Exklusives Kapitel aus „The Autobiography of Gucci Mane“

VI

LAFLARE

»Das sind ja richtig deine Gefühle.«

Nach meinem Zwischenspiel im Bezirksgefängnis schloss ich mich wieder mit Zay kurz. Er schlug mir vor, doch den Musikmogul erst mal auf Eis zu legen und selbst zu rappen. Zay hatte mich rappen sehen, weil ich für Lil’ Buddy Lyrics geschrieben und dem Kleinen gezeigt hatte, wie er sie bringen soll. Ich hatte ihm die Flows beigebracht. Zay meinte, ich hätte Talent. Ich war mir da nicht so sicher.

Nicht nur hatten Rapper bei mir das Stigma, lahm und pleite zu sein, ich hatte mich vor langer Zeit schon in den Gedanken verrannt, man würde mich nicht ernst nehmen, wenn ich zu rappen begann.

Es war nicht so, dass ich nie gerappt hätte. Im Gegenteil. Zu Hause in Bessemer, noch bevor Duke mich auf seine Mucke brachte, hatten mich nicht nur Gedichte interessiert, sondern auch der kreative Prozess, Wörter zum Ausdruck meiner Gedanken zusammenzustellen. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe, aber ich erinnere mich an einen Tag in der ersten Klasse, an dem unsere Lehrerin uns Muttertagskarten machen ließ. Bei allen anderen gingen die »Roses are red, violets are blue…« – Scheiße, ich saß über meiner Karte und überlegte, bis ich was hatte, das sich nicht nur reimte, sondern meine Gefühle für meine Mutter ausdrückte. Meine Lehrerin war überrascht.

»Wow, Radric«, sagte sie. »Das sind ja richtig deine Gefühle.«

Ich machte meine Karte schön bunt und nahm sie mit nach Hause, um sie am Wochenende meiner Mutter zu geben. Eine Karriere als Rapper schwebte mir dabei nun wirklich nicht vor, aber ich wusste, es war was, worin ich gut war. Besser als die anderen in meinem Alter.

Nach unserem Umzug nach Georgia hatten meine Jungs und ich uns in Sun Valley die Zeit mit Freestyles vertrieben. Wenn ich mit OJ vor dem Haus abhing, rappten wir abwechselnd, während der andere auf dem großen grünen Stromgenerator den Beat vorgab. Ich und meine anderen Freunde hatten sogar eine kleine Rapcrew – BP, C-Note, Dontae, Jughead, Gusto und Joe. Wir nannten uns Home Grown. In meinen Augen war ich immer der Beste von uns. Das Problem war nur, dass ich meine Stimme nicht mochte. Wenn wir unsere kleinen Cyphers auf BPs Kassettenrecorder aufnahmen, konnte ich mich echt nicht hören.

Ich hörte mich anders an als meine Freunde; man hörte mir an, dass ich aus Alabama und nicht aus Atlanta war. Und abgesehen von dem nöligen Akzent, der mich als Landei auswies, hat mir mein Vater seinen kleinen Sprachfehler vermacht. Wegen dem zog man mich in Atlanta vom ersten Schultag an auf. Das war ein weiterer Faktor, der mir anfangs den Gedanken verleidete, Rapper zu werden.

Aber irgendwas ließ mich denn doch immer wieder in Zays Keller gehen, und je mehr Zeit ich dort verbrachte, desto wohler fühlte ich mich in meiner Haut. Ich begann mit meiner Stimme zu spielen, mit der Metrik und mit meiner Aussprache, und nach einer Weile begannen sich meine Vorbehalte zu legen.

Ich hörte damals viel Project Pat. Ich war zwanzig Jahre alt und begann zu zeigen, was in mir steckt. Und während ich auf der Straße meinen Geschäften nachging – ich dealte aus Autos raus, während OJ seinen Stoff an der Ecke vercheckte, lieferte Project Pat den Soundtrack dazu. Sein 1999er Albumdebüt Ghetty Green lief bei mir auf Endlosschleife. Sprang ein Mädchen zu mir in den Wagen, drückte ich ihm das Album aufs Ohr.

Ich war immer schon ein großer Fan der Rapper aus Memphis gewesen. Von Typen wie 8Ball und MJG, Kingpin Skinny Pimp, Tommy Wright III, Playa Fly und der Triple Six Mafia. Aber Pat war mein Favorit. Ist es heute noch. Er rappte über Scheiß von der Straße, und ich wusste einfach, was er rappte, war wahr.

Ich kannte dieses Leben, und ich konnte schon immer sagen, ob ein Rapper real ist oder nur auf Scarface macht. Ich hatte ein Ohr dafür. Ich wusste, Project Pat machte den Scheiß, vom dem er rappte. Da kann mir keiner was erzählen. Ich wusste, C-Murder machte, wovon er rappte. Ich wusste, Soulja Slim machte, was er rappte. Ich wusste, BG machte, was er sagte. Ihre Musik war real und sie motivierte mich. Meine Musik sollte genauso sein.

P und Baby waren meine Idole, nur konnte ich schlecht über Bentleys und Ferraris rappen, weil die mit meinem Leben nichts zu tun hatten. Bei uns gab’s Regals und Cutlass Supremes. Ich konnte nicht davon rappen, es in Clubs krachen zu lassen, weil ich nie in Clubs war; ich kam aus dem Traphouse; ich stand an der Ecke. Meine Musik sollte Nigga inspirieren, sich um ihre Knete zu kümmern, um aus dem Dreck rauszukommen. Gleichzeitig sollten sie wissen, dass ich einer von ihnen war. Das waren meine Leute; ich ließ die nicht außen vor.

Es dauerte nicht lange und ich war fast jeden Tag bei Zay. Nicht dass wir einen Plan gehabt hätten; wir waren einfach zwei junge Typen auf der Suche nach sich selbst, in der Musik wie im Leben. Wir wussten nicht, dass der Spaß, den wir hatten, ein neues Genre hervorbringen und nach uns eine ganze Generation von Künstlern inspirieren würde.

Trap-Music. Für die einen ist es die Thematik: Storys über den Dienst am Süchtigen hinter vergitterten Türen; für die anderen ist. es ein Beat-Making-Style. Scheiße, es gibt heute ein ganz neues Publikum weißer Kids, für die es bei Trap-Music darum geht, Molly zu schmeißen und auf Raves zu gehen.

In gewisser Weise ist das alles richtig. Bei mir selbst freilich stellt sich beim Gedanken an Trap-Music die Erinnerung an diese ersten Tage in Zays Keller ein. Wie ich nach allerhand krummen Dingern in der Hood frühmorgens bei ihm auf der Matte stand. Wie Zay beim Mix unserer Songs keinen blassen Schimmer hatte, wie er das anstellen sollte. Unser ganzer Prozess war unausgegoren und primitiv. Was wir da machten, war nicht radiofreundlich und definitiv kein Stoff für die Charts.

Wenn ich an Trap denke, denke ich an was Rohes. Etwas, was noch nicht verwässert ist. Etwas ohne auch nur eine Spur von Politur. Musik, die nach eben der Straße klingt, von der sie kommt.

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