Album der Woche: Sido – „Ich & keine Maske“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, kompakt Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Zino bespricht in dieser Woche „Ich & keine Maske“, das mittlerweile achte Soloalbum von Sido. 

Künstler: Sido
Titel: Ich & keine Maske
Features: Yonii, Beka, Apache 207, Monchi, Samra, Kool Savas, Luciano, Santos, Casper, Johannes Oerding
Produzenten: DJ Desue, X-Plosive, Abaz
Releasedate: 27.09.2019
Label: Goldzweig Berlin / Universal Urban

 

Erwartungshaltung:

Ich freue mich immer wenn etwas Neues von Sido ansteht. Egal ob Album, Film oder das Release von einem Künstler, den er unter seine Fittiche genommen hat. Das liegt ganz einfach daran, dass Sido der Künstler ist, der mich mit seinen Parts auf der Aggro Ansage Nr. 2 ein für alle mal zu Deutschrap gebracht hat. Auch die anderen Ex-Aggroberlina haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich anno 2002 von Eminem, Obie Trice und Konsorten abwich und stattdessen meine Liebe für Deutschrap entdeckte. Ich finde Sido ist einer der wenigen Künstler unserer Szene, die wirklich in Würde gealtert sind. Guckt man sich seine Legacy an, dann stimmt einfach alles. Siggi kann gemeinsam mit Savas auf „Keene Probleme“ (mein Lieblingssong vom „Royal Bunker“ Album) representen, aber kann genauso gut und vor allem authentisch radiotaugliche Songs wie „Liebe“ oder „Astronaut“ bringen. Muss dann halt nur jeder selbst entscheiden welchen Sido er lieber hören will. Bei mir ist es ehrlich gesagt mal so, mal so. Die ersten drei Soloalben von Sido („Maske“, „Ich“, „Ich und meine Maske“) haben mich beim erwachsen werden begleitet. Alleine wegen dem Titel seines neuesten Werkes, erwarte ich einiges. Vielleicht kann sich „Ich & keine Maske“ ja einreihen. 

1. Wie Papa

„Raus aus den Pantoffeln – rein in diese Schuhe, die nur mir passen.“ Die erste Zeile des Albums bringt schon ziemlich auf den Punkt, was ich mit in Würde altern meine. 

Teilweise ist „Wie Papa“ ein Brief an seine Kinder, der ihnen erklärt warum Papa wieder ins Studio muss, teilweise eine Ansage an die Szene, die sich nicht zu sicher fühlen soll solange Siggi noch da ist. Inklusive Reminiszenz an seinen ersten großen Hit. Liebe ich sowas. Super Intro. 

2. Junge von der Strasse 

Irgendwie erinnert mich der Song an Sidos „Strassenjunge“ von „Ich“. Vielleicht in erster Linie auch nur wegen dem sehr ähnlichen Titel. Klar war „Strassenjunge“ viel mehr auf Representer und irgendwie auch rechtfertigen ausgelegt, aber ich ziehe da für mich Parallelen. Vielleicht ist das für Sido der Song, den er gerne zu der Zeit gehört hätte als er noch der Junge von der Strasse war. Vielleicht interpretiere ich aber auch viel zu viel da rein und es ist einfach nur ein Appell an die Jungs, die mit der Waage unterwegs sind. 

3. Melatonin

Seid Release der Single ist der Song bei mir in der Heavy Rotation. Erstens kann ich mich mit dem Thema des Songs sehr gut identifizieren und habe gerade in letzter zeit sehr oft gedanklich damit auseinandergesetzt. Zweitens halte ich Beka für einen der unterschätztesten Rapper in ganz Deutschland. Ich bin sehr gespannt wie er sich auf Sidos Label Goldzweig entwickeln wird. Aber in erster Linie liebe ich „Melatonin“ erst mal. Nicht zuletzt wegen Yoniis Stimme. 

4. 2002

Obwohl er einer der alten Hasen ist, hat Sido immer ein Auge auf das was gerade in Deutschrap passiert und derzeit gibt es wohl niemanden, der an Apache vorbei kommt. Darum ist es umso schöner, dass Sido das erste Feature, dass Apache überhaupt jemals gemacht hat. Er selber sagt es ist kein Feature, sondern nur ein Traum den er sich erfüllt hat. Sido lässt Apache den Löwenanteil des Songs füllen und ordnet sich unter. Das ist die höchste Form von Respekt und Wertschätzung, die man sich nur wünschen kann. Das Sample stammt übrigens von „Kanacks und Hools“. Einem Song von der „Ich und meine Maske“ Premium Edition feat. Joe Rilla – Fun Fact. 

