Alien: Isolation

Alien Isolation

Vorzeige-Jäger: wenig menschenähnlich und in Sachen Instinkt seinen Opfern um Längen überlegen – so könnte man die von Designer HR Giger geschaffene außerirdische Lebensform Alien beschreiben, die 1979 Bildschirmpremiere feierte, und seitdem ganzen Kinosälen das Fürchten lehrt. Fans der Serie wurden auf dem Softwaremarkt jedoch allzu oft herb enttäuscht, konnten die Spiele schließlich nie so richtig mit dem Stoff der Filme mithalten. Die Atmosphäre richtig rüberzubringen: neblige, knarzende Raumschiffgänge mit surrender 90er-Jahre-Technik und der Angst, hinter jeder Ecke diesem Vieh zu begegnen, das wollte bisher keinem Spiel so richtig gelingen. Doch Alien Isolation ist da ansprechend anders.


Endlich mal kein Shooter

Mit Ellen Ripley, gespielt von Sigourney Weaver, trat dem zähnefletschenden Grauen in insgesamt vier Kinoabenteuern eine echte Powerfrau entgegen. Und zwar eine mit Köpfchen, aber auch Schmackes. Bereits der Storyanschluss von Alien Isolation dürfe bei Anhängern des Weltraumepos eine Freudenattacke auslösen: Wir müssen uns nicht mehr mit der Rolle eines gesichtslosen Marines begnügen, der wie wild drauf losballert, sondern dürfen in die Haut von Ellen Ripleys Tochter Amanda schlüpfen und nachempfinden, wie sich die Ereignisse des ersten Films fortspinnen.

AI_LAUNCH_SCREEN005_1411636901Als Amanda erfährt, dass der Flugschreiber der Nostromo – dem Frachtschiff, auf dem ihre Mutter verschollen ist – an Bord der Raumstation Sevastopol gebracht worden ist, zögert sie nicht lange, dorthin aufzubrechen. Nicht nur, um herauszufinden, was mit ihrer Mutter geschehen ist, sondern auch – was sie bis dahin ebenfalls nicht weiß – um sich genau wie Mama mit fremden Lebensformen herumzuschlagen, nur eben mit einigen mehr und 15 Jahre später. So authentisch und angsterfüllt, wie wir es bisher in keinem Alien-Spiel gesehen haben.

Säureblut und Eisenzahn

Angekommen auf der gigantischen Raumstation Sevastopol und durch einen Unfall zunächst getrennt vom Rest ihres Teams wird schnell klar: Ein schauriger Xenomorph mit Säureblut, spitzem Schweif, edelmetallen blitzenden Zähnen, riesigen Krallen und Exoskelett hat die Raumstation zum Jagdgebiet erklärt und die Besatzung bereits ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Wie auch im ersten Film für Ellen heißt die Überlebensstrategie für ihre Tochter dabei nicht ballern, bis es sich nicht mehr bewegt. Stattdessen tun Schleichen, Täuschen und Verstecken ihr Übriges. Die oberste Regel bei Alien Isolation lautet: Wer sich auffällig verhält, überlebt keine Minute.

Das eigentlich Reizvolle beim Erkunden der Raumstation ist die Unvorhersehbarkeit der Künstlichen Intelligenz. Es fällt schwer, abzuschätzen, wann wir dem Untier begegnen. Eines aber ist klar: Eine Konfrontation überleben wir nicht. Man muss schon einige Tode sterben, bevor man begreift, wie Alien Isolation gespielt werden will: nämlich äußerst wachsam. Ein lautes Krachen mit anschließendem Fauchen kündigt an, dass das Monster in unmittelbarer Nähe aus dem Lüftungsschacht gesprungen ist und Witterung aufgenommen hat. Erspürt es uns, kommt es in einem Affenzahn auf Ripley zugestürmt.

AI_LAUNCH_SCREEN014_1411636926Glücklicherweise hat Amanda so einiges von ihrer Mama Ellen, der – wie wir aus dem Film wissen – einzigen Überlebenden des Nostromo-Vorfalls. Die Technikerin erweist sich als wahre Expertin der Improvisation, bewandert im Zusammenbasteln allerhand nützlicher Geräte wie Geräuschemachern, Medipacks bis hin zu Rauch- und EMP- Granaten. Diese helfen dabei, sich bis zum nächsten Savepoint zu retten. Alles, was sie dafür braucht: Blueprints und Komponenten, die wir in den Levels aufspüren.


