Audiolith – Die Konsequenz eines Denkens

Foto: Ⓒ Louise Amelie 

Manifestiert man die Bedeutung des konkreten Lebens anhand bestimmter Zusammenhänge, lässt sich diese mit dem Wort der Fügung ziemlich treffend beschreiben. Fügungen gelten gemeinhin als Ereignisse im Leben eines Menschen, die mehr oder minder als bedeutsam erachtet werden, aber nicht durch bewusstes Wollen herbeigeführt wurden. Der eine nennt es Zufall, die anderen nennen es Schicksal. Lars Lewerenz, Gründer und Inhaber des Independent-Labels Audiolith, sagte in einem gemeinsamen Gespräch, dass er und andere in Zeiten neuer Selbstverständlichkeiten für den Gebrauch der deutschen Sprache in damaligen Musikbewegungen, sich als Personen gefunden hätten und diese so Schritt für Schritt ihre gemeinsame Liebe zur populären Musik entdecken liessen. Die Geburtsstunde von Audiolith, einem Label abseits krisengebeutelter Branchenriesen, was es als Bestimmung auferlegt bekam, mit dem wofür sie stehen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen – Willkommen im Herzschlag der Musik. Einer von vielen Gründen der mich auf den Weg brachte, die Jubiläumsfeier zum 15-jährigen Bestehen des Labels  zu besuchen um mit dem Federführer und gesignten Künstlern zu sprechen. 

„Born in the USA, I was born in the USA“ – besingt der ‚Boss‘ – Bruce Springsteen im Refrain einer der wohl glorreichsten Hymnen der modernen Musikgeschichte. So mancher mag glauben einen der pathetischsten Songs der achtziger Jahre vor sich zu haben. Jedoch war in Zeiten zweifelhafter Präsidentschaftswahlen im Jahre 1984, dieser mit einer völlig anderen subversiven Botschaft konnotiert und als öffentliche Kritik an die skandalbehaftete Regierungsführung Ronald Reagan’s zu verstehen und lies diese so zu einer verschworenen Energie des kleinen Mannes werden. Anhand solcher musikalischer Großtaten lässt Lewerenz seine persönlichen Vorstellungen der eigenen Musik mutmaßen und das gegenwärtige Bildnis eines Labels wie Audiolith portraitieren.

„Es geht darum Leute emotional zu berühren.“

Eine lose Musikbewegung wie die der Hamburger Schule wirkte sich ab Mitte der 1990er Jahre rehabilitierend auf die damalige Szene aus und feierte ihren kommerziellen Höhepunkt. Die Verknüpfung traditioneller Sturheiten der neuen deutschen Welle, mit neuen organischen Einflüssen des Punk’s, Pop’s, Grunge und Indie-Rock ließen spritzige Interpretationen von Bands wachsen, wie rote Rosen aus grauem Asphalt. Electropunk war eine dieser konspirativen Strömungen von Punk-Minimalismus, versehen mit elektronischer Attitüde. Ein Stil, welcher der Punk-Rock-Szene ideologisch nahestand, aber einem anderem musikalischem Bildnis entsprach. Einem Bildnis, welchem das Label über Jahre gleicht. Gewiss war diese Entwicklung auch produktionstechnischer Veränderungen zuzuordnen, im Falle von Audiolith jedoch auf persönliche Verbindungen zu Musikern wie Captain Gips oder Johnny Mauser, beides Mitglieder des Hamburger Hip-Hop-Kollektivs Neonschwarz. Müde gewordene Kinder zahlreicher ausgedienter Revolutionsparties musikalischer Befreiungsbewegungen, die den Glauben, dass es bei der Musik darum gehe Menschen damit emotional zu berühren, niemals verloren hatten, fanden so ihren Weg in neue musikalische Sphären abseits irrwitziger Marktkalküle.

„Ich mach es nicht genau so nur weil es bei dem anderen funktioniert!“

Angezählte Labelkollose jammern sich wankend in Zeiten andauernder Krisen, innerhalb der hiesigen Musikszene, von Runde zu Runde. Wie kann es dann sein, dass ein Indie-Label abseits dieser millionenschweren Zirkusveranstaltung nun sein 15 jähriges Bestehen feierte? Das letzte was Lewerenz tut, ist mit dem Finger auf andere zu zeigen. Jeder packt die Dinge so an, wie er eben kann. Ich mache nichts anderes. Niemand sollte es genau so machen, nur weil es bei dem anderen funktioniert. Das ist eine Frage des Respekts vor der Arbeit und wohlmöglich das Kredo für 15 Jahre bedingungsloser Haltung. Die logische Konsequenz eines erratischen Konzepts.

Ein schmieriges Wort

Deutschrap erlebte zu Beginn der 00er Jahre einen massiven Aufwind – bevor sich einige Jahre später – das Blatt für den Hip-Hop dramatisch wendete. Taktgeber des Musikmarktes positionierten sich und ließen das sowieso immer irgendwie präsente Unverständnis gegenüber der Szene walten. Hip-Hop in Deutschland war am Boden. Gescheitert. Tot. Aus dieser großen Depression heraus entwickelte sich bekanntlich eine manische Zurückbesinnung, sodass Rapmusik heute als größtes im Mainstream stattfindende Genre gilt. Innerhalb dieses Firmaments unterziehen sich die zu unterscheidenden Subgenres gewissen Labelungen.

