Art: Bums “Leicht soll es aussehen” (aus BACKSPIN MAG #116)

Im beschaulichen Mannheim traf sich BACKSPIN mit Bums One, einer wahren Ein-Mann-Armee. Ein Name, der im Gedächtnis bleibt wie ein Schlag ins Gesicht – sozusagen eine mit Fatcap gesprühte Punchline. Es kursieren Gerüchte, Bums sei eine Crew, zum Gespräch erscheint jedoch ein einzelner freundlicher junger Mann …

Ein Interview mit BUMS

Bums, als ich das erste Mal Pieces von dir sah, dachte ich: Was ist das nur für ein selten blöder Sprühername? Jetzt, wo ich dich als durchaus in- telligenten Menschen kennengelernt habe, frage ich mich umso mehr: Warum wählt so jemand wie du ein solches Pseudonym?

Naja, nachdem die Behörden meinen möchtegern-kometenhaften Aufstieg in der Graffiti-Szene beendet hatten, spielte die reine Verbreitung eines Namens keine große Rolle mehr für mich, sodass ich Namen immer dann gewechselt habe, wenn mir die Ideen ausgingen. Bums war Jahre später der erste Name, mit dessen Gesamtkonzept ich zufrieden war. Die Buchstaben liegen mir, fordern mich aber auch immer wieder heraus und sind mir bis heute nie spröde geworden. Das U geht mir bis heute am meisten auf die Nerven. Das M liebe ich am innigsten. Außerdem mag ich die – wenn auch etwas prollige – Verbindung zu Sexgymnastik, und die mit dem Namen einhergehende Verwandlung, die eine Fläche durchmacht, wenn sie „gebumst“ wird. Letzten Endes blieb der Name plötzlich auch bei Leuten hängen, die primär nichts mit Graffiti zu tun hatten, sodass „Bums“ beispielsweise auch mal auf der Gästeliste eines Clubs auftauchte, was die Entscheidung noch erleichterte.

Wenn ich mir deine Pieces ansehe, gefällt mir diese Lockerheit im Strich, die immer gute Farbcombo und eine gekonnte Mischung aus Fade-Background und grafischen Elementen. Beschreibe doch mal selbst deinen Style!

… die Lockerheit im Strich …“ – das ist ein tolles Kompliment, danke! Leicht soll es aussehen, so simpel wie möglich – was mir viel zu selten gelingt –, schwungvoll, kraftvoll und farbenfroh mit möglichst viel Swing sowie sich möglichst nie wiederholenden Outlines. Daher male ich auch nur mit Fatcaps, da mit Skinnies das Kraftvolle und Besondere an einer Dose total flöten geht und ich auf feine Details sowieso kaum Wert lege. Mir ist wichtig, dass man meine Bilder sofort versteht, und nicht erst 100 Pfeile und Verbindungen optisch entknoten muss. Schließlich male ich einen Namen, keine geometrische Gleichung, und ich will, dass die Buchstaben wirken, weil sie geil sind, nicht weil sie vor etlichen Farben strotzen und vor einem Grand Canyon oder gepimpten Auto stehen.

Mannheim – Stylestadt. Wer hat deinen Style geprägt, denn nach Vorbildern fragt man Herren in unserem Alter nicht mehr – oder doch?

Basco fand ich immer geil, Beast unglaublich erfrischend, innovativ und beneidenswert. So richtig ins Nirwana geschossen hat mich aber vor allem Scare. Was er Mitte bis Ende der Neunziger in Mannheim abgezogen hat, ist für mich bis heute Champions League und hat mich sehr beeindruckt. Stichwort Einfachheit … Scare. Top!

Du bist ja dafür bekannt, viel zu malen. Ich kenne da zum Beispiel dieses Special mit 300 Pieces in einem Jahr! Wie viel hast du denn in 2014 schon gemalt?

Das waren wirklich viele, stimmt. Allerdings frage ich mich bis heute, wie ich das gemacht habe beziehungsweise was ich momentan falsch mache, denn so viel habe ich danach nie wieder gemalt. Im ersten Viertel dieses Jahres habe ich etwa 50 gemacht. Man muss ja aber auch fairerweise dazu sagen, dass ich selten länger als zwei Stunden für ein Bild aufwende. Häufig ist es weniger. Und wenn es die Flächen hergeben, mache ich auch gerne mehrere an einem Tag, denn wie gesagt: Wenn ich könnte, würde ich am liebsten die ganze Zeit nur Outlines ziehen.

