Der Junge hinter der Maske: Rapper Anonym im Interview

Treffpunkt Steintor. Zwischen unzähligen Diskotheken, Bars und Hannovers berühmt-berüchtigtem Rotlichtmilieu soll es ein Musikstudio geben. Ich hatte noch nie davon gehört, das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich und jeder andere Durchschnitts-Hannoveraner, noch nie nüchtern am Steintor waren und es wahrscheinlich auch nie vorhatten. Hannovers Hidden Gems müssen aber noch warten, denn es gibt eine spontane Planänderung: Ein Gespräch im Zuge der Promophase dauert etwas länger und deshalb treffen wir uns in Vahrenheide – im Elternhaus von Anonym.

Eine dicke Lippe riskiert

Sein zweites Studioalbum Ultimate steht in den Startlöchern. Die Corona-Krise habe ihn und seine Promophase zwar nicht negativ beeinflussen können, dafür kam vor einigen Monaten, inmitten der Studioaufnahmen zum Album, der große Schrecken. Als er eines morgens aufwacht, ist sein Gesicht gelähmt. Der Arzt habe gesagt, dass sich das in den nächsten Wochen von selbst legen werde. “Ich konnte aber keine Wochen warten.“ Also hieß es mit Fazialisparese, einer plötzlichen Lähmung der mimischen Gesichtsmuskulatur, zu den nächsten Aufnahmen und Videodrehs. Beim Song „Paris“ mit langjährigem Weggefährten Samra, der einer der Features auf dem Album ist, sei es besonders schwer gewesen. „Ich musste eine Gesichtshälfte mit meiner Hand hochziehen, damit ich überhaupt rappen konnte, ich hab‘ das Ganze, glaub ich, neunmal aufnehmen müssen.“

 

„Keiner weiß, wer du bist. Du rappst und lässt einfach die Musik für dich sprechen“

Die Maske habe ihm damals Alpa Gun aufgesetzt und auch der Name Anonym sei Alpas Idee gewesen. Auf die Frage, warum der Name bis heute Programm gewesen ist und warum er in den letzten Jahren keine Interviews geführt hat, antwortet er: „Ich wollte mich die letzten Jahre nicht verstecken. Ich hatte aber nicht sehr viel zu erzählen. Das hat die Musik meistens für mich übernommen. Ich möchte den Leuten dort draußen aber langsam zeigen, dass sich jemand hinter dieser Maske befindet. Es ist Zeit persönlicher zu werden.“ In Hannover ging übrigens das Gerücht rum, dass Sido ihm bei einem gemeinsamen Feature und dazugehörigem Musikvideo die Maske abnehmen werde. Ich konfrontiere ihn damit. „Nein, das mit der Maske war nicht geplant, aber über ein Feature hatten wir mit Sido gesprochen, das hat dann aber leider alles zeitlich nicht mehr gepasst.“ Okay, aber ein interessantes Gerücht war das trotzdem. Hannover ist halt ein kleines Dorf…

 

… und die Welt ist ein großes Dorf. Anonym und ich zum Beispiel, kennen uns von früher – da hatte er noch einen anderen Künstlernamen und keine Maske. Jetzt stellt euch aber mal vor, ihr seid am Anfang eurer Karriere, sitzt Zuhause mit euren Eltern, der Fernseher ist an, Summer Cem erscheint auf einem Sender und euer Vater sagt, dass er ein Bekannter von euch sei und dass ihr aus demselben Dorf in der Türkei kommt. Wir sollten wohl öfter mit unseren Eltern fernsehen. Dass dieser Umstand irgendwann in einem Feature münden würde, war nur eine Frage der Zeit und die Zeit war gekommen. Neben Seyed, Mosh36, Stress K und Mehrzad Marashi, ist auch Summer Cem auf „Ultimate“ vertreten.

„Ultimate ist mein Maximum. Bis jetzt.“

Anonym erklärt, dass das Schreiben ihm immer leichtgefallen sei. „Wenn man für seinen Seelenfrieden schreibt, so wie ich das mache, dann kann das nicht so leicht schiefgehen.” Außerdem mache er das, um zu bleiben, Trends seien ihm egal – Er wolle Mukke mit Sinn machen. Nach seinem Debütalbum „Hannoveraner“ war es erst still um ihn geworden. Der ganze Prozess rundum neuer Verträge und einem neuen Team habe viel Zeit und Energie beansprucht. Die Pause habe ihm aber geholfen: Der Wechsel zum Major-Vertrieb Universal und die damit verbundenen finanziellen Möglichkeiten, machten sich in den qualitativ hochwertigeren Studios und Beats bemerkbar. Die Songs habe er bei Chris Jarbee aufgenommen, der auch die meisten Beats beigesteuert habe. “Der Typ ist ein Genie und teilt meine Visionen.“ Weitere Produzenten waren Lukas Piano & Greckoe, Tossi, The Ironix und Payman. Eine Symbiose aus Melancholie, Straße, Kampf und Mut würde ich das ganze Album nennen. Dass das Konzept „Album“ aufgrund von Streamingdiensten gefährdet ist, sei ihm egal. Auf einem Album könne man eine Geschichte erzählen, Playlist-Singles seien auch mal okay, jedoch misst er diesen nicht so viel Gewicht bei. Ein Album von Anfang bis zum Ende hören zu können, das sei etwas ganz anderes.

 

Auf “Ultimate” befinden sich 18 Tracks. Das sollte genug Spielraum für eine Geschichte auf Albumlänge bieten. Der VÖ-Termin bedeute aber nicht, dass jetzt Zeit für eine Pause wäre. Es gehe direkt weiter. “Wenn man mich ins Studio einsperrt, komm‘ ich in meinen Film!” Er habe schon einige Songs fertig und warte auf die Feature-Parts. Außerdem gehe es mit seinem Label 0511 voran, denn eine Platte von  Stress K stehe an. Jo, Berlin hör zu, Hannover lebt auch.  

 

“Ultimate” erscheint am 15. Mai 2020! 

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