Appletree: „Du kannst nicht den einen Ast des Hip-Hop-Baums diskriminieren, weil er anders wächst, als der auf der anderen Seite.“

Würdest du deine anstehende EP jetzt als dein Debüt bezeichnen?

Appletree: Das Mixtape war ja nie in einem Vertrieb oder so. Wir haben das gratis online gestellt und eine Pressung mit 300 Stück gemacht. Das war nie ein offizieller Release. Also mein erster offizieller Barcode-Release kommt erst noch, aber ich würde Nicht Umsonst“ schon als meine erste Veröffentlichung bezeichnen. Für den Otto Normalverbraucher wird es vielleicht anders sein, aber das muss jeder selber sehen. Für mich war mein Mixtape der erste Schritt in die breitere Öffentlichkeit.

Stört es dich, dass du jetzt als Newcomer wahrgenommen wirst?

Appletree: Nö. Das war mir schon klar. Dafür kenne ich die Branche ja auch gut genug. Aber ich freue mich immer, wenn ich auf YouTube Kommentare entdecke, in denen jemand sagt, dass er mich schon seit 2008 oder so kennt.

Dann kommen wir mal auf deine Musik zu sprechen. Ich verstehe deinen EP-Titel als Anspielung auf Cro und JBG.

Appletree: Das darf man nicht so eng sehen. Der Titel umschreibt ganz gut die momentane Pauschalisierung. Alles wird in Schubladen gesteckt und in Nischen gedrängt. Ich höre mir gerne eine Farid Bang-Single an, weil ich seinen Humor und seine Lines feiere, aber genauso gerne höre ich Cro, weil ich seine Melodik und seine Popansätze feiere. Ich finde, dass viel zu hart in Gruppierungen gezwängt wird. Das schöne an den letzten Jahren Hip-Hop ist ja, dass der Hip-Hop-Baum so gewachsen ist. Ich habe da letztens mal mit Akil von Jurassic 5 darüber geredet und er meinte: „Du kannst nicht den einen Ast des Hip-Hop-Baums diskriminieren, weil er anders wächst, als der auf der anderen Seite. Wenn der eine Ast komplett wegbricht, kann es sein, dass der Baum in eine andere Richtung wächst oder komplett umstürzt, weil das Gleichgewicht nicht gehalten wird.“ Ich finde das ist eine schöne Anekdote, die das Ganze gut umschreibt. Es gab ja auch viele böse Zungen die Casper gehatet haben, weil er diesen Indie-Film gefahren ist. Im Endeffekt hat er aber bewirkt, dass das Movement wächst. Die ganz jungen Fans sind ja über Casper zu Hip-Hop gekommen und nicht umgekehrt. Das ist etwas wofür jeder Rapper dankbar sein sollte, weil dadurch ja auch eine neue Zielgruppe entsteht.

„Du kannst nicht den einen Ast des Hip-Hop-Baums diskriminieren, weil er anders wächst, als der auf der anderen Seite. Wenn der eine Ast komplett wegbricht, kann es sein, dass der Baum in eine andere Richtung wächst oder komplett umstürzt, weil das Gleichgewicht nicht gehalten wird.“

Interessant das du das sagst. Auf „Skifahrer“ sagst du ja auch „Ich baue eine Kirche, sollte Yung Hurn meine Kinder verschonen“. Wie stehst du zu dieser Cloud/Trap-Entwicklung. Ist das kein Ast von dem Hip-Hop-Baum?

Appletree: Das ist mit Vorsicht zu genießen. Rap war schon immer Competition. Ich komme aus einer Zeit, da war der beste nicht derjenige der am besten verkauft, sondern der, der am besten rappt. Es ist eine Gradwanderung. Wenn ein Yung Hurn mir einen Track macht auf dem er zeigt, dass wenn er wollen würde, er auch technisch rappen kann, dann wäre das was anderes. Beispiel: Crack Ignaz. Der hat auch Songs wo er sich technisch nicht viel Mühe gibt, aber am Ende des Tages weiß man, dass er ein verdammt guter Rapper ist. Deswegen respektiere ich das auch. Bei Yung Hurn hat das für mich nichts mit Skills oder mit Talent zu tun. Das ist nichts besonderes. Es ist nur etwas, dass durch Zufall gehypet wird und funktioniert. Wenn wir anfangen Hypes zu erklären, sind wir übermorgen noch hier. Mich flasht ein Rapper wenn ich mir denke: „Wo hat er den Reim jetzt hergeholt?“ oder „Fett, wie er diese Triole betont hat.“ Wenn ich dann höre, dass auf einem Song drei Minuten lang „Nein“ gesagt wird, alle Leute darauf ausrasten und das der neue Hip-Hop sein soll… Was passiert da gerade mit der Musik, die ich seit 16 Jahren liebe?! Ich habe jetzt persönlich auch nichts gegen ihn. Ich habe ihn mal zufällig getroffen und der ist ein netter Junge. Aber als Head kann ich es nicht mit mir selber vereinbaren, dass ich sowas respektiere. Man darf diese Line nicht überinterpretieren. Das ist auch kein Diss, sondern ein Seitenhieb und wenn du mit sowas nicht klar kommst – dann rap nicht. Am Ende des Tages wird sich gute Musik durchsetzen und nicht Mode. Auch dieser Begriff  „Cloud Rap“. Das haben das Vice Magazin und Konsorten einem Yung Hurn aufgedrückt. Cloud Rap ist doch viel größer. Chima Ede oder die Single von Toon und Jumpa feiere ich zum Beispiel hart. Bei so einem wie mir würde man vielleicht nicht vermuten, dass ich mir Autotune-Scheiß gebe, aber ich feiere das ab. Das ich sowas mag, hat damit zu tun, dass das von Leuten gemacht wird die Aussagen haben, die rappen können und die Flavour haben. Es gibt so viele geile Sachen die in diesem Cloud-Rap-Gefilde raus kommen. Rapsta, Chima Ede, Mauli – das ist was eigenes, und hat Authentizität. Die sind jetzt nicht gestern das erste Mal in die Booth gestiegen, haben zwanzig mal das gleiche Wort eingeschrien und Autotune drüber gelegt.