Kannst du dich noch an jede einzelne Session erinnern? Oder hast du manchmal das Gefühl „Jetzt reicht es, wieder nur eins fürs Buch“? Oder noch schlimmer – wieder das Gleiche nur in anderen Farben?

Das geht mir ständig so. Dann stehe ich da und denke mir: Meine Güte, was ‘ne Gurke! Andererseits macht es mir nach wie vor viel mehr Spaß, zu sprühen, als zu zeichnen, sodass ich mir kurz nach einem solchen Moment denke, dass das besser geht – und male noch eins. Das Jetzt-reicht-es-Gefühl habe ich bislang nicht. So lange ich mich nach wie vor abends beim Einschlafen und morgens beim Aufwachen beim Gehirn- Sketching erwische, mache ich mir da keine Sorgen. An jede einzelne Session kann ich mich spontan zwar nicht erinnern, wenn ich die Fotobücher durchschaue, kommen die Erinnerungen jedoch alle zurück.

Hast du ein Lieblingsbild aus den letzten Jahren? Wenn ja, wie ist die Story dazu?

Zum Glück gibt es einige, die da infrage kämen. Spontan fällt mir aber vor allem dieses an dem Betonpfeiler aus Rumänien ein. Er ist für mich die Erinnerung an einen meiner besten Urlaube bisher. Ich war auf einer VW-Bus-Tour mit Rey611 und Kaot durch Osteuropa. An unserem zweiten Abend in Rumänien hatten wir eine sehr unangenehme, schon fast gruselige Begegnung. Umso erleichterter waren wir am nächsten Tag, als alles gut gegangen war. An diesem Fluss machten wir Mittagspause mit Bier, Wassermelone, Sonne und Mittagsschlaf. Kurz bevor wir aufgebrochen sind, habe ich noch dieses Schnelle gemacht. Ich mag es sehr, weil ich wohl – wenn ich könnte – am liebsten fast nur so und an solchen Spots malen würde. Das steht für mich sinnbildlich für eine unschlagbare Zeit mit den beiden Jungs, und zudem hat es eine sehr gute Resturlaubszeit eingeläutet.

Die vielen Abandoned Places, gerade in Osteuropa, kommen deiner Malweise auch ziemlich entgegen, oder?

Auf jeden Fall! Ich mag verlassene Orte, die eine Geschichte haben und selbst ohne Foto schon sehr beeindrucken. Außerdem können diese Orte wie ein großer, leerer Zeichenblock sein. Ich sketche nicht ernsthaft, kritzel’ eher viel und ständig rum. In einem sauberen Gelände rumzulaufen mit einem Beutel voll Farbe, ist, wie viele leere, weiße Seiten Papier vor sich zu haben. Ausprobieren und los. Die Hall-of-Fame-Realität kommt doch häufig in Form von bereits hundertfach hergenommenen Flächen daher, denen man ihren durchgenudelten Charakter sofort ansieht! Ich bin mittlerweile auch zu alt und realistisch geworden, um nicht in jedes danach schreiende Gelände reinzurennen. Denn wenn sich jemand auf den Schlips getreten fühlt, können die Konsequenzen ähnlich unangenehm sein wie bei allen anderen Untergründen. Umso dankbarer müssen wir hier über unseren Schlosspark in Mannheim sein, der zahlreiche Flächen bietet, die selbst auf den zweiten Blick noch nicht unbedingt nach Hall aussehen.

Wie sehr vermisst du Streetfiles? Früher gingst du ja regelmäßig auf die Startseite!

Es hält sich in Grenzen. Klar hat es Spaß gemacht, sich durch die Seiten zu klicken. Allerdings war irgendwann dermaßen viel Schrott online, dass der Spaß rapide nachgelassen hat. Dazu kommt, dass viele Leute mit dem Mitmachinternet 2.0 nicht umgehen können und das behütete Moment der eigenen vier Wände erstaunlich viel Bullshit hervorbringt. Vor ein paar Jahren im Januar hatte ich nachts im Suff Sawone gefragt, was wohl passieren würde, wenn ich jeden Tag ein neues Piece hochladen würde. Gesagt, getan. Innerhalb dieses Jahres hatte ich zwar über eine Million Klicks, allerdings zu 99,9 Prozent von Typen, die ich natürlich nicht kannte und deren Feedback für mich daher quasi wertlos war. Erschreckend war vor allem die Missgunst und gegen Ende des Jahres der blanke Hass, der mir aus Unverständnis, Neid oder was weiß ich in Form von Drohungen sowie Feindseligkeiten aller Art entgegengebracht wurde. So gesehen kann ich ohne diese Plattform gut leben. Es war jedoch eine interessante Erfahrung.

