Album der Woche: Childish Gambino – „3.15.20“

üBeim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche bespricht unsere Autor Navid das Überraschungsalbum „3.15.20“ vom Multitalent Donald Glover aka Childish Gambino.

Künstler: Childish Gambino
Titel: 3.15.20
Features: Ariana Grande, 21 Savage, INK, Kadhja Bonet
Produzenten: Childish Gambino, E.Y, DJ Dahi, Chuckwudi Hodge, Ludwig Goränsson, The Arcade, James Francies, Jr, Riley Mackin
Label: mcdj/Rca/Sony Music

 

Navids Erwartungshaltung
Die letzte Dekade nutzte Donald Glover für eine Transformation vom Sitcom-Darsteller zum preisgekrönten Erzähler drastischer Gesellschaftsanalysen. Am Sonntag dem 22. März, knapp zwei Jahre nach „This is America“ und etwa vier Jahre nach „Awaken My Love“, veröffentlichte er sein viertes Studioalbum „3.15.20“, welches zuvor titelgebend exklusiv am 15. März aus heiterem Himmel auf seiner Seite donaldgloverpresents.com in Dauerschleife zu hören war.
Childish Gambino spielte in meiner Jugend eine schlüsselgebende Rolle: „Because The Internet“ und „Camp“ begleiteten mich durch eine schwierige Übergangszeit und bauten durch textliche und konzeptionelle Verweise auf netzkulturelle Trends und Phänomene weiter an der Brücke, die mich ins Hip-Hop-Genre hineintrugen. Gambino war einer der ersten Künstler die mein Autoradio entjungferten und besitzt dadurch für mich einen besonderen persönlichen Stellenwert.
Mit dem dritten Album „Awaken My Love“ vollzogen die Texte einen Wandel vom referenzgeschwängertem Stücken Pop-Literatur hin zum Eigenständigen, Losgelösten und katapultierte sich dadurch und dem intimen Soul in die Herzen einer zahlentechnisch neuen Dimension an Hörern. Ich bekomme heute noch Schelte nicht in Freudenschreie auszubrechen, wenn es um „Awaken My Love“ geht. Das war einfach nicht ‚mein‘ Gambino, obwohl ich heute weiß, dass es wohl objektiv gesehen seine herausragendste Veröffentlichung ist.
Für diese Review habe ich Anlass gefunden, mich seinem Werk, darunter auch „Awaken my Love“, wieder neu zu nähern. Generell ist es hierzulande eine gute Zeit sich mit Donald Glover auseinanderzusetzen, schließlich nimmt Netflix in wenigen Tagen die Kult-Sitcom „Community“ in den deutschen Katalog, die ihm zweifelsohne zu Karrierebeginn erst das Gehör der Medien verschaffte.

 

1. 0.00 / (We Are)

“We are, we are, we are”. Ja, was seid ihr denn? Was sind wir denn?
Ein gutes Intro ist das Verbundstück des Reißverschlusses eines jeden Albums. Es ebnet den Weg, gibt eine Grundlage. Vom Inhalt von „0.00“ („We are“) ausgehend, könnte uns „3.15.20“ mit jedem Song ein Angebot machen, was wir/sie sein könnten. Die Titelvergabe des Albums verbietet uns jedoch die Möglichkeit voreilige Schlüsse zu ziehen. Die Leerstelle, zugleich eine Frage: ‚was sind wir?‘, etabliert sich und bietet auf die Schnelle keine greifbare Lösung. Als Hörer bekommen wir also eine Art Auftrag, das zu ergründen, was Donald Glover als unser Sein betrachtet.
Nach einem testtonartigen Einsatz definiert sich „0.00“ durch einen durchgehenden Pedalton, der von vorne bis hinten „durchdrohnt“. Zur Mitte hin gibt es ein paar hohe Klavierklimpereien von ein paar verhaltenen Chords. Die Action liegt im Shutter-Effekt der Vocalbearbeitung, der allerdings durch dicke Reverbfilter abgedämpft wird.
Diese Kombination aus einer existenziellen Frage und der atmosphärischen Untermalung, gepaart mit ständiger textlicher und klanglicher Wiederholung erzeugt eine meditative Stimmung. Eine stimmige Kohärenz von Text- und Klangebene. Ein vielversprechender Opener.

