Album der Woche: Run The Jewels – „RTJ4“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche geht es für unseren Autor Yannick das vierte Self-Titled-Album von Run The Jewels. 

Künstler: Run The Jewels
Titel: RTJ4
Features: Greg Nice, DJ Premier, 2 Chainz, Gangsta Boo, Pharrell Williams, Zack De La Rocha, Josh Homme, Mavis Staples, Asap Ferg
Produzenten: El-P, Little Shalimar, Wilder Zoby, Boots, Dave Sitek, Josh Homme, Matt Sweeney
Label: Jewel Runners LLC/ BMG 

 

Yannicks Erwartungshaltung:

Ausgerechnet zwei Mitt-Vierziger haben in der letzten Dekade Internet-Nerd-Rap regiert. Es ist das ausgestrahlte Outsidertum, eine „Fuck them“-Attitüde, die den Charme von El-P und Killer Mike ausmachen.  Run The Jewels sind in ihrer Szene-Abseits-Position von Release zu Release an sich gewachsen. Mit dem ersten S/T-Album wurde ein fühlbar losgelöstes, meme-geladenes Spaß-Projekt zweier Rap-Veteranen präsentiert, auf dem zweiten Teil perfektioniere El-P seinen überladenen Brachial-Boom-Bap, um dies auf dem dritten in einer teils nachdenklich politischen Platte zum Trump-Wahljahr 2016 münden zu lassen. Jetzt, vier Jahre später wird wieder gewählt, die Lage in den USA ist unüberschaubar komplex und chaotisch und der von Killer Mike unterstütze Bernie Sanders ist bereits raus aus dem Rennen um das Präsidentenamt. Die Ausgangslage – und das ist zynisch wie die Musik von Run The Jewels oft selbst – könnte für ein viertes RTJ-Album kaum passender sein.

1. yankee & the brave (ep. 4)

Der Einstieg in die ist Platte druckvoll. Der hängende Rumpel-Beat und Bars over Bars ohne Hook offenbaren bei aller Verspieltheit vieler Lines in erster Linie Wut. Gegen rassistische Polizeigewalt und die Polizei an sich, gegen Reiche, gegen das System, das die Zustände stützt. El-P ist „ready to mob all these fucking charlatans“. 

2. Ouh la la (feat. DJ Premier und Greg Nice)

Wenn du Preemo-Scratches und einen Piano-Loop-Beat hast, gehöre halt dir. War immer so, wird immer so sein. Sehr klassischer RTJ-Song, beide spielen sich die Verses charmant zu, gibt ne Menge Wortwitz und Popkultur-Referenzen. Guter Banger, der erst durch das Video so richtig spektakulär wird! 

3. Out of Sight (feat. 2 Chainz)

Kranker Beat! Killer Mike beansprucht den Song mit einem ewigen Atem für sich. Dass sogar 2 Chainz zur Nebensache gerät, zeigt, auf was für einem Niveau hier gearbeitet wird. 

4. Holy calamafuck

Ist wohl tatsächlich nicht das selbe Sample wie in „Legend has it“, auch wenn es zum verwechseln ähnlich geflippt wurde. Die scheinbare Selbstreferenz bleibt hängen, ebenso wie Killer Mikes exzellente Verses. Zeilen wie „Until you rob a hypebeast, you ain’t seen sadness“ funktionieren im bei aller Ernsthaftigkeit der Themen oft humorvollen RTJ-Kosmos einfach gut. 

5. Goonies vs. E.T

„Aint no revolution thats televized or digitized“ gewinnt als Kommentar zur woken Selbstinszenierung durch soziale Medien mit dem Aufkommen der weltweiten Anti-Rassismus-Proteste noch an Extra-Gewicht. Für den Beat haben wohl Public Enemy Pate gestanden. Über die Verses, die nur von Bass und Percussion untermalt werden, bricht jeweils ein Break-Beat-Gewitter hinein. 

6. Walking in the snow (feat. Gangsta Boo)

Die Erinnerung an den 2014 von der New Yorker Polizei getöteten Eric Garner lässt durch ihre Aktualität zusammenzucken. Der Song rechnet über mehrere Beat-Morphs bitterernst mit White Privilege und der resultierenden Freiheit wegzusehen ab. Der bisher spannendste und bedrückendste Song der Platte.

7. Ju$t (feat. Pharrell Williams & Zack De La Rocha)

Seit dem 2014 erschienen „Close your eyes“, gehören Zack De La Rocha-Kollabos auf RTJ-Alben dazu. „Ju$t“ schließt inhaltlich an „Walking in the snow“, genau wie an den 2016 erschienenen „Kill your Masters“, der ebenfalls zusammen mit dem RATM-Frontmann entstand, an und nimmt sich das auf Sklaverei fußende, hegemonial weiße System der USA zur Brust. Der 808-Beat ist Pharrell wie auf den Leib geschneidert.  

8. Never look back

„Never look back“ fällt heraus. In dem kurzen, düsteren Stück legen El-P und Killer Mike ihre Erziehung offen, reflektieren Kindheit und Adoleszenz und den Einfluss der Eltern aufs persönliche Wertesystem. Packend. 

9. The ground below 

Zwischen den zahlreichen Hip-Hop-Querverweisen gibt’s hier dann plötzlich Post-Punk. Mit „Ether“ sampeln sie – selbstverständlich – einen Anti-Polizei-Klassiker der Gang of Four und münzen ihn um in eine Self-Care-Hymne. Unerwartet aber cool.

10. Pulling the pin (feat. Mavis Staples & Josh Homme)

Es hat Strahlkraft, wenn Mavis Staples 2020 einen Abgesang auf ein System hält, gegen das sie schon seit den 1960ern kämpft. „Pulling the pin“ hat nicht die protestierende Energie der offensichtlichen Banger der Platte, wird viel mehr getragen von einer verzweifelten Hoffnung, reflektiert eigenes Versagen und ist gespickt mit religiösen Querverweisen. 

11. A few words for the firing squad (radiation) (feat. Asap Ferg)

Das Outro gerät, wie auch beim Vorgänger, zum Schlüsselsong der Platte und legt in beinahe sieben Minuten den Antrieb des Duos im Kampf für eine gerechtere Gesellschaft offen. Ungewohnter Weise wird hier tatsächlich auf organische Streicher und ein Saxophon anstelle von Samples zurückgegriffen. Das Ergebnis ist dementsprechend schwer beladen mit Bedeutung, grade im Kontext des Duos und der LP funktioniert der allerdings sehr gut. Der Song zählt zu den wichtigsten und greifbarsten Momenten der gesamten Crew-Diskographie. Und dann folgt völlig überraschend ein Abspann, eine Art Loopback zum Intro, gesungen von Asap Ferg – didn’t see that coming. Beeindruckendes Finale.  

 

Fazit: 

Mit erdrückender Dringlichkeit formulieren Killer Mike und El-P den State of Mind einer verzweifelten Bevölkerung, die lange Zeit von ihrem Land zurückgelassen wurde. Das geht Hand in Hand mit starken Representer-Lines, einer über alle Zweifel erhabenen Performance und progressiver Boom-Bap-Produktion. „RTJ4“ ist ein hartes, konstant fokussiertes und politisches aufgeladenes Album geworden. Run The Jewels spielen nahezu alle Stärken der drei Vorgänger innerhalb einer LP aus. Die tagesaktuelle politische Ebene macht „RTJ4“ über seine eigenen Qualitäten hinaus zu einem der wichtigsten Alben des Jahres, auch jenseits von ihrer Outsider-Rap-Bubble. 9

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