Album der Woche: Data Luv – „Goat“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Heute knüpft sich Navid das Debütalbum von Data Luv, „Goat“ vor. 

Artist: Data Luv
Titel: Goat
Features: Ufo361, Yung Hurn
Produzenten: The Cratez, Sonus030, Jimmy Torrio
Label: Stay High
Release: 11.10.2019

Navids Erwartungshaltung:

Das einzige und letzte Signing von Ufo361s Label Stay High ist eines der jüngsten in der Szene. Mit nur 15 Jahren bringt Data Luv sein Debütalbum raus und hat auf dem Label seines Schützlings alle Ressourcen gegeben, nach denen man fragen könnte. Die Singles „Now“ und „Fiji“ sind stimmige High-End-Produktionen von den größten Produzentennamen des Landes, die bereits vor Release des Albums die Millionenmarke auf Streamingdiensten geknackt haben. Ich fand beide Veröffentlichungen solide, merkte aber schnell, auf wie viel Unverständnis man stößt, wenn man die Lanze für den 15-jährigen bricht. Ich rechne nicht mit einem Meilenstein, aber einem vollends durchkonstruierten, gutem Produkt. 

 

1. Intro

Der Einstieg bereitet einen inhaltlich auf alles vor, was „Goat“ mit einem vorhat: Data Luv ist 15, er ist der Goat, Ufo ruft an, Stay High ist das Label, Data kann sich gar nicht mehr auf die Schule konzentrieren, achja: und es heißt ‚DATA‘ (/‘da:ta:/), nicht ‚DAYTA‘ (/‘deita:/). Die Produktion scheint durch ihren generischen Melodieloop eher unspektakulär, versorgt einen dann doch mit amüsanten Spielereien, wie einem Ziegenruf, der durch die Pitch Correction geschickt wird oder einem tatsächlichen Stolpern des Beats, wenn textlich die Rede von Trippie Redd ist („to trip“ – englisch für „stolpern“).

 

2. Now

Now“ ist die erste Single von Data Luv und seine zweite Veröffentlichung nach seinem Feature auf Ufo361s „Shot“. Die Hook ist Geschmackssache: dem einen mundet die Einfachheit, dem anderen liegt der Terminus ‚Astronaut‘ in der Hook von einer anderen Schnittstelle im Hip-Hop noch schwer im Magen. Zu Beginn der zweiten Hälfte des Songs richtet sich Datas Pattern an das des arpeggiated Synthesizers im Loop und markiert somit recht früh einen der musikalischen Höhepunkte seiner Performance auf „Goat„. Diese Rapper-Beat-Synergie löst sich jedoch schnell wieder auf: Während die Produktion ein bierernstes Piano mit Echo vorlegt, sind auf der Textebene Lehrer ja dumm, weil ihr Kontostand niedrig ist.

 

3. Highspeed feat. Ufo361

Ufo361 liefert den mit Abstand besten der beiden Featureparts auf „Goat„. Ab der Hälfte des Songs arbeitet Data in seiner Hook auf die Snare. Das macht den Reiz des Songs aus. Die in Reverb getränkte Gitarre befriedigt meinen inneren Rocker, aber: „Alle Lehrer sind so dumm wie Mr. Bean.“ Ich frage euch, darf man nach dieser Line eigentlich noch etwas positives über diesen Song äußern? Eigentlich nicht.

 

4. School School

Der bis hierhin angenehmste Sound des Albums. Data nutzt das Wort „School“ gerade in der Wiederholung wie eine softe Variante des Go-To-Adlips „Scurr“. Good Vibes treffen auf Buzzwords des Schulalltags: Wäre ich heute 15 würde diese jugendliche Lovestory noch mehr einschlagen. Aber selbst aus heutiger Perspektive verursacht sie nostalgische Gefühle.

 

5. Salty

Die allesumschlingende 808 erinnert an den Sound von Lil Xans „Wake Up“ von 2018, der mich damals schon gecatcht hat. Das Schlagwort „Salty“ dürfte gerade bei Hörern aus der Gamerszene einige Erinnerungen auslösen. Für mich macht der Song alles richtig, gerade auch, weil er mit nur 76 Sekunden Laufzeit nicht Gefahr läuft Längen aufzuwerfen. „Salty“ ist grandioses Fastfood, das man nachts um drei beim Rumirren in der Stadt durch das letzte Kleingeld serviert bekommt und in sich reinstopft. Sünde. 

 

6. Fiji

Mit „Fiji“ treffen wir auf die zweite Singleauskopplung von „Goat„. Das Negative vorweg: die Hook, das Aushängeschild des Songs, verbaut dem Song in ihrer anmaßenden Stumpfheit all das Potenzial, was in ihm erkennbar ist. Blicken wir in zeitgenössische Trap-Banger sorgt Stumpfsinn in den meisten Fällen für den Erfolg des Songs, das ist hier allerdings nicht der Fall und das obwohl der Beat alle Weichen dafür stellt. Da stimmt alles: der Melodieloop, die Bassbreaks, seine Dynamik. Dazu kommt vor allem der Klangteppich, den er zum Interlude ausrollt. Dass Data Luv darauf adäquat reagieren kann und damit den musikalisch schönsten Moment des Albums kreiert, zeugt davon, dass wirklich Potenzial in dem 15-jährigen steckt.