2. Algorhythm

Songnummer zwei startet mit einer Überraschung. Das düsterklingende Streichersample könnte jeden Moment in zittrige High-Hats und erschlagende 808s ausbrechen, wie etwa „II Worldstar“, führt aber stattdessen in ein four-to-the-floor und ein fest im Groove steckendes Bassriff. Es kommt zu einem Dance-Song. Klanglich erinnern Bassline, Drums und Instrumentalstimmung an eine verdünnte Mixtur aus „Opps“ und „Pray For Me“ aus „Black Panther The Album“. Es würde mich auch wirklich nicht überraschen, wenn mir jemand erzählen würde „Algorhythm“ sei ein verworfener Beitrag für den Filmsoundtrack über den gefeierten König von Wakanda.

Düster ist der Song auch wegen seiner dystopischen Vision. Das Wortspiel im Titel gibt schon einiges an Auskunft: Algorithmus trifft auf Rhythmus. Musik besteht aus berechenbaren Strukturen, also ist Musik auch reine Berechnung. Das gibt auch die Hook wieder: “Everybody (Everybody), move your body, now do it (Now do it) Here is something (Ooh), that’s gonna make you move and groove“ Die Musik ist dazu geschaffen, etwas auszulösen und funktioniert wie ein verschriebenes Medikament, mit dem alles am Laufen gehalten werden kann. Ein wiederkehrendes Thema bei Glover, auf „II. Earth. The Oldest Computer“ heißt es „Progress only thing that’ll last“. Die Dystopie entwickelt sich erst aus der Analyse des Sprechers im Verse, welcher die Gesellschaft um sich herum durchblickt hat. Jedoch in einer Vortragsweise, bei der ich überrascht bin, dass er auf das Wort „Sheeple“ verzichtet hat. Woke-ish Gambino. Verglichen mit der blinden Gesellschaft, die er beschreibt, besticht er mit hochphilosophischen Aussagen aus dem Ethikunterricht der 6. Klasse wie: “How do we know the truth without feeling what could be false?”. Achja und zum Schluss zerfällt alles aufgrund der Gesellschaft und des Systems, das zeigt sich nämlich in der Musik, die auch ins Chaos abrutscht. Gänsehautmoment bei Lisa aus der Fensterreihe.

Gambino premiert im Verse einen für ihn nie dagewesenen Sound, kommend von einer knarzigen Artikulation und einer robotischen Stimmenbearbeitung, der im sehr gutsteht. Der Refrain schlägt in Gospel um. Die Produktion sorgt mit einer Zerre auf den gesungenen Vocals für ein spannendes Soundbild und stiehlt generell im Song allem anderen die Show. Der Mix jedoch nicht. Man muss kein Experte sein, um zu merken, dass nicht alles am richtigen Platz sitzt. Spätestens wenn die Background-Vocals der Hook einsetzen.

3. Time

Time klingt als wollte Glover es in die Abschlusszene eines Animationsfilms schaffen. Mit Ariana Grande hat er da auch die beste Wahl getroffen. Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass wir im Albumverlauf vor Sekunden noch den Zusammenbruch einer Dystopie miterlebten. Es scheint sich was Neues aufgebaut zu haben, was zwar durch eine 2010er E-Produktion und A-Gitarre sehr viel freundlicher klingt, aber inhaltlich dasselbe aussagt wie im Track zuvor, nur diesmal Ich-bezogen: Wir rennen einer Sache hinterher, optimieren uns stetig und wissen gar nicht wofür wir das überhaupt tun. Die Zeit ist zu eng bemessen, als sich darüber Gedanken zu machen, auch wenn alles anders sein könnte, als es zu sein scheint. Obligatorischer Gospel-Chor, der mitsamt der Gitarre von einer wohltuenden Synthesizer-Interpretation des Songs im Outro vor die Tür gesetzt wird und Tyler, The Creator Vibes verstreut, bis diese von einem generischen Klavier abgelöst wird, das wiederum den Staffelstab in die Hände (?) von Grillen, Fröschen und Truthähnen drückt, die damit in die Zielgerade einlaufen. Ist ein bisschen wie in Celebrations reinzulangen, wenn man Kumpels zu Besuch hat: Man kriegt etwa ein Malteser Teasers ab und muss sich dann mit gefasster Miene den Rest des Abends durch die B-Snacks durcharbeiten.

