Album der Woche: Jamule – “LSD”

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche bespricht unsere Autorin Diarra das Debütalbum von Life is Pain-Signing Jamule.

Künstler: Jamule
Titel: LSD (Love, Sex, Dreams)
Features: Cro, Eno, Luciano, Macloud
Produzenten: Bounce Brothas, Deats, Macloud, Miksu, Shucati, Truva
Releasedate: 14.02.2020
Label: Life is Pain  

 

Diarras Erwartungshaltung:

Als eingefleischter PA Sports Fan, hatte ich Jamule zwar relativ früh auf dem Schirm, seine ersten Releases überzeugten mich allerdings noch nicht. In die erste Single “NBA” hörte ich im Oktober 2018 zwar kurz rein, dachte aber nicht mehr weiter darüber nach. Viel blieb für mich einfach nicht hängen. Dann, im Februar 2019, hörte ich das neue Savas Album “KKS”. Als ich Jamules Stimme auf dem Track “Batman” hörte, war es um mich geschehen. A Fangirl was born. In der Zwischenzeit hatte der Newcomer zwei weitere Singles rausgebracht, die völlig an mir vorbeigegangen waren. Erst jetzt erkannte ich Jamules besondere Stimme, den eigenen Style diese einzusetzen und mit ihr zu spielen und einen gewissen Flow, den ich so noch nicht kannte. Ich war also endlich überzeugt und fieberte auf das erste Album hin. Mit “Ninio” kam dann kurz darauf das erste Mixtape des Youngsters, das ich, abgesehen von ein bis zwei Tracks auch sehr mochte. An sein Debütalbum, welches nach einer Verschiebung nun vergangenen Freitag pünktlich zu Valentinstag erschien, hatte ich entsprechend hohe Erwartungen. Bisher kannte man Jamule als den fashionbegeisterten Frauenschwarm mit der sexy Stimme, der endlich das Geld verdient, das ihm seiner Meinung nach zusteht. Auf dem Album wollte ich neue Seiten von ihm kennenlernen. 

 

1. So weit weg (Intro)

Wer Jamule intensiver verfolgt, weiß dass seine Mutter leider verstorben ist. Daher fand ich die ersten Zeilen des Tracks sehr schön und berührend. Ich liebe es ja Texte auseinander zu nehmen und dem Künstler irgendwelche, für mich schlüssigen Intentionen zu unterstellen. Die Mutter in den ersten Zeilen des Intros anzusprechen, lässt sie von Beginn an an dem ersten großen Projekt Teil haben. Der nachdenkliche Jamule vom ersten Part wird im zweiten Part dann wieder von dem wilden Jungen abgelöst, der Partys feiert, Markenkleidung trägt und Sex mit Groupies hat. Richtiges Rap-Star Leben eben. Im Outro des Songs wird es nochmal ruhiger. Auf leisem Beat, der von einer Geige begleitet wird, lässt Jamule das letzte Jahr Revue passieren. Hat mich, ohne ein Beispiel nennen zu können, an alte Filmmusik erinnert. 

2. Bunte Blüten

Auf den Track freu ich mich schon live. Seh’ mich außerdem schon laut mitrappend im Auto. Inhaltlich aber nichts Neues. Viel Geld, viele Bitches, noch mehr Drip. Bei der Stelle “Lass die Bitches tanzen” hätte ich mir Adlibs von Rin gewünscht. Wie stark wäre das gewesen? Erinnert mich sowohl inhaltlich als auch soundtechnisch an “Sex Sells” mit PA Sports. Damit zeigt Jamule aber, dass er einen coolen Track auch alleine durchziehen kann.

3. Athen 

Auch hier haben wir wieder den coolen Jamule, dem die Frauen hinterherlaufen. Jetzt sogar schon von London bis nach Athen. Unterstützung bekommt er von Luciano, der ja bekanntlich den selben Film fährt. Hier ist mir Jamules Stimme ein bisschen zu drüber. Zu gewollt. Insgesamt finde ich den Track zu gewollt cool. Hat mir auch von den Singleauskopplungen am wenigsten gefallen.

4. Wo bist du 

Erinnere ich mich richtig, dass Jamule aufgehört hat zu kiffen? Was ist daraus geworden? Und eine gewisse Arroganz gegenüber Frauen konnte ich auch wieder spüren. Wahrscheinlich bin ich genau wegen diesem Bad-Boy-Image zum Fangirl geworden. Den Track hat es so schon öfter von ihm gegeben. Leider nichts neues und daher auch nicht so interessant. Auch Eno verleiht dem Ganzen keine Abwechlsung.

5. Moneyhoneydrip

Von dem Song hatte ich ganz lange einen Ohrwurm. Chilliger Beat und Jamule flowt gut. Insgesamt ein nicer Track. Bestimmt nicht sein bester, aber auch nicht sein schlechtester. Die Line “Von dem ganzen Paper wurden meine Finger bunt” hat mir gefallen.

6. Sahara

Bin ich die einzige, die nicht wusste, dass Macloud rappt? Inhaltlich kann ich nicht viel dazu sagen, weil wir das alles schon so oder so ähnlich hatten. Aber mir gefällt die gemütliche Atmosphäre des Tracks. Ein Feature wäre meiner Meinung nach nicht nötig gewesen. Klingt für mich eher wie ein Freundschaftsdienst von Jamule. Ich glaube zwar nicht, dass das die Intention war, aber den Song kann ich mir gut auf Mädelsabenden vorstellen. Der Track für die Ladies kann auf der To-Do-Liste also abgehakt werden.

