Album der Woche (2/2): Soufian – „S.O.S“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche mit einem Special und gleich zwei Alben. Nach „OG“ von Mädness (zur Review) bespricht dieses Mal unser Autor Kuba das Debütalbum „S.O.S“ von Soufian.

Artists: Soufian
Titel: S.O.S
Features: Haftbefehl, Ufo361, Fero47, Reda Rwena, Doe
Produzenten: Sott
Label: Generation Azzlack 
Release: 23.08.2019

 

Jakobs Erwartungshaltung:

Soufian ist für mich einer der spannendsten Straßenrapper der neuen, jungen Garde an Rappern in Deutschland. Seine eklige Stimme, sein einzigartiger Flow und seine rotzfreche, unbekümmerte Art gaben ihm bereits nach seinen ersten Parts ein Alleinstellungsmerkmal. Auf „Allé Allé“ konnte Soufian bei mir einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Neben Bangern wie „Geh nicht in Knast“ und „An alle Dealer“ konnte der Offenbacher auch mit einem ruhigeren Song wie „Wolkenkratzer“ bei mir punkten. Denn ich liebe die reflektierte Seite des Straßenraps. Eine Aneinanderreihung von Drogengeschichten und Pablo Escobar Zitaten überzeugt mich nicht. Bin mal gespannt, was Soufian sich auf seinem Debütalbum so traut.

1. Imperial

Stabiler, atmosphärischer Intro-Song. Soufians Flow macht mir Lust auf das Album. Wie so oft ist es der Fokus aufs Geld, dem sich Soufian, wie viele andere aus seiner Umgebung, verschrieben hat. Die Geldzählmaschine scheint langsam zu laufen – auch auf legalem Wege. Aber er lässt zwischendurch auch kurz durchblicken, dass es nicht immer so war. Trotzdem wirkt er sehr gelassen und unbekümmert.

„Ich hab‘ mir grad Döner bestellt / Rap ist ’ne Comedy-Bitch, pah, pah, pah, pah“

„Was weißt denn du schon von Zusammenhalten / in Zeiten, wo wir nix hatten?“

2. Tom & Jerry

Man erkennt hier den Soundfaden, den Soufian zusammen mit SOTT auf die Platte bringen will. Leider ist es mir ein wenig zu viel des stumpfen Geflexe. Die Strophen finde ich soundtechnisch überladen, ich kann mich mich weder an der normalen Spur, noch an der Autotune-Spur erfreuen. Eher ein Song zum Skippen.

3. Barbeque

Richtig nice Pre-Hooks! Der Song gefällt mir gut und auch wenn es wieder relativ stures Drogen-Geflexe ist, ist es deutlich spannender verpackt, als noch bei „Tom & Jerry“. Soufian spuckt mir mit Lines wie „Was bringt dir dein Louis Vuitton / Gucci, Versace-Treter du Hurensohn?“ lyrisch und verbal in die Fresse. Genau diese asoziale Offenbach Azzlack Attitüde macht mir Soufian sympathisch. Mag komisch klingen, ist aber so.

4. Bogotá

Ich merk schon, dass auf „S.O.S.“ wohl eher weniger Wert auf den Text gelegt wird, als auf den künstlerischen Soundentwurf von Soufian und SOTT. Denn hier wird der Handel von Narkotika ad absurdum geführt. Ich traue Soufian eine kriminelle Vergangenheit zu, aber Deals mit Madrid und Kontakte nach Bogotá halte ich ein wenig ZU SEHR für übertrieben. Aber klar kann man es auch einfach als starke Überzeichnung interpretieren und feiern. Soundtechnisch gefällt mir der Song auch wieder gut, ich feier Soufians variablen Stimmeneinsatz sehr.

5. Teufelsküche

Diesen Song hat es gebraucht und es ist mit Abstand der krasseste bisher. Nach vier Songs der Selbstinszenierung durch Drogenhandel taut das Album endlich inhaltlich auf. Atmosphärisch wie soundtechnisch richtig interessant! Haftis Hook ist deep wie genial zu gleich, kein Straßenrapper malt so lebendige Bilder mit so wenigen Worten wie Aykut. Zur allgemeinen Melancholie und Sehnsucht nach innerem Frieden des Songs passen die Autotune-getränkten Stimmen sehr gut. Soufian beendet beide Parts mit brillanten Lines. Bei „Kokain sind die Schuppen des Satans“ musste ich direkt an „Hör die Geige des Tods / während der Bruder gerade spritzt“ aus „Azzlackz sterben jung 2“ von Hafti denken. Brutale Bilder! Brutaler Song!

„Alles fing klein an, erst kam das Kiffen als Kind und dann weiter / Alk und Kokain kam noch mit der Zeit, Mann/ Steig aus dem Zug, mein Bruder, sonst entgleist er“

6. Haus & Boot

Der Song ist das zweite große Highlight des Albums bisher. Der Track könnte auch „Sehnsucht“ heißen. Das hört man in seiner Stimme, wie auch in den Lyrics. Denn Soufian und seine Kollegen strecken zwar das Jay für den Benz, um das Haus und Boot das Eigene zu nennen, sind auf der anderen Seite aber auch „gefangen seit Jahren“. Diesen Struggle kann ich sehr gut nachempfinden.

