Album der Woche: RAF Camora – „Zenit“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Heute bespricht Vanessa RAF Camora finales Album:  „Zenit“. 

Künstler: RAF Camora
Titel: Zenit
Features: Bonez MC, Gallo Nero, Ghettophénomène
Produzenten: RAF Camora, Hamudi The Royals, The Cratez, Beataura, Irie Vibrations, Lucry, Tobstarr
Releasedate: 01.11.2019
Label: Indipendenza/Groove Attack

 

Vanessas Erwartungshaltung:

Der 1. November markiert den Anfang vom Ende. Bald endet all das am Zenit. RAF Camora, der momentan wohl bedeutendste Rapper Österreichs, läutete mit seinem letzten Album „Zenit“ das Ende seiner aktiven Karriere ein. Die Erwartungen der Fans waren hoch, die der Industrie ebenso. Immerhin ist er der Rapper mit den meistverkauften Rapsongs in Deutschland. Ich habe mich gefragt, ob es RAF gelingt wird, tiefgründige Lines mit tanzbaren Melodien zu vereinen und die Stationen seiner bisherigen Diskografie angemessen zu würdigen.

 

1. Zenit

Kurz, aber prägnant – das Intro von „Zenit“ ähnelt deutlich dem Auftakt zu RAF Camoras vorherigem Solo-Album „Anthrazit“ aus dem Jahre 2017.  Vor allem das staccato-artige „RAF, Camo, R-A, Hallo? Hallo? Wer da?“weckt Erinnerungen an die „RAF, Camo, R-A, Lehra“-Line. Auch die altbekannte Zeile „War nie mein Ziel, mal ihr Star zu sein. Die Sonne scheint Gold, die Sterne Platin“ wird in neuer Form wieder aufgegriffen. Bezugnahmen auf vergangene Songs waren schon immer RAFs Stärke. Mal sehen, ob er diesen Stil in „Zenit“ beibehält.

2. Kreiert

Wenn man sich die Themen vergangener Songs von RAF Camora anschaut, wird deutlich, welch große Rolle Loyalität, Familie und Identität für ihn spielen. Bereits in „Big Up“ zu „Therapie“-Zeiten dankte er seiner Ekipa, die heute immer noch an seiner Seite ist, oder widmete mit „Donna Imma“ seiner Mutter einen Song, von Oden an die Heimat Wien ganz zu schweigen. „Fünfhaus hat mich kreiert. Mein Bezirk und meine Straße hab’n mich inspiriert.“ Vergess’ nicht, wo ich herkomm’, kann mich nicht verlier’n.“ Im letzten Album darf eine Dankeshymne deshalb nicht fehlen. Egal ob Fünfhaus, Bonez MC oder die Fans, mit eher ruhigen Tönen spricht RAF ein großes Dankeschön aus, dass man ihm in Hinblick auf seinen Lebensweg zu 100% abnimmt.

3. Vendetta

Zeit der Abrechnung – „Vendetta“ ist schnell, melodisch und ja, irgendwie gefährlich. Die schnellen Beats laden dazu ein, im Club einfach mal die Sau rauszulassen, die Lyrics dagegen sind mehr als „Was denkst du, wer du bist, kleiner Bastard-Kind“. Wenn man an „Teflon“ oder „Panzer“ denkt, wird klar, dass RAF Camora sich über all die Jahre hinweg eine harte Schale zulegen musste. Und so hört sich „Vendetta“ nicht wie der Racheakt eines Möchtegern-Gangsters, sondern wie der Befreiungsschlag eines Mannes, der schon viel erlebt hat. Obendrein gelingt RAF hier die Symbiose von tanzbaren Rhythmen mit düsteren und auch deepen Lyrics. Die Long-Version „Vendetta RR“ erinnert mit den Klängen einer Mandoline an die in seinen Songs oft zitierte Filmreihe „Der Pate“ und erzählt mit fast schon beunruhigender Ruhe vom Triumph des RAF Camora.

4. Adriana

Schon vorher ausgekoppelt, kündigte RAF Camora „Adriana“ als den größten Hit seines Albums an. Uptempo, tanzbar und mit einer eingängigen Hook, der Song ist auf jeden Fall ein Partyhit. Obendrein handelt es sich noch um ein Liebeslied, geradezu erfrischend im Deutschrap-Game. Vielleicht liegt es an den häufigen Wiederholungen einzelner Wörter oder der etwas monotonen Hook, für mich bleibt der Song trotzdem eher blass. Nichtsdestotrotz steckt auch hier mehr dahinter als nur die Beschreibung einer schönen Frau, erklärt RAF immerhin, mit wem er sich eine Zukunft vorstellen könnte.

