Alligatoah – „Musik ist keine Lösung“

Alligatoah - Musik ist keine Lösung (Cover)

Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen: 2009, also vor ganzen sechs Jahren, sitze ich eines trüben Schulalltages im Deutschunterricht und anstatt mich den Lernmaterialien zu widmen, begebe ich mich in eine angeregte Diskussion über Hip-Hop mit meinem Sitznachbarn. Damals bin ich noch fast ausschließlich im US-Rap bewandert und mein Gesprächspartner prophezeit mir lautstark, dass ein so genannter Alligatoah eines Tages das ganz große Ding werde. Nachdem ich seiner nachdrücklichen Empfehlung, mir den Song „Raubkopierah“ anzuhören, schließlich nachgebe, sind wir uns einig: Das kann was werden!

Mein Schulkamerad sollte also Recht behalten. Im Hause Trailerpark findet Alligatoah das passende musikalische Umfeld, um mit seinem Album „Triebwerke“ Katapult-artig durch die Decke zu schießen. Dass Lukas Strobel seine Ideen in Alleinregie umsetzt, spielt mit Sicherheit keine kleine Rolle für seinen Erfolg. Auf dem Nachfolger wird also wenig überraschend auf bewährte DIY-Methode gesetzt: Instrumentals, Videokonzepte, alles wie gewohnt direkt aus Alligatoahs Hand – bei einem so kreativen Kopf bestimmt nicht die schlechteste Idee. Während sein Labeldebüt sich mit dem Thema Liebe in all seinen Facetten auseinandersetzte, fällt die Themenwahl auf „Musik ist keine Lösung“ um ein Vielfaches gesellschaftsbezogener aus. So handelt die neue Platte von Umweltverschmutzung, Heuchlerei, Flüchtlingsgegnern und Verschwörungstheoretikern – kurz: das menschliche Zusammenleben. Alligatoah spielt hier ein weiteres Mal den sarkastischen Beobachter, der sich in alle erdenklichen Charaktere – vom Politiker bis hin zum rechtsorientierten Bürger – hineinversetzt, um hierdurch seine Messenge zu übermitteln.

Musikalisch schließt die Platte nahtlos an „Triebwerke“ an und kommt mit dem typischen Alligatoah-Sound auf. Hierfür wurde wieder fleißig auf allem Möglichen, das Töne von sich gibt, zurückgegriffen. Hoffentlich hört Alli-, ich korrigiere DJ Deagle, nie damit auf. Aber Kaliba wäre nicht Kaliba, wenn er die LP nicht noch mit einer Handvoll Querverweise bestückt hätte. Diese gefallen mir besonders gut. Sei es das Outro von „Denk an die Kinder“, welches als eine Art „Kunst des Bitens 3“ funktioniert oder die „Mama kannst Du mich abholen“-Skits als Fortsetzung der „Münchhausen“-Reihe. Als einziges Feature ist Morlockk Dilemma mit von der Partie, dem ich sonst leider eher weniger abgewinnen kann, der hier aber zugegeben eine solide Vorstellung abgibt und den Song „Das bedeutet Krieg“ perfekt ergänzt.

Alligatoah weiß also genau, was er tut, und das merkt man der Platte deutlich an. Hierbei macht er so ziemlich alles richtig, was man nur richtig machen kann: ein liebevoll kreierter eigener Sound, Themen, die den heutigen Zeitgeist widerspiegeln, ein roter Faden und ein stets raptechnisch hohes Niveau. Der Titelsong, der die provokante These aufgreift, dass Musik ja gar keine Lösung für all diese Probleme sei, bringt letztlich das Album zu seinem Abschluss – eine wahrlich pessimistische Ansicht. Aber wieso macht Alligatoah dann diese Musik? Ich denke, so ganz hat er den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren. Die Menschenmassen, die seine Konzerte stürmen und sich somit mit dem identifizieren, was er in seiner Musik zum Ausdruck bringt, dürften ihn hoffnungsvoll stimmen. Und wer weiß? Vielleicht kann man dann eines Tages wirklich ohne von Zweifeln geplagt zu sein sagen: „Musik ist eine Lösung!

 

Hier könnt ihr euch „Musik ist keine Lösung“ bestellen. Unseren BACKSPIN TALK zum Album mit Alligatoah gibt es bei BACKSPIN TV zu sehen.

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Seit seinem Praktikum 2014 neben dem Studium der Medienwissenschaft für die BACKSPIN als Autor tätig, seit 2000 bereits von der Marshall Mathers-LP auf Ewig verdammter Hip-Hop-"Stan".

1 Comment

  1. Henry

    3. Dezember 2015 at 18:28

    Wenn Alligatoah nicht 10/10 für den Inhalt bekommt, wer dann?

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