Auf einmal sagen alle, du wirst Pop-Star. Amilli über ihren Werdegang

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Vor genau einem Jahr änderte sich für Amilli so ziemlich alles. Mit einem Abend wurde professionell Musik zu machen zu ihrem Beruf. Aus einem freiwilligen sozialen Jahr im Kindergarten werden Auftritte beim Lollapalloza in Berlin und aktuell die erste eigene Tour. Ihre Debüt-EP „Wings“ hat die Bochumerin ebenfalls im Gepäck. Mit ihrer warmen Musik, irgendwo zwischen Soul, Jazz und Pop wird sie aktuell zur großen deutschen Hoffnung für eine coole, internationale Musikszene gemacht. Doch grade in der deutschen Musiklandschaft zwischen generischen Headlines und absurden Schubladen-Vergleichen, tauchen für sie Probleme auf. Vor dem zweiten Konzert haben wir uns in Hamburg getroffen und über ihr verrücktes Jahr seit dem überraschenden Gewinn des größten deutschen Radio-Preises gesprochen.

 

Als ich also in die Kellerräume der Nochtwache, einer kleinen Venue zwischen Hafen und Reeperbahn, runter komme, ist die Reisegruppe Amilli grade eingetroffen. Da der rustikale Gewölbekeller noch nicht beheizt wird, bleiben alle Beteiligten erstmal in dicke Winterjacken gehüllt. Während der Rest der Crew langsam mit dem Ausladen beginnt, setzten Amilli und ich uns in den Nebenraum, in dem später Merch verkauft wird. Wir nehmen in einer sehr tiefen Couch Platz und quatschen erstmal über den Vorabend. Da fand nämlich in Köln ihr Tourauftakt und damit auch ihre aller erste eigene Headline-Show statt. Die Bochumerin ist immer noch sichtlich geflasht von dem Abend im mit über 250 Leuten ausverkauften Yuca: „Die Leute waren zum ersten Mal halt alle nur für mich da. Das ist was komplett anderes!“

Von I am Jerry zu Mightkillya 

Der Weg dahin war für Amilli von Spontanität und Zufällen geprägt. Im Sommer 2017 lädt sie noch als Schülerin ihren ersten Song „Dust Off“ in die Soundcloud. Schon diesem ersten Lebenszeichen hört man ihr Talent und vor allem eine rauchig unkonventionelle Stimmfarbe an. Zumindest für die Urheberin selbst überraschend, funktioniert der Song auf dem Portal mit der orangenen Wolke, das schon so manche Musikerkarriere geformt hat. So landet die Demo auch bei Leonard Müller-Klönne, seines Zeichens Produzent und Gitarrist einer Indie-Band Namens I Am Jerry und mittlerweile unter dem Alias Leomarykate Produzent und Manager von Amilli.

 

Die vier Jungs von I Am Jerry, die mittlerweile die Live-Band von Amilli formen, kommen aus einem Dorf nur etwa 20 Autominuten von Bochum. Bereits 2011 machten sie das erste Mal mit dem Gewinn eines Bandcontests und der dazugehörigen Möglichkeit bei Rock am Ring aufzutreten, von sich reden. Musikalisch sollte eine Nische zwischen Indie, Elektro und Rap gefüllt werden. Am Ende springt dabei sogar einen Major-Deal und ein Feature mit Olexesh heraus. Nachdem sie 2016 ihr Debüt-Album „Habicht“ veröffentlichten, wurde es Zeit für eine Veränderung. Und einen Soundcloud-Link später morpht sich die Band mitsamt Umfeld in eine Art Label-, Management- und Produktions-Kollektiv.

Amilli wird über Nacht zum Popstar 

In Amillis Durchbruch-Song „Rarri“ kommt diese neu geborene Gruppe mit dem Namen Mightkillya zum ersten Mal zu voller Entfaltung. In angenehmer DIY-Ästhetik radelt die Protagonistin im zugehörigen und ebenfalls selbst gemachten Video gen Sonnenuntergang und schüttelt dabei mal eben einen der Hits des Jahres aus dem Ärmel. Grade die Hook hat starkes Ohrwurm-Potential und trifft mit einer antimaterialistischen Grundhaltung einen von Supreme-Drops und Virgil Abloh-Kollaborationen übersättigten Zeitgeist. Als „Rarri“ grade so langsam auch überregional Bekanntheit erlangt, folgt der Knall. Fast genau ein Jahr vor unserem Gespräch wird Amilli im Live-TV vom allerersten 1Live Krone-Förderpreis überrascht. Durch die Auszeichnung wird sie über Nacht zum Star. Neben einer ständigen Radio-Rotation springt bei dem Preis, der von der Plan B-Redaktion vergeben wird, auch ein Auftritt beim größten 1Live Festival des Sommers heraus.

 

Weitere Festival-Bookings folgen und machen den Sommer 2019, den Amilli eigentlich mit einem FSJ in einem Kindergarten verbringen wollte, zu ihrem ersten Festival-Sommer und zur Berufs-Musikerin. „Es ist verrückt, was dieses Jahr alles passiert ist. Musik ist so richtig zu meinem Beruf geworden. Das hätte ich nie gedacht.“ Nach dem langen Sommer steht schließlich die erste richtige Veröffentlichung an.