5. Verändert

Die Plastikpalmen läuteten überhaupt erst den ganz großen Erfolg ein. „Verändert“ kommt in typischer Dancehall-Manier daher und könnte so auch Teil jedes „Palmen aus Plastik“-Albums sein. Dabei erinnert der Song eher an ruhigere Lieder der beiden, wie „An ihnen vorbei“, und klingt zur Abwechslung einfach mal entspannt. Als besonderes Detail fällt sofort zu Beginn das Sample zu Robert Miles’ „Children“ auf, was bereits in „Dämonen“ von RAF genutzt wurde. Inhaltlich wirft man RAF & Bonez oft vor, nur oberflächliche Partymucke zu produzieren. Kleiner Tipp: Zwischen den Zeilen hören.

6. Resumee Worte

Ich habe mich im Vorfeld gefragt, wie RAF Camora es schaffen wird, den Bezug zu seiner bisherigen Diskografie herzustellen. Mit den drei Resumees, die allesamt Fortsetzungen älterer Songs sind, hat er mich eines Besseren belehrt. Sowohl Melodie als auch Lyrics stammen überwiegend aus den Originalen, doch sind an entscheidender Stelle angepasst. In „Worte“ von „Nächster Stopp Zukunft“ prangerte RAF damals an, mit welcher Kraft Worte verletzten können. „Ein Mund kann oft verletzen wie ‘ne Glock. Zwar ohne Blut, doch die Wörter zerfressen deinen Kopf.“ Ähnlich argumentierte er zum Beispiel bereits in „Nichts verletzt so“ und es wird klar, ganz so kalt scheint ihn all das nicht zu lassen. Heute zieht er dennoch ein klares Fazit. Eben diese Worte können ihm nichts mehr anhaben. „Vendetta“ lässt grüßen. Fun Fact: Der Mann, der zu Beginn zu hören ist, ist heute der gleiche wie damals.

7. Traum

Von was träumt ein Deutschrapper, der schon alles erreicht hat? In „Traum“ beschreibt RAF Camora, wie er sich seine Zukunft abseits des Rampenlichts vorstellt. Dieser Song ist ein Paradebeispiel für das bedeutsamste Merkmal von Camoras Musik, denn er bemerkt treffend: „Musik zeigt der Welt meine Identität“. Wie kaum ein anderer Künstler legt er in seinen Songs seine innersten Gedanken offen – Realtalk eben. Mit jedem Lied setzt sich Puzzleteil für Puzzleteil eine ganze Lebensgeschichte zusammen. Gemeinsam mit „Kreiert“ ist dieser eher einer der ruhigen Songs des Albums.

8. Puta Madre

Zuerst hat er selbst auf Französisch gerappt, nun stammt das einzige fremdsprachige Feature auf „Zenit“ aus Frankreich. Ebenso kraftvoll wie „Vendetta“ rechnet RAF Camora in „Puta Madre“ mit allen ab, die ihm je in die Quere gekommen sind. Musikalisch hätte er kaum jemand besseren als Ghettophénomènefür das Feature finden können. Den Sound, den der französischaffine Camora in Deutschland salonfähig gemacht hat, haben eben diese gemeinsam mit Jul in ihrer Heimat etabliert. Der Sound uptempo, die Lyrics Fünfhaus. Besser könnte man „Puta Madre“ nicht beschreiben. 

9. Nichts als Nichts

Wie Tarzan im Dschungel – „Nichts als Nichts“ ist der wohl experimentellste Song des Albums und gefällt mir persönlich unglaublich gut. Textlich verliert RAF sich im Dschungel voller Hollywood-Smiles und Heuchler. Zwischen Apokalypse und Legende zeichnet er ein ganz düsteres Bild der Gesellschaft, wie er es früher schon in Songs wie „Roboter“ oder „Sklave“ getan hat – Mayday! Die hohen Autotune-Passagen erinnern an „In meiner Zone“ und dem aufmerksamen Hörer entgeht auch eine Anspielung auf Zeilen von RAFs damaligen Signing Sierra Kidd nicht. Auch im Kleinen, in den winzigsten Details, stellt RAF den Bezug zu seiner Vergangenheit her.  