Das ist auch kein Diss, sondern ein Seitenhieb und wenn du mit sowas nicht klar kommst – dann rap nicht.

„Gegen den Putz“ hast du gerade selbst schon mal erwähnt. Auf dem Song bezeichnest du Wiener Rap als „Kübel Dreck“. Wie stehst du heute zu der österreichischen Szene?

Appletree: Ich war damals etwas verbittert. Ich war viel engstirniger was Realness angeht. In unserer Crew waren wir anderen Crews, die aber bekannter waren als wir, technisch weit voraus. Wir haben einfach nicht verstanden, warum das so ist. Für mich war es immer so: ich bin der dopeste – warum bin ich nicht der bekannteste? Das war auch ein bisschen Frust der aus mir gesprochen hat. Mittlerweile verstehe ich das und sehe das ein bisschen objektiver. Hip-Hop bestimmt nicht mehr so krass mein Leben, dass es mir den Tag zerstört, wenn jemand mehr Klicks hat und schlechter rappt als ich.

In deinem aktuellsten Video „Hallo“ inszenierst du eine Teleshoppingsendung. Ist das für dich deutscher Rap anno 2016?

Appletree: Das war eigentlich gar nicht in die Richtung gedacht. Das Konzept dazu ist eher zufällig entstanden. Der Song ist eher humoristisch und deswegen haben wir uns gedacht, dass er auch ein lustiges Video braucht. Ursprünglich hatten wir was anderes geplant, was wir leider nicht umsetzen konnten. Das hat auch gar nichts damit zu tun, dass Samy letztens diesen Vergleich gezogen hat. Am Abend des Drehtags habe ich gesehen, dass er gesagt hat, er könne sich vorstellen, dass der nächste Trend „Teleshoppingrap“ ist. Ich musste richtig lachen als ich das gehört habe. Der Ursprung von der Idee kommt eigentlich von den Black Eyed Peas bevor die ihre Fergie-Zeit hatten. Da gab es mal eine Single auf einem Premo-Beat mit einem ähnlichen Konzept. Ich glaube der Song hieß „Empire“. Nach dem Dreh sind wir auch noch drauf gekommen, dass Ghostface Killah auch mal etwas ähnliches hatte. Da verkauft er Wu-Tang-Vaporizer. Mein Video ist aber gar kein Statement – da darf man nicht zu viel rein interpretieren.

Ich hatte das mit der „Rapper würden ihre Mutter verkaufen, wenn sie in die Box passen würde“-Line von deiner EP in Verbindung gebracht.

Appletree: Ich nehme das allgemein ganz gerne aufs Korn. Ich habe auch einen Song, ich weiß noch nicht ob ich den aufs Album packe, da sage ich:

„Die nächste Box machen wir aus Holz im Retrostyle/ Sie muss extrem groß sein, dann packen wir ein ganzes Tretboot rein/“

Ich nehme das ein bisschen auf die Schippe. Jeder der sich damit auseinander setzt, weiß warum das gemacht wird. In Deutschland zählen die Umsätze und nicht die Quantität der verkauften Einheiten. Im Endeffekt macht das jeder, weil er charten will. Ich finde es aber lustig, dass das seinen Ursprung im Hip-Hop hat und jetzt auf andere Musikrichtungen überschwappt.

Du hast gerade am Rande ein Album erwähnt. Wie geht es bei Appletree weiter?

Appletree: Ich schreibe definitiv schon am Album. Ich bin auch gerade am Beats diggen, aber releasemäßig lässt sich noch gar nichts sagen. Da habe ich auch mit den Jungs noch gar nicht drüber gesprochen. Jeder weiß, dass der nächste Schritte in Album ist, aber ich möchte jetzt erst mal den EP-Release und die ganzen Konzerte drum herum überleben und dann sehen wir weiter. Die EP ist doch eher Rapper-Rap. Ich will mich, so wie der Titel auch sagt, nicht mehr in eine Schublade pressen lassen. Ich werde wahrscheinlich auch in Zukunft nicht darüber rappen Kokain auf der Straße zu dealen. Ich werde auch nicht mit einer Ming-Vase durch Wien laufen und Nein schreien. Das kann ich schon mal versprechen. Aber mein Album wird auf jeden Fall breiter ausfallen vom musikalischen her. Die EP soll zeigen wo ich herkomme und was ich drauf habe. Das hört man aus dem Sound auch raus. Wie es dann weitergeht… Ich habe Songs wo ich einen trappigen Flow habe, ich habe auch nachdenklichere Songs auf denen ich gesungene Hooks geschrieben habe – ich bin um einiges vielseitiger als die EP. Es ging mir nur erst mal darum zu zeigen: „Hier bin ich. Das habe ich drauf. Das ist mein erster Schritt.“ Ansonsten spiele ich jetzt erst mal wieder Toursupport von Dame und ab Oktober bin ich mit Samy Deluxe auf Tour. Das ein oder andere Festival steht auch an. Wie ich schon erwähnt habe, fühle ich mich auf der Bühne am wohlsten. Das ist für mich so das größte Thema 2016. Ich freue mich natürlich über jeden der vorbei kommt und sich das ansieht.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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