Appletree: „Du kannst nicht den einen Ast des Hip-Hop-Baums diskriminieren, weil er anders wächst, als der auf der anderen Seite.“

Du hattest ja dem Rappertuhm kurzweilig den Rücken gekehrt – wie schwer war es für dich vorerst mit der Rapkarriere abzuschließen.

Appletree: Wie schon gesagt. Ganz aufgehört hatte ich nie. Bei mir war das so phasenweise. Wenn ich als Tourmanager unterwegs war, stand am Bühnenrand und habe mir gedacht: „Ich will jetzt auf die Stage, ich will rappen, ich will abgehen.“ Für mich ist es generell das Live-Ding. Ich bin gerne im Studio, ich mache gerne Songs, aber auf der Bühne erfüllt es mich am meisten. Das ist wie gesagt immer so phasenweise passiert. Das kann man auch ganz gut auf meiner Fanpage verfolgen. Mal kam ein gehypter Post a la „Dieses Jahr wird noch released – ich will die Welt erobern“ und dann hört man mal wieder vier Monate gar nichts. Der konsequente Zug, dass ich jetzt hauptsächlich an meiner Karriere arbeite – ich stecke auch beruflich gerade ein bisschen zurück – der ist erst jetzt da.

Wenn ich als Tourmanager unterwegs war, stand am Bühnenrand und habe mir gedacht: „Ich will jetzt auf die Stage, ich will rappen, ich will abgehen.“

Das kommt dann wahrscheinlich auch durch den Kontakt zu Samy Deluxe. Wie kam es eigentlich dazu?

Appletree: Am Ende des Tages war das ein glücklicher Zufall. Ich war Mitveranstalter auf einem Festival in Wien und habe da gearbeitet. Backstage bin ich dann, durch einen gemeinsamen Bekannten von Sam und mir, über ein ganz anderes Thema mit ihm ins Gespräch gekommen. Nach fünf Minuten haben wir schon gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind und uns menschlich gut verstehen. Im Endeffekt dachte ich mir dann: du stehst gerade vor dem Typen, der dich in Sachen Deutschrap am meisten geprägt hat. Du wärst jetzt ein Idiot, wenn du ihn nicht fragst ob du ihm was zeigen kannst. Dann habe ich meine Kopfhörer rausgeholt und ihm was über mein Handy gezeigt. Er hat im ersten Moment auch ein bisschen komisch geguckt, weil er nicht der Typ ist, der sich Backstage hundert Sachen anhört. Ich habe ihm ein paar Songs gezeigt, er hat das gefeiert und wir sind in Kontakt geblieben. Ich habe ihn dann auch gefragt ob wir connecten wollen und dachte mit ein bisschen Glück bekomme ich seine Mailadresse.  Er hat mir aber gleich seine Telefonnummer gegeben. Für mich war es an dem Abend einfach schon das coolste Probs von Samy zu kriegen. Ich habe mir da nicht mal erträumt nach Hamburg zu fliegen und mit ihm zu arbeiten. Ich bin halt runter zu meinen Homeys und habe gesagt: „Ey, ich habe gerade Probs von Samy bekommen.“ – Das war das Highligt des Abends. Wir hatten zwar abgemacht zu connecten, aber ich habe mich da selbst versucht unten zu halten und mir so Sachen gesagt wie: „Vielleicht war er noch geflasht von der Show“ oder „vielleicht hat er ein bisschen zu viel getrunken oder so.“ Ich habe mir versucht das ein bisschen schlecht zu reden, um am Ende nicht enttäuscht zu sein. Am nächsten Tag kam dann aber direkt eine SMS von ihm. „Hat mich gefreut dich kennen zu lernen – hier meine Mailadresse.“ Das war für mich schon viel. Weiter habe ich gar nicht gedacht.

Hattest du zu dem Zeitpunkt überhaupt daran gedacht Demos zu verschicken oder an jemand größeren heranzutreten?

