Album der Woche: Stormzy – „Heavy Is The Head“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Dafür bespricht unsere Autor Yannick diese Woche das zweite Album des UK-Rappers Stormzy – „Heavy Is The Head“.

Künstler: Stormzy
Titel: Heavy Is The Head
Features: Headie One, Tiana Major9, Yebba, H.E.R., Aitch, Burna Boy, Ed Sheeran
Produzenten: Fred, Fraser T. Smith, Jimmy Napes, Mj Cole, Jay Weathers, Ey, Frank Dukes, T-Minus, Owen Cutts, Toddla T, Illminds, Adotskitz, Cardiak, Aod, Ed Thomas, Chris Andoh 
Releasedate: 12.12.2019
Label: Hashtag Mercy Music Limited/Atlantic Records UK/Warner Music 

 

Yannicks Erwartungshaltung:

Stormzy und sein erstes Album waren die Grime-Revoluzzer. Nicht zwingend musikalisch, mit „Gang Signs & Prayer“ machte er sich aus dem Stegreif zum Grime-Botschafter im britischen Pop-Mainstream. Die Position, die Legenden wie Skepta oder Dizzie Rascal immer verwehrt blieb. Denn auch wenn Stormzy natürlich sehr authentische Street-Attitüde an den Tag legt, hat der dennoch das Format Superstar. „Gang Signs & Prayer“ sollte kein Manifest für den musikalischen Heimathafen werden, sondern diesem am vorläufigen Zenit eine neue Richtung weisen. Rückblickend perfekt gelungen. Und schon Cover und Titel zum zweiten Album sagen viel über das aus, was in den letzten Jahren bei Stormzy passiert ist. Das Album verspricht – auch wegen der wuchtigen Singles – unglaublich spannend zu werden. 

 

1. Big Michael: 

Das Intro, das das Album verdient hat. In diesen zwei Minuten zeigt sich schon, dass „Heavy is the Head“ weniger die Geschichte eines Jungen aus den Blocks weitererzählt, sondern – wie es das Cover schon andeutet – eines Jungen der in den letzten Jahren irgendwie als Galionsfigur der britischen Pop-Kultur erkoren wurde. Das lebt Stormzy im Opener maximal ignorant aus. Das Referenzspiel durch die britische Geschichte beginnt mit David Beckham und Henry VIII Tudor. Ich mags, dass dem Nachfolger des Trap-induzierten „First Things First“ als Opener des Debütalbums doch etwas mehr Grime-Wucht durch die Adern schießt. Klassische Machtdemonstration. 

2. Audacity 

Wenn Briten einen Verse voller Fußballer-Namen-Refrenzen bringen hat das – im Gegensatz zur hiesigen Szene – etwas stilvolleres… Insgesamt ein böser Anschluss ans Intro, der den jetzt-auf-gleich-Sprung zum Superstar selbstbewusst weiterzeichnet. Konstant schimmert der Wunsch nach Anerkennung für den eigenen Status aus der eigenen musikalischen Basis durch. Bis dann im Outro unmissverständlich klar wird, warum die Inszenierung als König sehr wohl gerechtfertigt und ein solcher Status nicht grade einfach zu handlen ist. 

3. Crown

Die logische Konsequenz aus den ersten beiden Songs. Mit „Crown“ beginnt die Reflexionsphase nach 6 Minuten Euphorie über die eigene „Macht“. Die Inszenierung als Mann des Volkes mit einer erheblichen Angst an der Aufgabe, Gleichgesinnte zu vertreten zu scheitern, ist über die dreieinhalb Minuten so ehrlich, dass es nicht kalt lassen kann – auch wegen der tollen Einbindung des „LJ Sisters“ Chors. Großer Song!

4. Rainfall

Die Aufforderung, ihn doch bitte aus Grime-Beef rauszuhalten fällt ja bereits in den ersten vier Songs latent auf, bekommt mit „Rainfall“ jetzt aber nochmal einen eigenen gewidmet. Smarter Lösungsansatz: Gott wird’s schon regeln, Stormzy hat andere Sorgen. 

5. Rachel’s Little Brother

So früh ein Song mit derart retrospektivem Vibe überrascht doch etwas. Erinnert in der sentimentalen Realtalk-Manier an klassische Drake Outros – keine Hook, nur knapp 100 alleinstehende, selbstreflektierte Bars – und wirkt auf „HITH“ als Wrap-Up des ersten Album-Drittels. 

6. Handsome 

Gibt es nicht viel zu sagen, als dass es einfach Spaß macht, Stormzy beim Flowen zuzuhören. Schöner Representer. Irgendwie hat’s mir die Rachael Anson Referenz in der Hook angetan und ich bin dadurch jetzt auf das wunderbare Projekt Foundation FM gestoßen. (Check it out!) 

7. Do Better

Stormzys Liebe für Neo-Gospel ist lange kein Geheimnis. Diese Nummer macht es aber um einiges besser als vergleichbare Stücke auf dem Vorgängeralbum, bei denen das Pendel etwas zu arg in Richtung Kitsch und Pathos ausschlug. „Do Better“ wirkt an dieser Stelle deutlich gereifter und präsentiert einen Stormzy, der sich für die eigene Kunst und Community selbst opfert. 