4. 12.38 (Vibrate)

Es ist sauanstrengend. Im Instrumental hat alles abseits des Basslaufs und des Synthesizers im Mix nichts mit dem Beat zu tun. Jeder Einsatz der Percussion und der gummiartigen Bläser entpuppt sich als Geduldsprobe. Dazu kommt die vierminütige pausenlose Erzählung eines aufgedrehten Gambinos, der ohne festes Gesangspattern ein Sex-Treffen auf Pilzen schildert. Falsetti, als würde dich ein Geschwisterkind damit nerven wollen. Textlich nicht primär kritisch, falls doch, dann verspielt in der Vermittlung (“Most these n***** wanna run around with these SZAs (Yeah)“). Das kann er. Das wiegt jedoch nicht viel auf.
Der Song quetscht die drei Featuregäste auf die letzten zwei Minuten und das obwohl sie allesamt den Song in unvorstellbare Höhen bringen (könnten). Schade nur, dass man sich nicht auf ein Thema einigen konnte. 21 Savage holt überraschend viel aus dem Beat heraus: die charakteristische Stimme sowie sein fester Groove schmieren sich wie Spachtelmasse auf das wackelige Instrumental. Inks Outro klingt abrupt überladen, so als sei es ein erzwungener Höhepunkt des Songs, der sich in Wiederholung und Air-Horn (Ja, Air-Horn) zum Ende hin überschlägt. „12.38“ ist eine einzige Baustelle.

5. 19.10 (Beautiful)

Jede trockene Kick lockt wie ein gestreutes Rosenblatt in den Song hinein. Ihr Sex-Appeal besteht darin, dass sie mit einem Sack Schrauben gelayert wurde. Nomen est omen: Beautiful. Gambino haucht mir Interjektionen ins Ohr. Ich bin sein. Als ich in der letzten Minute des Songs durch ein knochenerschütterndes Rasseln und geisterhaftes Atmen realisiere, dass es ihm nicht um Liebe geht, ist es schon zu spät: Ich liege gefesselt im Bett.
Schauen wir in den Text: Ein Vater, der dem schönen Kind lehrt, wie das Leben so ist: „To be beautiful is to be hunted“. Auch wenn das einem schmeicheln kann, ist die Lektion dahinter nicht zu vernachlässigen.
Jagd könne man in des Vaters Weisheit wörtlich nehmen. Denn kurz nach der euphemistischen Realisierung und Selbstbeweihräucherung des „We are beautiful, yeah / That’s so beautiful“, schlägt „19.10“ zum Ende hin in ein beängstigenden Horrorfilm-Szenario um.
Ein perfekt abgestimmtes Zusammenspiel aus Ton und Inhalt, jedoch nicht anmaßend woke und pseudo-intellektuell, wie es „Algorhythm“ vorgemacht hat. Die authentische Artikulation Glovers, die man beispielsweise in „12.38“ vermisst hat, die eingängige Hook und die unverbrauchte Erzählperspektive lassen „19.10“ zu einem Highlight auf „3.15.20“ werden. Zusätzlich erfolgt mit der Textstelle „We are Beautiful“ die erste Antwort auf die von „0.00“ vorgegebene Kernfrage des Albums, was wir eigentlich sind. Sie lautet: Schön sind wir. Schöner Song!

6. 24.19 (Sweet Thing)

