Autorencharts 2017: Yannick H.

6.
Brenk Sinatra & Morlockk Dilemma – „Hexenkessel 1 + 2“
(Doppel-EP)

Es war noch nie leichte Kost, die Morlockk Dilemma seiner Hörerschaft geliefert hat. Und dies ändert sich auch nicht auf der Doppel-EP „Hexenkessel 1 + 2“, dem gemeinsamen Projekt mit dem österreichischen Producer Brenk Sinatra. Eine zwangsläufig notwendige Kombination, die in ihrem Ergebnis gnadenloses Gespitte auf einem breit gefächtertem Repertoire an z.T. wie aus der Zeit gefallenen klingenden Beats ergibt. Im Gesamtkonstrukt „Hexenkessel“ wirkt dieser Sound jedoch umso schlüssiger und stimmiger. Denn der Rezipient wird auf eine Reise durch eine fiktive Großstadt mitgenommen, die mit all ihren Licht- und Schatten-Momenten beschrieben wird. Ranzige, vom Aussterben bedrohte Eckkneipen, Sozialbauten, der Charme des Vergänglichen, Drogenexzesse, das Fröhnen des Nachtlebens – die berappte Szenerie ist gut vorstellbar. Storytelling und Punchlines, Loops und Samples sind en masse gegeben. Featuregäste wie Audio88 & Yassin, Hiob oder Karate Andi führen mit ihren Parts die Wortgewaltigkeit des Dilemmas fort und stellen eine angenehme Abwechslung zum Stakkato-Flow des Leipzigers dar. Zwischen Battlerap und Sozialkritik erfährt der „Hexenkessel“ eine andere musikalische Facette, auch wenn Altmeister Morlockk Erzähler und Hauptdarsteller der Stadt bleibt. Ein Beweis? „Wir sprechen Treueschwüre und leeren den Becher Wein/ Denn ein Blick auf den Chronometer verrät: Es ist Sexytime/ Komm, folge mir in die Endlosschleife von Bierlokalen/ Wir schreiben in einer Kellerkneipe ’nen Schmierroman“Quod erat demonstrandum.

 

5.
Mädness & Döll – „Ich und mein Bruder“
(Album)

Nein, als Newcomer sind die Gebrüder Döll wirklich nicht zu bezeichnen. Und schon gar nicht Mädness, der seit nunmehr 13 Jahren sein Unwesen in deutschen Rap-Gefilden treibt. Und doch haftet dem Duo, und damit auch ihrem gemeinsamen musikalischen Projekt „Ich und mein Bruder“, etwas Unverbrauchtes und Frisches an. Die 12 Songs von Marco und Fabian Döll eifern keinem Trend hinterher, wirken vielmehr zeitlos und strotzen nur so vor Selbstbewusstsein, ohne in arrogante Muster zu verfallen. So weit, so gut. Doch welche Nuance hat dazu geführt, „IumB“ in meine Top 10 aufzunehmen? Nun, es gibt nicht den einen Faktor, der den Ausschlag gegeben hat. Es ist die Symbiose aus zwei Stimmfarben, die sich perfekt ergänzen. Es sind die Erzählungen über Familie, falsche Freunde, Frauen, verworfene Jobs und den Verlauf der eigenen Karriere. Es sind die Beats von Torky Tork, Yassin, Dexter oder Gibmafuffi, die einen kohärenten Sound erzeugen und so für den viel beschworenen roten Faden verantwortlich zeichnen. Es ist die Authentizität, die dem Album seinen besonderen Charme verleiht. Und nicht zuletzt dope Lines, die zeigen: Hier wird Rap noch mit jeder Faser gelebt.

 

4.
Fatoni – „Im Modus“
(Mixtape)

Was tun, nachdem man mit „Yo, Picasso“ 2015 ein Album auf den Markt geworfen hat, auf das sich sowohl Fans als auch Kritiker und eine Vielzahl an Sprechgesangsartisten einigen konnten? Ganz einfach: mit Konventionen brechen, Tracks recorden und diese in Form eines bunten Sammelsuriums musikalischer Ergüsse als Mixtape veröffentlichen. Und so präsentiert sich Fatonis „Im Modus“ als bunter Mix aus Boombap und Trap, als sarkastische Gesellschaftskritik und z.T. auch als Persiflage auf das hiesige Rap-Game. Diverse, zugegebenermaßen erwartbare Featuregäste wie die beiden Münchener Compagnons Edgar Wasser und Juse Ju geben sich gewohnt schlagfertig und unterhaltsam und verleihen dem Tape durch ihre Darbietungen noch etwas mehr Substanz. Highlights in Form von einzelnen Tracks sind nebst eingängigen Hooks und dem gut gesetzten Einsatz von Adlibs „Lassensiemichkünstlerichbindurch“ und „Fast so wie beim Wu-Tang Clan“. Der erstgenannte Song stellt eine Liveaufnahme und Weiterführung eines Fatoni-Parts aus einer splash! Mag Cypher dar, der mit Gitarrenunterstüztung daherkommt und sich in ironisch-komödiantischer Manier Themen wie der Flüchtlingskrise und dem eigenen Selbstverständnis als Musiker annimmt. Im Verbund mit Orsons-Member Maeckes wird auf zweitgenanntem Track die Situation eines 40-jährigen, durchschnittlich erfolgreichen Rappers beschrieben, der mit seiner Situation hadert und sich generell mit dem Älterwerden in der Rap-Szene beschäftigt.

 

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Yannick H. ist seit Oktober 2015 bei BACKSPIN. Wenn er nicht gerade in seinem knallgelben Ostfriesennerz durch die Stadt schlendert, hält er Ausschau nach dem Besten vom Besten in Sachen Hip-Hop.

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