Antilopen Gang: “Wir haben es bequem zwischen den Stühlen”

Vor wenigen Tagen ließ die Antilopen Gang ihr zweites Album “Anarchie und Alltag” auf die Deutschrap-Hörerschaft los. Vermutlich landet die Platte nicht nur auf deren Plattentellern, sondern ebenso bei einigen Fans mit einer gewissen Affinität zum Punk – der Einfluss ist nach wie vor unverkennbar. Das liegt nicht nur an dem Punk-Album, das der Platte als Bonus-CD beiliegt, sondern vermutlich auch an der richtigen politischen Einstellung.
Wie dem auch so, die Antilopen haben keine Lust auf stupides Schubladen-Gestecke und Genre-Zugehörigkeit. Muss ja auch nicht sein. Stattdessen haben wir uns mit Ihnen im Interview lieber über das verflixte zweite Album, den Charteinstieg des Vorgänger-Albums “Aversion” und (möglichst geringen) Pop-Appeal unterhalten.

 

Euer Album „Anarchie und Alltag“ erscheint mit der Bonus CD „Atombombe auf
Deutschland“, auf welcher Punkrocksänger Songs von euch neu interpretieren. Wie ist die Idee entstanden und wie sah die Umsetzung aus?

Koljah: Die Idee eines Punkrock-Albums gibt es schon lange. Wir haben seit Jahren einige unserer Songs live in einer Punk-Version gespielt, da es offensichtlich war, die Platte zu bekommen.

Panik Panzer: Und da wir gar nichts machen können, vor allem Instrumente, haben wir den Punkrock-Künstler MÄNNI aus Aachen gebeten, unsere Songs in Punkrock-Versionen zu übersetzen und alle Instrumente für uns zu stellen.

Danger Dan: Das ist nicht wahr, ich kann ein paar Instrumente spielen. Ich habe auch eine relativ große Gitarren-Sammlung. Aber wir hatten genug mit dem eigentlichen Album zu tun, also mussten wir nach dem Punkrock-Album suchen.

Quasi jeder Rapper veröffentlicht zu seinem Album noch eine Deluxebox. Wie steht ihr zu diesem Trend und wäre dieser Weg nicht einfacher gewesen?

Panik Panzer: Ich finde es nicht so schlimm, wenn einem Album als Kaufanreiz noch etwas besonderes eingeschlossen ist. Wir haben das schon einmal gemacht, als wir unsere CDs aus dem Kinderzimmer geschickt haben. Die ersten 100 Käufer des “Aschenbecher”-Albums von Danger Dan und NMZS erhielten zum Beispiel einen Aschenbecher. Allerdings ist dieser Boxen-Wahnsinn langsam ziemlich bizarr und Sie greifen regelmäßig den Kopf an, der reingepackt ein Unfug ist. Also hätten wir lieber einen Bonusteller, als ein paar Gimmicks in eine Box zu packen.

Wieso sind die Antilopen keine Punkrockband?

Koljah: Warum müssen Sie überhaupt entscheiden? Vielleicht sind wir eine Punk-Rock-Band, vielleicht sind wir eine Rap-Crew, ich weiß es selbst nicht.

Ist egal am Ende, wir sind einfach die Antilopenbande und haben unser eigenes Genre erfunden.

Danger Dan: Auf dem Splash-Festival heißt es: “Da kommen die Punker” und auf dem Ruhrpott Rodeo heißt es: “Da kommen die Hüfttrichter”. Wir haben es bequem zwischen den Stühlen. Ich liebe, mit meinen Punkfreunden in einem schmutzigen Punkbehälter auszuhängen.

Wie viel und vor allem was haben Deutschrap und Punkrock gemein?

Panik Panzer: Punk und Rap ist Musik, die man mit relativ geringem Aufwand machen kann. Sie müssen nicht ein Instrument für Jahre lernen, Punkrock ist genug. Wenn nötig: Eine Dose, ein Eimer und eine gebrochene Gitarre aus sperrigen Abfällen. Und um Rap-Musik zu machen, musst du nur etwas Unfug erzählen oder etwas probieren und zusammenbauen.

Danger Dan: In beiden Genres gibt es reaktionäre Arschlöcher, mit denen man nichts zu tun haben will und nette Menschen, denen ich mich zugehörig fühle.

Liegen eure Wurzeln im Punkrock? Wie sieht eure musikalische Prägung aus?

Danger Dan: Also ich habe schon in diversen Punkrockbands gespielt, lange bevor ich das erste mal ein Mikrofon in der Hand zum Freestylen hatte. Ich war in meiner eigenen Pfütze in der betrunkenen Probe, als Torch noch schnappte in den Windeln.

Koljah: Noch bevor ich laufen konnte, rannte 2Pac mit mir auf und ab. Ich habe nichts mit Punk zu tun. Nächste Frage bitte.