Interaktives Science-Fiction-Kino

In einem Punkt überragt Alien Isolation alle bisher dagewesenen Titel: Noch nie wurde der komplexe Filmstoff so „artgerecht“ aufbereitet, die Filmsettings inspirieren das Leveldesign und neben bekannten gibt es unzählige neue Ecken zu entdecken. Selbst an eine Art Rauschfilter hat man bei Entwicklerstudio Creative Assembly gedacht, sodass die Szenen auf dem Bildschirm teilweise wirken wie aus der Leinwand geschnitten. Mächtige Orchestersounds und ächzendes Metall, das unter den stampfenden Schritten der gewaltigen Jäger nachgibt, lassen inmitten surrender Systeme mit Greenscreens und Röhrenmonitoren echtes Alien-Kinofeeling aufkommen.

Geradezu in Serie ertappt man sich dabei, tief durchatmen und den Herzschlag regulieren zu müssen, ist man dem Biest einmal mehr knapp entkommen. Glücklicherweise ist Amanda flink, sportlich und zierlich genug, sich in Stahlboxen hineinzufalten, in Lüftungsschächte hechten oder sich im letzten Moment in Spinden verkriechen zu können – immer hoffend, dass das Alien sie nicht kurzum packt und aus der Geborgenheit reißt. Diese Momente sind es, die das Spiel ausmachen. Haben wir es in das nächste Versteck geschafft, zieht das Monstrum schnaubend Luft durch die Nüstern, während wir mit dem linken Stick den Kopf vom Lüftungsschlitz des Spindes wegziehen, per Knopfdruck die Luft anhalten und hoffen, dass unsere Deckung nicht auffliegt.

Nicht nur ausgewachsenen Biestern begegnet Amanda im Laufe des Abenteuers, sondern auch anderem aus den Filmen bekanntem Gefleuch. Die spinnenartigen Befruchter, die Facehugger, wirkten noch nie so bedrohlich. Synthetische Hilfsandroiden mit Gummihaut, Hiwis genannt, werden entgegen ihrer eigentlichen Programmierung zur Gefahr. Zwar kann sich Ripley kleineren Gegnern mit Schusswaffen und Rohrbomben zur Wehr setzen, das nützlichste Hilfsmittel neben verdecktem Vorgehen ist allerdings der Motion Tracker. Geräusche und Aussehen wirken so, als hätten die Entwickler eine Filmrequisite digitalisiert, was wahrscheinlich auch so ist. Schließlich hat 20th Century Fox ihnen für dieses Projekt Zugang zum Archiv des Filmdrehs genehmigt.


Fazit: Cineastischer Spießrutenlauf

Der Unmut war laut bei Spieletestern: Zu unvorhersehbar und unfair sei die KI der virtuellen Widersacher – zumindest des ausgewachsenen Aliens. Syntheten dagegen sind schwerfällig, verhalten sich, wie man es von Maschinenmenschen erwarten würde, und schreiten gemächlich auf uns zu. Humanoide Gegner geben gut gezielte Schüsse ab und man ist definitiv immer besser damit beraten, mit gezücktem Motion Tracker ein paar Sekündchen länger in der Deckung zu kauern. Genau dann allerdings entfaltet die angsteinflößende Geräuschkulisse ihre volle Wirkung und man fühlt sich schwach und verletzlich.

AI_LAUNCH_SCREEN006_1411636903Vermittels Minigames im C64-Style knacken wir Codes von Sicherheitskonsolen, an Verkabelungs-Stationen können wir die Luftreinigung abschalten oder den Zugriff auf Türschlösser manipulieren. Letzten Endes zählt aber geschicktes Timing und ein offenes Auge in Richtung nächster Speicherstation. Diese haben nach erfolgter Speicherung nämlich eine gewisse Abklingzeit. Ansonsten sammeln wir immer wieder die gleichen Objekte, um anschließend das Zeitliche zu segnen. Für schnelleres Vorankommen können wir uns an Terminals Kartenupdates ziehen, die uns dann auch Lüftungssysteme anzeigen.

Letztendlich lohnt es sich – und nicht nur für diejenigen, die die Filme längst auswendig kennen – Alien Isolation eine Chance zu geben. Gerade denjenigen, die sich nicht nach einem neuen Shooter mit abgedroschenener Kampfprotz-Handlung gesehnt haben, könnte Alien: Isolation nun endlich eine gelungene Abwechslung bieten. Der Silberling hat Sogwirkung trotz teilweise frustierender Stellen. Wie ein Aliengebiss. Ach ja: Ihr könnt das Alien nicht töten. Das Spiel ist nicht wirklich kurz geraten, die cineastischen Elemente sind dennoch ganz großes Kino!

Alien: Isolation

Getestet und geschrieben von PhabZen

Getestet auf XboX One

Entwickler: Creative Assembly

Publisher: Sega

Release: bereits erschienen

Plattformen: Xbox 360, Xbox One, PlayStation 3, PlayStation4, PC

Hier geht es zur offiziellen Webseite

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