Autorencharts 2016: Yannick W.

Childish03.
Childisch Gambino – „Redbone“
(Song)

Ist das überhaupt noch Hip-Hop? Rap zumindest sucht man auf dem neuen Album von Donald Glover aka Childish vergeblich, stattdessen bekommt man eine Huldigung vergangener Zeiten geboten. Damit zieht sich das Album quasi selbst vollkommen aus der Szene heraus und ist dennoch viel näher an der Essenz, die diese Kultur ausmacht, als das meiste, was man in den letzen fünf Jahren auf die Ohren bekam. Und auch wenn Childish Gambino ein Album vorlegt, dass genau so in den 70ern hätte erscheinen können, wirkt „Awaken, My Love!“ weder eingestaubt noch aus der Zeit gefallen. Herzstück bildet   eben dieser Song, „Redbone“. Ein Song, auf dem der Kalifornier zeigt dass er weitaus mehr kann, als Rappen. Stimmlich orientier er sich an einem der ganz Großen – leider kann Prince das nicht mehr miterleben – der durch solche Titel im wahrsten Sinne in der Musik weiterlebt. Wie viel mehr als nur Rappen der gute Mann kann, zeigt er in dieser Live-Version bei Jimmy Fallon. Und auch, wenn das ganze sicher nicht jeden Rap-Fan oder gar Childish Gambino Fan abholen dürfte, ist es ein verdammt nochmal großartiges Stück Musik und eine Verneigung vor dem Funk, einem der wichtigsten Füße des Hip-Hops.

 

02.
Prezident – „Limbus“
(Album)

Ein paar Sekunden knisterndes Vinyl, mehr Zeit lässt Prezident einem nicht, bevor er einen mit „Limbus“ komplett überrollt. Das zweite „richtige“ Album des Wuppertalers startet bereits mit einem Vorschlaghammer-Song – „Der ewige Ikea“ – und lässt über die kommenden 50 Minuten keine einzige Sekunde zum Durchatmen. „Limbus“ ist hasserfüllt, belehrend, gebildet, entschlossen, düster, komplex, atmosphärisch, intelligent und beinahe erdrückend, oder um es anders zu sagen: Das Album ist intensiv unglaublich fordernd. Mit Dantes „Inferno“ als Aufhänger bekommt man über 14 Songs eine Hasstirade gegen Zufriedenheit und Mittelmaß vor den Latz geknallt, die dennoch von der Angst, in eben Dieser zu enden, durchzogen ist. Prezidents Texte gehen dahin, wo es wehtun soll, lassen mich gleichermaßen mitfühlen als auch über mich und alles in meinem unmittelbaren Umfeld grübeln. Wie gesagt: Das Album ist intensiv und hat nicht den Anspruch, eingängig zu sein, Musterbeispiel dafür ist „Doktor Eisenstirn“, das nur zwei Minuten und überhaupt keine Drums braucht, um mich komplett zu erschlagen. Da kann es auch schon mal passieren, dass man sich nach der knappen Stunde aufgewühlt und tatsächlich schlecht fühlt und dennoch so fasziniert ist, dass man gleich nochmal von Vorne startet. Ebenso, wie die die schonungslosen Texte tragen dazu die einschüchternde Delivery und das rumpelige, knarzende Beatkonstrukt von Jaybeaz bei, die dem ganzen einen schaurig schönen Rahmen geben. Und auch, wenn „Limbus“ in den warmen Monaten weniger Platz in meinem Alltag finden konnte, kehrte es schon mit den ersten grauen Herbsttagen wieder zu mir zurück. Denn jetzt, wo es draußen ohnehin grau und ungemütlich ist, kann sich die Platte erst komplett entfalten. Für mich das stärkste deutschsprachige Release in diesem Jahr, die 50 Minuten sollte sich jeder mal genommen haben, auch wenn es dafür einen geeigneten Moment und die Bereitschaft, sich voll drauf einzulassen braucht. Um Mittelmaß braucht sich Prezident, wenn er genau so weitermacht, allerdings sicher keine Sorgen machen.

Fußnote: Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Zeile „Wenn der Preis, den man für deinen alten Scheiß auf Ebay zu zahlen bereit ist deine Gagen übersteigt, machst du irgendetwas richtig und irgendetwas falsch.“, die das Dasein als Untergrund-Eckpfeiler Deutschlands wohl am besten auf den Punkt bringt.

01.
Frank Ocean – „Blond/e“
(Album)

 

Wohl der einzige Platz in diesem Ranking, der nicht nach und nach verschoben wurde. Die Nummer Eins ist für mich in diesem Jahr unangefochten das international vielleicht meist erwartete Release dieser Spielzeit. Vielleicht nicht das beste oder stimmigste Album das 2016 erschienen ist, dennoch hat mich musikalisch in diesem Jahr nichts so sehr beschäftigt, wie „Blonde“. In den letzten Monaten vor der Veröffentlichung habe ich tatsächlich wirklich auf diese Platte hingefiebert, wurde dank des 9-Stunden-Non-Sense-Livestreams sogar beinahe etwas ungeduldig. Ich kann jeden verstehen, den das Album nach „channel ORANGE“ nicht abholen konnte, wer hätte nach seinem Pop-Epos mit einer derartig verkopften LP gerechnet. Zu Beginn hat auch mich das Album ratlos zurückgelassen. „Blonde“ ist sehr schwer zu erfassen, sehr künstlerisch, manchmal vielleicht auch zu erzwungen, doch in der Summe seiner Teile ein wahnsinnig dichtes, atmosphärisches Stück Musikgeschichte, das zum Nachdenken, Mitfühlen und dem beinahe unendlichen Entdecken einlädt. Denn was auf den ersten paar Durchläufen noch willkürlich wirkt, bekommt mit dem zunehmenden Verständnis den Charakter eines perfekt durchdesignten Albums. Jede Zeile hat genau seinen Platz, man merkt, warum stolze vier Jahre Arbeit in diesem Projekt stecken. Allein die Tatsache, dass man dank der zahlreichen verschiedenen Stimm-Modulationen quasi einen sich selbst als Featuregast unterstützenden Frank Ocean zu hören bekommt ist Kopff*ck und Genie gleichermaßen. Geschmückt wird das Ganze von nur einem offensiv auffallendem „Feature“, genauer einem Solo-Song vom Mastermind André 3000, der einen regelrechten Wörter-Sprint hinlegt. (Kurzer abschließender Exkurs: Wo wir grade bei André 3000 sind: Auch wenn es für eine Jahresbestenliste etwas zu knapp kam, sollte man sich unbedingt und jetzt sofort „By Design“ vom Kid Cudi-Album anhören. Feuersmiley!) Auf einzelne Songs, Twists, die wahnwitzige Credit-List oder gar das Ding mit den „two Versions“ und das etwas wirre Visual Album „Endless“ zum Erfüllen des Def Jam Vertrags will ich an dieser Stelle gar nicht erst eingehen, immerhin sprengt das jetzt schon den Rahmen. Nehmt euch dafür einfach ein bisschen Zeit und hört/lest euch in das Projekt ein. Oder um es zum Ende noch mal ganz kurz zu machen: Schon jetzt hat niemand diese Dekade im R’n’B so sehr geprägt wie Frank Ocean, wer hätte gedacht, dass dem Odd Future Kollektiv mal etwas so ästhetisches entspringt.

Aber reicht dann jetzt auch, das wird hier schon wieder viel zu lang. Liest ja dann auch keiner mehr… 2017 here we go.

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Razer

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