7. Mitternacht

Bisher der geilste Banger auf dem Album. Soufian flowt wie ein Irrer über diesen geisteskranken Beat. Da kann ich die für mich persönlich zu dolle Überzeichnung des Drogenbarons Soufian besser verschmerzen, wobei ich diese deutlich erfrischender umgesetzt finde, als bei anderen Straßenrappern mit weitaus mehr Erfolg. Man muss nicht immer alles neu erzählen. Es reicht manchmal, altes neu zu verpacken. Gerade im thematischen Engpass des Straßenraps.

8. Labor

Einmal gehört und schnell wieder vergessen. Bis auf die Hook von Soufian holt mich hier wenig ab. Aber selbst der krasseste Soufian Part könnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fero47 klingt, als hätte er einen Epilepsie-Anfall, während er fast an seinem Keuchhusten-Anfall erstickt. Kann seine dreistelligen Millionen-Streams bei Spotify null nachvollziehen. Müll.

9. New Jack

Ich kenne keinen guten Ufo Feature-Part und dabei bleibt es auch. Und ich bin nicht mal der Meinung, dass Soufian dieses Feature auf seinem Album gebraucht hätte. Mir gefällt die Trompete auf dem Beat, sonst bleibt nichts hängen.

1o. Vay Vay

Gefällt mir wieder deutlich besser. In der ersten Strophe schönes Drogenhandel-Storytelling und in der zweiten ein Hauch von Gesellschaftskritik? Die Hook ist lyrisch wie musikalisch schön umgesetzt. Wieder ein kleiner Hauch von Sehnsucht rauszuhören.

11. Power 

Es ist die absolute Überzeichnung und Übertreibung des Charakters Soufians, wenn er so fette Lines legt, dass Nasen zu bluten anfangen. Kann man peinlich finden, kann einen aber auch unterhalten. Auch wenn ich oftmals zwischen den Stühlen sitze, unterhält es mich doch mehr, als dass es mir unangenehm ist. Die Features passen perfekt zum Song, das Zusammenspiel mit lokalen Rappern wie hier mit Doe und Reda Rwena klappt so viel besser als die Zusammenarbeit mit Fero47 oder Ufo361. Redas Part richtig brutal, auch wenn ich fast nichts verstanden habe. Selbst Genius ist komplett überfordert mit den Lyrics. Aber das ist halt Rap aus FFM – Hinterhofjargon Baby!

12. Super Vegeta

Ein Tribute-Song an meinen Lieblingscharakter aus Dragonball. Natürlich gibt es auch verhältnismäßig viele Ähnlichkeiten zum Drogenbaron Soufian. Kein schlechter Song, aber zwingend nochmal hören muss ich den nicht.

13. Wieder da

Soufian verabschiedet sich standesgemäß von seinem Debütalbum. Es wird nicht geflext, dafür aber die Azzlack Familie und das Viertel gegrüßt. Schönes Outro.

Fazit: Ich knüpfe noch einmal an den letzten Song an. Soufian war zwar nicht wirklich lange genug weg, um jetzt „wieder da“ zu sein, aber ich hoffe, dass er noch eine Weile bleibt. Denn auch wenn „S.O.S.“ für mich kein richtig gutes Album ist, da mir einfach zu viele Songs nicht oder zu wenig gefallen haben, haben wir auf diesem Album wahrscheinlich den spannendsten Straßenrapper des Jahres zu hören bekommen. Und ich finde es eh vermessen, von einem 20/21-jährigen zu verlangen, ein grandioses bis perfektes Debütalbum zu fordern. Das schafft niemand (außer Nas). Trotzdem hat Soufian sein Talent stellenweise grandios in Zeilen und Beats verpackt.

Was für mich am Ende bleibt, ist ein Album mit einem eigenem, authentischen Sound-Anspruch mit großem Wiedererkennungswert und einem jungen Rapper, der mit seiner markanten Stimme unkopierbar gut flowt, sich jedoch noch nicht oft genug traut, Geschichten zu erzählen, die über stumpfen Drogenhandel und Fokus auf lilane Scheine (die gibt’s übrigens nicht mehr liebe Straßenrapper, zumindest keine neuen mehr) hinausgehen. Es fehlt hier noch an Profilschärfung. Den drogentickenden Maroc haben wir bereits kennengelernt, den Menschen Soufian noch zu wenig. Aber das wird schon. Denn das Potenzial ist da. Gebt dem Jungen Zeit, er ist erst Anfang 20. Ich gebe dem Album gute sieben Punkte.

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1 Comment

  1. Jugro

    2. September 2019 at 10:16

    Soufian lebt seit seinem Part auf Kalash auf der Unzensiert EP davon, dass alle sagen, man solle ihm Zeit lassen. Ja, er ist erst 20/21 und ja,!es kann noch ordentlich nach oben gehen wenn er sich endlich weiterentwickelt. Allerdings sollte er mittlerweile als Rapper mit besonderen Flow hingenommen werden und nicht ständig noch gefeilscht werden, was er benötigt um unter die besten Rapper Deutschlands zu kommen. Eventuell ist er als Person einfach nicht in der Lage/Möchte gar nicht in der Lage sein diese Rolle einzunehmen. Er soll mal sein Ding weiterdurchziehen, für mich persönlich ist es so kein krasses Straßen Album, weil mir einfach die Geschichten von der Straße fehlen und nur übertrieben gesteuerte Bilder dargestellt werden sollen, wie er Drogen tickt und Drogen nimmt. „Hat Frank nicht gesagt, werd niemals high von deinem Zeug?“

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