Album der Woche: Sierra Kidd – „TFS“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche mit Sierra Kidds Album „TFS“ und unserem Autor Daniel.

Schnelle Fakten: 

Artists: Sierra Kidd
Titel: TFS
Features: Genetikk, Felikz
Produzenten: Sierra Kidd, Rios, 808 Maniac, Austintracks, Wilson, Keano, Adothegod, King Corn Beatzz, Nakah, 
Label: Teamfucksleep/Chapter One
Release: 12.07.2019

 

Daniels Erwartungshaltung:
2019 war ich wahrscheinlich vor keinem Release so hin- und hergerissen wie bei „TFS“. Das hatte mehrere Gründe: Lange konnte ich Sierra Kidd nicht so richtig fassen und wusste nicht in in welche Schublade (ja, eigentlich bei Kunst total unnötig) ich ihn packen sollte. Mit seiner letzten EP „Real Life“ sowie mehreren Free-Songs 2018 hatte er mich dann aber. Ich hab’ den Vibe gefühlt, konnte viel mehr nachvollziehen wo es soundtechnisch hinging und die Texte und die Atmosphäre haben mich vor allem bei Songs wie „Auto in der Bucht“ oder „Bitte ruf mich an wenn du wach wirst“ extrem gepackt und beeindruckt. Dementsprechend war ich extrem gespannt auf ein Album von dem 22(!)-Jährigen, der eigentlich als ein Pionier für Trap im Deutschrap anerkannt werden sollte. Auch die Ankündigung, dass „TFS“ eigentlich ein deepes Konzeptalbum mit roten Faden und ein Banger-Album enthalten wird, hat die Vorfreude gesteigert. Die Singles, die dann aber vor Release veröffentlicht wurden, haben mich zumindest als einzelne Songs dann nicht zu 100% überzeugt. Vor dem ganzen Anhören habe ich aber jetzt von mehreren Seiten bisher nur sehr positive Kritik wahrgenommen. Deswegen bin ich nun noch gespannter:

Part 1

1. Fucksleep

Alles klar, Kidd hat mich direkt wieder mit dem ersten Song. Zwar kein typisches Intro, aber es wirkt schon so, als würden die zwei Parts, die sich auch ohne Hook gut abgrenzen, aufzeigen, wohin das Album geht. Mir gefällt vor allem die Mischung aus Representern, sehr persönlichen, schmerzhaften Zeilen und Zeilen gegen die Szene.

2. Dead Inside

Als der Song losging, musste ich sofort an Lil Peep denken. Bei „Dead Inside“ gibt es noch mehr musikalische Experimente als beim Song davor, es klingt aber trotzdem genau durchdacht und gewollt. Auch wenn ich Weed-Rauchen als Thema für Songs meistens nicht wirklich interessant finde, hebt sich der Song durch den Wunsch nach Liebe gut von den typischen Kiffer-Tracks ab.

3. Poona

Ultra schwer zu fassen. Trotzdem mag ich den extrem kurzen und minimalistischen Song extrem gerne. Das Singen auf Englisch passt extrem gut zur Atmosphäre und wirkt überhaupt nicht erzwungen. Obwohl es so wenig Inhalt ist, berührt mich der Song wahrscheinlich noch mehr als die ersten zwei, liegt aber wohl auch an dem Überraschungsmoment, als „Poona“ nach drei Zeilen nach der Hook wieder vorbei ist.

4. Ok tho

Der erste Song der mich nicht komplett packt: Musikalisch wieder extrem stark, inhatlich hat es mich aber nicht so richtig abgeholt. Erinnert mich wieder an Lil Peep, mag die Hook sehr gerne, vor allem die Stellen, an denen der Beat immer wieder aussetzt.

