Alligatoah: „Vielleicht ist Musik ja doch die Lösung?“

Das Ausnahmekünstler-Dasein von Alligatoah ist unumstritten.
In Mitten einer Menge wandelnder Klischees in der deutschen Rapszene sticht er deutlich raus.
Mit seiner Band Trailerpark im Rücken bespielt er die großen Bühnen des Landes – diesen Sommer lud die Band sogar zu einer Hand voll eigenen Open Air Festivals. Läuft bei Trailerpark.
Lässt man Timi Hendrix, Sudden und Basti außen vor, verfolgt Alligatoah eine nicht gerade wenig erfolgreiche Solokarriere. Nach zwei Alben, die ausschließlich über das Internet veröffentlicht wurden und eine kleine, aber feine Fanbase schafften, releaste der Wahlberliner „Triebwerke“. Die Veröffentlichung der Platte und der darauf enthaltenen Hitsingle „Willst du“ hatte den kommerziellen Durchbruch zur Folge. Alligatoah gastierte auf sämtlichen Festivals, war plötzlich in aller Munde und jeder war sich sicher, dass auf Drogenkonsum definitiv ein Regen von roten Rosen folgen musste.
Mit „Musik ist keine Lösung“ folgt nun der Nachfolger der „Triebwerke“ und sät sicherlich nicht nur in Rapdeutschlands Köpfen Hoffnung, sondern lässt sicherlich auch den einen oder anderen Radiosender die nächste Hitsingle wittern.
In Berlin haben wir uns mit Alligatoah getroffen, um mit ihm über den Durchbruch, den Spagat zwischen Trailerpark-Mitgliedschaft und Solokarriere und sein Studio mitten im Wald zu sprechen.

 

Alligatoah – Vor gut zwei Jahren erschien mit „Triebwerke“ dein drittes und gleichzeitig erfolgreichstes Soloalbum. Inwiefern lastet in Folge dessen nun ein Erfolgsdruck auf dir?

Alligatoah: Sicherlich spüre ich einen Druck. Allerdings ist das kein Erfolgsdruck, sondern einzig und allein der Druck, der von mir selbst ausgeht und den ich immer schon spüre, seitdem ich Musik mache. Das ist der Druck, das bisher Geschaffene musikalisch in den Schatten zu stellen. Mit mir selbst bin ich so streng – so stark könnte gar kein anderer Druck sein.


Hast du eine Erklärung dafür, dass der Durchbruch und der große kommerzielle Erfolg erst relativ spät eingetroffen ist?

Alligatoah: Es war nicht spät, finde ich. Es ist auch nicht so, als hätte ich die Jahres zuvor ständig darauf gewartet, dass es endlich passiert.

Als ich „Triebwerke“ geschrieben habe, habe ich nicht darauf gepocht, dass ich über Nacht plötzlich der große Star werde.

Ich glaube, dass verschiedene Faktoren zusammengespielt haben. Es wurde eine Menge Vorarbeit geleistet, ohne die der Durchbruch nicht möglich gewesen wäre, beispielsweise habe ich mir über Jahre hinweg eine stabile Fanbase erarbeitet. Außerdem habe ich Leute, die mit der Art, wie ich Musik mache, klarkommen, damit etwas anfangen können und es einbauen können – solche Menschen in meinem Umkreis zu haben, ist sehr wichtig.

Vermutlich war es auch einfach exakt der perfekte Zeitpunkt für so eine Platte.

Alligatoah: Der Zeitpunkt war definitiv der richtige, die Leute, die ich getroffen habe, waren die richtigen und irgendwie habe ich es dann noch geschafft, das richtige Lied zu schreiben, das einen Nerv getroffen hat und auf verschiedenen Ebenen und für verschiedene Leute gut funktioniert hat.

Der große Erfolg bringt auch neue, teils sehr junge Fans mit sich. Hattest du schon Sorge, dass solche den doppelten Boden der Musik nicht richtig zu deuten wüssten?