Auf „Wings“ zeigt Amilli ihre komplette Range von Klavier-Ballade bis Pop-Hit und stellt gleichzeitig unter Beweis, wie stark sich die gesamte Mightkillya-Posse in nur einem Jahr entwickelt hat. Der gleichnamige Titeltrack funktioniert dabei als verarbeitendes Narrativ für ein turbulentes Jahr. Die Aussage: Werft mich ruhig ins kalte Wasser, ich tauche nur noch stärker wieder auf. Die berühmte Kehrseite der Medaille kommt hier allerdings auch zu Vorschein. Zum professionellen Musik machen gehört eben leider nicht nur ein wenig im Studio abhängen und hier und da mal auf einer Bühne stehen.

„Zum Musik machen gehört mehr als nur Studio und Konzerte.“ 

Spätestens seit dem Radio-Preis hängt ein ganzer Rattenschwanz namens Musik-Business an Amilli. Eine gewisse Anti-Haltung zieht sich seither durch ihre Erscheinung. Die junge Bochumerin will sich auf keinen Fall in irgendwelche Industrie-Formen und -Formeln pressen lassen. Das geht los bei der, auch in schlechten Major-Erfahrungen von I Am Jerry begründeten, Entscheidung den DIY-Weg zu gehen und manifestiert sich schließlich auch in ihrem Soundbild: „Ich will halt nicht wie jemand anderes sein oder dass Leute sagen die klingt wie die und die. Ich will einfach was Eigenes machen,“ sagt Amilli gehüllt in Kapuze und einen dicken grauen Schal dann sehr deutlich. Eigentlich spricht sie eher leise und wird immer wieder von dem Lärm der Techniker, die im Hintergrund gerade die Bühnenbeleuchtung aufbauen, übertönt.

Vergleiche mit anderen Künstler*innen passieren medial natürlich trotzdem. Von Jorja Smith bis Billie Eilish ist da eigentlich alles dabei. Was allerdings vor allem immer wieder anklingt: Ihre Musik klinge viel mehr nach Los Angeles oder London als nach diesem komischen Ruhrpott-Örtchen Bochum. „Es ist halt viel immer das Gleiche in Deutschland. Wenn dann mal irgendjemand etwas anders macht ist das sofort ein Riesending, grade als Frau,“ zuckt die 20-jährige mit den Schultern. „Wings“ stellt sich nun auch textlich gegen dieses aufgedrückte Narrativ. Im Refrain singt Amilli vom Girl next Door anstatt vom Hollywood-Star. Dass die Glanz und Glamour-Welt hier sowieso nicht so ganz passt, sollte dabei doch eigentlich schon seit „Rarri“ klar sein.

Girl next Door statt Hollywood-Star

Bewusst entsteht das alles jedoch nicht. Vielmehr passiert die Musik für Amilli einfach aus Zufälligkeiten heraus: „Ich hab nie aktiv eine Anti-Haltung eingenommen. Ich denke da gar nicht so viel drüber nach. Ich mache das einfach alles.“ Mittlerweile kristallisiert sich auch in der um zwei Köpfe angewachsenen Live-Band immer mehr ein Soundbild heraus, auf das sie lange hingearbeitet haben. „Die Musik wird jetzt immer organischer. Vorher war es viel elektronischer und programmiert, aber ich will eher in diese Richtung gehen.“ Die Show später am Abend gibt der Entscheidung recht. Viele von den älteren Songs klingen im Live-Gewand deutlich besser, als in der Soundcloud. Das hat natürlich auch damit zutun, dass Amilli selbst nun viel enger auch an Produktionsprozesse gebunden ist: „Am Anfang habe ich nur auf Instrumentals geschrieben. Mittlerweile schreibe ich am Klavier und denke mir da Melodien aus.“

 

Klavier spielen hat sie übrigens schon in Kindertagen von ihrem Vater gelernt, der hobbymäßig als Jazz-Pianist unterwegs ist. Auch auf ihre heutige Musik lässt sich der Jazz-Einfluss in Amillis neo-souligen Spielart nicht leugnen. Grade in „Die for you“ gemeinsam mit Serious Klein, der ebenfalls aus Bochum stammt und dem das auch keiner glauben will, kommen diese hervor. Was an „Die for You“ ebenfalls heraussticht: das visuelle Umfeld, das Mighkillya im zugehörigen und wohl besten Musikvideo bisher mit extrem simplen Mitteln geschaffen haben. „Wir haben uns mega weiter entwickelt, dadurch dass es so schnell so groß geworden ist,“ ist Amilli sichtlich stolz. Bei ihren Videos ist Amilli übrigens bis ins letzte Detail mit involviert. Das gilt genauso für alle Business-Entscheidungen: „Ich finde es mega wichtig, dass man zu der Musik visuelles Material hat, damit sich da ein Gesamtzusammenhang ergibt,“ begründet sie.

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