Art: Ein Interview mit Dr. Gau (aus BACKSPIN MAG #116)

Writer bekommen schnell Probleme, sind sie illegal nachts unterwegs. Der Staat mit seinen Gesetzen ist ihnen stetig auf den Fersen, meist in Form der Sonderkommissionen der Polizei. Kennt man sich mit dem Strafgesetzbuch gut aus, gibt es oftmals keine Probleme. Die meisten von euch Writern können jedoch gerade mal bis drei zählen. Für die Leuchten der Szene gibt es Anwälte wie Dr. Patrick Gau – für die, die einfach nur Pech hatten, natürlich auch. Der Verteidiger aus Dortmund haut sie alle raus, glaubt man dem Gossip der Straße. Aber auch er hat seine Grenzen, und seien sie nur gesetzlich. Mittlerweile gibt es in fast jeder größeren Stadt mit einer halbwegs großen Szene einen solchen Anwalt. Grund genug, Herrn Doktor Gau nach seinen Beweggründen zu fragen, warum ausgerechnet Graffiti den Großteil seiner Arbeit ausmacht.

Seit wann bist du als Anwalt tätig?

Seit etwa zehn Jahren. Mit einer Anfangsunterbrechung von sechs Wochen ausschließlich als Strafverteidiger. In den sechs Wochen, in denen ich planmäßig für eine große Wirtschaftskanzlei in Düsseldorf die Filiale schmeißen sollte, habe ich gemerkt, dass ich ohne Strafrecht nicht kann. Also habe ich das Handtuch geworfen und angefangen, die Welt zu retten.

Was war der Grund für die Wahl Strafrecht?

Jeder hat etwas, was ihn antreibt. Was mich antreibt, ist die Liebe zum Strafrecht. Ich habe als Student schon freiwillig an kriminologischen Studien teilgenommen, habe nach meinem Examen aus purem Spaß weiter Strafrechtsvorlesungen besucht und kurz danach in einem Jahr den Doktor in Strafprozessrecht gemacht. Ich kann nur Strafrecht, aber manche sagen, das ziemlich gut.

Sind Graffiti-Straftaten dein Hauptaugenmerk, oder ist es dir egal, wen und wofür du verteidigst?

Ich mache nicht nur Graffiti. Graffiti ist meine Leidenschaft, aber nebenbei Weißrussen zu verteidigen, die von der Ukraine aus Banküberfälle in NRW durchziehen, hat auch seinen Charme. Ich mache fast alles an Strafrecht. Gestern kam jemand, dem gewerbsmäßiges Handeltreiben mit Kokain vorgeworfen wird, kurz davor einer, der zu Weihnachten mit dem Messer ein bisschen sein Arbeitslosengeld aufbessern wollte, kurz danach ein Ultra, dem Landfriedensbruch vorgeworfen wird. Alles hat seinen Reiz. Meine Grenze liegt bei Kindern. Der Teufel soll mich holen, wenn ich mal einen Pädophilen verteidige. Auch wenn derjenige vielleicht unschuldig ist, ich wäre der falsche Verteidiger, und das sage ich in solchen Fällen auch deutlich.

Was an Graffiti findest du faszinierend? Und was eher störend?

Ich finde die Kreativität vieler Maler beeindruckend. Und ich bin überzeugt, dass Kreativität einer der Hauptmotoren jeder Kultur ist. Die Studie des Sachverständigen Florida hat doch zum Beispiel für Hamburg gezeigt, dass eine Stadt den Bach runtergeht, wenn die Kreativen flüchten. Maler sind genau die Kreativen, die die Städte brauchen, die Thinktanks der Moderne. Die Toleranz, denn in der Crew ist es egal, ob dein Kumpel Moslem oder Jude ist, ob er aus Italien oder Deutschland kommt. Den Ehrgeiz – denn derselbe Typ, der morgens nicht den Arsch hochbekommt, um zur Arge zu gehen, ist nachmittags unterwegs, um zu checken, zu planen, zu bunkern, zu malen. Graffiti zeigt doch, dass all diese Skills in den Jungs stecken, und dass es der Staat einfach nicht schafft, diese Fähigkeiten zu fördern. Graffiti gibt es schon immer. In Pompeji, in der Hagia Sophia, überall zu jeder Zeit gab es den Wunsch der Menschen, sich zu verewigen. Graffiti ist die Flamme des Prometheus, die von Malergeneration zu Malergeneration weitergegeben wird. Auf der anderen Seite stört mich an Graffiti nichts. Rein gar nichts.