7. 1000 Hits

Der Track lief bei mir mindestens 1000 Mal, als er rauskam. Cro und Jamule passen hier richtig gut zusammen und bringen beide starke Parts. Der Vibe steht beiden sehr gut. Harmonisch und authentisch in meinen Augen. Der Frauenheld wird hier plötzlich weich und zeigt Gefühle. Kommt bei den Mädels bestimmt gut an. Und wie lustig war das Video? Als Bausa-Fan hab ich mich natürlich sehr über seinen Gastauftritt gefreut.

8. Ich hol dich ab

Die letzte Singleauskopplung vor Albumrelease. Den Song mag ich aus zwei Gründen. Erstens sehe ich hier endlich mal etwas mehr Inhalt. Eine drogenabhängige Frau an Jamules Seite, macht ihn verrückt. Wer solche Beziehungen kennt, wird sagen, dass er die Situation hier ganz treffend beschrieben hat. Die Verzweiflung und Hilflosigkeit kommt für mich klar rüber. Zwei Menschen, die sich lieben, aber sich gegenseitig nicht gut tun, kommen einfach nicht voneinander los. Endlich ein wenig mehr Tiefe. Der zweite Grund, warum ich den Track mag, ist der Beatchange im Outro. Jamule und Gitarrenbeats passen einfach zusammen.

9. Leer

Mir wurde erst beim dritten Mal hören klar, wie gut ich diesen Track finde. Da steckt so viel drin. Es ist die Geschichte einer Person, mit der Jamule in Kindertagen viel Zeit verbracht hat. Einige Stellen im Text deuten an, dass diese Person depressiv war und Suizid begannen hat. Deshalb sind die Gemälde der Person nun farblos und nichts mehr wert. “Die Vision so weit entfernt / Deine Darstellung verzerrt / Jeder Pinselstrich verkehrt / Du hast das Träumen längst verlernt”, finde ich so starke Metaphern für die Wut und das Unverständnis der Hinterbliebenen. Noch intensiver wird das Gefühl am Ende vermittelt. Mit dem letzten Wort des Satzes “Deine Leinwand, sie bleibt” enden Beat und Song ganz abrupt. Es ist ein musikalisches Pendant zu dem Gefühl, dass die Hinterbliebenen auf der nun farblosen Leinwand haben. In meinen Augen ist das der persönlichste Track des Albums. Wahrscheinlich sogar der persönlichste Track in Jamules bisheriger Diskografie. Bitte mehr davon.

10. Guapa de Sevilla

Mein Lieblingstrack auf dem Album. Melodie und Lyrics nehmen mich mit nach Sevilla. Ich sehe einen richtigen Film vor mir. Und wie gut kann Jamule eigentlich singen? Spätestens mit diesem Track hat er bewiesen, wie musikalisch er ist. Der ganze Song ist eine einzige Liebeserklärung an ein Mädchen. Die Schönste in Sevilla. 

11. Benjamins

Auf “Alle” mit PA Sports waren es noch Gina, Anna-Lisa und Emily. Jetzt sind es Jenny, Anna-Lisa und Evelyn. Sonst hat sich hier aber kaum etwas verändert. Ein typischer Jamule-Track. Aber er sagt ja selbst: “Geld kommt, Geld geht, doch ich bleibe gleich.” Etwas mehr Abwechslung hätte mir in dem Fall aber besser gefallen.

12. Purple Punch

Jamule verspricht hier zwar mehr Storys, ich habe allerdings das Gefühl, als hätte ich diese Story von ihm schon tausendmal gehört. Es geht mal wieder um Frauen, Drogen, Partys, Geld und Fashion. Genau wie Jamule kann ich mich nur wiederholen: Ich wünsche mir mehr Tiefe, Interpretationsspielraum und Abwechslung.

13. Schiebedach

Mit dem Album kam zeitgleich das Video zu “Schiebedach”. Meiner Meinung nach hätten andere Tracks eher das Zeug zur Single gehabt. Als Outro finde ich den Track dennoch rund. Noch einmal Revue passieren lassen, was man erlebt hat und darüber nachdenken, wie das Leben ohne den Erfolg verlaufen wäre. Mir ist auch wieder die Line mit dem Blick in Richtung Himmel aufgefallen und ich mag die dadurch entstandene Klammer um das Album, weil es so ja auch schon im Intro angesprochen wurde. Ansonsten sehe ich hier leider auch nicht viel zu analysieren oder zu berichten.

 

Fazit:

Ich habe ein ganz schwieriges Verhältnis zu dem Album. Meine Erwartungen waren wirklich hoch und ich hätte mir nichts mehr gewünscht, als die vollen zehn Punkte geben zu können. Von insgesamt 13 Titeln fand ich nur fünf sehr stark. Der Rest ist eine einzige Wiederholung der gleichen Themen und hält auch soundtechnisch keine Überraschungen für mich bereit. Auch die Features fand ich – bis auf Cro – überflüssig und austauschbar. Vor allem von dem Track mit Luciano habe ich mir viel mehr erhofft und ehrlich gesagt auch erwartet. Dass Jamule vielseitig sein kann, hat er in der Vergangenheit bereits bewiesen. Spontan fällt mir hier der spanische Part auf “Mama Mia” ein. Der Turn zur Gitarre bei “Ich hol dich ab” ließ mich im Vorfeld ebenfalls hoffen, dass Jamule sich auf seinem Debütalbum etwas mutiger und experimentierfreudiger zeigen wird. Das war leider nur selten der Fall. Ebenso fehlt mir die Tiefe in den meisten Texten. In mir macht sich das Gefühl breit, dass hier auf Nummer sicher gegangen wurde, was schade ist, da dadurch die starken Tracks weniger wahrgenommen werden. Trotzdem mag ich Jamules Sound nach wie vor und bin überzeugt davon, dass er noch mehr zu erzählen hat. Das wünsche ich mir für das nächste Album. Für dieses gebe ich 6/10 Punkten. 

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