Appletree: Jein. Ich habe zu der Zeit etwas halbherzig an meiner EP gearbeitet, weil es gerade jobtechnisch extrem anstrengend war. Ich hatte da schon Videos geplant und auch schon Songs fertig, wollte die aber eher als Lebenszeichen raushauen und mal gucken wohin es so geht. Es hat sich ja viel verändert seitdem ich 2009 mein Mixtape rausgebracht habe. Damals war Myspace gerade groß, Facebook war bei den Anfängen und keiner hat so richtig gewusst, was das jetzt für die Musik bedeutet. Als das Mixtape rausgekommen ist, haben wir das auf ein paar hundert Myspaceprofile gepostet und das war unsere Promo. An Musikvideos hat da noch keiner gedacht und ich wollte einfach das Wissen, das ich mir in der Zeit angeeignet habe, testen und mal gucken was die Leute mittlerweile von mir halten. Ein paar haben mich zwar noch von dem Mixtape gekannt, aber es ist schon eine komplett neue Generation an Hip-Hop-Fans nachgewachsen und es ist auch ein komplett neuer Hype da. Ich wusste gar nicht wo ich stehe. Im Oktober letzten Jahres habe ich eine kleine Comeback-Show im B72 gespielt – der Laden war brechend voll. Das hätte ich mir zu dem Zeitpunkt niemals erwartet. Ich dachte die kennen vielleicht noch den Namen und das war’s auch.

Als das Mixtape rausgekommen ist, haben wir das auf ein paar hundert Myspaceprofile gepostet und das war unsere Promo.

Hättest du gedacht, dass es jetzt so schnell für dich geht?

Appletree: Keinesfalls! Niemals! Ich war froh, dass ich ein halbwegs cooles YouTube-Video raushauen konnte und habe mich über die 20.000 Klicks in den ersten zwei Wochen gefreut. Das war eher so ein Ding um meiner Seele was Gutes zu tun, weil ich gemerkt habe wie viel Ausgleich mir die Mucke gibt.

Die KunstWerkStadt ist mittlerweile von einem Künstlerkollektiv zu einem richtigen Label geworden. Wie muss man sich die Arbeit bei euch vorstellen?

Appletree: Das ganze Labelmanagement macht Sebastian Winkler. Davon bekomme ich aber effektiv nicht so viel mit, weil ich ja in Wien sitze. Wenn ich in Hamburg bin, mache ich da in erster Linie meine Platte. In Der KunstWerkStadt geht es weniger um den Businesshintergrund, sondern darum den Flavour und den Vibe aufzunehmen und coole Musik zu machen. In einer Woche dort ist es bei mir musikalisch weiter voran gekommen, als wenn ich drei Monate in Wien daran gearbeitet hätte. Permanent wird an Beats gearbeitet. Du hast aus dem linken Studioraum Sound, aus dem rechten Studioraum Sound. Das ist so wie man sich das vorstellt. Von morgens bis abends Musik machen. Du hast da keinen Fernseher, keine Ablenkung und nur Fokus auf Sound. Das hat mich auch am meisten beeindruckt.

Warum hast du dein letztes Release von 2009 jetzt wieder hochgeladen?

Appletree: Einerseits um den neuen Fans einen Einblick zu geben, andererseits waren wir nie wirklich zufrieden mit dem Mix und dem Master. Ich habe das damals mit DJ Kapazunda und Select gemacht. Wir hatten das auch gar nicht selbst gemacht, sondern das bei dem ehemaligen Bassisten von EAV in Auftrag gegeben. Die waren früher eine der größten österreichischen Bands. Der hat uns da einen eins-a EAV Mix draus gemacht. Das hat überhaupt nicht zu meiner Musik gepasst. Ich konnte mir das gar nicht anhören, weil mich das richtig sauer gemacht hat. Ich hatte sowieso die Idee vor der Comeback-Show noch ein Goodie für die Fans zu machen. Da kam das mit dem Re-Release ganz passend. DJ Kapazunda hat sich dann dahinter geklemmt und alle alten Parts von irgendwelchen verstaubten Festplatten gesucht und die neu gemastert. Da muss ich ihm sehr dankbar sein. Ich bin ja auch stolz auf das Mixtape – darum wäre es auch blöd gewesen, das den Fans vorzuenthalten. Das war definitiv auch eine Herzensangelegenheit. Ich finde da sind auch einige sehr starke Nummern dabei. Ich bekomme das ja auch auf YouTube mit, dass auch Fans die neu dazu gekommen sind, das auch sehr feiern und für sich neu entdecken. Den Song „Gegen den Putz“ habe ich mit 17 geschrieben. Das ist jetzt gut zehn Jahre her und die Leute kommen jetzt drauf den zu feiern.

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Hallo Deutschrap, ich bin ab jetzt fest bei BACKSPIN. Gewöhn dich an mein Gesicht - ich bin gekommen um zu bleiben.

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