10. Resumee Risiko

In einer Funktion als Interludes gliedern die Resumees das Album in drei Teile. Sie fungieren als Pausen zum Durchatmen von all den „lauten“ Songs und bringen den Hörer mit ihren leisen Tönen dazu, mal etwas genauer auf die Lyrics zu achten. Das Original „Risiko“, ebenfalls auf „Nächster Stopp Zukunft“ erschienen, ist eine Art Liebesbrief an die Freundin, in dem RAF seine Seitensprünge gesteht und mit folgenden Worten endet: „Ist es besser zu schweigen mit ein bisschen Stress oder Ehrlichkeit und ein geficktes Herz?“ Heute würde er wohl anders handeln als damals.

11. Cinema

Wenn er einen Künstler pusht, dann richtig. Mit Gallo Neroist einer von RAF Camoras Hoffnungen für Deutschraps Zukunft auf dem Album vertreten. Die von Gallo gesungene Passage fügt sich perfekt in RAFs Stil ein und ist für mich tatsächlich das Highlight des Songs. Textlich werden der immerwährende Ruhm und dessen Schattenseiten wieder aufgegriffen. „Cinema“ bleibt zwar nicht direkt im Ohr, aber macht irgendwie melancholisch und klingt doch leicht psychedelisch. „Bring mich von hier weg. Stell mich vor die Wahl. Gib mir ein Stück der Welt, wo niemand vor mir war.“

12. Meteorit

„Meteorit“ und „Cinema“ sind in einem sehr ähnlichen Stil gehalten. Erwähnenswert: Der Mond, Meteoriten, Asteroiden – das Universum dient RAF Camora oft als Metapher für die Flucht vor dieser Welt. Nicht umsonst ist die Zenit-Box als Sternhimmel gestaltet, der die einzelnen Stationen von RAFs musikalischer Karriere abbildet. Seit Jahren und Dekaden kennt die Sonne seinen Namen und irgendwie will er auch zum Neptun. Das Showbiz und vor allem die Industrie kriegen in „Meteorit“ ihr Fett weg, wie RAF es mit „Nummer“ aus dem Album „Ghost“ bereits vorgemacht hat. Und natürlich wird auch die berühmte „Johntstraße“ erwähnt, über die RAF vor vielen Jahren rappte, übrigens das erste Mal in deutscher Sprache.

13. Unnormal

In etwas schnellerer Raf & Bonez-Manier, aber doch mit der gleichen Thematik wie „Verändert“ hat auch „Unnormal“ einen berechtigen Platz auf dem Album verdient. Je aufregender der Sound, desto tiefgründiger die Lyrics ist zwar eine gewagte Aussage, trotzdem kritisieren Bonez MCund RAF Camora auch hier wieder die Vergötterung ihrer Person und fragen sich, wieso sie denn immer so anders behandelt werden. Man denke nur an Songs wie „Realität“ oder „Prominent“. Von allen Liedern erinnert „Unnormal“ am stärksten an die „Palmen aus Plastik“-Zeit und würdigt dieses Kapitel in RAFs Leben dementsprechend angemessen.

14. Finale 1150

Im Triumphmarsch durch den Bezirk – Hätte es keinen Song gegeben, der zu 100% Fünfhaus gewidmet ist, hätte ich mich das doch sehr gewundert. RAF Camoras Identität spielte über all die Jahre hinweg immer eine große Rolle in seiner Diskografie. Die neapolitanischen Wurzeln, die Muttersprache Französisch und die freundschaftliche Nähe zum Balkan, Camora ist mehr als nur Deutschrapper und verbindet über Kulturen hinweg Fans in ganz Europa. Seine Heimatstadt Wien hat es RAF trotzdem nicht immer leichtgemacht. In „Vienna“ gab er der schwierigen Beziehung zu seiner Stadt schließlich einen Namen, so wie auch ein anderer Wiener Künstler, Falco, immer von einer Hassliebe zu Wien sprach. Nun widmet RAF Fünfhaus den Song „Finale 1150“. Das Sample aus „Winner“ und die „11-50“-Rufe, die schon so ähnlich in „Gotham City“ zu hören sind, sowie seine eindringliche Stimme und der schlagende Beat machen den Song zu einem regelrechten Kampflied.

