Alexandru Ciubotariu: Vom jungen Comiczeichner zum hauptberuflichen Street Art-Künstler

Bukarest, die Hauptstadt Rumäniens. Hier schlafen Klebstoff schnüffelnde Kinder zwischen Maybachs und Ferraris. In diesem Millionen-Moloch erobern Graffiti- und Street Art-Künstler die vom Raubtier-Kapitalismus entstellten öffentlichen Räume mit unbändiger Kreativität zurück. Der studierte Graphiker Alexandru Ciubotariu ist mit seiner Figurenreihe “Pisica Pătrată“ (“Die quadratische Katze“) seit den Anfängen dabei. Sein kreatives Konzept ermöglichte ihm den Sprung von den Häuserwänden der Stadt in die Kinder- und Wohnzimmer des Landes. Wenn er nicht gerade malt, entwirft er Kinderbücher, Spielzeug oder widmet sich seiner ersten Leidenschaft: Comic-Books.

Nicht schwer zu erkennen: Begonnen hat für Ciubotariu alles mit Comicfiguren.

Wie bist Du zur Street Art gekommen?
Ende der 1990er Jahre in Paris. Die Idee, durch simple Techniken und mit geringem Aufwand das Bild der Stadt umzugestalten, hat mich sofort gepackt. Und auch die künstlerische Freiheit, die damit einherging. Ich hatte noch unzählige Skizzen und Ideen auf Halde, aus denen hab ich Sticker gemacht. Das Internet hat mir enorm geholfen.

In welcher Weise?
Als Inspiration und Netzwerk. Hier stieß ich auf Künstler wie den Italiener BLU und fand Leute, die bereits in Rumänien aktiv waren z. B. Neon oder Sinboy. Wir gingen in marode Fabriken aus der Kommunismus-Ära. Dort konnten wir kreativ sein, mit riesigen Graffiti-Pieces herumexperimentieren. Niemand kontrollierte, was wir taten. Später haben wir uns dann mehr und mehr in den öffentlichen Raum gewagt.

Was waren die Reaktionen in der Öffentlichkeit? Gab’s auch Stress?
Mit den Bullen hatte ich nie wirklich Stress. Die waren eher belustigt. Aber die Jungs, die maskiert in den U-Bahn Schächten Wholecars malen, die machen teilweise Hardcore-Erfahrungen. Die Wachmänner können dann mal so richtig ihre Aggressionen raus lassen, wenn sie einen erwischen. Auf der Wache hagelt es teilweise saftige Geldstrafen, aber verknackt wird man meines Wissens dafür nicht.

Und positive Erfahrungen?
Das Direkte gefällt mir: Keine Galeristen, Museumsdirektoren, Snobs oder Wartezeiten, sondern der direkte Weg zum Publikum, ungekünstelte Reaktionen – gute wie schlechte. Irgendwann hab ich Fotos von unseren Sachen bei der Nachrichtenagentur „Reuters“ im Internet gesehen. Es ging darum, Touristen ein Bild von Bukarest zu vermitteln. Da hab ich gemerkt: Was wir machen, ist relevant und repräsentiert diese Stadt. Das hat uns dann nochmal einen zusätzlichen Boost gegeben, uns noch intensiver abgehen lassen.

Arbeitest Du ausschließlich in Bukarest?
Früher hab ich meine Sachen auch übers Land verteilt gemacht. Das mach ich jetzt nur noch bei Großprojekten, so wie die Wand in Braşov (dt. Kronstadt). Bei diesem Projekt hat mich der rumänische Graffiti-Pionier Homeboy gefragt, ob ich da Bock drauf hätte. So kamen unterschiedliche Künstler aus ganz Rumänien zusammen, um gemeinsam eine mehrere hundert Meter lange Mauer in der Stadt zu bearbeiten.

Gibt es so etwas wie eine Szene in Rumänien, in der man auch miteinander konkurriert?
Konkurrenz würde ich das nicht nennen. Da wir nicht sehr viele sind, freut man sich eher, wenn den anderen etwas gelingt oder jemand neu hinzukommt. So wie zum Beispiel dieser junge, hochmotivierte Kerl, der sich Allan Dalla nennt. Man trifft sich auf Konventen, Ausstellungen oder bei gemeinsamen Projekten. Es herrscht also eher eine Kollegialität, auch wenn jeder hier sein eigenes Ding macht.