5. Leben vor dem Tod

Das ist das was ich in der Einleitung angesprochen habe. Sido schafft den Spagat zwischen klassischen aber zeitgemäßen Rapsongs, kann aber auch poppigere Radionummern bringen  ohne dabei aufgesetzt zu wirken. So auch hier mit Monchi von Feinesahnefischfilet. Das ist übrigens auch eine Sache, die ich so an ihm mag. Musikalisch ist er nicht festgefahren und arbeitet gerne mit Künstlern aus anderen Genres zusammen.

6. Beste Zeit 

Getreu dem Motto: „Heute ist der Beginn vom Rest unseres Lebens“ zählt Sido auf was er wo noch alles gemacht haben will und wie man das am besten tun könnte. Daran gemessen, dass ich die ersten fünf Songs der Platte großartig finde, ist dieser etwas langweilig und wird es (Status jetzt) wohl als einziger nicht in eine meiner Playlists schaffen. 

7. High 

Ich frage mich was Samra gesagt hätte, wenn man ihm vor einem Jahrzehnt gesagt hätte, dass er mal mit Sido und Savas auf einem Song sein würde. Geile Kollabo, die ich so nicht erwartet hätte. Finde ich super. 

8. Energie

Siggi holt sich mit Luciano einen der gefragtesten Youngstars auf sein Album und zeigt (wie auch schon bei dem Song mit Apache), dass er trotz seinen x Jahren im Showgeschäft immer noch am Zahn der Zeit ist. Ich finde man hört, dass es ihm Spaß macht, für Luciano ist es ein Ritterschlag und mir macht es Spaß zuzuhören. Haben doch alle bei gewonnen. 

9. Jedes Geheimnis 

„Jedes Geheimnis“ ist für mich wie eine Version zu „1000 Fragen“ nur aus einer anderen Perspektive. Während Siggi auf „Ich“ vieles noch nicht wusste, beantwortet er seinen Kids jetzt ebendiese (oder ähnliche) Fragen vor dem Schlafen gehen. Wieder ein Song, der das in Würde altern und erwachsen werden Thema aufgreift und meine These bestätigt. 

10. Papu 

„Es ist genauso wie’s mein Opa prophezeit hat, damals auf ‚m Dreirad.

Er sagte: Junge, ich seh’s in deinen Augen du erreichst was.“ Das hat Sido schon auf „Ich“ gerappt und auch sonst hat sein Opa in dem ein oder anderen Song schon mal eine Rolle gespielt. Jetzt hat Sido ihm einen kompletten Song gewidmet. Mich rührt der Song, denn erinnert mich an meinen Onkel und insbesondere die Line von wegen man traut sich nicht zum Grab zu gehen, kann ich sehr gut nachempfinden. Mit „2002“ für mich der beste Song des Albums bis jetzt. 

11. Fällig 

Ich weiß nicht ob ich danach suche und es deshalb irgendwie Zufall ist, aber viele Songs erinnern mich an „Ich“. Dieser erinnert mich zum Beispiel an „Ficken“ feat. Tony D und Kitty Kat. Leider ist der hier aber nicht so meins. Ich kann gar nicht mal so genau sagen warum. Ist einfach so. 

12. Das Buch 

Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass Sidos Name auf jeder Seite in jedem Buch in der Bücherei der Rapgeschichte steht. Ich würde diese Bücherei so gerne ein mal sehen und da ein bisschen stöbern, obwohl Bücher sonst gar nicht mal so meins sind. Vielleicht ist es ja irgendwann so weit. In Amerika hat ja auch das erste Hip-Hop Museum aufgemacht. Super Song. 

13. Schono ke 

Voll geil Sido und Cas mal auf einem Song zu hören. Zwei Größen die Deutschrap verändert haben und sonst noch nie zusammen gearbeitet haben. Reiht sich mit „2002“ und „Papu“ mit zu meinen Favoriten. Es wird mit dem Kopf genickt. 

14. Pyramiden

Der Song könnte vom Ding her auch „Astronaut Pt. 2“ sein. Ich würde den Song wahrscheinlich nur selten gezielt anmachen, aber mich trotzdem freuen wenn der im Radio kommt und mit summen. Sido hat ja schon häufiger gesagt und gezeigt, dass er Fan von deutscher Popmusik ist. Er hat auch einfach eine super Bildsprache und mit Songs dieser Art erreicht er noch mal ein ganz anderes Publikum. Wäre ja schade Sido dieser Zielgruppe vorzuenthalten. 

