Album der Woche: PTK – „Kein Mensch ist digital“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche hört sich Kuba durch das neue PTK-Release „Kein Mensch ist digital“.

Schnelle Fakten:

Artists: PTK
Titel: Kein Mensch ist digital
Features: – 
Produzenten: 86kiloherz, Berlin Pieces, Warden, Vecz
Label: BombenProdukt
Release: 14.06.2019

PTK – „Kein Mensch ist digital“ kaufen

 

Kubas Erwartungshaltung:

Ich liebe Rap. Ich liebe belanglosen Rap, aber um einige Prozentpunkte mehr liebe ich Rap, der mir etwas mitteilen möchte. Denn er ist einfach nachhaltiger.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als PTKs „Kein Mensch ist digital“ zum Release der Woche gekürt wurde. Ganz ehrlich, ich hätte mir das Release eher im Spätherbst oder Winter reinpfeifen wollen. Jetzt, wo die Sonne scheint, beschäftige ich mich eigentlich lieber mit den schönen Dingen des Lebens, aber PTK macht mir da wohl einen Strich durch die Rechnung. Gut, dass er es macht, denn für Denkanstöße und Reflektion sollte eigentlich immer der richtige Zeitpunkt sein.

Genau das erwarte ich eigentlich auch. Ehrliche Lines aus dem Herzen eines linken Berliners, die mich zum Nachdenken anregen. Fernab von Marken-Dropping, Chartplatzierungen und Shisha-Vibes. Die Anspielstationen klingen plakativ wie spannend zugleich. Ich hab Bock, let’s fetz!

1. Alles wegen Geld

 

Stimmiger Einstieg mit Bars, die zeigen, wo es lang gehen wird. Dazu ein schlichter Beat, der mir gefällt und PTKs Lines auch nicht überstrahlt, denn diese stehen im Vordergrund.

Ja, inhaltlich geht es wie der Track schon spoilert, um Geld – der Ursprung allen Übels. Und ich stimme ihm inhaltlich auch eigentlich zu, frage mich aber auch, wie es anders laufen soll. Ohne Geld geht es ja augenscheinlich nicht, sonst hätten wir das System doch schon längst über den Haufen geworfen. Trotzdem – ich fühle PTKs Text zu 100 Prozent. Er nennt die Probleme beim Namen und nimmt keinen Blatt vor den Mund. Der Song macht Lust auf mehr.

„Ist irgendwo ein Kühlschrank voll, bleibt ein anderer leerer.“

2. HHWMWMM

 

Absolut kranker Song mit einem trapigen Song, der deutlich mehr nach vorne geht als der erste Beat. PTK legt den Finger schön in die Wunde der Hip-Hop Szene. Geschossen wird gegen die Musikindustrie, seine wachsende und moralisch fragwürdige Kommerzialisierung im Hip-Hop und die Hip-Hop Presselandschaft. Ich persönlich bin mit der aktuellen deutschen Mainstream-Raplandschaft sehr unglücklich, die Modus Mio Playlist ist für mich einfach unhörbar. Neben sehr ähnlich klingenden Beats und Melodien ist gerade aber auch inhaltlich wirklich wenig zu holen. Und dabei sage ich nicht, dass jeder Rapper auf conscious machen soll, das muss er nämlich nicht. Aber in Amerika beispielsweise können Leute wie ein inhaltsleerer Young Thug und ein gehaltvoller Kendrick Lamar koexistieren und Erfolge feiern, während in Deutschland diesbezüglich ein großes Ungleichgewicht herrscht. Das finde ich schade und wird von PTK auch zurecht angeprangert.

Der Song sprüht nur so von klugen und unangenehmen Lines, PTK weiss es sehr gut, sein Mindset in die richtigen Worte zu packen. Natürlich ist es schwer, komplexe Themen in wenigen Bars zu verpacken, aber PTK macht das wirklich gut, auch wenn man nicht jeden Punkt in drei Minuten abhaken kann. Kurz gesagt: Ein sehr starker Song und ich würde mir wünschen, dass er sich irgendwie mal in die Modus Mio schummeln könnte, damit die Kiddies auch mal sehen, dass Rap und Hip-Hop auch anders geht.

