Album der Ausgabe: Kool Savas – „Märtyrer“ (aus BACKSPIN MAG #116)

Ein Nachmittag im BACKSPIN-Büro Anfang Dezember. Niko und Dennis haben sich Sleepwalker eingeladen, um mit dem Gold- und Platin-Produzenten über „Märtyrer“ von Kool Savas zu sprechen. Um eins gleich vorwegzunehmen: Alle drei halten Savas für einen der, wenn nicht den besten Rapper Deutschlands – zumindest technisch gesehen. Das sollte man beim Lesen dessen, was nun kommt, nicht vergessen. Denn auch wenn gerade Dennis und Sleepwalker hier und da Kritik äußern, so ist das am Ende wohl nichts anderes als Meckern auf höchstem Niveau. Zumal der König am eigenen Hofe bekanntlich ja ohnehin nicht so viel zählt …

Niko:Kool Savas – ‚Märtyrer’. Das Album ist auf der Eins gechartet. Du hast es noch nicht gehört?“

Sleepwalker: „Ich hörte davon, dass es das gibt. Mehr weiß ich noch nicht. Aber nun bin ich ja hier.“

Niko: „Was erwartest du von einem Kool Savas-Album?“

Sleepwalker: „Naja, wer sich selbst King nennt, der legt die Messlatte hoch. Ich erwarte jedenfalls einiges.“

Niko: „Und du?“

Dennis: „Ich war eher skeptisch, ob es mich begeistern würde. ‚Aura’ war schon nicht so meins. Ich hoffe bei Savas aber immer, wie auch bei einigen anderen Rappern, dass er etwas macht, was ich geil finde.“

Niko: „Muss sich ein Savas neu erfinden? Oder reicht es, wenn er das tut, was er am besten kann?“

Dennis: „Natürlich kann es auch gut werden, wenn er in seiner Komfortzone bleibt. Aber bei jemandem, der das Handwerk so perfekt beherrscht wie er, hoffe ich, dass er seine Skills dafür nutzt, auch mal in neue Richtungen zu gehen.“

Es geht los: „Intro“ feat. Tim Bendzko.

Sleepwalker: „Das wirkte sehr angespannt.“

Niko: „Ja, eigentlich kommt es ruhig rein und wirkt etwas futuristisch, wie aus dem ‚Tron’-Soundtrack. Und mit einem Mal geht’s los. Wie aus der Pistole geschossen.“

Sleepwalker: „Er hat gleich mit 180 Prozent losgelegt und den Faden auch beibehalten. Verstanden habe ich aber so gut wie nichts.“

Dennis: „‚Ich schlachte dich wie ein Sparschwein‘, hat er zum Beispiel gesagt.“

Sleepwalker: „Okay. Tim Bendzko hat mich hier überrascht. Gefällt.“

Niko: „Für das Feature wurde Savas kritisiert.“

Dennis: „Ich frage mich auch, warum ausgerechnet Tim Bendzko auf einem Savas-Song ist. Aber er singt gut. Das funktioniert.“

Weiter geht es mit: „Märtyrer“.

Dennis: „In puncto Rap finde ich den Track sehr gut. Savas flowt perfekt zu dem Beat. Und den Beat selbst finde ich auch gut. Das Einzige, was mich an dem Song ein kleines bisschen gestört hat, ist, dass ich als Hörer nicht so richtig angesprochen werde. Der Song wirkt, als mache Savas das alleine mit dem Beat aus. Ich konnte da gar nicht richtig einsteigen.“

Niko: „Da braucht es dann eben vier oder fünf Hördurchgänge. Was ich hier nicht so gut fand, ist dieses ‚Märtyrer’ im Refrain.“

Sleepwalker: „Mir gefällt das ‚Märtyrer’ in der Hook auch nicht. Aber sonst habe ich hier nichts zu meckern.“

Es folgt: „Es ist wahr / S A zu dem V“.