Knapp acht Minuten. Gambino hatte schon immer eine Schwäche für langandauernde Stücke – siehe „That Power“, siehe die Tracks auf „Awaken My Love“. Die Länge dieser Nummer brachte er jedoch noch nicht zustande.
“24.19” ist eine rührende Ballade, die sich dankend dem individuellen „sweet thing“ widmet. Eine gedämpfte Kick, der Kontrabass sowie rasselnde und schnipsende Percussion sorgen für einen hypnotisierenden Groove, der mitsingende Gitarren und Harfenzupferei bei sich aufnimmt. Die wabernde Hammondorgel signalisiert die Bridge und läutet das Finale des Grooves ein. Alle etablierten Kräfte kommen nochmal hervor. Hier trauen sich Chord-Progressions auf der durchrödelnden Kadenz aufbauend komplexere Äußerungen zu und bieten einen spannenden Teppich unter Childish Gambinos leidender Vocal-Performance. Das hat was von einem Frank Ocean Song oder Gambinos Arbeit auf seinem preisgekrönten vorherigen Album „Awaken My Love“. Ein angehangenes Segment basierend aus, nun elektrifizierten, Bass, Harfenspiel und Chor lässt den Song nach dem aufbrausenden Tutti auf einer friedlichen Note enden und faded ins Nichts – könnte man meinen: stattdessen schwurbeln sich tief polternde Trommeln mechanisch nach oben und koppeln sich mit panischen Atemgeräuschen, so als ist man Zeuge wie eine andere Person einen Albtraum durchlebt. So bricht auch diese letzte Minute wieder in Panik aus. Klanglich könnte es die stimmigere Vertonung der Outrosequenz des Musikvideos des bereits erwähnten Grammy-Abräumers „This is America“ sein. Nimmt diese Unruhpassage Bezug auf die des vorherigen Outros? Unabhängig davon: Es ist Argument für einen Erzählstrang innerhalb des Albums.

7. 32.22 (Warlords)

Childish Gambinos “Black Skinhead”. Bereits aufgeführt beim letzten Coachella-Festival. Als ich den Ausschnitt gesehen hab, sorgte das für Gänsehaut. Eine Bassline, die im Mix genau so liegt, als würde sie von Innen an den Hinterkopf des Schädels kratzen. Eine Bassline, die so ‚off‘ liegt, aber konsequent durchläuft, dass sie einen wahnsinnig werden lässt. Primitivistische Vocal-Arrangements, alle durch die Effektkette gejagt und dann wird hier und dort noch einmal alles durch einen Gitarrenamp gepresst. Jedoch fehlt – und das ist bedauerlich – der Signature Sound Hans Zimmers, die knarzenden Hallenbläser, die prägend für die Intensität der Live-Fassung sind. Trotzdem: Es ist ein Ereignis. Auch wenn schlimmstenfalls nur das Ereignis eines Kanye-Zitats ist. Mit der Zeile „we are the warlords“ finden wir ein weiteres Puzzleteil für die etablierte Leerstelle des Introsongs „0.00“.

8. 35.31 (Little Foots)

Ich habe jetzt mehrmals überprüft ob ich nicht vielleicht doch Shuffle eingestellt habe, denn der Übergang von „32.22“ zu „35.31“ könnte abrupter nicht sein. Der Song ist leichte Kost. Gambinos Country-Sound zündet bei mir erst dann, wenn der dicke Synthesizer über die klopfende Kick und die drahtige Gitarre rüberpinselt. Freudig artikulierte aber nervig empfundene Adlibs stellen viel zu laut die Weichen für einen Beatswitch, der nach verkacktem Übergang klingt. Wieso das denn? Verantwortlich ist als DJ Dahi, der Kracher wie Kendrick Lamars „Money Trees“ produziert hat. Part zwei des Songs ist in Sachen Mixing einer der Tiefpunkte des Albums. Was schade ist, denn die Hook stellt sich als sehr verträglich mit dem Trapinstrumental heraus und die Vocalmelodie im Background hat für mich das Zeug zu lockendem Sirenengesang.

9. 39.28 (Why Go To The Party)

Ist das echt oder Einbildung? Childish Gambino greift auf den charakteristischen Queen-Sound von „Bohemian Rhapsody“ zurück. Nachdem es auch kurz nach dem Alternative Rock-Trio Muse klingt, landet Bino in etwas Eigenem – und ich muss sagen, der Song gefällt mir immer besser. Die kompositorischen Pausen und starken Gates in der Produktion sorgen tatsächlich für sekundenlange Stille innerhalb des Vortrags, die fast schon therapeutisch wirken. Das wohl meist unterschätzt Stilmittel in einer Zeit, in der jeder zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit hat, etwas von sich zu geben. Thematisch geht es um Unsicherheiten, soziale Abschottung und Sehnsucht. Relatable Hooklyrics treffen auf poetische Formulierungen in den Versen, wie „Grief is a standing ocean, I never swam unless you did“. Das Outro trifft den Liebhaber für Filmmusicals in mir besonders hart: Mein Kopfkino sieht Donald Glover statt Emma Stone am Steg Kaliforniens verletzlich Ryan Gosling besingen. Da will ich mehr von.

