Album der Woche: Samra – “Jibrail & Iblis”

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche bespricht unser Autor Joshua das langerwartete Debütalbum von Samra, “Jibrail & Iblis”.

Künstler: Samra
Titel: Jibrail & Iblis
Features: Capital Bra, Elif
Produzenten: Greckoe, Lukas Piano, Beatzarre, Djorkaeff, Lucry, B-Chase, 27th, Kordi, Phil The Beat, Andreas John, Bahar Henschel 
Label: Universal Urban

 

Joshuas Erwartungshaltung:

Ich kenne, verfolge und schätze Samra schon lange. Bereits zu Caney Armee-Zeiten ist er mir positiv aufgefallen. Als er wenig später bei EGJ unterschrieb, war ich mir sicher, dass da gerade ein neuer Stern am Straßenrap-Himmel erschien und packte Samra in die BACKSPIN Class 2018. Zu dieser Zeit habe ich mir schon ausgemalt, wie das Debütalbum – produziert von Bushido – klingen würde. Wie er in seinen Musikvideos bspw. „Bei Nacht“ zitieren könnte und wir – plump gesagt – einen ‚neuen Bushido‘ bekommen würden. Zumindest, wenn es um Attitüde und Sound-Ästhetik geht. Daraus wurde nichts, EGJ zerbrach in tausend Teile und es passierte ohnehin jede Menge weirder Scheiß, den ich noch immer total absurd finde.

In Samras Fall bedeutete das: Kein „Bushido präsentiert“ auf dem Cover und eine innige Zusammenarbeit mit Capital Bra, die musikalisch ihre Spuren hinterlassen hat. Es gibt mittlerweile quasi zwei Samras. Den Straßenrapper, der einen längst verloren geglaubten Flavour wieder aufleben lässt und den, der seine einzigartige Stimme auch für gefühlvoll daher gesungene und super eingängige Hooks und Melodien nutzen kann. Durch die vielen vielen Vorab-Singles weiß ich mittlerweile, dass er sich auf dem Album nicht auf einen der beiden Stile beschränkt, sondern beide einfließen lässt. Ich bin gespannt, wie das auf Albumlänge miteinander harmoniert. Mit 22 Anspielstationen hat sich Samra für heutige Verhältnisse ja sehr viel Raum gelassen, um Engel und Teufel gegeneinander anzutreten zu lassen.

 

1. 95 BPM

Kannte man ja schon, läuft seit Release auch immer mal wieder bei mir. So in etwa habe ich mir das auch ausgemalt, wenn das Album über EGJ gekommen wäre. Guter Beginn!

2. Gebet

Ähnlich. Genau auf solche Beats will ich Samra hören, genau so soll er seine Stimme einsetzen. Und wer hätte erwartet, dass sich ein Samra 2020 mit Big Daddy Kane vergleicht und Wu Tang zitiert? Nice.

3. Schüsse im Regen

Feinste Straßenrap-Romantik. Bringt mich direkt nach 2007 (im positiven Sinne!).

4. BaeBae

Thematisch und textlich schon sehr cheesy. Für mich lebt der Song hauptsächlich von Samras Stimmeinsatz. Damit klingt tatsächlich alles zumindest nicht scheiße. Trotzdem: Skip.

5. Vergebung

Langsam erschließt sich mir der Titel. Zieht sich das jetzt durch das ganze Album, dass sich „Auf die Kacke hauen“ (Teufel) und „Sich selbst reflektieren“ (Engel) abwechseln? Find ich gut.

6. 6 Uhr

Mein Favorit bisher. Habe ich schon bei der Single-Auskopplung sehr gefeiert. Samra kann seine Stimme so einsetzen, dass diese wütenden, irgendwie auch verzweifelten Gefühle richtig gut rüberkommen. In gewisser Weise auch der perfekte Gegenpart zu „Vergebung“. Eben noch reflektiert und demütig, heißt es hier: Ich weiß, dass es falsch ist, aber scheiß einfach auf alles.

7. Gott bietet mehr

Und schon geht es wieder in Richtung Selbstreflektion. Also, was man festhalten muss: Der rote Faden ist da. Allerdings habe ich langsam das Gefühl, dass manche Tracks nicht wirklich nötig gewesen wären, sondern es auch ein weiterer 16er in einem anderen Track getan hätte, um auf den Punkt zu kommen.

8. Zu Ende

Schon auf „Berlin lebt 2“ hat er gezeigt, dass er diese groß gedachten Pop-Nummern drauf hat. Steht ihm gut, mit Elif harmoniert er auch. Die Frage ist nur: Passt das hier rein?

9. Jibrail & Iblis

Wenig spektakulär, aber fair: Der Titeltrack, der das Konzept, Engel und Teufel als Antagonisten, nochmal explizit auf den Punkt bringt.

10. Carlibel

Okay, erster Totalausfall. Wirkt super lieblos und mal ernsthaft: Ein Song für und über irgendeine Youtuberin? Auf dem vielleicht meist erwarteten Debütalbum der letzten Jahre? Total fehl am Platz.