Alligatoah: Sehr junge Fans hatte ich tatsächlich schon vorher – das darf man nicht vergessen. Diese Leute sind mit gewachsen, inzwischen auch älter und rümpfen die Nase über die neuen Fans. Aber auch diese Leute hatten vermutlich mal Probleme, alles zu verstehen und einzuordnen, aber irgendwann hat es auch bei denen Klick gemacht. Irgendwann lernt man auch, wie man mit Satire und dieser Art von Musik umgehen kann.

Wo liegt eigentlich der grundlegende Unterschied zwischen Alligatoah- und Trailerparkfans?

Alligatoah: Tatsächlich konnte ich in letzter Zeit immer häufiger beobachten, dass sich das sehr vermischt. Es gibt auf jeden Fall ähnliche Kreise. Die Begegnungspunkte mit diesen Leuten sind ja meist die Konzerte. Dort bekommt man dann auch häufig das erste Mal einen authentischen Eindruck von den Leuten – im Internet kann ja viel geschrieben werden, das ist nicht unbedingt authentisch.
Der einzige Punkt, der vermutlich niemanden überraschen wird, ist, dass die Leute auf Trailerpark– Konzerten meist ein wenig feierwütiger und betrunkener sind. Wenn man denen begegnet, haben die oft schon einen in der Krone und riechen nach Schnaps.
Bei meinen Konzerten läuft das ein wenig gesitteter. Natürlich wird da auch hin und wieder getrunken, aber ich glaube, da ist vielen wichtig, dass sie die Show sehen. Die Soloshow ist ja eine ganz andere im Vergleich zu Trailerpark. Das ist etwas zum Zugucken – Es passiert etwas und an Stelle von Dauerbeschallung gibt es auch Ruhe und Pausen. Das zieht eben auch andere Leute.

Wenn du dich vorstellst, würdest du dich selbst als Rapper betiteln?

Alligatoah: Das ist unterschiedlich und kommt auch darauf an, wer mich fragt. Wenn ich in einem Rap-Kontext sitze und man mich als Pop-Sänger betitelt, sage ich, dass ich auch Rapper bin. Sitze ich aber in einer Fernsehsendung sitze und man betitelt mich als Rapper, sage ich, dass ich auch singe und es viel mehr gibt als nur Sprechgesang. Die Mischung macht es aus.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass du unfassbar viele Instrumente spielst.

Alligatoah: Ich spiele viele Instrumente, aber ich beherrsche nur sehr wenig Instrumente – das ist vermutlich der wichtigste Unterschied. Dennoch probiere ich es und das möchte ich jedem ans Herz legen. Aus den Dingern kommt Musik raus. Man muss nur sehen, wie man sie rausholt und oftmals ist das auch gar nicht so schwer. Mittels der Magie und den Möglichkeiten der heutigen Nachbearbeitung, kann ich auch aus einzeln eingespielten Akkordeon-Tönen oder Trompeten- Tönen zusammengeschnittene Lieder erstellen.

Alle Instrumente, die man auf dem Album hört, stammen entweder aus Synthesizern, oder sind von mir selbst eingespielt worden.

Nun sind deine Trailerpark-Kollegen nebenher auch als Solokünstler aktiv – Timi releaste im August mit „Zwei Zimmer, Küche, Bong“ sein Solo-Debüt. Herrscht so etwas wie eine interne Konkurrenz?

Alligatoah: Das glaube ich allein aus dem Grund nicht, weil wir so unterschiedliche Arten von Rapmusik machen. Wir haben alle unsere Sparte gefunden, in der wir alle einfach sehr gute Musik machen. Die Soloprojekte untereinander kann man von daher schon gar nicht vergleichen.
Also: Konku – was?

Auf deinem Youtube-Kanal kann man die „Schöpfungsgeschichte“ – also den Entstehungsprozess der Platte verfolgen. Ein klassisches Berliner Studio sieht anders aus.

Alligatoah: Das Studio befindet sich unweit von Berlin. Aber es ist weit genug draußen, um allein und ungestört in der Natur zu sein. Umgeben von Wald und Wildschweinen.

Wie sieht denn das perfekte Setting für so eine Albumproduktion aus?