10. 42.26 (Feels Like Summer)

Du machst uns nichts vor, Childish Gambino: Hinter „42.26“ steckt der bereits veröffentlichte „Feels like Summer“ vom Juli 2018! Ungelogen: Für mich ging die Sonne auf, als mich die vertrauten Nintendo-Wii-artigen Synths im Albumkontext erstmalig auf die Parkwiese entführten. Im Instrumental überlagern sich die warme Kick und die nasalen Synths auf Akzenten, die dem Latin entlehnt sind. Darauf kommt eine hallbesetzte und rasselnde Snare sowie Open Hi-Hat, die den Groove strukturieren und festigen. Es klingt alles sehr wohlwollend, ganz anders als es die Strophen inhaltlich aussagen. Dort platziert Glover ein Aufmerksammachen aufs Bienen- und Vogelsterben, Überbevölkerung und den Klimawandel. Dabei ist weder Appell, noch Resignation raushörbar, sondern ein Hoffen Glovers: „I’m hoping that this world will change“. Dafür leistet er seinen Beitrag, denn die Inhalte werden gekonnt ins Musikalische transportiert. Gambino lehnt sich ins Instrumental zurück und schiebt die Strophen lang und gebunden in die Welt hinaus. Trotz dem Ernst des Geschildertem, wirkt es nicht anstrengend auf den Hörer. Dadurch, dass Glover nicht mit erhobenem Finger spricht, bleibt „Feels like Summer“ Pop. Eine konsumierfreudige Stimmungskapsel für laue Sommerabende, womit er das Genre zusätzlich zum Verteiler konstruktiver Inhalte nutzt. Höhepunkt!

11. 47.48 (The Violence)

Von dem Duett eines verschnupften Cembalos und einer Gitarre empfangen, starten wir in den wohl unspektakulärsten Track des Albums. Gut, dass Childish Gambino sich also dafür entschieden hat, das Ganze auf sechs Minuten auszuweiten. Ein klappriger Beat, der auf jede Zählzeit matscht und den Schlagzeuger Runden drehen lässt. Ich bin nicht gewillt mich den kleinen Inhaltsfetzen des Songs hinzugeben, wenn sie bei jeder Gelegenheit von einem penetranten „The Violence“ unterbrochen werden. Man könnte sagen, dass die Violence alleinig darin liegt. Ich kann mir vorstellen, dass Glover grundsätzlich ein guter Vater ist, aber das süße Gespräch zwischen ihm und seinem Sohn Legend ausgerechnet an diesen Song hinten ran zu heften, ist mindestens diskutabel.

12. 53.49 (Under The Sun)

Triumphale Flügelsounds, ein cremiger E-Basslauf und akustische Schlagzeugklänge. Für den letzten Song begibt sich Gambino auf die große Show-Bühne. Die zähneknirschende und energetische Verse-Performance erinnert an seine aufgeweckte frühe Schaffensphase auf „Camp“. Er hat mich wieder. Die Gospel-Chants im letzten Verse killn mich. Es hat Jam-Charakter. Sie folgen dem Einzählen Gambinos zuvor und liegen schwer auf den Zählzeiten. Das Bild eines orchestrierenden Gambinos mitten im Geschehen etabliert sich. Dass er die Zügel in der Hand hält zeigt sich zusätzlich zum einen darin, dass er beweist, einen Sound wie früher rausbringen zu können, und zum anderen in der Textebene: „I did what I wanted to / […] Do what you wanna do“. Wirksamer als im Outro-Track, könnte die Botschaft nirgends platziert sein. „53.49“ landet auf dem testtonartigen Sound, mit dem auch „0.00“ begann um den Rahmen des Albums gelungen zu schließen.