5. Lach nicht mehr

Für mich der bisher pserönlichste Song. Wieder sind es Atmosphäre, einzelne krasse Lines und Bilder die Kidd mit seinen Zeilen malt. Ich glaube, dass es auch das erste Mal ist, dass er über seine Drogenzeit rappt (mittlerweile ganz clean) und ich finde es sehr stark wie er in dem Song damit umgeht. Ich fühle mich bei Zeilen wie „Doch merk‘ nur, dass die Realität mich verwirrt / Und ich weiß, diese Drogen sind eklig“ oder „Und dann denk‘ ich an die Lines, die ich einfach zog, wünschte mir, ich hätte mehr überlegt“ tatsächlich etwas schlecht, dass ich das Hotbox-Video auch lustig fand.

6. Herz

Kann sein, dass es bei den Tracks davor auch schon so war, aber mir fällt zum ersten Mal auf, wie „Lach nicht mehr“ in „Herz“ übergeht. Auch hier ist der Song wieder unkonventionell mit einem Part, zwei Hooks und dem Outro. Wahrscheinlich zumindest bisher der schmerzhafteste Song der Platte. Man hört in Kidds Stimme wirklich den Schmerz, für mich wirkt das alles extrem künsterlisch und wichtig. Gewissermaßen auch als Therapie für ihn selbst. Ein kleines Detail noch, das mir aber extrem gut gefällt: Die Drums im Outro erinnern mich stellenweise extrem an einen Herzschlag.

7. Zreh (Outerlude)

Extrem stimmiges und packendes Outer-(Inter-?)lude. Der Vergangenheits-Manu schickt dem Zukunft-Manu eine Sprachnachricht oder spricht ihn auf die Mailbox. Obwohl die Songs schon so persönlich und voller depressiven Gedanken stecken, wird einem hier nochmal richtig reingedrückt, wie schlecht es Sierra Kidd geht.

8. Demons

Der erste Song, der in eine andere Richtung geht. Vor allem nach „Zreh“ tut das auch gut, obwohl ich mich jetzt frage wie es auf dem Album weitergeht.

9. Geist

Dachte, dass der „Geist“ etwas ähnliches wie die „Demons“ im Song davor sind. Deswegen hat mich die Hook gut überrascht. Auch der Song geht mehr nach vorne, hat aber wieder persönliche und deepe Zeilen. Ich kann es nicht ganz erklären, aber für mich war der zweite Part im Zusammenspiel mit der Hook mein bisheriger Lieblings-Moment auf „TFS“.

10. Nah Nah

Schon wieder ein unkonventioneller Song. Zwar ist das meiste, was auf dem Album passiert nicht normal oder Standard, hier fällt es aber wieder mehr auf: „TFS“ ist ein zusammenhängendes Album mit rotem Faden was Musik, Inhalt und Stimmung betrifft. By the way: Bisher ist das etwas zu kurz gekommen: Kidd flowt und reimt die ganze Platte über extrem angenehm, der Inhalt steht aber im Vordergrund, die Beats passen alle an sich gut zusammen und zusätzlich sehr gut zu seiner Stimme.

11. Was solls

„Was solls“ geht in eine etwas andere Richtung. Kidd rappt über einen Freund, der ihn verlassen hat, als es ihm schlecht ging. Für mich wieder eine sehr starke Mischung aus einzelnen Lines, die Bilder malen, die sich in den Kopf brennen, Storyteller und Zeilen, die weh tun. Für mich bisher der beste Song.

12. Vertrauen

Wieder ein extrem krasser Song. Musikalisch atmosphärisch und sehr pasend, aber vor allem inhaltlich ein Highlight von „TFS“. Für mich malt er extrem gut sein alltägliches Leben, man hört wieder extrem viel Schmerz und Selbstzweifel raus und wünscht sich nur noch mehr, dass er sich aus dem Ganzen rauskämpfen kann.