Sleepwalker: „Den Song find’ ich geil, den Beat, den Chorus, alles. Der Chorus bockt. Und was wir nicht vergessen dürfen: Wir können noch so viel über die Technik reden, ein Song muss ja einfach nur zum Hören sein. Und den würde ich mir anhören, vielleicht im Auto mal ein paar Dinger mitrappen, wenn ich den Text verstanden habe.“

Niko: „Mir fiel eben auf, wie du beim Hören eine Passage abgefeiert hast. Von diesen Passagen gibt es auf dem Album jede Menge. Und je häufiger man es hört, desto mehr realisiert man die.“

Dennis: „Anfangs dachte ich noch, was sollen hier nun wieder diese Kinderstimmen, aber als der Beat losging, war das für mich alles dope.“

Sleepwalker: „Was stört dich denn sonst an den Kinderstimmen?“

Dennis: „Die wirken auf mich immer wie billige Versuche, in die ‚Hard Knock Life’-Kerbe zu hauen.“

Sleepwalker: „Aber es gibt doch auch in Horrorfilmen Kinderstimmen, die einfach diese Atmosphäre erzeugen.“

Dennis: „Hm.“

Niko: „Auf mich wirkt der Song, als wäre er vor allem für die Bühne gemacht. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn Tausende in den Hallen und auf den Festivals ‚S A zu dem V’ rufen.“

Als nächstes kommt: „Zweifel und Bestätigung“.

Dennis: „Ist das da Laas Unltd. am Anfang?“

Niko: „Ich denke schon. Das ist ein typischer Savas- Move, finde ich. Er bündelt all das, was ihm an Kritik und Disrespekt entgegenkommt, und zeigt es dann allen. Jedenfalls wirkt der Song auf mich so.“

Dennis: „Auf mich wirkt das etwas überambitioniert. Klar, Rap ist immer Competition, aber ich denke, im Großen und Ganzen muss Savas da Track von Kool Savas.“

Sleepwalker: „An mir geht der Song mal eiskalt vorbei“.

Dennis: „Ich fand den Song auch musikalisch nicht so stark wie die anderen bisher.“

Der nächste Song: 2 the Essence“ feat. Masta Ace und Tajai.

Sleepwalker: „Der ist schön straight. Allerdings hätte der Beat für mich in den Strophen mehr gebraucht als Drums, Filter und Breaks. Aber sonst alles cool.“

Dennis:Savas’ Einstieg ist natürlich extrem derbe mit seiner Masta-Ace-Reminiszenz. Die Cuts finde ich auch cool, das ist ein schöner Hip-Hop-Track.“

Niko: „Finde ich auch.“

Sleepwalker: „Und Savas muss sich nicht verstecken. Für mich hat es sich sogar so angehört, als hätte Tajai sich an ihm ein Beispiel genommen.“

Weiter geht es mit: Es rappelt im Karton.

Sleepwalker: „Der fängt derbe interessant an, wie er da so melodisch losspittet. Das hätte man in dem Song weiterverfolgen sollen.“

Dennis: „Diesen Song habe ich inhaltlich nun zwei-, dreimal gehört.“

Niko: „‚Limit’ fandet ihr beide cool, den hier nicht. Kann das daran liegen, dass es hier keine Hook gibt?“

Dennis: „Möglich.“

Sleepwalker: „‚Limit’ wurde ganz anders präsentiert, so- dass man den besser aufnehmen konnte. Hier ist mir zu viel Ratatata.“

Niko: „Andere werden für ihre 100-Bars-Songs groß abgefeiert.“

Dennis: „Von mir nicht.“ Niko: „Aber allgemein.“

Dennis: „Ich will einen geilen Song hören und nicht 1.000 Bars. Für mich ist Rap heute mehr als nur Vocal- Darbietung.“

Es folgt: Rap über Rap.

Sleepwalker: „Der Chorus ist geil, der Beat ist geil – und der Rap ist der Rap.“

Dennis: „Aus dem Songtitel hätte man mehr machen können, den finde ich cool. Der hat etwas Selbstironisches.“

Niko: „Für mich ist das Autofahr-Kopfnicker-Mucke.“

Sleepwalker: „Mein größtes Problem bisher ist, dass er mich mit den Strophen nicht so abholt, auch wenn er echt geile Vergleiche und so was hat.“

Weiter geht es mit: Summa Summarum“.