Alligatoah: Die Umgebung ist schon sehr gut, um dort produktiv zu arbeiten, allerdings gibt es kein perfektes Setting, da das Setting immer anders ist. Wenn du dich erinnerst, an welchem Ort du einen guten Song geschrieben hast und du dort hin zurückkehrst, um wieder einen guten Song schreiben zu wollen, wird das nicht funktionieren.

Die Orte sind keine Garantie für gute Songs.

Was wichtig ist, ist, dass man Orte stets wechselt. Welche, die man aus Alltag und Realität kennt, können einen definitiv nicht so inspirieren wie Orte, die ungewöhnlich sind, die Augen reizen und fordern und die Sinne in Wallung bringen.

Verrätst du mir deine größte Inspiration, die zu dieser Platte geführt hat?

Alligatoah: Die Menschen und ihr Umgehen miteinander ist meine Inspiration dieser Platte gewesen. Ich habe für jedes Album einen thematischen Rahmen. Hier geht es sehr stark um das menschliche Zusammenleben und das, was man daraus macht – gesellschaftliche Systeme und sowas.

Steht zuerst ein thematischer Grundtenor oder ergibt sich dieser im Nachhinein aus den Songs?

Alligatoah: Die Themenauswahl entspricht im Endeffekt dem, was mir gerade auf der Seele brennt. Ich habe bemerkt, dass alle Songs, die ich schreiben wollte, in diesem thematischen Spektrum liegen. Genau so war es der Fall bei „Triebwerke“ – da habe ich auch bemerkt, dass alle Songideen mit den Thema Liebe, Frauen und Beziehungen zu tun hatten. Wenn auch nur im Entferntesten – es lässt sich aber alles auf einen Nenner bringen. Darum geht es dann: Den gemeinsamen Nenner finden und dem Ganzen eine Überschrift geben.

In der Deluxebox der Platte findet sich mit „Straßenmusik ist auch keine Lösung“ ein ganz besonderes Projekt. Wie kam die Idee zustande und wie verlief die Umsetzung?

Alligatoah: Ich habe mich schon immer für Straßenmusiker interessiert. Viele Leute haben, glaube ich, ein Bild von Straßenmusikern, das dem von Bettlern ähnelt. Je mehr Straßenmusiker ich kennengelernt habe, desto schneller habe ich auch bemerkt, dass das auch einfach total gefestigte Menschen sein können, die mit der Musik gutes Geld verdienen. Manche von ihnen haben das zu ihrer Lebensaufgabe gemacht – Um die Welt reisen und Musik auf der Straße spielen.
Was mich besonders fasziniert, ist, dass die Leute nicht wie ich, wenn ich ein Konzert spiele, sich auf die Bühne stellen, weil die Leute Eintrittskarten gekauft haben. Die stellen sich einfach hin und sehen, was passiert. Das erfordert viel Mut. Dann haben wir das Projekt umgesetzt.

Was waren die Auswahlkriterien?

Alligatoah: Das war unterschiedlich. Manchen bin ich einfach begegnet und habe sie angesprochen. Auf andere wurde ich über Empfehlungen aufmerksam. Ich kenne ein paar Musiker in dieser Szene und die sind untereinander vernetzt und man kennt sich.
Sechs Straßenmusiker aus Berlin, die alle Bock auf etwas Experimentelles hatten, habe ich ausgesucht, und diese je einen Tag ins Studio geholt. An diesem einen Tag habe ich dann mit jedem zwei Lieder des Albums neu interpretiert. Vorher kannten sie die Lieder nicht und wir haben dann spontan überlegt, wie wir es neu interpretieren und daraufhin sofort live eingespielt.

Eine letzte Frage: Gibt es eine optimale Lösung?

Alligatoah: Der Titel ist eher eine provokante These als alles andere. Erst einmal sagt er nichts aus, außer dass irgendjemand der Meinung ist, dass Musik nicht die Lösung ist. Eigentlich sagt er auch nur aus, dass es irgendein Problem zu geben scheint und mit diesem Problem beschäftigt sich das Album. Vielleicht ist Musik ja sogar doch die Lösung? Vielleicht setzt das Album ja alles daran, um diese These zu widerlegen? Ob das klappt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

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