Fazit: 

„Ich & keine Maske“ ist ein super Album von einem der besten Künstler die wir in Deutschrap haben. Kannste mir glauben oder nicht, ist aber so. Bis auf ein paar ganz wenige Songs ist das Album meiner Meinung nach durchweg super. Ja Sido hat auch poppige Nummern, nein die hatte er nicht schon immer, aber ja: er darf das. Das ist genau das was ich mit dem in würde altern Ding meine. Aber ich wiederhole mich. Hör dir einfach das Album an. Ist geil.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

1 Comment

  1. ich

    6. Oktober 2019 at 9:49

    Ich kann die positiven Rezensionen leider überhaupt nicht nachvollziehen. Für mich hat das nichts mit Weiterentwicklung zu tun, es ist nur noch „Radioeinheitsbrei“. Die Einen mögen es als Entwicklung vom „Badboy“ zum Vater und Ehemann skizzieren, für mich hat das absolut nichts mit dem „Super-Intelligenten DrogenOpfer“ zu tun. Wie auch unsere Fernsehlandschaft erstickt die deutsche Musikwelt in Analogie und zerbricht an Einfallslosigkeit. Dieses Album zeigt es deutlich, es gibt keine Eigenständigkeit mehr, der Künstler ist jederzeit ersetzbar, die eigene Handschrift geht im Gefühlerguss unter. Da hilft es auch nicht, andere Egomanen einsingen zu lassen.

    Weichgespülter Radiotrash eines weißweintrinkenden Muttiküssers, welcher vor dem monatlichen Beischlaf mit der Ehefrau Duschen geht. Vorbei die Zeiten der höschenlosen Mädels im Hotelpool und der Zitat: „Pille im Tequila“ – jetzt gibt es nur noch Aspirin im kalkgefilterten Leitungswasser.

    Keine Positionierung, keine Provokation, keine Aussage, keine Ecken und Kanten mehr… oberflächliche Vergangenheitsbesingerei welche so zusammengepresst wurde, dass sie auch bei Edeka in der „Fachabteilung Musik“ verkauft werden kann. Nur noch Familie und Freundelabberei, als Nächstes werden wird wohl ein Kinderalbum erwarten dürfen, welches im Nachtlicht der Lavalampe Tierstimmen imitiert…

    Dieses Album ist ein weiteres Beispiel dafür, warum meine 20 jährige Tochter „Sido“ nur noch vom Fernsehen her kennt, wie er im Traningsanzug sitzend als Enddreißiger seine Omega-Uhr mit einer Glasfolie schützt und nicht mehr aus dem eigenen Kinderzimmer, an dem die Mutter klopfend versuchte, den Beat der Musik zu übertönen.

    Bitte bitte – es wird Zeit für einen neuen Künstlernamen, dann sind wir Berliner auch nicht mehr peinlich berührt, wenn „Scheiße In Dein Ohr“ bei „the Voice of Deutschland sucht den nächsten Flop“ seine eigene Weiterentwicklung streichelt. Die vielen positiven Rezensionen zeigen auf, dass der Ursprung seiner Musik nicht mehr gewünscht ist, wir ergeben uns gesellschaftlich den weiterhin Diesel fahrenden VAG Käufern und Klatschen, wenn unsere Regierung zum 1. Januar 2020 die Mehrwertsteuer für Damenhygiene auf 7 % reduziert.

    Schade, früher war dann doch vieles besser….

    P.S. für die folgenden Kommentare – kann ich es besser? Nein natürlich nicht aber das war auch nie mein Anspruch. Eine Meinung ist auch dann einen Meinung, wenn sie nicht dem Durchschnitt folgt. Sicherlich ist ein Stern für die Kunst der Musik nicht gerechtfertigt, aber ich bewerte hier nicht nur das Album sondern auch die Aufgabe seiner noch vor 10 Jahren dargestellten und selbst besungenen Einzigartigkeit. Jetzt kann er gegen Jeden ausgewechselt werden, braucht keine Maske mehr da eh nur noch 14 jährige mit Glitzerhandycase an der Bühne stehen und um Selfies bitten. Für seinen Geldbeutel die richtige Entscheidung, für die Fans, die Ihn wegen seiner Individualität im eigenen Musikregal positionierten, ein bittere Enttäuschung.
    Schon erschreckend, dass ein Satiriker das eher erkennt als unsere deutsche Rap-Szene…
    Zitat: xtristarx (bei Youtube zu POL1Z1STENS0HN – „herz und faust und zwinkerzwinker“)
    „Während deutscher Hip Hop in der Bedeutungslosigkeit von Rolex und Gucci versinkt, zeigt der blasse dünne Junge in einem satirischen Beitrag wie es sein könnte.“

    Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen – gute Nacht deutscher Rap, schlaf gut.

    Edit: interessant zu sehen, wie die negativen Kommentare zum Album hier gelöscht werden und durch „super geil“ und „tolles Album“ ersetzt werden.

Erzähl Digger, erzähl

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