Album der Woche: Kalim – „Null auf Hundert“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Den Start in den Juli macht wieder unser Soundcheck-Redakteur Yannick mit Kalims drittem Album „Null auf Hundert“.

Schnelle Fakten: 

Artists: Kalim
Titel: Null auf Hundert
Features: Luciano, Ufo361, Jamule, Reezy, Lary
Produzenten: Bawer, Cemo, Brasco, Dtp, J.atori, Timek, Msx Audio, 
Label: Universal Urban
Release: 05.07.2019

Yannicks Erwartungshaltung:

Ich habe lange kein so kompliziertes Verhältnis zu einem Album entwickelt, das noch gar nicht veröffentlicht war. Denn „Odyssee 579“ ist das beste Straßenrap-Album der letzten 5 Jahre und Kalim der kompletteste Künstler seiner Genre-Nische. Von den Singles aus „NAH“ fühl’ ich mich trotzdem etwas im Stich gelassen. Mit dem dritten Album scheint ein düsterer Lebensabschnitt zumindest aus der greifbaren Nähe zu verschwinden. In dem Punkt, sich kurz zu halten, hat sich bei Kalim aber nichts geändert. Wieder knackige 32 Minuten, i like!

Kalim – „Null auf Hundert“ kaufen

 

1. 1992 

Das Intro arbeitet nah an der geläuterten Straßenattitüde der ersten beiden Alben, diesmal mit hörbar mehr Distanz zu Block-Storys. Schon im Hinterkopf, wie die vier folgenden Songs (allesamt Singles) klingen, würd’s dazu passen, dass „Null auf Hundert“ Kalims Ausweg aus dem Dreck via Rap komplettiert. Die irgendwie dunstige, auch mal in Halftime wegdriftende Produktion knüpft an „Thronfolger“ an. Schöner Opener. 

2. Sig Sauer

Nahtloser Einstieg, bissige Performance, bomben Video. Der Song wird maßgeblich getragen von seiner Ästhetik, dem zittrigen Beat und den keifenden Background-Vocals. „Blauer Ferrari wie Shiggy“ bleibt hängen.

3. Kilo 

BRETTTT! Die Bassline, die Kicks drücken alles andere im Song in die Bedeutungslosigkeit, Kalims Delivery sticht sogar Luciano als aktuellen King of Wütend aus. Wie Kalim und Bawer immer wieder Beat und Stimmen in Szene setzen ist genau wie die gängigen Normen strotzenden Songstrukturen nach wie vor einmalig im Deutschrap! 

4. Mbappé

Das Haftbefehl-Zitat zu Beginn, Ad-Lips, Flow, dieses jauchzende Sample – das ist alles so verdammt stilsicher. Schon bei Song vier merkt man, dass der Fokus des Projekts wohl auf Ästhetik und Produktions-Frickelei lag. Audemars Piguet, YSL, natürlich ein Fussballername… kenn ich von 30+ anderen Rappern mit weniger als der Hälfte von Kalims Profil und enttäuscht mich schon bei denen. Wenn er aber dadurch nicht mehr ans Pusher-Telefon gehen muss – fair enough. 

5. Bis um 3

Hat Nimo in den letzten 18 Monaten eigentlich auch nur ein Mal was anderes als misogyne Scheiße gerappt? Umso ärgerlicher, dass seine Delivery auch hier wieder so großartig over the top ist. Die Art wie stilsicher Kalim im direkten Vergleich Sprache nutzt zeigt ganz gut, dass der Song als Ganzes nicht in sein Schaffen passt. Das bisher größte Fettnäpfchen der bewusst kompakt gehaltenen Diskographie. 

6. Nie wieder Broke

Ich schätze beide Künstler, Kalim wie Ufo, sehr. Beide haben eine klare Vision für ihre Projekte. Genau daran scheitert „Nie wieder broke“. Klingt nach Kompromiss, klingt grade bei Ufo ziemlich uninspiriert, bleibt nix hängen. Hätte nicht gedacht, dass ich mal einen Song von zweien meiner Lieblingsrapper skippen möchte. 

PS: Taucht Reezy hier schon als Ad-Lip-Gast auf?