Und Deine Motivation?
Tagtäglich an heruntergekommenen Stellen vorbeizukommen, hat mich dazu gebracht, mit meinen Ideen kleine Akzente zu setzen. Wenn man das dann drei, vier Mal macht und die Reaktion darauf positiv ist, freut man sich, weil man die Stadt ein klein wenig verändert und den Menschen eine kleine Freude gemacht hat.

Wenn ihm ein Ort in der Stadt nicht passt, verändert “Pisica Patrata“ ihn einfach mithilfe seiner Sticker.

Deine Motive sind sehr figurativ. Hast Du Dich auch an Buchstaben versucht?
Nein, mit Buchstaben arbeite ich eigentlich nicht. Schon als Kind hab ich Comic-Strips gemalt, mich hat die Möglichkeit, mit Bildern Geschichten zu erzählen, gefesselt. Nach kurzer Zeit wurden meine Arbeiten bei Lokalblättern publiziert, ich bekam später meine eigene Rubrik und war damit der Held an meiner Schule.

Das hatte sicher Vorteile.
Im Viertel sprach sich herum, dass ich der Junge bin, der zeichnen kann. So kamen dann bald die ersten Straßenjungs zu mir und baten mich, ihnen Entwürfe von Drachen und Löwen zu zeichnen, grausige Motive. Ein paar Tage später kamen die dann zu mir und präsentierten mir stolz ihre Tatoowierungen, die sie nach meinen Vorlagen hatten stechen lassen. Ab da hatte ich Geleitschutz auf der Straße (lacht).

Als “Pisica Pătrată“ hast Du Figuren erschaffen, die in Werbespots vorkommen und als Urban-Toys auf den Markt gekommen sind. Was bedeutet dieses Konzept für Dich?
Die Möglichkeit, mich jenseits starrer Vorstellungen auszuprobieren. Der Bekanntheitsgrad der Figuren hat mir bestimmte Türen geöffnet. So wurde ich beispielsweise nach Brüssel, New York und auch nach Saragossa eingeladen. Geld hab ich damit natürlich auch verdient. Ich höre mir jedes Angebot an. Dennoch gibt es eine Grenze: Ich würde niemals was für politische Parteien machen.

Kannst Du von Deiner Kunst leben?
Als Illustrator lief es für mich bis vor ein paar Jahren finanziell gut, weil ich viele Aufträge aus dem Print-Medien-Bereich hatte. Seitdem der Presse-Markt den Bach runtergeht, haben viele Illustratoren das Land verlassen. Jetzt bin ich Freelancer – eine Auftragsarbeit hier, ein bisschen Werbung dort. Im Advertising steckt die meiste Kohle, da kann man mit ein paar Wochen Arbeit einen Sack voll Geld machen.

Was sind Deine Projekte für die Zukunft?
Da ich in letzter Zeit sehr viele Comics male, sehne ich mich nach etwas Großflächigem. Vor ein paar Tagen bin ich eingeladen worden, an einer 1,5 Kilometer langen Wand am Hafen von Constanţa (dt. Konstanza) mitzuarbeiten. Das würde etwa drei Wochen in Anspruch nehmen. Das wäre genau das Richtige für mich.

Auch vor der griechischen Mythologie macht Ciobotariu nicht Halt: Der dreiköpfige Höllenhund Zerberus

Letzte Worte?
Wenn euch die Szene hier in Rumänien interessiert, checkt die Arbeiten von Kitra, Saddo, Irlo, Matei, Branea und Sinboy aus. Ihr könnt auch Kontakt zu mir aufnehmen, ihr findet mich im Internet. Aber schreibt auf Englisch! Und danke an Eileen!

Alexandru Ciubotariu findet ihr hier bei Facebook.

Hier findet ihr weitere Beiträge aus unserer Kolumne, die sich rund um Street Art aus Rumänien dreht.

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Gabriel Medrea

Freier Autor, Baujahr 1980, Kindheit: Sozialismus in Rumänien. Als Hosenscheißer ab ins deutsche Wirtschaftswunderland. In Hip Hop Deutschlands Wiege Heidelberg Geschichte und auch Politik studiert. Nebenbei von allem bisschen was: Radio Deutsche Welle Köln, TV Ufa Serial Drama in Berlin und Onlinepresse Heinertown für Darmstadt.

2 Comments

  1. Sebastian

    22. November 2018 at 8:44

    Toller Artikel, gute Fragen, interessante Antworten, bitte mehr von diesem Autor

  2. Mac

    17. November 2018 at 23:20

    Toller Beitag Leute!

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