8. Don’t forget to Breathe (Interlude)

Ein Mantra, in Situationen der totalen Überforderung Acht auf sich selbst zu geben. Der Adressat dürfte in erster Linie Stormzy selbst sein. 

9. One Second

Wo es sich über die vorangehenden Songs nur subtil andeutete, geht es im Duett mit H.E.R zum ersten Mal sehr konkret um Depression, mentale Drucksituationen, Einsamkeit und die fehlenden Zeit, all dies aufzuarbeiten. Wieder sind wir hier beim Albumtitel und Cover angelangt, bei Selbstzweifeln am eigenen Status als ein menschgewordenes Politikum zT. wider Willen.

10. Pop Boy

Zum ersten Mal bricht der ernste Vibe des Albums auf. „Pop Boy“ ist ein wenig selbstironisch, frech. Stormzy fühlt sich außerhalb eines Grime-Korsetts wohl. Man kann auch als authentischer Rapper mit Street-Background mit Ed Sheeran zusammenarbeiten. Im Tracklisting ist das natürlich kalkuliert platziert…

11. Own It

…denn auf die „Rechtfertigung“ für seine Pop-Ader folgt der Pop-Song der Platte – natürlich wieder mit Ed Sheeran. Ein logisches Projekt, wenn man Stormzys aktuellen Status und Reichweite bedenkt und mit Burna Boy hat man auch einen anderen Kritikerliebling mit im Boot. Ein über Kritik erhabener, sehr seichter, konservativer Pop-Song, der am Ende aber kaum stört. Dafür ist das Trio zu sympathisch.

12. Wiley Flow

Stormzy ist offenkundig zu sympathisch für so richtigen Beef. Obwohl in erster Linie lediglich ein Representer, zeigt „Wiley Flow“ irgendwie den Wunsch, für London zu stehen und verschiedene lokale Lager zu einen. Denn wirklich böse wirkt der Song nie, eher mit der richtigen Note bestimmtem Charme versehen – Stormzy bezeichnet sich tatsächlich als „Young Chris Martin“. Dass sich die Referenzen auf Wiley durch alles an der Single ziehen macht’s noch cooler – viel zum entdecken.

13. Bronze

Die erste Nummer, die sich etwas verläuft. Klar, eine Reihe an Quotables gibt’s wieder, um einem weiteren Representer auf dem Album aber die Daseinsberechtigung zu geben, fehlt „Bronze“ etwas Feuer, Biss und Raffinesse. 

14. Superheroes

Eine sehr friedliebende Hymne gegen Rassismus, bzw. auf die schwarze Community in Croydon, in ganz London wie dem gesamten UK. Stormzy zeigt sich als Identifikationsfigur und Fan seines Umfelds gleichermaßen. Stolze Schulterklopfer für Dave, Little Simz, Big Shaq gibts auch – romantisch.

15. Lessons

Eine öffentliche Entschuldigung an die Ex-Freundin, in diesem Fall sogar mit Namen (Maya Jama) und das Offenlegen des Privatlebens… Auf der einen Seite ist das natürlich eine überaus gut gemeinte Geste, auf der anderen Seite irgendwie egoistisch. Ehrlich ist „Lessons“ aber allemal, ein gelungener Song auch. Ob man solche großen Gesten nun schätzt, muss jeder für sich selbst bestimmen. 

16. Vossi Bop

„Vossi Bop“ wurde zu Genüge im Vorhinein besprochen. Der Song, der dem Album den Status, das es schon jetzt hat bereits im Vorhinein verschaffte. Mit einem richtig bösen Banger auf Platz 1 zu charten und im Vorbeigehen auch noch ein weiteren Politiker-Beef zu beginnen – schon wieder mit dem Premier – ist einfach ein anderes Level. Logisch, dass der Song „Heavy is the Head“ beendet. 

Fazit: 

„Heavy is the Head“ ist die Essenz innerer Kämpfe eines Volkssprachrohrs. Eines Rappers der es rausgeschafft hat aber seine Wurzeln nicht verlieren will. Viel mehr als um Musik, als um Rap und Comepetition kreist das zweite Album um Persönlichkeit, emotionalen Kampf und Gesellschaft. Das ganze passiert natürlich auf absolutem Pop-Level, hat aber auch nie den Anspruch Subkulturen zu definieren oder gar revolutionieren. Oft genug wird deutlich, dass Stormzy sich der Blase, in der er aktuell über Grime schwebt, vollkommen bewusst ist, sich die Kriegsschauplätze für ihn in den letzten zwei Jahren massiv geändert haben. Die Substanz macht dieses zweite Album so gut. Denn musikalisch in zahlreichen Aspekten an etwas Stilsicherheit hinzugewonnen hat Stormzy auch nach dem großen Debüt immer noch ungemein viel zu erzählen. Damit stärkt er sein Standing in Großbritannien als amtierender König einer Jugendkultur nur deutlicher. 8/10

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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