ja jetzt Trend zu werden, aber Terminpläne sind Hunde.) Dank dem, was Kottaro Dürr und Jan Wehn seit Anfang diesen Jahres machen, ist nun ein Format auf der Bildfläche aufgetaucht, wie auch ich es wohl machen würde. Und genau deshalb wurde es in diesem Jahr Teil meiner Wochenstruktur, zwei Mal pro Monat beim montäglichen „Das-Wochenende-Aufarbeiten“ zum Kaffee dem Generde der Beiden zuzuhören. Hat mir viele schöne Stunden beschert und sollte es eigentlich auch einem viel größeren Zuhörerkreis tun. Und deshalb einfach mal Props in diese Richtung und auf ein weiteres Jahr voller spannender Musikthemen und gefährlichem Halbwissen. Wer weiß vielleicht schaffe es ja auch mal wieder, meine geistigen Ergüsse aufzunehmen.  

 

9.
Kalim – „Thronfolger“
(Album)

Straßenrap in 2017 hieß hauptsächlich gleich klingende Rim-Shots, karibische Rhythmen oder eben unterkühlte, reduzierte Produktionen mit Triplet-Flows. Beinahe als Standalone-Artist lässt sich Kalim mit seinem Sound-Gegenentwurf dort einordnen. Was der junge Hamburger auf seinem zweiten Album macht, sondiert ihn noch klarer von seinen Kollegen; auch, wenn er auf „Thronfolger“ gleich eine Menge dieser einlädt. Denn schlussendlich klang Deutschrap in den vergangenen Jahren nie so düster, so ehrlich und trotz ekelhafter Block-Realität so geläutert. Das, was Kalim berichtet, will man nicht erleben. Mit David Cratez findet sich ein Kollege, der eben dieser dreckigen Erzählung mit wabrig-dichten, klackernden und schwerfälligen Instrumentals einen Klangraum schafft. Zwei Jahre in Folge kommt das beste Streetrap-Album vom AoN-Außenposten in Hamburg-Billstedt. Eine künstlerische Machtdemonstration. 

 

Love8. 
Yung hurn & Love Hotel Band – „Diamant“
(Video)

Die 80er kommen zurück und Nichts könnte mich glücklicher machen. In einem Jahr des The Cure- & Pet Shop Boys-Hörens machen Yung hurn und Stickle genau das, was sich sonst wohl niemand getraut oder schlichtweg gekonnt hat: Sie bringen kitschigen New Wave-Sound und Dada-Trap-Auftreten zusammen. Das Endprodukt Love Hotel Band ist dabei gleichzeitig authentisch wie ironisierend, Postmoderne at it’s best. Zwar hält die dazugehörige EP das Niveau und den Ideenreichtum nicht konstant, weiß aber auch zu gefallen. Und dank Lars Eidingers ultra-gefühlvoller Sythesizer-Performance brauchen wir und auch um den Musikvideo-Moment des Jahres keine Gedanken mehr machen. Ein hurn-Debütalbum in 2018 steht sehr weit oben auf meiner Wunschliste. 

 

7.
Casper  – „Lang lebe der Tod“
(Album)

Es gibt Alben, die sind gut, weil sie musikalisch wegweisend sind, weil sie Hits liefern, weil das Konzept aufgeht. Es gibt allerdings auch Alben, die erst so richtig spannend werden durch den, der sie macht. Caspers viertes Album findet irgendwo in der Mitte statt. Denn in dem Team um Markus Ganter finden sich offene, talentierte und unverbrauchte Musiker, die ihrer Vielfältigkeit dem übrigen aktuellen Deutschrap beinahe konkurrenzlos davonlaufen. Hip-Hop trifft New Wave, trifft Industrial, trifft Punk, trifft Trap, trifft Grime, trifft Post-Rock. Gleichzeitig ist es auch der Weg zu diesem Album, der am Ende hörbar in den elf Songs gipfelt. Ein Künstler, der mit dem eigenen Schaffen hadert und greifbar authentisch davon erzählt, gleichzeitig aber auch die Umwelt reflektiert und anzählt. So greifbar hat man Casper als Charakter noch nicht erlebt. Sicher nicht seine wichtigste Arbeit, dafür allerdings seine beste. 

 

weiter mit den Plätzen Sechs bis Vier auf Seite 2

 

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Ich kann quasi nur über Musik reden...

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Razer

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