Album der Woche: Haiyti – „Perroquet“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Den Start macht unser Soundcheck-Redakteur Yannick mit Haiytis zweitem Album „Perroquet“.

Schnelle Fakten:

Artists: Haiyti
Titel: Perroquet
Features: Lent, Milonair
Produzenten: Macloud, Miksu, Maru, Skool Boy, Bobby San, Zillin Muzik
Label: Vertigo Berlin
Release: 07.06.2019

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Yannicks Erwartungshaltung: 

Haiyti ist ein Pop-Star. Damit mein‘ ich nicht mal zwingend den Sound oder die Reichweite, sondern eher die Aura. Das was auch bei Haftbefehls Alben mitschwingt. Eine krasse Dringlichkeit (die sich in ihrem Fall auch im krassen Output zeigt) gepaart mit einer gewissen Tiefe, Deutungsspielraum und einer Neigung zu Sound-Experimenten. Ein Künstler ist die Kunst und damit irgendwie schwer greifbar. Das ist im Falle Haiyti noch in keinem rundum krassen Album gemündet, die Chance aufs Release des Jahres schwingt bei ihr aber immer mit.

Übrigens lösen Miksu und Macloud für „Perroquet“ KitschKrieg auf den Produzenten-Sesseln ab – schon wieder so unverschämt gute wie eigene Produzenten an ihrer Seite. Das wird richtig spannend. Knackige 10 Songs und eine knappe halbe Stunde Spielzeit – find ich schonmal super. Intro heißt „Coco Chanel“. Here we go!

1. Coco Chanel

Das Sample ist großartig. Der gesamte Beat erinnert mich an den 2014er Travis Scott (meinen Lieblings-Travis). „Coco Chanel“ als Namenspatin passt auf jeden Fall zur 20er-High-Fashion-Ästhetik rund ums Album. Okay, sogar ein Travis-Beat-Verweis im Part, cool. Insgesamt deutlich ruhiger als „100.000 Fans“ als Pendant-Intro der letzten Platte.

Edit: Im Video zum Song chillt Haiyti in der Villa aus HC Straches Skandal-Video. Killer Move! 

2. Es kostet

Hat schon mehr Bounce. Haiyti spielt mit ihrem Riesentalent Stimmlage und Flows quasi nahlos zu switchen. Das klingt so unkonventionell, dass man gern auch mal konventionell einen ganzen (ziemlichen kurzen) Song lang einfach flexen darf.

3. Tansania

Song heißt zwar Tansania, trotzdem immer mal wieder kleine Einwürfe aus dem Französisch- oder Spanischen. Lent als Newcomer gefällt mir auf einer Haiyti Platte als Gast besser als einige schon gestandenere Kollegen – passt auch zu ihrer Liebe fürs Unerwartete und den Untergrund. Der Wiener rappt so eigen wie Haiyti selbst.

4. Droptop

Der erste ganz klassische Clubsong. Den Beat hätte man auch im Hause Banger Musik berappen können. Milonair mit einem seiner leichtfüßigsten Gastparts die mir aus dem Stegreif einfallen. Spotlight bleibt trotzdem auf Haiyti, so viele Flows in den ersten 10 Minuten eines Albums hab ich 2019 selten gehört. 

5. Uzi

Der erste Titel der die 3-Minuten-Marke knackt (zumindest um 2 Sekunden). Haiyti konstatiert, keinen Dolmetscher zu brauchen. Wär tatsächlich auch ärgerlich bei einem Album, das sich Zwecks Sprachästhetik in Frankreich, Italien und Spanien und damit einmal entlang der westlichen Mittelmeerküste bedient. An und für sich der bisher unspektakulärste Song, der Star hier ist einfach Haiytis messerscharfer Flow. 

6. Cappucino in Mailand

Der Schlüsselsong und gleichzeitig der Hit des Albums. Dass „Perroquet“ sich komplett im glamourösen 20. Jahrhundert in den Mode-Metropolen Mailand und Paris verortet, wird nirgends so in den Mittelpunkt gestellt wie hier. Generell machen die 3 1/2 Minuten die gespaltene Persönlichkeit zwischen Kiez-Göre und kosmopolitischer Grande Dame so greifbar wie kein bisheriger Haiyti-Song. Heftige Nummer!

7. Chatboy

Die Hookline ist eine Selbstreferenz, der Rest des Tracks ein selbstbewusst melancholischer Cyber-Lovesong. Die zittrige Stimme im C-Teil kontrastiert die beinharte Straßenrapperin der ersten Albumhälfte. Mit den Momenten, in denen Haiyti sich offensiver zerbrechlich zeigt, manifestiert sie warum ich sie zu den interessantesten AktuerInnen der Szene zähle.  

8. Alles Gucci

„…ich hätt’ dich beinahe vermisst.“ ist für sich wohl die wuchtigste Zeile des ganzen Albums. Alles in dem Song arbeitet bewusst gegeneinander. Unterkühlte, abweisende Lyrics treffen auf sehnsüchtige Delivery, verträumte Synth-Plugs auf bouncende Drums. Ein wunderschöner Song übers Vermissen und Verdrängen. Haiyti ist für mich Deutschraps Queen of bittersüß. 

9. Barkash

Die endgültige Skill-Demonstration, ein song-gewordener Flowwechsel inkl. ASMR-Part a’la 21 Savage. Ohne die Regeln von Sprache, laidback, arrogant, on point. Nuff said. 

10. Pyro 

Im Outro geht’s nach der Flucht in Fashion-Metropolen, Highlife, Drogen und Liebe dann doch wieder zurück in den dreckigen Kiez, zurück auf den Boden der Tatsachen. Keine Pop-Up Stores, keine Designer-Marken, dafür Sportplätze, Transporter-Diebesgut, Drogengeld und Chabos-Pullis. Herausgespült wird man hier mit einer Melancholie-Flut. Welcome Back.

Fazit: 

Ihr bestes Stück Musik bisher. „Perroquet“ zeichnet die getriebene Figur Haiyti zwischen Straßenrap, Liebessuche und Wegträumen ins Highlife noch schärfer als das Debütalbum „Montenegro Zero“. Auch die Produktionen, die hier deutlich weniger Raum für Aufmerksamkeit für sich beanspruchen – sich eher an Haiytis eigenwillige Stimmefarbe und die emotionale Bandbreite (Krawall bis Sehnsucht) anschmiegen – tun der Entwicklung gut. Ihre Rap-Skills sind ohnehin oberste Liga. Die Chaos-Musik dieser sprunghaften Rapperin mit Pop-Star-Swagger wirkte noch nie so geordnet. Bekommt von mir Jahresbestenlisten-Garantie und richtig starke 9/10.

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

1 Comment

  1. Jakob

    19. Juni 2019 at 11:51

    Genau das wollte ich sagen über Haiyti s Perroque.Heftiges perfected Album
    Probs an Yannick

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