Können legale Wände illegales Graffiti deiner Meinung nach stoppen, oder gibt es generell eine Methode, um Graffiti zum Erliegen zu bringen?

Ich glaube nicht, dass legale Wände Graffiti stoppen können. Was meinst du? An der Hall übst du Skills, genießt das Bier und den Grill, aber nachts im Schacht zu stecken, ist damit nicht vergleichbar. Und das ist es ja, was die Jungs nachts suchen. Eine harte Strafverfolgung, wie zum Beispiel in Bayern, führt schon dazu, dass den Malern für einen gewissen Zeitraum die Luft ausgeht. Aber das ist ja, extrem gesagt, in totalitären Systemen überall so. Ich bin trotzdem der Meinung, dass Graffiti auch durch eine Nulltoleranzstrategie nicht ausstirbt. So wie sich die Natur das Verlassene Stück für Stück wiedererobert, bleibt die Idee bestehen. Sobald die Strafverfolgung zurückgeht, wird der Samen wieder keimen.

Gibt es ansonsten eine Methode, um Graffiti- Sprüher zu entkriminalisieren?

Ja, eine Änderung des Strafgesetzbuches. Warum darf jemand bis zu zwei Jahre ins Gefängnis geschickt werden, wenn er das Aussehen eines Gegenstandes verändert? Warum darf seine komplette Zukunft verbaut werden? Das ist falsch. Graffiti ist in der momentanen Gesellschaft nicht en vogue, einverstanden. Aber mehr als eine Ordnungswidrigkeit sehe ich da nicht.

Kannst du deine Klientel in ein paar Worten charakterisieren?

Eloquent. Kreativ. Gebildet. Neugierig.

Was rätst du einem frisch verhafteten Sprüher? Wie sollte er sich verhalten, um strafrechtliche Schadensbegrenzung zu erlangen?

Klappe halten. Nichts zustimmen. Mich anrufen. Durchatmen, eine Kippe rauchen, einen Kaffee trinken und zusammen nüchtern an die Sache rangehen.

Was sind deiner Meinung nach die größten Fehler bei den Ermittlungen der Polizei?

Es gibt so viele Fehler. Willkürliche Durchsuchungen ohne Beschluss. Ungenauigkeit in der Spurensicherung. Mangelnde Präzision in der Auswertung. Der Wunsch nach Verurteilung, was in den Aktenvermerken deutlich wird und mir die Möglichkeit lässt, an der Objektivität zu zweifeln. Sollte sich das ändern, nehme ich es, wie es kommt. Wächst mein Gegner, wachse ich.

Hast du Spaß daran, deine Klienten rauszuhauen oder ist dir der finanzielle Aspekt wichtiger?

Ich habe tierischen Spaß dabei. Es ist schon ein Messen mit den Ermittlungsbehörden. Wer weiß mehr, wer hat die besseren Argumente, den dickeren Stiernacken. Finanziell sind andere Delikte, zum Beispiel BtM-Verteidigungen, natürlich viel lukrativer. Aber das ist okay.

Gibt es Fälle, bei denen du dir die Haare raufst und denkst: „Man, wie dumm kann man sich erwischen lassen!“?

Sich erwischen zu lassen, kann jedem passieren. Ich habe Maler von 14 bis 40, die richtig erfahrenen Oldschooler. Auch die haben mal Probleme. Aber manchmal frage ich mich, warum man so viele Indizien zu Hause aufbewahrt. Wenn man Fotos runterlädt und sammelt oder andere Namen skizziert, warum hat man das alles zu Hause? Ist doch klar, dass die Jungs von der Soko annehmen, man hätte all das gemalt. Und wenn man davon auch noch eine ganze Masse zu Hause hat – mein Highlight waren 15.000 Datensätze einer einzigen Crew zu Hause bei einem meiner Mandanten. Dann packe ich mir schon an den Kopf. Dann sehe ich viel, sehr viel Arbeit auf mich zukommen.