 

7. Icy

Das zuvor kritisierte Hookwriting ist in „Icy“ on point und das obwohl dort inhaltlich genauso geflext wird. Das flotte Tempo, die Wiederholung und tonale Variation in ihr machen den Song zum gnadenlosen Ohrwurm. Da die Verses dem Song kein Bein stellen und der Beat gewohnt high-end ist, wird „Icy“ zum rundesten Song des Albums.

 

8. Schlecht

Inhalt: Seiner Angebeteten alles kaufen können, aber schulisch leider keine Leistung bringen können. Wieso leider? Gute Frage. Data scheint sonst in seinen Texten eher stolz darauf zu sein, statt der guten Noten Banknoten heimzubringen, wie zum Beispiel im direkt darauffolgendem Verse. Wenn ich schon eine herruntergebrochene Hook serviert bekomme, dann doch bitte eine stimmige zum Songkonzept, denn das Instrumental ist wieder erste Klasse. Rin-Hörer werden es am Producertag gehört haben: hier wirkt Jimmy Torrio mit.

 

9. Sad

Ein stimmiger Interlude, der smooth an „Schlecht“ anschließt. Sehr kurzlebig aber erfrischend im Albumkontext. Stimmt mich alles andere als „Sad„.

 

10. Gefühl feat. Yung Hurn

Mit nur 2:51 der längste Song des Albums, aber das merkt man ihm an. Was in „Salty“ verstanden wurden ist, ufert hier ins Gegenteil aus: der Song wirkt unsagbar gestreckt. Das liegt nicht am Outro des Instrumentals, sondern am Featuregast Yung Hurn. Der Part ist derartig vorhersehbar, als wäre er aus einem Yung Hurn-Produktkatalog gepickt worden. Das schlimmste: der Song hat es gar nicht nötig, denn Data Luv bietet bereits selbst auf dem Beat eine dem Albumkontext neue Facette, die allerdings zugegebener Weise von Yung Hurn selbst hätte stammen können.

 

11. Designer Brands

Schlecht“ mit etwas Gitarrenarbeit. Der Song plätschert so dahin. Ist in Ordnung.

 

12. Outro

Warum auch immer Data Luvs Shawty nach Litschi riecht, das Interessante findet sich im letzten Drittel des Songs: Wie es sich für ein Album-Outro gehört, versucht Data LuvGoat“ abzurunden, sagt da allerdings nichts anderes, als das wovon er die ganze Zeit schon spricht: Dass er es geschafft hat. Das ist wohl die Schattenseite davon, wenn man nur in Superlativen spricht. Zum Schluss noch ein obligatorisches ‚Data Luv‚ und ein ‚Stay High‚ in einer auffallend wackeligen Autotune-Einstellung, die fast schon humoristisch wirkt. The Cratez hingegen landen den „Goat„-Trip auf einer sehr smoothen Note in der Endpartie, die ruhig etwas mehr Zeit verdient hätte.

 

Fazit

Es geht um Fame, Schule und Drip, aber nie länger als drei Minuten. Gerahmt wird das starke zweite Drittel des Albums von austauschbaren Features großer etablierter Artist, die jedoch dafür sorgen, dass Data Luv weiterhin im Mittelpunkt seines Debüts bleibt. „Goat“ ist für mich ein ausgeklügeltes Fastfoodprodukt: Im Moment mal ganz geil, aber im nachhinein ärgert es einen größtenteils. Die Frage danach, ob er seinem Anspruch als Greatest Of All Time gerecht wird, stellt sich erst gar nicht. Dennoch zeigt der 15-jährige trotz einiger Ungereihmtheiten ein Gespür für Musikalität, welches sich beispielsweise in der Bridge von „Fiji“ oder einigen Flowpassagen entlädt. Die Produktion ist high-end: Die Beats könnten auch die Parts der US-amerikanischen Vorbilder tragen.

Lässt man sich auf einige inhaltlichen Ausfälle und generischen Klänge ein, und verzeiht man dem Schützling Ufos einige vertane Chancen, so kann man dem Album amüsante Lines, Ohrwürmer und sogar nostalgische Eindrücke abgewinnen. Wäre ich zehn Jahre jünger, würde ich dem Album bei seinen Glanzmomenten wohl weit mehr als nur eine Kategorisierung als individuelles Guilty Pleasure verpassen. Ich würde Data Luv feiern. Und die Streamingzahlen zeigen: Kids feiern ihn.

Ein rundes Produkt, dessen Artist Potenzial zeigt: 6/10 Punkten.

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