Fazit
Im Ausarbeitungsprozess dieser Review habe ich hier und da mal bei Hörbeginn vergessen, den Shuffle-Modus zu deaktivieren und landete so bei anderen Einträgen aus Childish Gambinos Diskographie. Es tat mir im Herzen weh, diese pausieren zu müssen, um meine Aufmerksamkeit wieder auf „3.15.20“ zu lenken.
Das größte Problem von „3.15.20“ ist die Willkür, die sich unter dem Deckmantel einer künstlerischen Entscheidung versteckt. Um sich gegen das Herauspicken einzelner Songs zu wehren, ergänzt Glover so gut wie jeden Song um ein individuelles Intro sowie Outro und verzichtet zusätzlich auf eine trackbezogene Titelvergabe. Stattdessen sollen die Titel zeigen, dass sie zum einen primär Teil eines Gesamtgefüges sind und zum anderen markieren, an welcher Stelle des Großen und Ganzen sie platziert sind. Leider ergeben sich weder warum die Nummern nun zusammen gehören, noch eine schlüssige Dramaturgie aus der Anordnung der Songs. Dabei entwirft Donald Glover mit „0.00“ einen konstruktiven Intro-Song, dessen Leerstelle in der formulierten Ellipse „We are“ sich jedoch nur mit „19.10“ und „32.22“ füllen lässt. „We are beautiful“. „We are the warlords“. Die Daseinsberechtigung der restlichen Nummern erschließt sich nicht. Zumindest nicht in der Art, in der Glover sie präsentiert: Als nicht-autonome, sondern primär albumsbezogene Bausteine. „Time“ und „Algorhythm“ sollen durch die Titelvergabe dabei die Ausnahme bilden, die sich allerdings auch nur als willkürlich festgelegt erklären lässt.
Die technischen Mankos im Mix, denen sich kein Rapper dieser Gewichtsklasse stellen muss, verdammen uns dazu, auch dies als Entscheidung zu werten und dem eine Wirkungsintention zu unterstellen. Man findet aber nichts, was begründet würde, weshalb Gambino sein Album derartig veröffentlichen sollte. Stattdessen geht man davon aus, dass er ein „experimentelles“ Klangbild angestrebt hat. „Yo 21 Savage, komm gern rum. Ich hab‘ hier noch einen richtig wackeligen Beat rumliegen, wo ich nichts mehr dran mache.“ Auch das wirkt willkürlich und eher als Schutzschild, schlechte Ideen und Umsetzungen mit Klangexperimenten zu rechtfertigen, um Kritiker zu entwaffnen.
Die Annahme, dass „3.15.20“ die experimentelle Platte Gambinos ist, findet sich jedoch in der Vielzahl zitierter Genres und Musiker wieder: Country mit Hip-Hop, Queen, Musical, Gospel. So betrachtet ist das Dargebotene doch eher ein popkultureller Megamix der letzten Jahre: Lil Nas X, der Bohemian Rhapsody Film, La La Land, Jesus is King, Black Panther. Ginge es Donald Glover ums Experimentieren, so hätte er nicht „Feels like Summer“ ins Album aufgenommen: Einen beinahe zwei Jahre alten Pop-Song, der bereits Gold gegangen ist.
Besonders stark ist Bino aber dann, wenn er sich selbst zitiert. Sei es mit „53.49“ als 2012er Donald Glover, der als Sitcom-Darsteller auftaucht und durch seine Hooks und Energie Platin und Gold erzielte, mit „19.10“ als 2016er Gambino, der sich mit „Awaken My Love“ nun auch in die Playlisten der Kritiker breit gemacht hat oder sogar mit „42.26“ der 2018 Gambino, der den Hörern Gesellschaftskritik in Pop-Songs beimischen konnte, oder den Leuten auf erschütternde Art und Weise mit Bildgewalten den Spiegel vor Gesicht hält, wie im vierfachen Grammy-Gewinner „This is America“.
„3.15.20“ ist ein teurer Rahmen, der eine Skizze umspannt. Makel im Mixing sowie Widersprüche im Albumkonzept erzeugen den Eindruck einer Baustelle. Mehrere Lichtblicke kämpfen sich durch den Bauschutt. Wer hat Glover die Pistole an die Brust gelegt? Vielleicht wäre „3.15.21“ die bessere Idee gewesen. 

4/10

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