Bezüglich der Rechtsprechung, was war bisher das deiner Meinung nach gerechteste Urteil, bei dem du mitgewirkt hast? Recht hat ja bekanntlich nicht unbedingt etwas mit Gerechtigkeit zu tun …

Allgemein? Ein Mandant hat mal der Polizei in Hagen geglaubt, dass es besser wäre, alles rauszulassen. Also hat er 120 Ankaufshandlungen von ein paar Gramm Gras zum Eigenkonsum zugegeben. In der ersten Instanz vor dem Schöffengericht gab das ein Jahr und vier Monate. Nach einer erfolgreichen Revision vor dem OLG Hamm nur noch eine Einstellung gegen 600 Euro. Oder meinst du im Graffitibereich? Ein Mandant einer bekannten Crew aus Osnabrück hatte eine Kiste bemalt, den Schaden trotz Armut wiedergutgemacht und war seitdem strafrechtlich clean. In der ersten Instanz bekam er eine Geldstrafe, nach Urteilsaufhebung eine etwas mildere und nach erneuter Urteilsaufhebung durch das OLG Oldenburg wurde zwar festgestellt, dass er sich grundsätzlich schuldig gemacht hat, es wurde aber von einer Strafe abgesehen, und die Revisionskosten musste er auch nicht tragen. Das fand ich gerecht. Wenn jemand für das, was passiert ist, geradesteht, sollte man nicht noch auf den eintreten, der am Boden liegt. Ärgerlich zwar, dass wir zwei Jahre vor Gericht standen, aber letzten Endes gerecht.

Ist es dir wichtig, die „großen Fische“ der Szene als Klienten zu haben, oder ist dir das völlig egal?

Das ist mir egal. Ich verteidige jeden so gut, wie ich kann. Ganz ehrlich. Wenn mir die Mutti eines „kleinen“ Malers aus Nürnberg Wein als Dankeschön schickt, bin ich genauso überwältigt, wie wenn ich plötzlich ein Foto eines Window-Downs von einem „Großen“ bekomme, wo steht: „Dr. Gau saved our lives“.

Da Graffiti und die Hip-Hop-Szene zum Teil ja auch von rechten Gruppierungen instrumentalisiert werden, gibt es da für dich Grenzen bei dem, wen du vertrittst? Sprich: Würdest du Nazi- Writer vertreten?

Ich hatte noch nie so einen Fall. Meistens verteidige ich die Jungs vom Schwarzen Block oder die, die mir von der Roten Hilfe geschickt werden. Aber ich bin grundsätzlich ein großer Fan unserer Demokratie. Wenn ich gegenüber solchen Leuten intolerant wäre, weil ich deren Intoleranz kritisiere, ist das dann nicht Etikettenschwindel?

In den frühen Jahren der Szene gab es ja keine Graffitianwälte – bist du der Meinung, dass es nötig war, Anwälte mit einem solchen Schwerpunkt zu haben?

Ja. Die Spezialisierung auf bestimmte Gebiete bringt extrem viel. Wenn der Soko- Beamte im Zeugenstand schon sagt: „Na, Sie wissen das doch alles eh am besten, Herr Dr. Gau.“ Und man dann seine Meinung als die eines sachverständigen Anwalts präsentieren kann, ist das Gold wert.

Hast du manchmal das Gefühl, da es nun Graffitianwälte gibt, dass manche Writer das als eine Art Freifahrtschein sehen, noch mehr zu machen und aufs Gesetz zu „scheißen“?