Letztes Album gechartet auf Platz 20, am gleichen Wochenende war G20, hat beides niemand interessiert auf dem splash! 20. Was solls Deutschrap? Hier ändert sich nichts…

3. Mode

 

Oldschool Beat mit schönem Sample – dafür aber weitaus weniger schöne Themen: Konsum und Mode. Irgendwo ist Konsum ja schon geil und macht Spaß, aber letztlich ist er alles andere als wertvoll oder nachhaltig. Aber loslösen wollen wir uns von ihm auch nicht. Ist zumindest meine Meinung. Trotzdem hat PTK mal wieder mit vielem recht, beispielsweise, wenn er anprangert, dass Menschen sich ihr fünfzigstes Sneakerpaar kaufen, während andernorts andere Menschen nichts zu essen haben. Mir fällt auf: PTKs Punchline-Dichte ist so krass, dass ich bisher eigentlich kaum darauf geachtet habe, wie er eigentlich gerappt hat.

4. Amerika

 

Wieder einmal ein Trapbeat, wieder ein sehr stimmiger. Ich dachte ursprünglich, dass jetzt drei Minuten lang gegen Trump und die amerikanische Regierung geschossen wird, aber weit gefehlt. Es geht viel mehr um den „amerikanischen Traum“, nach dem so viele Menschen streben, der letztlich aber nur die wenigsten glücklich macht. Ich finde es persönlich wirklich krass, dass wir hier in Deutschland eigentlich größtenteils nach Amerika schauen und uns gerne blind an diesem Land und seinem Lifestyle orientieren, egal worum es geht. Und wir denken nicht einmal darüber nach, wir kennen es einfach nicht anders. Guter Song, der mir allerdings weniger gefällt, als die ersten drei. Vielleicht bin ich inhaltlich schon ein wenig erschöpft, da ich es nicht mehr so gewohnt bin, bei deutschem Rap explizit auf die Texte zu achten.

5. Trick & Masche

 

Ein Song über das Zugrundegehen des Menschen und eine seiner größten Eigenschaften – nämlich der Empathie, die durch „das System“ nach und nach zerstört wird. Manch einer könnte geneigt sein zu sagen, dass PTK sich langsam im Kreis dreht. Mag auch sein, aber hier und da finde ich wieder Lines, die mir wieder neue Gedankengänge ermöglichen. Und wenn man ehrlich ist: Die Themen, die er bespricht, sind einfach eng miteinander verstrickt, weswegen es mich nicht wundert, dass man so oft zu den gleichen Schlüssen kommt. In der Hook wird ein wenig gesungen, das hellt das sonst so trist klingende Release ein wenig auf. Der Song hat mir nach „Amerika“ wieder um einiges besser gefallen.

6. Ups’N’Downs

 

Habe schon bessere Songs von PTK gehört. Beim Titel musste ich direkt an Kontra K denken. PTK setzt seinen „Steh wieder auf“ Song aber deutlich glaubwürdiger um. Wirklich gecatcht hat mich der Song aber auch nicht. Ich steh einfach nicht so auf diese „Bruder, halte durch, ich habe es auch geschafft“ Songs. Die Hook hat mir leider auch nicht gar nicht gefallen…

7. Stream mir das Lied vom Tod

 

Schade, mit Streaming hat der Song leider wenig zu tun. Der Song plätschert irgendwie ein wenig an mir vorbei, mir bleibt wenig bis gar nichts hängen. Das ist schade, weil es der letzte Song der EP ist. Aber vielleicht bin ich inhaltlich auch einfach schon an meine Grenze gekommen. Die letzten zwei Songs trüben ein wenig die sonst so starke EP des Berliners.

Fazit:

PTKs Lines auf „Kein Mensch ist digital“ bieten Spielraum für stundenlange Diskussionen über Themen, die erst aufkommen, wenn man schon das ein oder andere Bier intus hat. Es ist diese Art von Deeptalk, den jeder kennt und PTK hat ihn auf dieser EP wunderbar angestoßen. Ich finde es wichtig, dass es PTK gibt und es tut mir ein wenig leid, dass er mit inhaltsreicher Musik im Vergleich zu anderen Rappern deutlich weniger Personen erreicht. Aber natürlich, 14-jährige KMN-Gang Fans, die „Lelele“ auf ihrem Fahrrad singen, werden mit PTK nichts anfangen können.

Ich bin aber ehrlich gesagt auch froh, dass „Kein Mensch ist digital“ eine EP und kein Album geworden ist. Auf 25 Minuten kann ich mir PTKs Fingerzeige sehr gut geben, auf Albumlänge wäre das bestimmt deutlich anstrengender geworden. So bleibt am Ende eine größtenteils starke EP, die mit klugen und gut gerappten Bars eines sehr reflektierten Berliner Jungen die deutsche Rap-Landschaft bereichert. Die letzten zwei Songs haben den Gesamteindruck leider getrübt, da sie für mich lange nicht das Niveau der ersten Songs erreichen konnten und auch inhaltlich nicht so spannend waren. Gibt insgesamt 8/10 Punkte dafür. 

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