Album der Woche: Azad – „Der Bozz 2“

Beim Album der Woche bespricht jeweils ein Mitglied der BACKSPIN Gang das nach unserem Ermessen spannendste neue Rap-Album. Komplett subjektiv, Track by Track und bewertet auf einer Skala von 1-10. Diese Woche mit bespricht unser Autor Halit das neue Album von Azad – „Der Bozz 2“.

Schnelle Fakten: 

Artists: Azad
Titel: Der Bozz 2
Features: Kool Savas, Samra, Adel Tawil, Animus, Bozza, Jeyz, Chaker, Erabi
Produzenten: Azad, Gorex, Semi Beatz, Alex Dehn, Nowak
Label: Bozz Music
Release: 14.08.2019

 

Halits Erwartungshaltung: 
Ich erinnere mich noch sehr genau an Azads erstes Video „Napalm“. Die Gesichter, der Look, die Pitbulls. Als hätten sie das Video vor meiner Haustür gedreht. Auch wenn der südhessische Dialekt anfangs sehr ungewohnt war, fühlte ich Azads Musik sofort und verschlang jedes weitere Release. Es wundert wohl auch nicht, dass mein erstes Deutschrapalbum „Leben“ war. Darum verbinde ich sehr viel mit der Musik von Azad. Als nach sehr langer Schaffenspause vor drei Jahren „Leben 2“ erschien, konnte die Kritik am Sound – er sei nicht modern – nicht verstehen. Was haben alle gedacht? Dass Azad mit Afrotrap zurück käme? In meinen Augen wars das perfekte Comeback „gegen den Storm“. Deshalb war ich von Azads Wandel zum Trap-Künstler, nicht sehr begeistert. Nie wurde ich richtig warm mit dem Sound. Die „Kopf hoch“-Atmosphäre ist in Azads Trap verloren gegangen und die neuen Sachen höre ich nur noch mit einem Ohr. Jetzt kommt er gefühlt das zweite Mal zurück. Die ersten Singles haben mir durch die Bank weg alle gefallen und nachdem das Album verschoben wurde, stieg meine Erwartung. Zudem wurde „Der Bozz“ indiziert und ich bin gespannt ob dieses Album auch Index-Potenzial hat.

  1. Dieser Weg

 

Die erste „Back to the Roots“ Single ist ein cleverer Einstieg ins neue Album.Kein Autotune, kein „LeLeLe“ und keine Jagd nach lila Scheinen – ein guter Einstand. Das melancholische Piano-Loop lässt Azads steigen Weg sofort mitfühlen. Ein simpler und doch genialer Song. Gib mir mehr davon Homie!

2. Eiszeit

 

„FFM ist Resident Evil“ – jeder der mal nachts im Frankfurter Bahnhofsviertel unterwegs war, fühlt diese Line sofort. Die dicken Drums scheppern mächtig und Snare sorgt für den Marschmusik-Takt. Der perfekte Song, um bei dunkeler Stunde durch die Hood zu rollen.

3. All In feat. Samra

 

Neben der Tatsache, dass hier Generationen aufeinandertreffen, sticht vor allem das leicht fröhliche Flöten-Sample, aus dem französischen Film „L’Animal“ (dt. Ein irrer Typ) hervor. Es lockert den harten Beat auf und der wilde Samra, sowie Azad den nichts mehr so leicht schockieren kann, passen hervorragend zusammen. Dabei scheint es aber, dass das Feuer mehr in Samra lodert. Doch merkt man Azad textliche Souveränität an –  der ohne Ausfälle wie „Serbisch-orthodoxe Bitches feiern mich wie Ostern“ einen stabilen Part abliefert.

4. Schutzengel

 

Ja, was soll man zu dem Song sagen. Die vorletzte Singleauskoppelung kommt ohne Scratches am Ende aus und vermittelt 100% Azad. Die „Kopf hoch“-Attitüde lässt bei jeden eingefleischten Fan Gänsehaut aufkommen. Den Track kann man nicht beschreiben, man muss ihn fühlen.

5. Fluch und Segen

 

Es ist der erste Song, der nicht als Single vorher veröffentlicht wurde. Die Streicher geben dem Beat eine schöne Beton-Melancholie. Zudem ist es sehr nice Chaker nach einer gefühlten Ewigkeit wieder zusammen mit Azad zu hören „und wenn du hatest, warst du nie, wo ich war“.

6. C’est la vie 

 

Harte Punchlines vom Blockleben direkt in die Fresse. Ein minimalistischer Beat der viel Raum für die drei Rapper lässt und so ihren Storys Platz zur Entfaltung bietet. Gerade der neue Bozz Music Member Erabi überzeugt mich hier durch und durch.   

7. KOK

 

Die letzten Jahre scheinen nicht spurlos an Azad vorbei gegangen zu sein. Die trappige Baseline schäppert mächtig und gibt dem Ganzen nach sechs Songs etwas Abwechslung. Während des Lieds beansprucht meine Aufmerksamkeit, was KOK bedeutet. Denn Kriminaloberkommissar wird Azad sicherlich nicht meinen.

8. Pitfight

 

Die Aussprache dicka, diese Aussprache, einfach herrlich. Allgemein erinnert mich der Track an meine Oberschulzeit. Wo ich meist mit palästinischen oder libanesischen Kumpels in der Pause abhing und man sich versuchte gegenseitig mit Hoodstories zu übertreffen. 

