Album der Woche (1/2): Mädness – „OG“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche mit einem Special und gleich zwei Alben. Zuerst bespricht unser Autor Joshua „OG“ von Mädness, es folgt außerdem „S.O.S“ von Soufian.

Artists: Mädness
Titel: OG
Features: Marteria
Produzenten: Enaka, Nico K.I.Z, Dienst & Schulter, Swoosh Hood, Suff Daddy
Label: Mädness
Release: 23.08.2019

Joshuas Erwartungshaltung:

So richtig auf dem Schirm habe ich Mädness erst seit der „Maggo“-EP 2014. Die hat mich jedoch sofort zum Groupie gemacht, weshalb ich (glaube ich) so ziemlich alles nachgeholt und seitdem auf ein Soloalbum gehofft habe. Mädness ist, wenn wir über das Handwerk „Rap“ reden, unbestritten einer der besten Handwerker, die dieses Land zu bieten hat. Darum erhoffe ich mir – wie immer – wahnsinnig gut gerappte Parts mit Sätzen, die die Dinge so gut auf den Punkt bringen, wie es nur die wenigsten können. Zudem suggeriert mir der Titel „OG“, dass aus der Sicht eines erfahrenen Veteranen gesprochen wird, der immer ein offenes Ohr sowie eine lehrreiche oder zumindest spannende Anekdote parat hat. Also, mal sehen, was Maggo Abi zu sagen hat…

1. Mässisch 

Ich komme aus Kaiserslautern, darum ist mir das Hessische sehr nahe. „Mässisch“ ist ohne Zweifel eines der besten Worte, die die deutsche Sprache hergibt  – universell einsatzbar und doch immer on point. Hätte nicht erwartet, dass die Platte mit einem Song mit Hook und Bridge eröffnet wird, aber so wird schnell klar, wo die Reise hingeht: Real Rap, aber in nicht-hängengeblieben.

2. Team Allein

Ein ziemliches 0815-Thema, aber mit spannendem Ansatz. Parts on point, Stieber-Cuts sowieso immer eine gute Idee. Einzig die Hook ist mir vom Vokabular her etwas zu standard und wird dem eigentlich ja recht originellen Ansatz nicht gerecht.

3. Endlich neue Freunde

Im Interview bei dem Kollegen Skinny (Grüße, Gruß!) klang es so, als würden die Parts jeweils Beziehungen zu einem anderen Rapper erzählen. Darum habe ich natürlich riesigen Spaß daran, herauszufinden, wer es sein könnte und auch schon meine zwei, drei Kandidaten. Aber auch sonst eine Perspektive, die man so zu selten hört und endlich dieses dämliche „Der Kreis bleibt klein“-Narrativ durchbricht. Starker Song!

4. Anderer Mensch

Ein Paradebeispiel, wie aufgeräumt und „angekommen“ Mädness zu sein scheint. Gab es auf „IUMB“ noch wütende Tiraden auf alte Weggefährten (z.B. „Alright“), werden hier die Fehler in erster Linie bei sich selbst gesucht. Das muss dieser Grown-Man-Rap sein, den ihm alle attestieren…

5. Kein Ort

Einer der vollkommensten Heimat-Songs, die ich kenne. Weil er sowohl das Gute als auch das Schlechte thematisiert. Selbst der so heimatverliebte Marteria zeigt sich ambivalenter als z.B. auf „Mein Rostock“. Definitiv ein Highlight des Albums!

6. Arbeit/Urlaub

Klingt für mich wie eine Weiterführung von „Unabhängig“. Alles, was dort wütend und frustriert beschworen wurde, scheint sich bewahrheitet zu haben und ist hier Status quo. Hier wird auch besonders deutlich, was ich mit Handwerk meine. Es wirkt, als würde Mädness einfach sagen, was er zu sagen hat und die Reime kommen wie von selbst. Dazu dieses Outro, das schon fast nach „VOZ“ klingt – richtig geil!

7. OG

Kommt am ehesten an das heran, was man einen Representer nennen würde und was es hier ja nicht wirklich gibt. Die Lockerheit und der Humor lassen einen die Ernsthaftigkeit von Zeilen wie: „Kenn‘ die Hotel-Lobby genauso gut wie wochenlang jeden Tag Gnocci“ fast vergessen. Der Beatwechsel zum dritten Part ebenfalls ein absolutes Highlight hier, an der Stelle auch s/o Suff Daddy.

8. Was soll ich dir schon erzählen

Fast schon ein Bruch mit dem OG/Abi-Ding. Aber eigentlich doch wieder ein guter Lebensratgeber, wenn es um Geld, Selbstvertrauen oder die Tatsache geht, dass man auch 2019 verdammt nochmal drei 16er bringen kann statt nur zwei – danke dafür, bitte nachmachen. Einzig die Frauenstimme finde ich hier etwas deplatziert, gerade im Vergleich zu „OG“, wo sie den Song deutlich aufwertet.

9. So wie sie

Fügt sich perfekt in sein Gesamtwerk ein. Besonders, wenn man an „Nie So“ mit Yassin denkt, den beide als Schlüsseltrack für ihre jeweiligen Alben bezeichnet haben. Ein Prosit auf die, deren Züge außerplanmäßig abfahren – perfekt!

10. Ich mach’s nochmal neu

Hier muss doch echt nichts mehr gesagt werden. Wie oft schon erwähnt ist es so etwas wie die Antwort auf „Ich bleib“ von Döll. Und genau wie dort: Gänsehaut vom Ohrläppchen bis zum kleinen Zeh.

…und ich hab‘ nicht mal Geschwister.

Fazit:

Mädness unterstreicht seinen Status als einer der besten MCs in Deutschland. Zeigt aber auch, dass er über Technikgeflexe und Rap des Raps willen längst hinausgewachsen ist. „OG“ ist eine gnadenlos ehrliche wie erwachsene (nein, das ist kein Euphemismus für „langweilig“!) Platte, die viel Platz für eigene Problem-Projektionen lässt, ohne in unkonkrete Phrasen abzurutschen. Dennoch fehlt es mir an ein paar wenigen Stellen an der hundertprozentigen Stilsicherheit oder dem noch besseren, noch konkreteren Vokabular. Aber das ist Jammern auf ganz hohem Niveau. „OG“ ist ein Album fürs Vinylregal, das auch in zwanzig Jahren noch gehört werden wird. Ein Highlight in diesem Jahr ist es ohnehin. 8/10

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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