Autorencharts 2017: Yannick H.

3.
Trettmann – „#DIY“
(Album)

Um es vorwegzunehmen: die Reihenfolge meiner Top 3 ist im Grunde austauschbar. Handelt es sich hierbei doch um drei Releases, die eine enorme Qualitätsdichte aufweisen und sich mit ihren Erzählungen aktueller Themen annehmen, dabei aber auch nicht die (eigene) Vergangenheit aus den Augen verlieren. Dies trifft auf Trettmanns „#DIY“ zu, das mit „Grauer Beton“ auf sehr eigene, ehrliche Weise vom Leben im tristen Plattenbau schildert und durch die bildhaften Beschreibungen des Chemnitzers eine Vorstellung von der damaligen Zeit nach der Wende vermittelt. Generell zeichnet es den Stil Trettmanns aus, mittels kurzer, z.T. banal wirkender Formulierungen eine emotionale Tragweite zu erreichen, die eben nicht den x-ten verschachtelten Satz benötigt und eine Betrachtung auf der Metaebene erfordet. Der Sound von „#DIY“, maßgeblich geprägt durch Fiji Kris und Fizzle aka Kitschkrieg, verzichtet auf großes Brimborium und besinnt sich stattdessen auf straighte, minimalistische Impulse, die ein melodiöses Gesamtgefüge ergeben. In dieses wissen sich illustre Gäste wie Gzuz, Bonez MC, RAF Camora oder Marteria makellos zu integrieren und profitieren in ihren Performances sogar noch von Trettis grundsätzlich positivem Reggae-Vibe. Wer so lange Zeit am Hustlen war wie der Mittvierziger, dem sei der kometenhafte Aufstieg der vergangenen zwei Jahre mehr als gegönnt. „Brat Brat, keine Schüsse – Korken knallen / alle happy, keine Sorgenfalten“. Prost!

 

2.
Casper – „Lang lebe der Tod“
(Album)

Da war sie nun also endlich, die mit einer Verschiebung von einem Jahr Anfang September veröffentlichte neue Platte von Genrewandler Casper. Und es war wie immer bei einem Album von Benjamin Griffey: zunächst für zu sperrig und verkopft empfunden, da Themen nicht direkt greifbar, reift nach ein paar mal Hören die Erkenntnis, dass der Bielefelder mal wieder alles richtig gemacht hat. Der Dauergast im hiesigen Feuilleton gibt sich als Beobachter und Akteur in einer aus ihren Fugen geratenen Welt und wagt den musikalischen Spagat zwischen Leben und Tod. Auf „Lang lebe der Tod“ werden der Umgang mit (eigenen) Depressionen, die nur auf sich fokussierte, extrem konsumbedürftige Gesellschaft und generell negative Wandlungen in Bereichen wie Kultur oder Politik thematisiert. Nein, Casper beschwört keine Dystopie. Doch der schon immer mit wachsamen Augen durchs Leben gehende Rapper verschließt auch nicht die Augen vor der Realität. Gekonnt zeigt der 35-jährige, wie Leitmotive à la Leid, Tod oder Trauer fernab von Kitsch und Pathos besungen bzw. berappt werden können. Ängste hier, Hoffnungsschimmer dort – das sprichtwörtliche Licht am Ende des Tunnels ist auch Casper nicht gänzlich fremd. Auf Produktionen von Markus Ganter, Drangsal, Shuko sowie Gianni Giuliani kommentiert, reflektiert und seziert der Deutsch-Amerikaner punktgenau und zeigt sich dabei stets von seiner ehrlichsten Seite. Und trotz klanghafter Namen auf der Featureliste, darunter der Einstürzende Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld und die Indie-Rocker von Portugal. The Man, gibt Casper das Zepter der Macht nicht aus der Hand und untermauert seine Ausnahmestellung in der deutsche Musikszene.

 

1.
Zugezogen Maskulin – „Alle gegen Alle“
(Album)

And the winner is respectively are… Zugezogen Maskulin! Da Krisenzeit bekanntlich Testo– und grim104-Zeit ist, kann das Duo auf „Alle gegen Alle“ thematisch aus dem Vollen schöpfen, lyrisch zur Höchstform auflaufen und dem Albumtitel entsprechend nonstop die verbale Keule schwingen. Denn Brandherde und Konflikte sind zuhauf gegeben: die Kluft zwischen Arm und Reich, linke versus rechte Ideologien, Flüchtlingsströme und Rechtspopulisten – auch 2017 sind genug Themen vorhanden, die in gewohnt ironisch-zynischer Manier von Zugezogen Maskulin behandelt werden. Während grim das Energiebündel gibt, dessen Texten und Vortragsweise stets ein gewisser Wahnsinn innewohnt, übernimmt Testo den, in Relation betrachtet, besonneren, melodiösen Part. Im Verbund hinterfragen die beiden Rapper den aktuellen Zustand einer sich nur mit Nichtigkeiten auseinandersetzenden Gesellschaft, beschäftigen sich mit der Entfremdung von Orten und Personen der kleinstädtischen Kindheit und umreißen ihre Familiengeschichte der vergangenen drei Generationen. So heißt es auf „Steine & Draht“, einem Song, auf dem grim u.a. über die Holocaust- und Kriegserlebnisse seines Großvaters berichtet: „Schwarzer Rauch stieg wieder aus den Schloten, mischte sich im Himmel in die Asche von sechs Millionen. Krieg verloren und doch gewinnen. Wunder aufgebaut auf Trümmern, sing die beiden Strophen laut, sonst hörst du in den Steinen, durch die du stolperst noch das Wimmern“. Nur ein Beleg dafür, wie es Zugezogen Maskulin mit „Alle gegen Alle“ schaffen, gewaltige Bilder zu erzeugen, die durch den auf ZM maßgeschneiderten Sound von Silkersoft ihre volle Wirkung entfalten. Das gekonnte Variieren zwischen ruhigen und von Dynamik geprägten Momenten bzw. Tracks sowie Texte in Kombination mit Beats, die einwandfrei zu harmonieren wissen, ebnen dem Berliner Duo und „Alle gegen Alle“ so den begehrten Platz an der Sonne in meinem diesjährigen Ranking.

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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