13. Januar 2018

Der erste Teil vom Album endet mit dem besten Song. Für mich einer der besten Songs des Jahres. Obwohl davor schon das meiste wirklich sehr sehr gut war, übertrifft „Januar 2018“ nochmal alles. Das Storytelling und Aufzeigen seiner aktuelle Situation schließt das Album perfekt ab. Auch hier wieder sehr viele extrem starke Zeilen, die die Songs bisher nochmal so gut abrunden. Auch der Rückbezug zu Portugal aus dem Outerlude hat für mich viel Gewicht.

 

Part 2
1. Gomaha

„Gomaha“ gleich nach „Januar 2018“ zu hören, ist echt etwas komisch. Es geht weg von den depressiven und schmerzhaften Tracks und hin zu Representern und Musik, die nach vorne geht. Für mich kein schlechter Song, aber auch nichts was wirklich hängen bleibt.

2. Tanz für mich

Ich mochte schon die Kiddd-Genetikk-Kombi bei „G.O.A.T.“ sehr gerne. Die etwas ungewöhnlich ausgesprochenen Wort sind für mich zwar gewöhnungsbedürftig, glaube aber das mich das in Zukunft noch catcht. Finde Kidd und Kappa harmonieren inhatlich und soundtechnisch, der Song macht Lust auf mehr Features.

3. Unter uns die Welt

Wirkt für mich wie eine Mischung aus Songs von beiden Album-Teilen. Relativ viel Inhalt, trotzdem Geflexe und kein depressiver Vibe. Auch hier mag ich die Abwechslungs von Hook und Parts.

4. Altes Ich

Konnte mit dem Song als Single wirklich nicht viel anfangen. Nach dem Album und als Teil davon, gefällt mir er aber um einiges besser. Felickz‘ Part finde ich generell stabil, trotzem kann ich musikalisch nicht so krass viel damit anfangen – kann mir aber gut vorstellen, dass sich das nach merhmaligem Anhören ändert. Auf jeden Fall passt er aber gut rein.

5. In die Luft

Für mich der beste „Turn-Up-Song“ bisher. Finde es cool, dass Kidd nochmal aufzählt, was er alles selber macht und der Szene noch einen mitgibt. Trotz der Ankündigung, dass auf diesem Teil des Albums Inhalt nicht im Fokus steht, gibt es überraschend viele starke Zeilen.

6. 120

Auch die EP endet mit dem besten Song, obwohl auch hier alles wirklich gut war. So viel Inhalt, Kidd rappt in Höchsleistung und man bekommt auch bei einer eigentlich lockeren Platte nochmal extrem schwerwiegende Zeilen.

Fazit
Obwohl ich von „TFS“ eh schon viel erwartet habe, hat mich Kidd extrem überrascht. Ich glaube, das letzte Mal, dass ich ein Album als ein so einheitliches, zusammenhängendes Projekt wahrgenommen habe und auch nach dem Hören immer noch im Kopf bei der Musik war, war bei „Tua“. Und genau wie bei dem Tua-Album wird wahrscheinlich auch das von Kidd unter dem Radar der Mainstream-Rap-Hörer bleiben, was ich extrem schade finde. Denn mit „TFS“ hat man zum einen ein extrem packendes und künstlerisches Album, das musikalisch immer wieder an Sachen von X oder Lil Peep erinnert, aber immer noch genug eigenes macht. Zum anderen schafft es Kidd die bedrückende Atmosphäre permanent aufrecht zu erhalten. Auch inhaltlich hat es mich extrem gecatcht, und das obwohl ich bei 25C und blauem Himmel im meinem Zimmer mit offenem Fenster sitze und nicht nachts mit einem Hoodie und Kopfhörer durch den Regen laufe.

„Fucksleep ist die Marktlücke“ – Kidd macht mit „TFS“ so gut wie alles richtig und schafft es eventuell sogar für eine neue Generation einen deutschen Blueprint für die Musik, die in der US-Soundcloud-Rap-Szene stattfindet und Neuzeitklassiker abzuliefern. Für mich eines der Top3-Alben 2019 ab. 9/10 Punkte

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