Nein, sehe ich nicht so. Vielleicht ist es so, dass ich jemanden länger vor dem Bau bewahre, als wenn er keinen Anwalt hätte, aber aufs Gesetz scheißen tut er trotzdem nicht. Das klingt ein bisschen wie eine Soko Argumentation. Maler haben die Idee, am Gemeinschaftseigentum teilzuhaben, indem sie Gegenstände mitgestalten. Wenn mir der Staat eine Werbung vor meine Wohnung donnert, muss ich das hinnehmen, denn es bringt ihm Geld. Wenn ich aber Werbung dafür mache, dass ich existiere, dass man mich gefälligst wahrzunehmen hat, dass ich nicht anonym bin, keine Nummer, dann bekomme ich eine Strafe. Die Frage ist also eher, ist so ein Gesetz gerecht oder nicht, nicht: Scheißt ein Maler darauf?

Siehst du einen Sinn in dem, was du tust?

Merkt man das nicht? Ich bin immer ehrlich. Ich komme aus dem Ruhrpott, aus Dortmund, habe mein Herz auf der Zunge und mache aus meinem Herzen auch keine Mördergrube. Ich stamme aus einer Malocherfamilie, durch und durch. Da, wo ich herkomme, hat man eine bestimmte Weltsicht. Und wenn eine Wand mich davon trennt, sie zu verwirklichen, spanne ich meine Nackenmuskeln an. Das tut vielleicht kurz weh, aber ich drehe so die Welt ein kleines Stück in die richtige Richtung. Das ist der Sinn.

Inwieweit versuchen die Soko- Beamten, dich zu instrumentalisieren? Bist du schon mal beschattet worden oder Ähnliches? Die Verhältnismäßigkeit wird bei Graffiti-Straftaten ja leider oft sehr gedehnt …

Nein, wer das versucht, würde merken, wie wenig dehnbar das Gesetz bei Anwälten ist. Ein Vorsitzender eines Gewerbeausschusses in einer Stadt hat es allerdings mal versucht.

Welche Writer findest du persönlich besonders gut?

Does, Bond, Royal, Sweet, Kochkurs.

Dein Auftreten in den Medien, insbesondere in der Werbung, erinnert immer schnell an Mafiafilme. Siehst du dich ein wenig in einer solchen Rolle? Oder denkst du, dass du damit mehr Klientel an- sprichst?

Wirke ich auf dich so? Wie der Pate? Vielleicht bin ich eher ein bisschen Consigliere, ein Kriegsanwalt. Insoweit stimmt das. Ich sage immer, zwischen mir und meinen Mandanten passt kein Stück Papier. Ich nehme sie und ihre Sorgen ernst, jeden einzelnen. Als ich noch Glatze trug, meinten alle, das kannst du nicht machen, das schreckt alle ab. Es war mir so was von egal. Wenn ich anfange, wie eine Krämerseele zu denken, hänge ich meine Robe an den Nagel.

Kannst du Writern, die im Ausland gebustet wurden, auch Hilfe anbieten?

Nur psychische. Ich kann im Ausland nicht als Anwalt tätig werden. Ich überlege, das zu ändern, zumindest im Bereich Schweiz und Österreich. Aber die Hürden sind hoch und im Moment fehlt mir die Zeit, die dafür nötigen Prüfungen abzulegen.

Welche Musik hörst du?

Vor der Verhandlung Clawfinger, Metallica, Kategorie C. Nach der Verhandlung oft AkteOne. Beim Grillen Too Strong. Mit meinem Mädchen abends bei einer Flasche Rotwein Rachmaninov. Mit meinen Kids beim Pölen oder Malen Gentleman. Je nach Stimmung eben.

Was meinst du, wohin die Reise bezüglich Graffiti noch geht? Wage mal einen Ausblick in die Zukunft!

Graffiti geht mehr in anderen Subkulturen auf. Ultras, Antifas usw. Die individuellen Namen verblassen mehr und mehr. Crews sind auf dem Vormarsch, weil die Zuordnung schwieriger wird und die Zusammengehörigkeit in den Vordergrund tritt. Am Ende wird Graffiti aus dem StGB gestrichen. Die Sokos werden wegrationalisiert und bearbeiten Fahrraddiebstähle. Graffiti an semi-legalen Walls wie an Ruinen oder alten Militärkasernen wird offiziell geduldet.

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