Album der Woche: Maimi Yacine – “Welcome 2 Miami”

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche bespricht unser Kolumnist Joshua “Welcome 2 Miami”, das zweite Album von KMN-Gang Member Miami Yacine. 

Künstler: Miami Yacine
Titel: Welcome 2 Miami
Features: Azet, Capital Bra, Nash, Sfera Ebbasta
Produzenten: Lucry, Suena, Chryziz Beats, Veteran, Zeeko, Jimmy Torrio, Season Production, Type, Pzy, Charly Charles,  Nisi on the Track. 
Releasedate: 29.01.2020
Label: KMN Gang / Groove Attack

 

Joshuas Erwartungshaltung:

Ich erinnere mich noch gut, wie mich „Kokaina“ damals geflasht hat. Das war so ein Song, den ich erstmal ununterbrochen in Dauerschleife hören wollte. Doch danach wurde es leider etwas enttäuschend. Verständlich, wie soll man einem solchen „Once in a Lifetime“-Song gerecht werden? Aber ich war von „Casia“ am Ende wirklich schwer enttäuscht. Viel zu austauschbar, keine eigene Note. Ich hatte das Gefühl, nach dem Hören nicht einen einzigen Fakt über ihn zu wissen.

Das änderte sich im Zuge des neuen Albums. Die Singles wurden persönlicher, irgendwie wütend und machten den Dortmunder plötzlich wieder interessant. Endlich etwas greifbares, endlich ein Charakter. Ich hoffe, er kann diesem Versprechen auf Albumlänge gerecht werden.

 

1. Intro-Résumé

So muss ein Album beginnen! Welle machen! Einen Statusbericht über das eigene Leben. Der Miami Yacine von 2016 hätte uns nichts über den Überfall oder den Tod seines Vaters erzählt. Richtiger Schritt und schönes Spielen mit dem „Kokaina“-Flow. 

2. Navy Seals

Cooler Flow, bleibt auch gut im Ohr. Ist aber irgendwie nicht so vorteilhaft platziert. Der Song ist mir etwas zu entspannt. Nach dem Intro habe ich gehofft, es geht erstmal richtig zur Sache.

3. Vamos a la Playa

Die Hook geht leider überhaupt nicht. Sie bestätigt so ein bisschen das böse Klischee, dass er (und der Rest der KMN-Gang) Ballermann-Musik mit mehr Schimpfwörtern machen würde. Eigentlich schade, gerappt wird nämlich solide und der Beat geht auch klar.

4. Hayabusa

Soundtechnisch bisher das Highlight. Der Beat ballert und Azet als Feature wertet den Song ungemein auf. Besonders der aggressive Einstieg, wenn der Drop einsetzt. Bei Miami meine ich auch den ein oder anderen Diss zwischen den Zeilen rauszuhören – find ich gut. Es gefällt mir, wenn er anfängt, sich als Teil einer Szene wahrzunehmen und nicht so tut als hätten Deutschrap und er nichts miteinander zu tun. Dann kann man in seiner Position auch mal ein bisschen schießen. Guter Song!

5. Tony & Elvira

Leider folgt direkt ein Downer. Erneut finde ich die Platzierung falsch, direkt nach dem harten „Hayabusa“ und es kommt mir vor als könnte man sogar hören, wie wenig Miami selbst von diesem Song begeistert ist. Skip!

6. Narco Ben 

Das ist ja fast schon ein Storyteller. Hat man so von ihm noch nicht gehört und irgendwie auch nicht erwartet. Find ich aber gut, der Song ist ein weiteres Puzzleteil, um den Charakter Miami Yacine zusammenzusetzen. Capital Bra gefällt mir auch in dem Stil. Vollkommen ignorant, fast ein bisschen abwesend. Mal was anderes als der hyperaktive und immer-laute Bratan.

7. Alessandra Ambrosio

Richtig geil. Bad Boy-Vibes mit dem Bass von „Another One Bites The Dust” (Queen) oder “Only You” (112), je nachdem. Macht auf jeden Fall richtig Bock und ist auch in gewisser Weise endlich mal ein Bekenntnis zu Hip-Hop. Bisher hat sich die KMN-Gang ja stets so geäußert, als würden sie zwar rappen, aber wen jucke schon diese „Kultur“ von der immer alle reden. Miami zeigt sich hier auf jeden Fall als Fan und – das muss man auch mal sagen – sehr guter Rapper. Gerne viel mehr in diese Richtung!

8. Ghettosuperstars 

Hätte ich mir als Solosong gewünscht. Miami bringt hier schöne Aggressivität in seine Delivery, die mit Nashs Part einfach nicht wirklich gut harmoniert. Da hätte es weiter so nach vorne gehen sollen.

9. Gang Gang

Man merkt, er wollte etwas beweisen. Dass er a) gut rappen kann und b) Respekt verdient hat. Miami Yacine ist, auch wenn ihn viele als One-Hit-Wonder abtun, einer der einflussreichsten deutschen Rapper der letzten Jahre und dafür verlangt und verdient er Respekt. Ich mag die düstere Atmosphäre. Dass die Hook auch mal ohne melodischen Singsang auskommt und die ganze Attitude des Songs. Wer hätte gedacht, dass er mal vor brennenden Mülltonnen rappt und Mike Tyson-Zitate einspielen lässt?

10. Mc Queen 

Wieder die typische Miami-Formel. Jede Menge Vergleiche mit diesem oder jenem und Namedropping. Da hilft auch das italienische Feature nicht wirklich, um den Song vom Durchschnitt abzuheben.

11. Casablanca

Wieso hat er sich „Tony & Elvira“ nicht gespart und sich bzgl. Liebessongs auf das hier beschränkt? Kommt viel authentischer rüber. Gefällt mir gut! Beat steht ihm, das Türkische auch. Flow ist sehr catchy – einfach ein guter Song.

12. Kein Pardon

Genau das hier hätte die Platte viel mehr gebraucht. Die Hook ist nicht so mein Fall, aber endlich gibt es Statements von ihm zu allem, was seit „Kokaina“ so passiert ist. Er muss ja keine 100 Bars mit Chorsamples machen, hier und da ein weiteres Puzzleteil reichen schon, um ihn greifbarer und interessanter zu machen.

13. Outro 2000

Stark. Ich glaube, Intro und Outro gefallen mir insgesamt am besten. Beide Songs zeigen am offensichtlichsten, dass sich Miami Yacine als Künstler und Persönlichkeit deutlich mehr öffnet und weiterentwickelt hat. Und hier auch wieder: Wer hätte gedacht, dass er je auf eine Hook verzichtet und mit Scratches arbeitet?

Fazit:

„Welcome 2 Miami“ ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Es wurde persönlicher, Miami Yacine entwickelt sich langsam wirklich zu einer greifbaren Persönlichkeit. Besonders gefällt mir der im Vergleich viel größere Hip-Hop-Einfluss in Form von Samples, Scratches und ein höherer Fokus auf Bars. Ich habe das Gefühl, er wollte seine Kritiker ruhig stellen, die ihm fälschlicherweise vorwerfen, er könne nicht rappen. Leider hapert es manchmal an der Konsequenz, nicht in alte Muster zu verfallen und der Anordnung der Songs. Dadurch ist das Album am Ende leider nicht so rund, wie es hätte sein können. Etwas mehr Mut und noch weniger generische Fließband-Songs, dann könnten uns in Zukunft richtig starke Sachen erwarten. Das Potenzial ist da. 7/10

The following two tabs change content below.
talkin' culture.

Erzähl Digger, erzähl

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.