Mich hat vor allem immer geärgert, dass andere miese Handyfotos von meinen Sachen hochgeladen haben. Welche Bedeutung hat eine gute Fotokomposition für dich?

Hoch! Wenn ich mir einen Spot zum Malen suche, achte ich in der Regel mehr auf das Drumherum als auf eine Fläche selbst. Ein noch so geiles Piece kann schließlich durch ein liebloses Frontalfoto völlig kastriert werden, wohingegen die Einbeziehung der Umgebung so geil sein kann, dass aus einem vergleichsweise normalen Piece ein absoluter Kracher wird.

Wenn es eine Graffiti-Hall-of-Fame gäbe, und du würdest aufgenommen – wen wünschtest du dir als Laudatoren? Und warum?
Ursprünglich waren derart Halls ja mal für diejenigen gedacht, die sich ihren Fame in allen Disziplinen zu Recht verdient hatten: mit Tags, Throw- ups, Trains, WCs, Line-Dingern und, und, und … was auf mich ja gar nicht zutrifft. Für legales Graffiti gibt’s keinen Fame, daher stellt sich mir diese Frage nicht beziehungsweise ich werde nie zu Recht in diese Situation kommen. Würde es um eine simplere Form der Anerkennung oder eine Hall- of-legale-Flächen-Anmaler gehen und ginge es dabei wesentlich um den Style, dann könnte ein Laudator gerne Otis sein. Seit Jahren treibt mich der Typ an den Rand des Wahnsinns. 19 von 20 seiner Sachen finde ich so geil, dass mir die Worte fehlen. Ich kenne ihn jedoch nicht persönlich. Und der menschliche Aspekt wäre in diesem Fall dann doch mitentscheidend. Daher würde hierfür nur Sawone infrage kommen. Ich bewundere ihn für seinen sehr eigenen Style, seine Beharrlichkeit, Individualität und Kontinuität. Ich feiere seine Pieces und noch mehr seine Lebensfreude, Gesellschaft, Loyalität und Freundschaft. One Love, Sawone … es könnte daher nur er sein.

Apropos Liebe: Wann gehst du eigentlich mit Sper eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein?

Das ist längst überfällig, allerdings hat er immer noch keine großen Brüste, auf die ich nun mal stehe. Andererseits bringt er ansonsten alle Qualitäten mit, die infinitiv für unsere Heirat sprechen. Wir werden dann noch eben schnell Toxic, Rey611, Clash, Super6, Amit2.0, Dekay, Arsen, Clue, Supe, Druck, Sem, Riseko und Yazem adoptieren müssen, denn ohne die geht es nicht. Im Ernst, er hat mir tatsächlich die Tür in die nordische Welt und zu Menschen geöffnet, die ich unheimlich mag, und die ich alle gerne viel öfter sehen möchte, als ich kann. Ich vermisse euch alle. Ständig. SperOne – Wahnsinnstyp, Inspiration. Dynamite- Dolphin – Idol, Freund, Liebe. Hdgdl.

Hier ist noch Platz, Dankeschöns, Street-knowledge und Grüße anzubringen!

1995 saß ich als kleiner Nullchecker im Schulbus und hab’ vor mir den damaligen Chief-Hipster in seinen freshen Airwalks gesehen, wie er die BACKSPIN durchgeblättert hat. Ich hab’ die Pieces darin gesehen, hab’ Stromkästen mit Tags gesehen, ab da ging’s los … daher freut es mich sehr, dass ich in diesem Mag diese Seiten bekomme. Danke. Sprühen hat mich in die Arme so vieler Leute getrieben, die ich sehr schätze: Soldat, No- ogat, Crek, Cose, Zack, Zoolo.

Zu weiteren Artikeln aus der BACKSPIN MAG #116 geht es hier.

 

 

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