9. BTTR/BITD

 

„Dope-Rap nur für die Fans“, die Line sagt doch schon alles. Der Split-Track lässt jeden Hip-Hop-Head heftig mit dem Kopf nicken. Der zweite Teil bringt den Plus richtig hoch und hier passiert ganz plötzlich Gänsehaut pur. Ich könnte jetzt den Switch ins Detail analysieren, aber wozu? Man spürt richtig wie Azad spaß beim Produzieren mit der alten MPC, dem Schreiben im schlecht belüfteten Studio und rappen in dunkeln Booth hatte.

10. Lass nicht mehr los

 

Durch die gesunkene Hook von Adel Tawil, kommt schnell der Vergleich zur damals ersten Deutschrap-Nummer-Eins-Single „Prison Break Anthem (Ich Glaub An Dich)“.  Wohl auch heute der einzige Song auf dem Album, der auch im Radio landen könnte.

11. SIG

 

Irgendwie überrascht es mich, dass Animus auf dem Track geblieben ist. Nach dem ganzen Hickhack um den gebürtigen Heidelberger, wundere ich mich einfach, dass sein Part noch auf dem Album gelandet ist. Ist leider der schwächste Track.

12. Alles oder nix

 

Nein, der Song hat nichts mit Xatars Label zu tun. Man merkt was Azad auszeichnet. Piano-Loop, Drums, Snares, um seine Flowstärken voll auszuspielen und am Ende wieder ein Scratch-Massaker.  

13. Move Back

 

Wie „KOK“ ist vielleicht auch der Song hier ein Überbleibsel aus „NXTLVL“-Zeiten. Aber irgendwie funktioniert es, einen Trap-Beat mit Scratches zu untermalen. In der Form habe ich Trap noch nie gehört. 

14. Hip Hop

 

Ja, die „One“-Fans werden Hoffnung schöpfen, ob es je einen zweiten Teil von dem Traum-Duo geben wird. Ich kann mir hier richtig vorstellen wie die Zwei auf einer vollen Bühne stehen und die Crowd enthusiastisch die Hook mit schreit und dabei aus ganzer Leidenschaft zur Musik mit dem Hip-Hop-Arm hoch und runter wippt. Denn so machen wir es hier. „Guck, Digga, das ist Hip-Hop“!

15. Braveheart

 

Und hier endet unsere Reise in Azads Betonwelt. Die Streicher und das dezent eingesetzte Piano werden noch ein letztes Mal gekonnt eingesetzt. Sie schaffen, die für mich typische Azad-„Kopf hoch“-Atomsphäre, die einem Kraft gibt – egal was kommt – nie aufzugeben! Finde der Song hätte länger sein können, um das Finale des Albums groß zu zelebrieren. Aber vielleicht ist es auch die richtige Länge, um die Youngstars, nochmal an Azads Sounds heranzuführen, who kwons. 

Fazit:

Ums vorweg zunehmen Index-Potenzial hat „Der Bozz 2“ nicht. Es ist die Überraschung, die eigentlich keine richtige Überraschung ist. Klingt komisch, ist aber so. Meine Erwartungen wurden auf gar keinen Fall enttäuscht. Ich bekam ein Album, was ich genauso und nicht anderes hören wollte. Natürlich gab es vielleicht ein, zwei Songs die mir nicht so gut ins Ohr gehen und auch ich habe meine Kritikpunkte am Album z.B. dass es gleich mit vier Singles startet und irgendwie kein roter Faden zuerkennen ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass manche sagen werden, dass der Sound ist nicht aktuell sei. Und haben sie Recht. Man hat das Gefühl alles schonmal gehört zu haben. Aber ist das nicht der Charme, den „Der Bozz 2“ 2019 ausmacht? Für mich ein klares ja! Das Album nimmt einen mit auf eine Zeitreise und man lässt beim Hören nostalgisch frühere Zeiten Revue passieren. Man hört Piano- und Violinen-Loops, klassische Drums und Snares und vor allem jeden Menge Scratches. Verdammt nochmal Scratches! Wann habt ihr das letzte Mal Scratches gehört? Was das Album für mich besonders stark macht: Es weckt echte Emotionen bis hin zu ein paar Gänsehaut-Momenten. Für die Generation „-ero“ ist dieses Album wahrscheinlich nichts und ich glaube auch nicht, dass Azad auf diese Gruppe abzielt. Dieses Album ist für Nostalgiker. Die, die echte Gefühle hören wollen. Die einen echten Menschen feiern wollen und nicht ein Image. Die mit dem Rapper durchs Tal laufen und gestärkt wieder rauskommen. Die die Liebe für Hip-Hop haben und das alles gibt Azad einem, wenn man sich drauf einlassen möchte. Darum für mich 8/10 Punkte.    

 

 

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Yannick ist seit August 2015 Teil der BACKSPIN-Redaktion. Er kümmert sich um alles was mit Reviews und Kritik zu tun hat und studiert nebenbei noch Populäre Musik. Für Hip-Hop verzichtet er also auch mal auf seinen Schlaf - 'cause sleep is the cousin of death.

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