Dennis: „Der Beat ist ein gutes Beispiel dafür, dass man mit einfachen Mitteln etwas machen kann, das abgeht.“

Sleepwalker: „Der wird live richtig abgehen.“

Niko: „Der hat mich nun überhaupt nicht mitgenommen.“

Nun kommt: Neue Namen“.

Dennis: „Die Hook transportiert eine ziemlich geile Idee, aber in den Strophen geht die für mich dann ein bisschen unter.“

Sleepwalker: „Das dachte ich auch.“ Es folgt das Skit: Anekdote aus Istanbul“.

Dennis: „Geil vorgelesen, so schön Hörspiel-tauglich.“

Sleepwalker: „Endlich kommt mal etwas Persönliches. Man erfährt was über den Menschen Savas.“

Niko: „Nachdem sein Vater auf dem letzten Album das Intro gesprochen hat, baut er hier wie- der jemanden aus seiner Familie ein. Das scheint ihm am Herzen zu liegen.“
Und schließlich der letzte Song: Lang genug gewartet“.

Sleepwalker: „Nach dem Skit eben habe ich etwas Persönliches erwartet. Aber er ist wieder im Rap-Roboter-Modus, der mir sagt, dass er der Geilste ist und allen anderen Rambo-like einschenkt.“

Niko: „Aber genau so hat er sich auf den Thron gerappt.“

Dennis: „Ja, aber ich bleibe dabei: Wenn einer handwerklich so unfassbar gut ist, dann kann er doch auch noch mehr machen.“

Niko: „Ich mag den Song.“

Sleepwalker (lacht): „Das haben wir nun schon öfter festgestellt.“

Dennis: „Weil der Song etwas verträumt klingt?“

Niko: „Ja.“

Sleepwalker: „Aber es gibt keine verträumten Lyrics.“

Niko: „Auch wie er sich selbst zitiert – das braucht Eier.“

Dennis: „In der Szene ist dieses ‚Ihr habt lang genug gewartet’ ja schon ein geflügelter Satz – und Savas ist der Urheber.“

Niko: „Eben. Und auf seine Alben wartet man ja eigentlich immer.“

Sleepwalker: „Ich finde, etwas mehr Materie wäre gut. Klar kann er sagen, dass er der Beste ist und allen in den Hals kackt, aber ich hätte das gerne in mehr Variationen und Bildern gehört.“ Niko: „Vielleicht ist das ja da, aber du konntest das eben nicht entdecken, weil er so Orkan-artig rappt.“

Dennis: „In den Strophen gibt es diese Bilder sicherlich, aber ich würde die dann auch gerne an einer weißen Wand aufgehängt sehen, sodass sie nicht nur an mir vorbeirauschen.“

Sleepwalker: „Die Songideen, die ja da waren, zumindest, wenn man sich die Hooks anhört – die hätten in den Strophen für meine Begriffe noch etwas mehr ausgearbeitet werden können. Dieses Technik-Branding ist für mich ein bisschen sein Fluch geworden.“

Niko: „Dennoch: Ist ‚Märtyrer’ sein bestes Album geworden?“

Dennis: „Für mich nicht. Auch wenn Savas selbst das nicht so sieht, halte ich ‚Tot oder lebendig‘ für seine beste LP.“

Niko: „Savas wurde ja gerne dafür kritisiert, dass er auf seinen Alben mit elf oder zwölf Songs oft verhältnismäßig viele Features hatte. Bis auf den Track mit den beiden Amis hat er hier nun keine Rap-Features. Das sind zwölf Savas-Songs.“

Sleepwalker: „Was ich mir eben außerdem dachte: Vielleicht fehlt es hier manchmal an jemandem, der so ein Album zur Abwechslung auch mal in etwas andere Bahnen lenkt.“

 

Was es sonst noch so in der BACKSPIN MAG #116 gibt, könnt ihr hier nachschauen.

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