15. Resumee Rabe

Das dritte Resumee im Bunde bezieht sich auf „Schwarzer Rabe“ aus „Therapie nach dem Album“, in dem das schwarze Federvieh als Diener des Bösen mit Erfolg und Anerkennung lockt. Doch RAF Camora erscheinen neben Bildern von Ruhm, Geld und Goldplatten auch Bilder von Stalkern, falschen Freunden und Einsamkeit. Am Ende entscheidet sich das lyrische Ich für den Selbstmord. 10 Jahre später sieht RAF immer noch die gleichen Bilder. All die guten aber auch schlechten Seiten des Erfolgs, die er damals schon erahnt hat, haben sich bewahrheitet. Doch der Song nimmt Gott sei Dank ein anderes Ende. Düster, bedrückend und fast schon verstörend, so kannte man RAF vor allem in frühen Jahren. Außerdem wird hier wird einmal mehr deutlich, dass der Rabe mehr als nur ein Symbol auf CDs oder T-Shirts ist. Er ist Hoffnung, Beschützer, Dämon und Verführer zugleich – und damit die Personifikation all der inneren Stimmen eines Menschen, denen RAF in seinen Texten Ausdruck verleiht.

16. Sag Ihnen 2

Einen fulminanten Abschluss als vielleicht sogar der ehrlichste Song in der Karriere des RAF Camora bildet „Sag Ihnen 2”, Fortsetzung des gleichnamigen Lieds aus „Nächster Stopp Zukunft“, das genau 10 Jahre zuvor erschienen ist. „Jede Million, die ich verdient hab’, ist ‘ne Kugel. Guck dir mein Gesicht an, der Erfolg hinterließ Spuren.“ Sowohl in Song als auch Musikvideo integriert Camora zahlreiche Anspielungen auf vergangene Songs. Wer sich das Video genau anschaut, dem werden das Wappen der Stadt Nîmes mit Palme und Krokodil oder das Antlitz Bushidos sicher nicht entgehen. Ja, sogar eine Szene aus „Halt die Fresse 03 Nr.75“ hat es ins Video geschafft. Textlich finden sich unter anderem Verweise auf „Wenn der Tag beginnt“ oder „Was ich will“, während musikalisch die Hook aus „In meiner Wolke“ aufgegriffen wird. „Sag Ihnen 2“ ist Abrechnung, Loblied und Bekenntnis in einem – Abrechnung mit der Konkurrenz, der Industrie, dem Ruhm und der Gesellschaft; Loblied auf Familie und Freunde, das eigene Durchhaltevermögen und die erzielten Erfolge; und der Bekenntnis: „Das sind keine Zeilen, die ich sing’. Ich sing’, um zu zeigen wer ich bin.“ Bravissimo, Camora!

 

Fazit:

Dankeshymnen, Befreiungsschläge und Zukunftsträume – „Zenit“ ist persönliches Manifest und Ende einer Ära zugleich. So skeptisch ich und viele andere auch waren, ob es RAF Camora gelingen würde, mit „Zenit“ einen würdigen Abschluss zu finden, er hat meine Erwartungen weit übertroffen. „Zenit“ ist nicht einfach nur ein allerletztes Album. Textlich ist es voller Dankbarkeit, Gesellschaftskritik und persönlicher Offenbarung. Musikalisch vereint es melodische Klänge mit tiefgründigen Lyrics auf Basis eines so individuellen Sounds, dass man meinen könnte, Camora habe eine neue Stilrichtung erfunden. Und wer es immer noch nicht verstanden hat: Wer genau zuhört, dem eröffnet RAF eine Welt, die so viel mehr zu bieten hat, als rappende Männer mit Rolex am Arm posierend vorm eigenen Sportwagen. Wer „Zenit“ verstehen will, sollte einen Blick in RAFs Diskografie werfen, denn zu der stellt er durchgehend Bezüge her, was die langjährigen Fans sicher sehr erfreut. Gelungener könnte ein Abschied kaum sein. Und am Ende steht die Erkenntnis: „Hab’ alles erreicht, sogar mehr, als ich wollte. Darum danke für alles!“ RAF Camora hat all seine Träume erreicht, nun ist es Zeit, dass Raphael Ragucci sein Glück findet.  9/10

 

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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