11. Tief in die Nacht

Halbzeit und damit Zeit für den ersten Song von Deutschraps Tag Team Nummer Eins. Gewohnte Kost, wenn man „Berlin Lebt 2“ kennt. Hat dadurch leider den Charme eines Überbleibsels. Dennoch: Man kann nicht leugnen, dass die beiden unglaublich gut harmonieren.

12. Only God Can Judge Me

An sich gutes Ding. Beat ist cool, dass er ein guter Rapper ist, muss wohl gar nicht erst debattiert werden. Trotzdem kommt es mir auch hier wieder so vor, als würde der Song nichts Neues zum Gesamtbild beitragen. Gleiche Thematik, gleiche Attitüde und gleiche Aussage wie z.B. „6 Uhr“.  Fazit: Cooler Song, aber einer reicht.

13. Jolina

Einer der besten bislang. Natürlich irgendwo typischer Ghetto-Kitsch, aber hier habe ich das Gefühl, den hat er sich für das Album aufgehoben. Die Emotionen kommen durch seinen Gesang in der Hook auch sehr echt rüber. Top!

14. Geh nicht

Bewegen wir uns jetzt etwa in den ‚deeperen‘ Teil des Albums? Gefällt mir sehr gut. Und liefert die Perspektive auf dieses ganze „Suffering from Success“/Seele verlieren-Ding, die bei den anderen Tracks gefehlt hat. Jetzt aber bitte nicht wieder noch zwei davon hinterher…

15. Smoking

Ein durch und durch durchschnittlicher Samra-Song. Rap-Parts im typischen Muster, stabile Reime, typischer Flow, typische Hook. Macht ihn aus, gefällt auch durchaus. Aber nach 15 Tracks hat man es irgendwann dann auch verstanden.

16. Weiss

Neben dem klar darauf ausgelegten „Zu Ende“ wohl der größte Hit des Albums. Erinnert mich an Massivs legendäre Zeile „Jeder weiß es, ich verkaufe Weißes“. Besonders feier ich hier die Bezugnahme auf „Cataleya“ und den eigenen Katalog. Ich liebe solche Kleinigkeiten. Sie machen das Gesamtbild und das Künstler-Universum tiefer und zuordenbarer.

17. Berlin

Auch hier wieder keine große Überraschung. Bei den Beiden weiß man, was man bekommt. Hier aber definitiv eine Bereicherung für das Album durch den wirklich starken Part von „Capi, dem Boss, ihr Wichser“.

18. Mon Ami

Ich schwöre, der Track macht mich sauer. Die Parts sind für mich mit die besten des Albums. Und das verschwendet er für den 500. Deutschrap-Song, der letzten drei Jahre, der „Mon Ami“ heißt und die Reime darauf sind dann ernsthaft „Franck Ribéry“ und „Givenchy“… Das ist so viele Meilen unter Samras Können und verdammt schade um die Verses.

19. Colt

Jibrail blieb bei mir“ – Gerade, als ich anfangen will, eine Wutrede zu halten, rückt Samra alles wieder gerade und kehrt gegen Ende des Albums zum Konzept zurück. Hier wurde wirklich ein Album gemacht. Auch der Joke mit dem Rauchen kommt ziemlich geil. 

20. 510

Ähnlich wie „Jolina“ klingt das wie ein Song, den man sich für sein Debütalbum aufhebt. Wirkt echt, mag ich!

21. Kobe Bryant

Hier passen ein paar Dinge nicht wirklich zusammen. Wenn man einer kürzlich verstorbenen Basketball-Legende einen Song widmet, sollte der entweder von der Legende handeln oder man nutzt den Moment, sich und die eigene Sterblichkeit zu reflektieren. Samra macht hier irgendwie nichts davon so richtig und ich werde ehrlich gesagt nicht schlau daraus, was dieser Song darstellen will.

22. 365 Tage

Toller Abschluss der Platte. Komischerweise finde ich es auch noch nicht einmal seltsam, dass hier Capital Bra mit dabei ist. Eigentlich wäre so ein selbstreflektierendes Outro auf einem Soloalbum der falsche Ort für ein Feature. Aber hier stimmt einfach alles.

Fazit:

Auch wenn ich hier jetzt öfter mal den meckernden Fan ausgepackt habe: Das Album ist wirklich gut. Mein Anspruch an Samra ist nur immens und ich finde, es hätte noch viel besser sein können. Viele Grundlagen – wie etwa, dass er gut rappt – setze ich bei ihm voraus und muss es nicht nochmal erwähnen. Was mir hier besonders gefällt: Es ist ein klar erkennbares Konzept dahinter und es ist eben nicht das, was man mittlerweile von vielen Künstlern seiner kommerziellen Liga erwartet – eine Compilation ausgewählter Singles. Was dieses Album noch besser gemacht hätte, wäre mehr Mut, zu streichen. Es gibt – plump gesagt – manche Tracks einfach mehrmals. Das sorgt dafür, dass sich beim Durchhören ein Gefühl von Redundanz und irgendwann sogar Langeweile einschleicht. Das wird den oft wirklich starken Songs und dem wirklich starken Künstler Samra nicht gerecht. Mehr ist nun mal nicht immer mehr. 7/10

 

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