7. 63

Bekanntes Problem: Klingt irgendwie alles gut, die selben Marken und Karren wie in sechs Songs davor, von Jamules Charisma bleibt abseits der Bridge nichts hängen. Die Nummer läuft schon auf der Hälfte der 2 1/2 Minuten wieder ins Leere… 

8. Null auf Hundert

Zurecht zum Titelsong erkoren, denn irgendwie fasst „Null auf Hundert“ die Position, aus der die Platte entstanden zu sein scheint, treffsicher zusammen. Kalim ist „von perlweißen Steinen zu Klunker“ und reizt dieses neue Leben jetzt auf 32 Minuten aus. Rettet das Album aus einem Tief. Hungrige Delivery, lebhafte Bilder und ein klebriges Halftime-Outo… 

9. Kopfkrieg

…das in einem der stärksten Songs des Albums mündet. Auch wenn sich Kalim schon wieder Modus-Mio-Phrasen erlaubt, versinkt er herrlich gelassen in einem schief gezimmerten Beat, der sich ziehen lässt wie ein Kaugummi. Neben den kompromisslosen sind es die bedrückenden, dissonanten Momente, die die Gesamt-Inszenierung von Kalim spannend machen – auch wenn man das schon packender von ihm gehört hat. In meinem Kopf spannt sich hier irgendwie immer wieder eine Brücke zur Sehnsuchts-Musik von Bands wie Portishead – irgendwie merkwürdig . 

10. Wohin du willst

Der Song braucht das Video um den Vibe zu delivern. Reezy bleibt blass und damit weit entfernt vom Talent, das ihm zugesprochen wird. Wie die Beiden aber miteinander agieren, sich die Bälle zuspielen, ist schon cool. Man spürt grade gepaart mit Visuals, welche Leichtigkeit hier hintersteckt. 

11. 1 L Henny

Hands Down: Lary vermittelt in vier gesäuselten Zeilen mehr als Reezy, Ufo und Jamule in kompletten Gastauftritten. Kein anderer Gast auf dem Album schmiegt sich derart gut an die hypnotische Delivery, mit dem Kalim seine Zuhörer auch sonst einlullt. Der dargebotene Seiltanz zwischen Verzweiflung und Arroganz hätte gar keinen zweiten Part gebraucht. Wünsche mir mehr von diesem Duo! 

12. Offenes Verdeck

Eher ein Rauschmeißer als ein eindrückliches Outro und damit symptomatisch für ein Album, dem die Dringlichkeit der beiden Vorgänger fehlt. Freut ich mich trotzdem, dass bei Kalim aktuell jeder Tag „wie Geburtstag“ ist, dafür wurd‘ mehr als genug Dreck gefressen. Die wiederkehrende Plumpheit allerdings, mit der auf „Null auf Hundert“ diese neuen Glücksgefühle formuliert werden, ist es, die mich nach zwölf Songs etwas enttäuscht zurücklässt. 

 

Fazit: 

Ich hatte vor dem Hören ein kompliziertes Verhältnis zu „NAH“, ich habe nach dem Hören ein noch komplizierteres Verhältnis zu „NAH“. Kalims drittes Album ist natürlich gut. Die Ästhetik-Verliebtheit, die vertrackte Produktion, die Inszenierung mit der eigenen Stimme als Stilmittel, das alles ist – gleichermaßen wie Rap-Skills – top notch. Der peniblen Soundvision stehen wiederkehrend derart plumpe Lyrics gegenüber, die das Album gleichzeitig perfektionistisch wie uninspiriert erscheinen lassen. Nach zwei straighten Straßen-Alben fühlt sich „Null auf Hundert“ nach Transit an. Das macht Kalim nicht weniger spannend als vor dem Major-Debüt, manövriert ihn aber in Zugzwang, seine Position als schwermütiger Rap-Visionär jenseits von Playlist-Fillern und Schablonen-Rap langfristig zu wahren. Dazu gehört auch, den eigenen Anspruch an Aussage wiederzufinden – egal in welcher Form. Gemessen an der von Kalim selbst hochlegten Messlatte hab ich – schweren Herzens – nicht mehr 6/10 Punkte… 

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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