Panik Panzer: Warte, ich habe noch nicht geantwortet. Ich pflegte, Green Day und Offspring zu hören, das war einfach die Scheiße. Dann kam ich zum Hip-Hop-Film mit Cypress Hill und Wu-Tang. Irgendwann war ich nicht mehr an etwas mehr interessiert, und ich habe schon immer mehr Punk gehört und so was im besetzten Haus. Dank Snaga und Pillaths “Die linke und rechte Hand Gottes”, kam ich dann auf den geraden Weg zurück.

Wie viel habt ihr aus Aversion mitgenommen und ist in Anarchie und Alltag eingeflossen?

Danger Dan: Wir haben viel Erfahrung. Wir konnten die Dinge mit “Aversion” ausprobieren, für die es weder Zeit noch Geld gab. Allein, dass wir zum ersten Mal einen Gitarristen, Bassisten und Schlagzeuger einladen konnten oder das gesamte Album im Studio auf einem analogen Mischpult gemixt und gemastert wurde. Wir nahmen diese Erfahrung in das neue Album.

Panik Panzer: Diese Live-Instrumente haben uns auch einen Pop-Appeal gegeben, den ich im Nachhinein ganz unangenehm fand. Dieses Mal haben wir versucht, die Pop-Einflüsse etwas kleiner zu machen, ich bezweifle, dass es uns gelungen ist.

Man spricht oft vom „verflixten zweiten Album“. Habt ihr nach „Aversion“ einen
Erfolgsdruck in Bezug auf das nächste Album gespürt, bzw. welche Erwartungen hattet ihr zu Beginn der Produktion an die Platte?

Koljah: Am Anfang des Rekords waren wir wirklich optimistisch, dass der Rekord schnell in der Box ist, da wir noch das Free-Mixtape “Abwasser” dazwischen hatten, das uns ganz locker von der Hand gelassen hatte. Wir mussten dann aber relativ schnell erkennen, dass das zweite Album eigentlich so verflucht ist, wie man behauptet. Ich schickte Monate verzweifelt Spur-Skizzen zu den zwei anderen Jungs, aber nie kam was zurück, als würde die Band frustriert in der Zwischenzeit gebrochen haben.

Danger Dan: Aber dann hätten wir lieber ein Lied in einem Brandenburger Dorf schreiben sollen, anstatt aufzulösen. Das war eine gute Idee, denn von da an lief es. Ich hatte auch meine Gitarre.

Von Medien werdet ihr immer noch gern hauptsächlich durch eure politische Haltung definiert. Nervt das Reduzieren auf die Polit-Schiene?

Koljah: Die Suppe haben wir auch etwas selbstgemacht. Wir entschieden uns für das letzte Album mit “Beate Zschäpe hört U2” zum ersten Mal seit Jahren wieder, um ein etwas ernsteres politisches Lied mit direkten Ankündigungen zu machen, ohne sich hinter dem Deckmantel der Ironie zu verstecken. Was mit dem Lied passierte, war damals nicht zu erwarten.

Es ist nur schade, wenn die Leute dann nur diese Seite sehen, dabei haben wir auch ganz andere Facetten.

Als Experte für alle möglichen politischen Fragen sollte man immer etwas sagen, denn man fühlt sich schon falsch verstanden.

Danger Dan: Aber es ist angenehm für mich, dass wir für eine bestimmte Einstellung stehen. Je weniger anstrengend bei unseren Konzerten, desto besser.

Wie sieht eure Wunsch-Wahrnehmung aus? Wie würdet ihr euch selbst definieren im Kontext der Deutschrap-Szene?

Panik Panzer: Wir sind die Hanswürste der Deutschrap!

Koljah: Nein, wir sind die Kyngz!

Danger Dan: Ja, wir sind die Kyngz!

„Aversion“ hat es in die deutschen Charts geschafft. Wie sah eure Reaktion aus und
welchen Wert haben Chartplatzierungen für euch?

Danger Dan: Ich sah einmal in einem Buch von Sartre oder so, dass man sein Selbst nicht hinter Spiegeln verstecken sollte. Wir waren sehr glücklich.

Koljah: Ich war nicht glücklich. Ich legte den scharfkantigen Griff einer zerbrochenen Tasse in mein Auge.

Panik Panzer: Haltung oder nicht, Diagramme sind cool. Hoffentlich gehen wir mit “Anarchie und Alltag” auf 1.

Wie viel habt ihr denn mit der deutschen Rapszene gemein und wollt ihr überhaupt
dazugehören?

Danger Dan: Also bevor ich freiwillig auf ein Rap-Konzert gehe, liege ich mit meinen Punk-Freunden in einem besetzten Haus in meinem Erbrochenen.

Koljah: Ich kann nichts mit der Szene machen, es bedeutet nichts für mich. Deshalb ist es mir egal, ob ich irgendwo hingehöre oder nicht.

Ich habe nichts dagegen, wenn Leute mich mögen, aber wenn nicht, spielt es keine Rolle.

Am Ende möchte ich nur ein paar Bücher lesen und meine CD-Sammlung in Ruhe sortieren.

Wie schafft man es, eine gesunde Portion Anarchie im Alltag zu integrieren?

Danger Dan: Getränk!

Koljah: Einfach in die Steckdose stecken!

Panik Panzer: Ich kann nicht mehr.

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