„Wir sind keine abgefuckten Typen, die nur Schrammelpunk machen, sondern coolen Hip-Hop und wir nennen es Zeckenrap.“ 

So prägte die Gruppe Neonschwarz selbst einen Begriff für linksgesonnene Rapmusik, mit welcher sich seitdem immer wieder Rapper konfrontieren müssen, sobald diese gewissen politischen Inhalte in ihrer Musik kundtuen. Eine übergeordnete Kategorisierung jener Künstler mit Haltung, zu denen auch eines der musikalischen Visionen des Audiolith Hip-Hop-Kosmos zugeordnet werden kann, diese jedoch jede Art von Umgang mit diesem schmierigen Wort ‚Zeckenrap‘ von sich weisen und als schwachsinnig erachten – Pöbel MC & Milli Dance!

„Kein verkopfter Philosophenkram.“

Begibt man sich auf die Suche nach einer Essenz, mit welcher sich die beiden Rapper am besten beschreiben ließen, dann ist diese wohl die eigene ironische Distanz zu sich selbst. „Für manche zu prollig, für manche zu politisch, für uns nur Real und für viele Goldrichtig, für manche zu stumpf, für manche zu komplex“ – akzentuieren Pöbel und Milli bereits in ihrem Intro der ersten gemeinsamen Platte „Soli-Inkasso“. Eine Ambivalenz zwischen dem hörbaren auf die Fresse Battlerap, mit welchem sie sich selbst auf eine Überlegenheitsperspektive ganz im Sinne des Battlerapcharakters begeben und im selben Momentum inhaltlich Position beziehen. Bedeutet aber nicht sich in einem Rausch der Erhabenheit die Bars um die Ohren zu knallen, sondern ganz im Sinne des Battles, die inhaltliche Komponente eher als ein Fragment des Gesamtkonstrukts zu verstehen. Handlungsleitend soll nicht die eigene Haltung sein, sondern ganz klar die Empfindsamkeit beim hören der Musik selbst. Dieser eigene Qualitätsanspruch ist möglicherweise genau das, was in der Vergangenheit dieser Etikette gefehlt hat. Politische Inhalte verpackt in einer musikalisch wenig konkurrenzfähigen Form kann etwas sein, wovon das Duo sich abhebt und im Zuge ihrer wilden Selbstverwirklichung den Inbegriff von „Zeckenrap“ neu definiert.

„Rap muss sich frei artikulieren können.“

Wenn man Sprechgesangsenthusiasten wie Pöbel, Milli oder Flexscheibe nach einer da gewesenen und anhaltenden Ignoranz ausgehend der Hip-Hop Medien im Bezug auf linkskonotierten Rap fragt, antworten diese mit einem klaren Dementi. Wenn man mit seiner Art des Raps eben in der gesamtgesellschaftlichen Gegebenheit nicht genügend Hörern eine Plattform bietet, erreicht man durch den ausbleibenden Angriffspunkt eben auch weniger. Eigenheiten wie Gewaltverherrlichung oder Sexismus scheinen also mehr von Relevanz zu sein, sind aber kein zwanghaftes Stilmittel von Hip-Hop, allerdings ein Teil der Rapkultur. Bedeutet auch, dass diese Allüren nicht frei von Kritik sein müssen. Wie die öffentliche Meinung mit so etwas umzugehen versucht, ist kunterbunter Opportunismus, denn eins hat Rapmusik doch mit Sicherheit inne: Sie kann eine faire Widerspiegelung des inhaltlichen Spielraums sein, in welchem sie sich abspielt und sollte deswegen immer frei artikulierend handeln dürfen.   

„Immer das zu kritisieren was gerade funktioniert, ist Kalkül!“

Nun kann man intrigant behaupten, dass die individuellen Merkmale wofür die beiden Rapper mit ihrer Musik stehen, über wenig musikalisch, revolutionäres Potenzial verfügen und es dass doch so schon alles irgendwie irgendwo gegeben hat. In einer sich mehrheitlich Sound zugewandten Trendmusik, ist diese Eigendynamik ein belebender Weckruf, ein thermaler Widerstand innerhalb des verblassten Einheitsbreis. So empfindet das Duo es als eine gerechte Kritik, eben diese besagte Versiertheit des Soundbildes anzuprangern. Jedoch ist es für sie einfach Kalkül immer das zu kritisieren, was eben gerade funktioniert. Populäres bietet immer eine Angriffsfläche. („Das wäre  ja quasi so, also würde Curse jetzt auf die 1 gehen und daraufhin dann, der gesamte Untergrund sich von ihm abwenden würde“) Für Pöbel und Milli bedeutet der Mehrwert von Musik nicht das kapitalistische Durchsetzungsvermögen in einem bestimmten Augenblick, sondern mit relevantem Gehalt langfristige Effektivität zu generieren. Vielleicht machen sie sich so zu neuen konspirativen Deutschrappoeten der Szene.

„Es geht viel um Persönlichkeit.“

Für den richtigen Kontext gibt es auch immer das richtige Label. Im Falle von Pöbel, Milli und Audiolith scheint es so. Eine ineinander fließende Symbiose aus der Mitte zwischen guten labelstrategischen Entscheidungen, einer musikwirtschaftlich schlüssigen Positionierung und kreativer Freigeistigkeit wurzeln so den Nährboden für eine eigens verpflanzte Blütezeit. Es geht viel um Persönlichkeit und nicht um die absolute Gültigkeit als repräsentative Koryphäe für irgendetwas dazustehen. So ist es eben nicht das Logo auf einem T Shirt, das Audiolith mit der Zeit zu einer Marke machte oder der kommerzielle Erfolg einiger Musiker, sondern möglicherweise der Glaube an eine Rückbesinnung zum wesentlichen. Oder wie Pöbel, Milli und ihr Plattenaufleger DJ Flexscheibe sagten:

“Ein Teil von dem sein zu können was wir so lieben, in dem wir Mucke machen, ist das geilste Gefühl und es gibt für uns nichts besseres. Es ist die Zeit unseres Lebens!“

In diesem Sinne, möge das Herz von Audiolith noch lange weiter schlagen!

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